«Mit dem, was du bekommst, kannst du nur deinen Lebensunterhalt bestreiten. Erst durch das, was du gibst, baust du das Leben auf.»
Als ich diesen Satz zum ersten Mal las, blieb ich daran hängen. Nicht wegen seiner Originalität. Solche Lebensweisheiten gibt es viele. Sondern weil darin etwas steckt, das sich im Alltag immer wieder beobachten lässt.
Wir leben in einer Zeit, in der vieles gemessen wird. Einkommen. Vermögen. Renditen. Reichweite. Erfolg. Fast alles lässt sich in Zahlen ausdrücken. Und doch sind es am Ende oft ganz andere Dinge, die zählen.
Wenn ein Mensch stirbt, wird sein Nachlass geregelt. Das Haus bekommt einen neuen Besitzer. Das Auto wird verkauft. Die Möbel werden verteilt. Das Bankkonto wird aufgelöst.
Doch wenn Angehörige und Freunde zusammenkommen, sprechen sie selten über diese Dinge.
Sie erzählen Geschichten.
Sie erinnern sich daran, wie jemand geholfen hat. Wie er zugehört hat. Wie er Trost spendete, als das Leben schwer wurde. Wie er andere zum Lachen brachte. Oder wie er immer zur Stelle war, wenn irgendwo eine helfende Hand gebraucht wurde.
Offenbar besteht der wahre Reichtum eines Menschen aus etwas anderem als Geld.
In den Dörfern früherer Zeiten war das noch offensichtlicher. Da gab es Menschen, die besassen wenig und galten dennoch als reich. Nicht reich an Besitz, aber reich an Ansehen. Reich an Beziehungen. Reich an Erfahrungen. Reich an Menschlichkeit.
Da war etwa die ältere Frau, die für kranke Nachbarn kochte. Niemand bezahlte sie dafür. Es stand in keinem Vertrag. Sie tat es einfach.
Oder der Handwerker, der einem jungen Familienvater half, einen Schopf aufzurichten. Am Abend gab es vielleicht eine Wurst vom Grill und ein Glas Most. Mehr Lohn erhielt er nicht. Dennoch war seine Hilfe unbezahlbar.
Solche Menschen bauten etwas auf, das man nicht kaufen kann. Vertrauen.
Vertrauen war früher eine Art Währung. Wer als zuverlässig galt, besass einen Schatz, der wertvoller war als manches Sparbuch. Man wusste, woran man war. Ein Handschlag genügte oft. Das Wort eines Menschen hatte Gewicht.
Natürlich war auch damals nicht alles besser. Es gab Neid, Streit und Missgunst. Menschen blieben Menschen. Doch viele wussten noch, dass ein gutes Leben nicht allein daraus besteht, etwas für sich selbst zu gewinnen.
Heute wird oft gefragt, was einem eine Tätigkeit bringt. Was man davon hat. Ob es sich lohnt.
Das sind verständliche Fragen. Niemand lebt von Luft und Liebe. Jeder muss seine Rechnungen bezahlen.
Doch manche Dinge verlieren ihren Wert, sobald man sie nur noch unter diesem Blickwinkel betrachtet.
Freundschaft zum Beispiel.
Wer eine Freundschaft nur danach beurteilt, welchen Nutzen sie bringt, hat ihren Sinn nicht verstanden. Freundschaft lebt vom Geben und Nehmen. Nicht vom Rechnen.
Ähnlich verhält es sich mit Nachbarschaft, Vereinsleben oder freiwilligem Engagement.
Viele Menschen investieren Zeit in Aufgaben, die ihnen keinen finanziellen Gewinn bringen. Sie trainieren eine Jugendmannschaft. Sie helfen im Museum. Sie organisieren Veranstaltungen. Sie besuchen ältere Menschen. Sie engagieren sich in Vereinen.
Würde man den Wert dieser Arbeit in Franken berechnen, kämen gewaltige Summen zusammen.
Doch die eigentliche Bedeutung liegt woanders.
Diese Menschen halten das gesellschaftliche Gefüge zusammen. Sie sorgen dafür, dass aus einer Ansammlung von Häusern ein Dorf wird. Dass aus einer Gruppe von Einzelnen eine Gemeinschaft entsteht.
Wer gibt, schenkt nicht nur etwas dem anderen. Er verändert auch sich selbst.
Vielleicht liegt darin eines der grossen Geheimnisse des Lebens.
Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass Helfen glücklich machen kann. Oft sogar mehr als Konsum. Ein neues Gerät begeistert einige Tage oder Wochen. Ein gutes Werk kann dagegen jahrelang in Erinnerung bleiben.
Dabei geht es nicht um Heldentaten.
Die meisten Menschen werden niemals die Welt verändern. Sie werden keine Kriege verhindern und keine grossen Erfindungen machen.
Aber sie können das Leben einzelner Menschen heller machen.
Ein freundliches Wort zur rechten Zeit.
Ein Besuch.
Ein Anruf.
Ein ehrliches Interesse.
Eine kleine Geste.
Manchmal genügt erstaunlich wenig.
Wenn man zurückblickt, erinnert man sich oft genau an solche Augenblicke. An Menschen, die etwas gegeben haben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
Vielleicht deshalb bleiben sie uns im Gedächtnis.
Der Unternehmer mit dem grössten Vermögen wird irgendwann vergessen. Der Mensch, der anderen Mut gemacht hat, lebt in vielen Erinnerungen weiter.
Das bedeutet nicht, dass Geld unwichtig wäre. Geld schafft Sicherheit. Es ermöglicht Freiheit. Es erleichtert vieles.
Doch Geld allein stiftet noch keinen Sinn.
Man kann ein grosses Haus besitzen und sich dennoch arm fühlen. Man kann dagegen bescheiden leben und sich reich beschenkt wissen.
Der wahre Reichtum entsteht dort, wo Menschen füreinander da sind. Wo Wissen weitergegeben wird. Wo Erfahrungen geteilt werden. Wo jemand seine Zeit, seine Aufmerksamkeit oder seine Fähigkeiten einbringt.
Am Ende unseres Lebens wird kaum jemand sagen: «Ich wünschte, ich hätte noch ein paar Dinge mehr besessen.»
Viel häufiger hören wir von Menschen, die bedauern, zu wenig Zeit für andere gehabt zu haben. Zu wenig Liebe gezeigt zu haben. Zu selten gesagt zu haben, was ihnen wichtig war.
Vielleicht sollten wir deshalb unseren Reichtum gelegentlich anders messen.
Nicht danach, was wir besitzen.
Sondern danach, was wir hinterlassen.
Denn das, was wir bekommen, sichert unseren Lebensunterhalt.
Das, was wir geben, baut das Leben auf.







Dobro dobro
Es heisst ja schliesslich:
Geben ist seliger denn nehmen.