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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Als in Oberdorf die Gesundheit in Flaschen abgefüllt wurde
Schwarz-weißes Jurasan-Etikett im Vintage-Stil für Jura-Kola, mit einer Illustration einer Burg und eines Brunnens in einem ovalen Logo sowie Produktbeschreibungen auf Deutsch und Französisch an den Seiten.

Wo einst Badegäste ihre Leiden kurieren wollten, entstand später eine Mineralwasserfabrik. Mit Jura, Jurasan und sogar einem eigenen Kola wollte ein Oberdörfer Unternehmen den Getränkemarkt erobern. Die Reklame versprach Erfrischung und Gesundheit, doch die Lebensmittelkontrolle hatte ihre Zweifel. Eine Geschichte von grossen Hoffnungen und einer Quelle, die alle überdauerte.

Wer in den 1930er-Jahren unter Gicht, Rheumatismus oder Verdauungsbeschwerden litt, konnte sein Glück mit einer Flasche Mineralwasser aus Oberdorf versuchen. Das jedenfalls versprach die Werbung der Mineralquelle Jura AG. Das Wasser, das am Fuss des Edlisbergs aus dem Boden kam, sollte gegen eine erstaunliche Anzahl menschlicher Gebrechen helfen.

Auf einem historischen Etikett pries die Firma ihr Produkt als mineralienreiches, alkalisches und mit Kohlensäure imprägniertes Quellwasser an. Empfohlen wurde es gegen Gicht, Rheumatismus, Blasen- und Verdauungsbeschwerden sowie Arterienverkalkung. Darunter stand, was wohl niemand bestreiten mochte: «Erfrischend, durststillend.»

Sicherheitshalber hatte man den Text auch gleich auf Französisch übersetzt. Schliesslich sollte die gesundheitsbewusste Kundschaft möglichst zahlreich sein.

Die Oberdörfer Unternehmer hatten grosse Pläne. Aus einer alten Heilquelle sollte ein florierendes Getränkeunternehmen werden. Ihr Mineralwasser erhielt den stolzen Namen «Jura», das Sortiment wurde laufend erweitert, und mit Jurasan sowie Jura-Kola wagte man sich in einen Markt, auf dem die Konkurrenz bereits hart um jeden durstigen Kunden kämpfte.

Heute erinnern vor allem die Namen «Jura» und «Jurasan» an einer Hauswand beim ehemaligen Bad Oberdorf an die Unternehmung. Die Quelle selbst liefert weiterhin Wasser. Allerdings fliesst dieses längst wieder in die Vordere Frenke.

Wo die Geschichte im Wasser begann

Bevor in Oberdorf Mineralwasser abgefüllt wurde, hatten die Menschen die Quelle während Jahrhunderten zum Baden genutzt. Die Anfänge reichen möglicherweise bis in die Römerzeit zurück. Bei Grabungsarbeiten im Jahr 1943 entdeckte man zwei aus Kalksteinen errichtete und mit Ziegelmörtel verputzte Badebecken. Die genaue Datierung bleibt anhand der vorliegenden Unterlagen offen.

Urkundlich erscheint das Bad erstmals 1446 als «badhuss under dem stettlin», also als Badehaus unterhalb von Waldenburg. Baden war damals mehr als Körperpflege. Die Menschen versprachen sich Linderung ihrer Leiden, suchten aber ebenso Unterhaltung und Geselligkeit. Man traf Bekannte, ass und trank und genoss die Abwechslung vom oft beschwerlichen Alltag.

Das Bad Oberdorf erlebte über die Jahrhunderte wechselvolle Zeiten. Es wurde erneuert, erweitert, verkauft und wieder umgebaut. 1686 erhielt der damalige Besitzer Hans Thommen das Tavernenwirtsrecht. In seiner Blütezeit sollen vor dem Bad zahlreiche Kutschen auf ihre Fahrgäste gewartet haben.

Doch im 19. Jahrhundert änderten sich die Zeiten. Während andernorts moderne Kurhotels entstanden, verlor das Oberdörfer Bad an Bedeutung. Schliesslich wurde der Badebetrieb eingestellt. Für das Wasser fand sich indessen eine neue Verwendung.

Aus Badewasser wird Bier

1872 kündigte Jakob Brunner, Sohn, im «Landschäftler» eine «Bierbrauerei zum Bad Oberdorf» an. Ab dem 1. Januar 1873 sollte dort fortwährend gutes Bier erhältlich sein. Ein bemerkenswerter Wandel. Wo zuvor Menschen im Wasser gebadet hatten, wurde dieses nun zum Bierbrauen genutzt.

1881 genehmigte die Gemeindeversammlung den Bau einer Brauerei samt Zuflusskanal. Inzwischen war Josef Westermeier Besitzer des Anwesens geworden. Er betrieb dort ein «Bayerisches Brauhaus». Wie erfolgreich er damit war und wann der Betrieb wieder eingestellt wurde, lässt sich aus den überlieferten Unterlagen nicht feststellen.

Fest steht hingegen, dass die alte Quelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts nochmals zu wirtschaftlichen Hoffnungen Anlass gab. Diesmal sollte das Wasser als solches verkauft werden.

Der Waldenburger Schlossquell kommt in die Flasche

1908 begann Johann Hubler-Grob, das Quellwasser unter dem Markennamen «Jura» zu vertreiben. Schon die Werbung verriet, wohin die Reise gehen sollte. Angeboten wurde der «Waldenburger Schlossquell», ein «Born der Gesundheit und des Wohlbefindens».

Der Name war geschickt gewählt. Das Schloss Waldenburg vermittelte Geschichte und Herkunft, die Jurahöhen standen für Natur und Reinheit. Und Mineralwasser genoss damals einen ausgezeichneten Ruf. Es war längst mehr als ein Getränk für Kranke und Kurgäste. Kohlensäurehaltiges Wasser galt als modern und bekömmlich.

Rund zwanzig Jahre später übernahm H. Wöhrle-Haberthür das Unternehmen. Nun begann eine neue Phase. Die Mineralquelle Jura ging zur industriellen Produktion über und erweiterte ihr Sortiment. Das reine Mineralwasser allein sollte nicht länger genügen. Der Kunde wollte Geschmack, Abwechslung und etwas Besonderes.

Jurasan – die süsse Seite der Quelle

Mit Jurasan erhielt die Mineralquelle eine weitere Getränkelinie. Den Anfang machte ein Tafelwasser mit Fruchtsirup und Zitronengeschmack. Bald folgten Jura-Apfel, Jura-Himbeer und Jura-Orange.

Die Oberdörfer hatten den Ehrgeiz, aus ihrer Quelle möglichst viel herauszuholen. Dabei erwies sich das historische Schloss Waldenburg als ausgezeichnetes Markenzeichen. Auf den Etiketten prangte die Burgruine in einem ovalen Firmenzeichen, umrahmt von der Bezeichnung «Mineralquelle Jura». Darunter war die Herkunft unübersehbar festgehalten: «Oberdorf (Baselland)».

Man darf sich vorstellen, wie diese Flaschen in den Wirtschaften und Verkaufsgeschäften standen. Ein Stück Waldenburgertal zum Trinken, versehen mit einem Herkunftszeichen, das Vertrauen vermitteln sollte. Wie weit das Vertriebsgebiet tatsächlich reichte, geht aus den vorliegenden Unterlagen allerdings nicht hervor. Immerhin trugen die Etiketten auch französische Texte.

Ein Kola aus dem Waldenburgertal

Irgendwann musste in Oberdorf jemand zum Schluss gekommen sein, dass zur modernen Mineralwasserfabrik auch ein eigenes Kolagetränk gehörte. So entstand Jura-Kola.

Die historische Etikette zeigt, dass man sich bei der Vermarktung einiges einfallen liess. Jura-Kola wurde als «Sport-Aperitif- und Tafelgetränk» angeboten. In grossen Buchstaben versprach die Reklame: «stärkt, belebt, erfrischt».

Auf der Seite stand eine genauere Erklärung: Mineral- und Tafelwasser «Jura», vermischt mit frischem Saft roher Kolakerne, gesüsst und kohlensäurehaltig. Auch die französischsprachige Kundschaft wurde berücksichtigt.

Der Begriff «Sport-Aperitif» verdient besondere Aufmerksamkeit. Er verband gleich zwei Vorstellungen, die sich gut verkaufen liessen: sportliche Leistungsfähigkeit und gepflegte Geselligkeit. Wer Jura-Kola trank, durfte sich demnach erfrischt und belebt fühlen. Und womöglich ein wenig sportlicher, selbst wenn er gerade gemütlich am Wirtshaustisch sass.

Ob das Oberdörfer Kola den Geschmack der Kundschaft tatsächlich traf, ist nicht überliefert. Es zeigt aber, wie aufmerksam die Verantwortlichen neue Entwicklungen auf dem Getränkemarkt verfolgten.

Heilwasser oder geschickte Reklame?

Mit zunehmendem Wettbewerb wurden auch die Werbeversprechen immer wichtiger. Das Etikett des Jura-Mineralwassers liest sich stellenweise wie ein kleiner medizinischer Ratgeber. Das Wasser wurde gegen Gicht und Rheumatismus empfohlen, ebenso gegen Beschwerden der Blase, der Verdauung und der Blutgefässe.

Doch zwischen einer mineralienreichen Quelle und einem wissenschaftlich anerkannten Heilmittel liegt ein beträchtlicher Unterschied. Genau hier begannen die Schwierigkeiten. Die Mineralquelle Jura wollte ihr Produkt als «Medizinal- und Tafelwasser» verkaufen. Damit erhob sie einen Anspruch, der über die gewöhnliche Erfrischung hinausging.

Das Lebensmittelinspektorat Baselland verlangte Belege. 1937 hielt die Behörde schriftlich fest: «Der Nachweis einer bestimmten Heilwirkung ist bis jetzt nicht erbracht.»

Eine jahrhundertealte Badetradition, eine mineralienreiche Quelle und eine überzeugende Etikette genügten den Lebensmittelkontrolleuren nicht. Wer gesundheitliche Wirkungen behauptete, musste diese auch nachweisen können.

Wenn die Lebensmittelkontrolle genauer hinschaut

Mitte der 1930er-Jahre hatte Dr. iur. Alfred Kellerhals die Unternehmung übernommen. Unter seiner Leitung musste sich die Mineralquelle Jura in einem immer härter umkämpften Getränkemarkt behaupten.

Dabei gerieten nicht allein die Heilversprechen ins Visier der Behörden. Auch einzelne Etiketten und Werbeprospekte wurden beanstandet. 1941 stellte das Kantonale Laboratorium beispielsweise fest: «Das Apfelkonzentrat von Jura-Apfel entspricht nicht ganz der Etikettenangabe.»

Hinzu kamen Probleme mit einem Basler Lieferanten, dessen Verhalten ein Strafverfahren gegen die Lieferfirma auslöste. Auch der Basler Kantonschemiker wurde eingeschaltet. 1940 befasste sich sogar das Eidgenössische Gesundheitsamt mit Angelegenheiten der Oberdörfer Getränkeproduktion.

Und dann gab es noch eine weitere Idee. Der damalige Geschäftsleiter Fritz Burg, der später dem Baselbieter Landrat angehörte, stellte ein Gesuch für gespritzten Rot- und Weisswein. Offenbar sollte das Geschäft durch zusätzliche Getränke auf eine breitere Grundlage gestellt werden. Doch auch dieses Vorhaben brachte die Firma mit den Behörden in Berührung.

Gegen die grossen Quellen war wenig auszurichten

Die Probleme der Mineralquelle Jura beschränkten sich allerdings nicht auf beanstandete Etiketten und Werbeaussagen. Die Konkurrenz auf dem Schweizer Getränkemarkt war hart. Etablierte Hersteller verfügten über Bekanntheit, eingespielte Vertriebswege und wirtschaftliche Mittel, mit denen kleinere Anbieter nur schwer Schritt halten konnten.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Nähe zu Eptingen. Auch das dortige Mineralwasser stammte aus den Jurahöhen und hatte sich längst einen Namen gemacht. Die Oberdörfer versuchten, ihre Quelle mit einem breiten Sortiment und selbstbewusster Werbung zu behaupten.

Doch während des Zweiten Weltkriegs und in den folgenden Jahren gingen die Verkäufe zurück. Was genau den Ausschlag gab, lässt sich aus den vorhandenen Unterlagen nicht abschliessend beurteilen. Der Konkurrenzdruck war gross, die behördlichen Beanstandungen belasteten die Firma, und der rückläufige Absatz verschlechterte ihre wirtschaftliche Lage.

1951 folgte der Konkurs der Mineralquelle Jura AG. Die Unternehmung wurde von der Konkurrenz aus Eptingen übernommen, jedoch nicht weitergeführt.

Was von Jura und Jurasan geblieben ist

Das Bad Oberdorf erlebte nach dem Konkurs weitere Veränderungen. 1953 zerstörte ein Brand einen Teil der Gebäude. Die Gastwirtschaft bestand dennoch weiter und blieb über Jahrzehnte ein beliebter Treffpunkt. Besonders die Fussballer des FC Oberdorf waren hier anzutreffen, denn auf der benachbarten Badmatte lag bis 1953 der Fussballplatz des Dorfes.

1992 schloss schliesslich auch das Wirtshaus. Die Gebäude erhielten andere Nutzungen. Wohnungen, kleinere Gewerbebetriebe und kirchliche Räumlichkeiten traten an die Stelle der früheren Badegäste, Bierbrauer und Mineralwasserproduzenten.

Ein Brunnen aus dem Jahr 1792 erinnert noch an die Vergangenheit. An der Hauswand sind die Schriftzüge «Jura» und «Jurasan» geblieben, als hätte man beim Aufräumen der Geschichte zwei Namen vergessen.

Und irgendwo dahinter fliesst weiterhin das Wasser aus dem Edlisberg. Es hat Menschen zum Baden angelockt, Bierbrauer beschäftigt, Unternehmer reichlich hoffen lassen und Lebensmittelkontrolleuren Kopfzerbrechen bereitet.

Die Firma ist längst verschwunden. Ihre Getränke sind Geschichte. Geblieben sind einige Etiketten, vergilbte Werbeprospekte und die Erinnerung an eine Zeit, als man im Waldenburgertal sogar ein eigenes Kola herstellte.

Die Quelle selbst hat den Konkurs unbeschadet überstanden. Sie fliesst weiter. Nur die Gesundheit wird heute anderswo verkauft.

 

1 Kommentar

  1. Göni Haltinner

    E schöni Gschicht zur Quelle usem Edlisberg und em Bad Oberdorf.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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