Es gab einmal Geschäfte, für die brauchte es weder zwölf Seiten Vertrag noch drei Unterschriften. Zwei Menschen redeten miteinander, handelten vielleicht noch ein wenig, wurden sich einig und gaben sich die Hand.
Abgemacht.
Damit war die Sache erledigt.
Natürlich liefen früher nicht lauter Ehrenmänner und Ehrenfrauen durch die Gegend. Beschissen wurde vermutlich schon, seit der erste Mensch dem zweiten eine Ziege verkauft hat. Unsere Vorfahren kannten Schuldbriefe, Verträge, Siegel und Gerichte sehr wohl. Und in jedem Dorf wusste man ziemlich genau, bei wem man besser nachzählte, ob nach einem Handel noch gleich viele Franken im Geldbeutel waren wie erwartet.
Trotzdem hatte der Handschlag ein Gewicht, das heute ein wenig verloren gegangen ist.
Die Hand darauf
Der Handschlag war über Jahrhunderte mehr als eine Begrüssung. Mit ihm wurden Geschäfte und Versprechen bekräftigt. Selbst Eheversprechen konnten früher mit einem Handschlag bestätigt werden.
Entscheidend war allerdings nie die Hand. Entscheidend war das Wort, das man dazu gab.
Wer einem anderen die Hand reichte, setzte etwas aufs Spiel: seinen guten Namen.
Und der war in einem Dorf einiges wert.
Man kannte sich. Man begegnete sich wieder. Beim Bäcker, in der Wirtschaft, auf der Strasse, am Sonntag nach der Kirche oder spätestens dann, wenn das nächste Geschäft anstand.
Wer zuverlässig war, brauchte dafür keine Werbung.
«Auf den kannst du dich verlassen.»
Das genügte.
Wer dagegen mehrmals sein Wort brach, bekam ebenfalls Werbung. Sogar kostenlos. Nur gefiel sie ihm vermutlich weniger.
Ein Dorf brauchte noch keine Google-Bewertungen. Es hatte Nachbarn.
Der gute Ruf als Kapital
Handschlagqualität bedeutete selbstverständlich nicht, dass unsere Vorfahren grössere Geschäfte grundsätzlich ohne Papier erledigten. Häuser, Grundstücke, Erbschaften, Darlehen und andere wichtige Dinge wurden schriftlich festgehalten.
Man war früher schliesslich auch nicht auf den Kopf gefallen.
Der Handschlag stand für etwas anderes.
Er sagte: Was wir miteinander vereinbart haben, daran halte ich mich.
Und genau da liegt der Unterschied zwischen einem Vertrag und Handschlagqualität.
Ein Vertrag kann auf zwanzig Seiten festhalten, wer was bis wann zu tun hat. Er kann Lieferfristen, Zahlungsbedingungen, Haftung und Gerichtsstand regeln. Er kann so gründlich abgefasst sein, dass man nach Seite sieben vergessen hat, was man eigentlich kaufen wollte.
Nur eines schafft auch der beste Vertrag nicht:
Er macht aus einem unzuverlässigen Menschen keinen zuverlässigen.
Man kann jedes Komma schriftlich festhalten und bei der ersten Gelegenheit trotzdem nach einem Schlupfloch suchen.
Und man kann am Küchentisch etwas abmachen, sich die Hand geben und zehn Jahre später noch dazu stehen.
«Wir haben es so abgemacht»
Ob jemand Handschlagqualität besitzt, merkt man ohnehin selten dann, wenn alles rundläuft.
Es zeigt sich, wenn es unangenehm wird.
Die Arbeit kostet plötzlich mehr als berechnet. Eine Lieferung verspätet sich. Der Aufwand wurde unterschätzt. Oder einer merkt im Nachhinein, dass der andere bei der Abmachung ein bisschen besser weggekommen ist.
Jetzt wird es interessant.
Man kann plötzlich sehr erfinderisch werden. Man erinnert sich nur noch ungefähr an das Gespräch. Ein Satz sei bestimmt anders gemeint gewesen. Von diesem Preis sei eigentlich nie die Rede gewesen. Und überhaupt müsse man das alles nochmals grundsätzlich anschauen.
Oder man sagt:
«Wir haben es so abgemacht.»
Dieser Satz ist kurz. Vermutlich ist er gerade deshalb so schwer auszusprechen.
Natürlich kann jeder einmal eine Zusage nicht einhalten. Auch ein Mensch mit Handschlagqualität kann krank werden, sich verrechnen oder in Schwierigkeiten geraten.
Dann meldet er sich.
Und zwar bevor der andere zum dritten Mal telefonieren muss.
Er erklärt, was los ist, und sucht eine Lösung.
Auch das gehört dazu. Handschlagqualität verlangt keine Wunder. Ein anständiger Umgang miteinander reicht schon.
Heute bekommen wir eine Ticketnummer
Inzwischen haben wir uns gründlich abgesichert.
Wer im Internet einen Staubsauger bestellt, bekommt zuerst eine Bestellbestätigung. Dann eine Zahlungsbestätigung. Später eine Versandbestätigung. Dazu kommen Allgemeine Geschäftsbedingungen, Datenschutzbestimmungen und Cookie-Richtlinien.
Irgendwo setzt man ein Häkchen und bestätigt damit, dreissig Seiten gelesen zu haben, von denen beide Seiten wissen, dass man sie nicht gelesen hat.
Wenn etwas schiefgeht, schreibt man dem Kundendienst.
Kurz darauf trifft eine beruhigende Nachricht ein:
«Ihre Anfrage ist bei uns eingegangen.»
Dazu eine Nummer.
Früher gab man sich die Hand.
Heute bekommt man eine Ticketnummer.
Und irgendwann antwortet Kevin vom Support, der leider nicht zuständig ist.
Natürlich möchte ich deshalb nicht zurück in eine Zeit, in der ein Streit über einen Kuhhandel vor dem Gemeinderat endete. Unsere Verträge und gesetzlichen Regeln haben durchaus ihren Sinn.
Aber manchmal beschleicht einen der Verdacht, dass wir zwar immer genauer festhalten, wer wozu verpflichtet ist, und gleichzeitig immer weniger selbstverständlich davon ausgehen, dass jemand sein Wort hält.
Das gesprochene Wort zählt sogar vor dem Gesetz
Dabei ist eine mündliche Abmachung keineswegs bloss etwas für Romantiker.
Auch nach Schweizer Recht müssen längst nicht alle Verträge schriftlich abgeschlossen werden. Wo das Gesetz keine besondere Form verlangt, kann eine Vereinbarung grundsätzlich auch mündlich zustande kommen.
Das Problem beginnt meist erst, wenn zwei Menschen später sehr unterschiedliche Erinnerungen daran entwickeln, was sie am Küchentisch vereinbart haben.
Dann wäre ein Stück Papier plötzlich doch ganz praktisch gewesen.
Der Handschlag ersetzt deshalb keinen vernünftigen Vertrag.
Und der Vertrag ersetzt keine Handschlagqualität.
Beides zusammen wäre eigentlich eine recht brauchbare Erfindung.
Ein ziemlich altmodisches Wort
«Handschlagqualität» klingt heute ein wenig nach Bauernstube, Viehmarkt und einem Mann mit Hosenträgern, der nach kurzem Feilschen sagt: «Also gut, machen wir es so.»
Meinetwegen.
Es gibt schlimmere Bilder.
Denn hinter diesem etwas aus der Mode gekommenen Wort steckt etwas sehr Einfaches: Man tut, was man zugesagt hat.
Auch wenn niemand kontrolliert.
Auch wenn man später merkt, dass die Abmachung nicht ganz so vorteilhaft war.
Und wenn es wirklich nicht geht, meldet man sich und redet miteinander.
Dafür braucht es weder App noch Passwort. Auch ein Update ist nicht nötig.
Nur zwei Menschen.
Und ein Wort, das etwas gilt.







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