Es gibt Musikstücke, die werden in ehrwürdigen Konzertsälen uraufgeführt. Die Damen tragen lange Kleider, die Herren Fliegen, und im Programmheft steht auf drei Seiten, was der Komponist vermutlich gemeint hat.
Andere Musikstücke entstehen in einer Dorfwirtschaft zu vorgerückter Stunde.
Auch sie können bedeutend sein. Sie wissen es bloss noch nicht.
Der «Oberdörfer Suffmarsch» gehörte zur zweiten Gattung.
Sein Schöpfer war ein Knecht, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Niederdorf lebte. Im Dorf kannte man ihn als den «Gempenmeier». Er arbeitete in der herrschaftlichen Mühle, wo die Tage lang und die Freizeit kurz waren. Ein Knecht hatte damals vieles zu tun und wenig Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob seine Persönlichkeit ausreichend zur Entfaltung kam.
Er arbeitete.
Wenn noch Zeit blieb, machte er Musik.
Der Gempenmeier spielte eine «chächi Buuremusig». Das war keine Musik, bei der sich die Zuhörer vor Ergriffenheit am Kinn kratzten. Sie fuhr eher in die Beine als in den Kopf und entfaltete ihre grösste Wirkung dort, wo mehrere Männer, genügend Wein und eine gewisse Nachsicht gegenüber der Tonreinheit zusammenkamen.
Zu seinem Repertoire gehörte der «Oberdörfer Suffmarsch».
Schon der Titel war ein kleines Meisterwerk der diplomatischen Rücksichtslosigkeit. Die Oberdörfer hatten begreiflicherweise wenig Freude daran. Ein Marsch, der die Trinkfestigkeit eines ganzen Dorfes musikalisch würdigte, war als Kompliment nur bedingt geeignet.
Allerdings hatte der Gempenmeier gut beobachtet.
Offenbar gelang es ihm, im Takt und in der Melodie etwas vom Wesen der Oberdörfer einzufangen. Das Stück besass Schwung, Eigensinn und vermutlich jene leichte Schräglage, die sich bei Musikern wie Zuhörern nach Mitternacht einstellen kann.
Die Jahre vergingen. Der Gempenmeier starb, die Mühle stellte irgendwann ihren Betrieb ein, und der Marsch geriet in Vergessenheit. Das ist das gewöhnliche Schicksal vieler kultureller Schöpfungen. Zuerst ärgert man sich über sie, dann vergisst man sie, und hundert Jahre später erklärt man sie zum Kulturgut.
Ende der 1980er-Jahre tauchte der «Oberdörfer Suffmarsch» wieder auf.
Ein Oberdörfer Urgestein, mit dem ich bei zahlreichen kulturellen Unternehmungen verbunden war, hatte ihn entdeckt. Auf die Spur des Stücks war es über Erich Roost aus Gelterkinden gekommen, den Gründer der «Oberbaselbieter Ländlerkapelle».
Das Urgestein war von dem Marsch begeistert.
Das ist bei Urgesteinen häufig der Anfang grösserer Vorhaben. Sie haben eine Idee, tragen sie eine Weile mit sich herum und kommen dann zu einem Menschen, von dem sie annehmen, dass er wisse, wie daraus Wirklichkeit werden könnte.
In diesem Fall war ich der Mensch.
Der Plan war schnell gefasst: Der alte Marsch sollte für Blasmusik neu geschrieben und anschliessend dem Musikverein Oberdorf geschenkt werden. Selbstverständlich durfte eine würdige Erstaufführung nicht fehlen. Wenn man einem Dorf schon seinen eigenen Suffmarsch überreicht, soll es ihn wenigstens in voller Besetzung hören.
Die Idee war prächtig.
Leider kostete sie Geld.
Das ist bei prächtigen Ideen eine verbreitete Begleiterscheinung. Solange sie im Kopf wohnen, sind sie gratis. Sobald sie diesen verlassen, stellen sie Rechnungen.
Eine Bearbeitung für Blasmusik schreibt sich nicht von allein. Ein Komponist oder Arrangeur muss sich hinsetzen, die alte Melodie studieren, Stimmen ausarbeiten und dafür sorgen, dass Trompeten, Klarinetten, Posaunen, Hörner und Schlagzeug ungefähr zur selben Zeit am selben Stück teilnehmen.
Das Oberdörfer Urgestein schlug deshalb eine grossangelegte Sammelaktion vor.
Man hätte Briefe schreiben, Firmen besuchen, Bekannte ansprechen und an Haustüren klingeln können. Vermutlich wären auch Einzahlungsscheine verteilt worden. Einzahlungsscheine galten damals als eine Art Papiergebet: Man verschickte sie in grosser Zahl und hoffte, dass irgendwo jemand erhört wurde.
Mich begeisterte diese Aussicht wenig.
Ich wollte öffentliche Gelder.
Das war kühn, denn die öffentliche Kulturförderung jener Jahre besass eine recht genaue Vorstellung davon, was Kultur war. Sie begann ungefähr dort, wo das gewöhnliche Publikum unsicher wurde, und endete häufig dort, wo es zu schunkeln begann.
Volksmusik hatte es schwer.
Das Wort «Volk» war zwar in Sonntagsreden gern gehört. Sobald dieses Volk selber musizierte, tanzte oder einen Marsch mit einem anstössigen Titel spielte, wurde die Sache heikel. Dann erschien das Ganze rasch als Brauchtum, Folklore oder Unterhaltung. Für solche Dinge war die Kulturförderung gewöhnlich nur zuständig, wenn sie von Fachleuten untersucht wurden.
Ich kannte diese Welt.
Kurz zuvor hatte ich noch im Kulturamt gearbeitet. Ich kannte die Köpfe, die Formulare und die Ausschüttungsmechanismen. Vor allem wusste ich, dass ein Gesuch selten allein an seiner Idee beurteilt wird. Ebenso wichtig ist die Schublade, in welche man diese Idee legt.
Schreibt man «alter Suffmarsch», denkt der zuständige Beamte an eine Dorfbeiz.
Schreibt man «musikhistorisch bedeutende Komposition aus dem ländlichen Raum», richtet er sich im Stuhl auf.
Beides kann dasselbe Musikstück bezeichnen. Die zweite Formulierung trägt bloss bessere Schuhe.
Also setzte ich mich hin und überlegte, was wir eigentlich vorhatten.
Wir wollten ein altes Musikstück vor dem Vergessen bewahren. Wir wollten das Werk eines einfachen Knechts würdigen, der zu Lebzeiten kaum als Komponist wahrgenommen worden war. Wir wollten eine überlieferte Melodie für einen heutigen Blasmusikverein spielbar machen. Und wir wollten sie dort aufführen, wo sie entstanden war und wohin sie gehörte.
Das war alles wahr.
Man musste es nur so aufschreiben, dass auch eine Kulturkommission bemerkte, wie wahr es war.
Aus dem Knecht wurde kein verkannter Beethoven. Das wäre übertrieben gewesen. Doch er war ein musikalischer Zeitzeuge. Aus seiner «chächen Buuremusig» wurde ein Ausdruck regionaler Musikkultur. Die Neufassung des Marsches erschien als kompositorische Arbeit, die einen Beitrag zur Pflege und Weitergabe des musikalischen Erbes leistete.
Sogar der «Oberdörfer Suffmarsch» gewann mit jedem Satz an kultureller Bedeutung.
Der Titel bereitete allerdings gewisse Schwierigkeiten.
Ich stellte mir vor, wie das Gesuch auf einem Schreibtisch im Kulturamt lag. Vielleicht würde jemand die erste Seite lesen, bei «Suffmarsch» die Augenbrauen heben und das Papier auf jenen Stapel legen, den man später mit höflichem Bedauern beantwortete.
Andererseits gehörte der Name zum Stück. Ihn zu verschweigen wäre feige gewesen.
Also liess ich ihn stehen und sorgte dafür, dass ringsherum genügend Kultur vorhanden war.
Ein guter Antrag ähnelt einem guten Sonntagsanzug. Der Mensch darin bleibt derselbe, doch plötzlich wird er gegrüsst.
Das Gesuch ging an den Kanton.
Dann begann das Warten.
Kulturförderung besitzt ihre eigenen Zeitmasse. Ein Marsch kann in wenigen Minuten gespielt werden. Die Entscheidung, ob er gespielt werden darf, benötigt länger.
Ich war trotzdem zuversichtlich. Ich kannte die Strukturen und wusste, welche Argumente Gehör finden konnten. Gleichzeitig blieb die Sache ein Wagnis. Bis dahin waren Kompositionsbeiträge eher für Werke vorgesehen, deren Titel sich im Konzertprogramm aussprechen liessen, ohne dass der Regierungsrat husten musste.
Ein «Suffmarsch» aus dem Waldenburgertal gehörte kaum zum üblichen Förderrepertoire.
Dann kam der Bescheid.
Der Kanton sprach einen Beitrag.
Mehr noch: Er gewährte einen Kompositionsbeitrag.
Zum ersten Mal floss damit kantonales Fördergeld in ein solches volkskulturelles Vorhaben. Der Gempenmeier, einst Knecht in der herrschaftlichen Mühle zu Niederdorf, hatte es nach seinem Tod in die öffentliche Kulturförderung geschafft.
Er hätte vermutlich gestaunt.
Möglicherweise hätte er auch gelacht und eine Runde bestellt.
Das Oberdörfer Urgestein war zufrieden. Ich war es ebenfalls. Wir hatten die erforderlichen Mittel beisammen, und der Marsch konnte für Blasmusik neu geschrieben werden.
Dann kam der grosse Tag.
Der Musikverein Oberdorf spielte den Marsch anlässlich einer zünftigen Erstaufführung. Die Instrumente glänzten, die Musikanten waren bereit, und das Dorf durfte hören, was der Gempenmeier viele Jahrzehnte zuvor über seine Bewohner in Noten gefasst hatte.
Der Marsch erklang.
Und siehe da: Er passte.
Der Gempenmeier hatte die Oberdörfer Eigenart erstaunlich genau getroffen. Einzelheiten möchte ich aus Gründen des Dorffriedens nicht ausführen. Es genügt zu sagen, dass die Musik ein lebendiges Temperament besass und keineswegs den Eindruck erweckte, ihre Urheber hätten ausschliesslich Mineralwasser getrunken.
Das Publikum hatte seine Freude.
Damit war bewiesen, dass auch Volkskultur förderungswürdig sein konnte, sofern jemand den Mut besass, sie ernst zu nehmen und zugleich über sie zu lachen.
Später erhielt der Marsch einen gesellschaftlich verträglicheren Namen. Heute firmiert er als «Oberdörfer Banntagsmarsch».
Das klingt anständig, heimatverbunden und fördertauglich. Man sieht beim Lesen förmlich Männer durch Feld und Wald schreiten, um die Gemeindegrenzen zu kontrollieren.
Der alte Titel erzählte allerdings etwas mehr über die Marschierenden.
Ich habe aus dieser Geschichte einiges gelernt.
Zum Beispiel, dass öffentliche Kulturförderung durchaus beweglich sein kann, wenn man weiss, wo ihre Gelenke sitzen. Dass die Bezeichnung eines Vorhabens manchmal ebenso wichtig ist wie sein Inhalt. Und dass ein alter Bauernmarsch aus dem Waldenburgertal denselben Anspruch auf Sorgfalt, Förderung und Weitergabe besitzt wie ein Werk, dessen Titel niemand versteht.
Vor allem aber lernte ich: Man darf einer Behörde die Wahrheit sagen.
Man muss sie lediglich in einer Sprache tun, in der sie sich selbst wiedererkennt.
Der Gempenmeier hatte diese Sprache nicht gebraucht. Er hatte seine Beobachtungen in eine Melodie gepackt und sie «Oberdörfer Suffmarsch» genannt.
Das war direkter.
Und vermutlich ehrlicher.







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