In Niederdorf im Kanton Basel-Landschaft kannte man ihn als «Zünder-Walti». Der Name war im Dorf geläufig und sagte bereits viel über ihn aus.
Walter Degen stellte Zünder für die Kriegsindustrie her, führte ein Unternehmen mit internationalen Verbindungen und war damit weit mehr als ein lokaler Fabrikant. Er gehörte zu jenen Figuren, die im Gedächtnis eines Dorfes haften bleiben, weil sie aus dem Gewohnten herausragen. Um seine Person rankten sich Erzählungen, Erinnerungen und manche Bonmots. Er war präsent, eigenwillig und von einer Art, die man nicht so rasch vergisst.
Wer ihm in geselliger Runde begegnete, etwa in der Mühle Niederdorf, traf keinen trockenen Geschäftsmann. Walter Degen konnte erzählen, und er hatte Stoff genug dazu. Wer ihm zuhörte, merkte bald, dass hier einer sass, der vieles erlebt hatte: Aufstieg und Wohlstand, Reisen in ferne Länder, riskante Geschäfte, Begegnungen mit einflussreichen Leuten – und daneben eine tiefe Liebe zu Pferden, Landschaft und freiem Leben.
Ein Naturbursche aus Niederdorf
Walter Degen wurde am 1. Mai 1930 in Niederdorf geboren. Die Welt, in die er hineinwuchs, war noch stark von Landwirtschaft, Handwerk und einfachen dörflichen Verhältnissen geprägt. Früh zeigte sich bei ihm etwas, das ihn sein Leben lang begleitete: eine enge Verbundenheit mit der Natur. Tiere, Wälder, Wiesen und das Leben draussen bedeuteten ihm viel. Förster oder Automechaniker wären Berufe gewesen, die ihm näherlagen als die spätere Tätigkeit in der väterlichen Firma. Schon darin liegt eine kleine Ironie seines Lebens: Der spätere Unternehmer war als junger Mann innerlich auf einen ganz anderen Weg eingestellt.
Diese frühe Nähe zum bäuerlichen Leben war keine sentimentale Naturbegeisterung. Walter Degen arbeitete auf Bauernhöfen mit, kannte Pferde, Wagen, Stallarbeit und die Härte des Alltags. Er wusste, wie es riecht in Stall und Scheune, und er wusste auch, dass dieses Leben nicht nur Idylle bietet. Es verlangte Kraft, Ausdauer und Zähigkeit. Solche Erfahrungen prägen einen Menschen tief. Bei Walter Degen blieben sie zeitlebens spürbar.
Zunächst nicht für die Firma vorgesehen
Nach der Schulzeit erlernte Walter Degen den Beruf des Feinmechanikers. Das entsprach dem industriellen Umfeld des Tals, in dem Präzision und handwerkliches Können gefragt waren. Für ihn war zunächst jedoch kein Eintritt in die Firma seines Vaters vorgesehen. Berufliche Stationen führten ihn stattdessen unter anderem nach Winterthur, Thun und ins Vallée de Joux. Erst die familiäre Situation bewog ihn später zur Rückkehr ins väterliche Unternehmen. Dort begann ein Weg, der ihn zu einer der auffälligsten Unternehmerfiguren aus dem Waldenburgertal machen sollte.
Gerade diese Umwege sind wichtig. Walter Degen trat nicht einfach auf einer vorgezeichneten Bahn ins Familiengeschäft ein. Sein Leben nahm erst nach und nach jene Richtung an, mit der man ihn später identifizierte. Vielleicht erklärt das auch, weshalb in ihm immer zwei Seiten nebeneinander bestanden: hier der Mann der Technik und des Geschäfts, dort der Naturbursche, der sich innerlich nie ganz von Pferden, Jagd und Landschaft löste.
Bella und die stille Gegenwelt
Wer nur auf seine industrielle Laufbahn blickt, sieht Walter Degen nur zur Hälfte. Zu ihm gehörten die Pferde. Sie waren keine Nebensache, kein nettes Freizeitvergnügen für schöne Tage. Sie bildeten einen wichtigen Teil seines Wesens. Besonders das Pferd Bella hatte für ihn offenkundig grosse Bedeutung. In dieser Beziehung zeigt sich ein Walter Degen, der eine stille, unmittelbare und verlässliche Nähe suchte – etwas, das in der harten Welt des Geschäfts selten zu finden ist.
Gerade das macht seine Geschichte berührend. Da ist einer, der sich später in internationalen Verhandlungen bewegt, mit Militärs, Delegationen, Behörden und Vermittlern zu tun hat und in einer Welt unterwegs ist, in der Macht, Geld und Risiko eng beieinanderliegen. Zugleich bleibt in ihm die Zuneigung zu Tieren, zur freien Landschaft und zum einfachen Dasein lebendig. Diese Spannung gibt seiner Biografie Tiefe.
Vom Tal hinaus in ein heikles Geschäft
1960 trat Walter Degen ins Unternehmen ein. Aus der Welt der Präzisionsmechanik entwickelte sich nach und nach ein spezialisiertes Geschäftsfeld: die Herstellung von Zündern für die Kriegsindustrie. Solche Produkte verlangen höchste Genauigkeit und Verlässlichkeit. Gleichzeitig bewegt man sich damit in einem Bereich, der politisch heikel ist und weit über den Werkplatz hinausreicht. Wirtschaftliche Interessen, internationale Konflikte, Gesetze und Moral geraten hier rasch in ein schwieriges Verhältnis.
Walter Degen baute die Firma aus und erschloss internationale Märkte. Seine geschäftlichen Wege führten ihn in die USA und in viele andere Länder. In den 1980er-Jahren erreichte das Unternehmen seinen Höhepunkt: rund 80 Mitarbeitende und ein Jahresumsatz von bis zu 55 Millionen US-Dollar. Für einen Betrieb mit Wurzeln in Niederdorf war das aussergewöhnlich. Aus dem Sohn eines Tales wurde ein Unternehmer mit weltweiten Kontakten und einem Wirkungskreis, der weit über das Waldenburgertal hinausreichte.
Eine Welt voller Risiko
Mit dem Erfolg öffnete sich eine Welt, die mit dem dörflichen Alltag und der Feinmechaniker-Lehre kaum noch etwas gemein hatte. Walter Degen verhandelte international, traf Delegationen aus dem Nahen Osten und aus Nordafrika, bewegte sich geschäftlich in Libyen, im Iran und in weiteren Ländern, in denen politische Macht, Militär und Wirtschaft eng ineinandergriffen. Seine Erinnerungen führen in Räume, in denen Vorsicht und Nervenstärke unabdingbar waren.
Da taucht ein Walter Degen auf, der fast wie eine Figur aus einem Abenteuerroman wirkt: Reisen in Krisengebiete, heikle Verhandlungen, improvisierte Rückwege, gefährliche Situationen und ein Geschäftsumfeld, das mit gewöhnlichem Unternehmeralltag wenig zu tun hatte. Ob man diese Welt bewundert oder skeptisch betrachtet, ist eine andere Frage. Eindrucksvoll bleibt sie in jedem Fall. Man versteht, weshalb ein Mann wie Walter Degen im Dorf Gesprächsstoff bot. Sein Lebensweg war alles andere als gewöhnlich.
Mehr als ein Spitzname
Im Dorf blieb ihm seine Tätigkeit im Namen haften. «Zünder-Walti» war eine direkte, kräftige Bezeichnung, wie sie in einem Tal schnell einmal entsteht und dann jahrzehntelang bestehen bleibt. Der Übername trifft einen Teil der Wahrheit, doch er greift zu kurz. Walter Degen war weit mehr als der Produzent von Zündern. Er war Naturmensch, Pferdeliebhaber, Jäger, Unternehmer, Weltreisender und geselliger Erzähler. Gerade diese Mischung machte ihn zu einer Figur, die man sich merkte.
In geselliger Runde konnte er grosszügig sein. Er war einer, dem man gern zuhörte. Einer, der Geschichten mitbrachte, wie sie im Dorf sonst kaum jemand erzählen konnte. Ein Leben zwischen Stall, Werkbank, Konferenzzimmer und Krisengebiet ergibt eben einen Stoff, der hängenbleibt.
Der tiefe Bruch
Solche Lebensbahnen verlaufen selten ruhig bis ans Ende. Anfang der 1990er-Jahre veränderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend. Rüstungsexporte aus der Schweiz wurden schwieriger, Vorschriften und Kontrollen nahmen zu, und mit dem Ende des Kalten Krieges geriet das ganze Geschäftsfeld in Bewegung. 1991 brach die Firma zusammen. Für Walter Degen muss das ein harter Schlag gewesen sein. Später wurde auch das Fabrikgebäude versteigert. Ein Lebenswerk, das über Jahre gewachsen war, verlor seine Grundlage.
Solche Brüche zeigen oft deutlicher als Zeiten des Erfolgs, was einem Menschen innerlich wichtig geblieben ist. In den späteren Passagen seines Lebensberichts treten Dankbarkeit, Reue, Glauben und die Frage nach dem Sinn stärker hervor. Das wirkt glaubhaft. Ein Mann, der Höhen und Tiefen in solchem Mass erlebt hat, blickt anders auf sein Leben zurück als jemand, der immer auf sicherem Boden stand. Geld, Erfolg und internationale Bedeutung erscheinen dann in einem anderen Licht.
Was von Walter Degen bleibt
Von Walter Degen bleibt keine einfache Geschichte. Er war keine geradlinige Figur. In ihm trafen Welten aufeinander: Dorf und Weltpolitik, Pferdestall und Fabrikhalle, Naturverbundenheit und Militärtechnik, bäuerliche Herkunft und internationales Geschäft. Gerade solche Gegensätze machen eine Person erinnerungswürdig.
Walter Degen blieb im Tal in Erinnerung, weil er anders war als andere. Er fiel auf. Er hatte Format. Er war keine glatte Erscheinung, eher eine markante. Einer, der aus Niederdorf hinaus in eine Welt geriet, die grösser, härter und gefährlicher war als das Tal. Und zugleich einer, der innerlich vieles von dem bewahrte, was ihn früh geprägt hatte: die Liebe zur Natur, die Nähe zu Pferden und das Gespür dafür, dass ein Leben mehr braucht als bloss geschäftlichen Erfolg.
Darum lohnt sich der Blick auf ihn bis heute. Seine Geschichte erzählt auch ein Stück Waldenburgertal: bodenständig und weltläufig, tüchtig, eigenwillig und voller Widersprüche. Gerade darin liegt ihr Wert.
Quelle: Walter Degen, Mein Leben. Aufgezeichnet von Lorenz Degen, Niederdorf 2016







Meine erste Arbeitsstelle als ich vom Waadtland kam. Ich konnte kaum Deutsch sprechen und musste die Telefonzentrale bedienen. So habe ich sehr schnell sprechen gelernt.