Es gab eine Zeit, da benötigte man weder Smartphone noch soziale Medien, um zu erfahren, was im Dorf vor sich ging.
Man ging in die Beiz.
Dort erfuhr man, wer gebaut hatte, wer bauen wollte, wer besser nie gebaut hätte und weshalb der Gemeinderat wieder einmal völlig falsch entschieden hatte. Man wusste, welcher Bauer einen neuen Traktor gekauft hatte, wessen Sohn eine Stelle bei der Bahn bekommen hatte und welches Ehepaar nur noch miteinander sprach, wenn Zeugen anwesend waren.
Die Nachrichtenlage war umfassend.
Allerdings wurde sie selten überprüft.
Im Oberdorf meiner Jugend gab es noch mehrere jener urchigen Wirtschaften, in denen das Bier kühl, die Luft schwer und das Urteil über die Mitmenschen rasch gefällt war. Eine davon war die «Au». Dort versammelte sich am späten Samstagnachmittag eine illustre Runde aus Politikern, Gewerblern und einfachen «Büezern».
Das Wort «einfach» bezog sich dabei höchstens auf die berufliche Stellung. Ihre Ansichten waren häufig von beträchtlicher Komplexität und liessen sich mitunter erst nach mehreren Stangen vollständig darlegen.
Ich war damals neunzehn Jahre alt und damit nach damaligem Recht noch minderjährig. Zum Bierbestellen reichte es trotzdem, und auch am Stammtisch verlangte niemand einen Ausweis. Dort wurde die gesellschaftliche Volljährigkeit ohnehin nach anderen Regeln erteilt: Wer eine eigene Meinung vertrat, einen dummen Spruch vertrug und gelegentlich eine Runde bezahlte, durfte sitzen bleiben.
Ich setzte mich deshalb mit einer gewissen Selbstverständlichkeit dazu. Heute staune ich ein wenig über meinen Mut. Damals hielt ich ihn für eine natürliche Begleiterscheinung meiner Persönlichkeit.
Ich nahm Platz und bestellte beim «Fräulein» ein kühles Ziegelhof.
«Fräulein» hiess damals jede weibliche Bedienung, unabhängig von Alter, Zivilstand und persönlicher Meinung zu dieser Bezeichnung. Manche dieser Frauen hätten einen widerspenstigen Gemeinderat allein mit einem Blick zur Ordnung bringen können. Am Stammtisch wurden sie trotzdem «Fräulein» genannt.
Das Bier kam.
Ich hob das Glas, setzte zum ersten andächtigen Schluck an und wusste: Meine Welt war in Ordnung.
Reihum wurde ich willkommen geheissen. Reihum prostete man mir zu. Wer neu an einen Stammtisch kam, wurde zunächst geprüft. Wer regelmässig erschien, gehörte bald dazu. Eine schriftliche Aufnahmebestätigung gab es nicht. Man bemerkte seine Zugehörigkeit daran, dass die anderen begannen, einen zu verspotten.
Das war ein gutes Zeichen.
Ignoriert wurden nur jene, mit denen man nichts anzufangen wusste. Wer geneckt wurde, war aufgenommen.
Bald klinkte ich mich in jene eigentümliche Stammtischmelodie ein, die jeden Samstag ungefähr gleich begann und doch nie zweimal gleich verlief. Ihre Grundtöne bestanden aus Politik, Dorfneuigkeiten, Witzen, Erinnerungen und kleinen Bosheiten. Dazu kamen Zwischenrufe, Gelächter, empörtes Kopfschütteln und gelegentlich ein kräftiges:
«Jetz hör aber uf!»
Das bedeutete selten, dass jemand tatsächlich aufhören sollte. Meist war es die Aufforderung, seine Behauptung ausführlicher und möglichst unterhaltsam zu begründen.
An einem Stammtisch sprachen nie alle gleich viel. Es gab Wortführer, die bereits eine Meinung hatten, bevor das Thema überhaupt feststand. Es gab Widerredner, deren Aufgabe darin bestand, grundsätzlich anderer Ansicht zu sein. Und es gab die schweigenden Beisitzer.
Diese waren besonders wichtig.
Sie sassen da, tranken ihr Bier, hörten zu und verzogen gelegentlich den Mundwinkel. Man wusste nie genau, ob sie zustimmten, widersprachen oder an etwas völlig anderes dachten. Nach einer Stunde sagten sie einen einzigen Satz.
Meist war es der vernünftigste des ganzen Abends.
Leider ging er im anschliessenden Wortschwall häufig unter.
Auch die Politiker am Tisch hatten ihre Rolle. Sie berichteten darüber, was im Gemeinderat beraten worden war, soweit es ihrer Darstellung nützte. Die übrigen Anwesenden erklärten ihnen anschliessend, was der Gemeinderat hätte beschliessen müssen.
So funktionierte die direkte Demokratie in ihrer ursprünglichen Form.
Im Gemeindehaus wurde entschieden. Am Stammtisch wurde das Urteil darüber gesprochen.
Ein Rekursverfahren war nicht vorgesehen. Dafür durfte der Verurteilte eine Runde bezahlen.
Überhaupt besassen die Runden eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Einer bestellte, alle tranken. Dann bestellte der Nächste, und wieder tranken alle. Auf diese Weise entstand mit fortschreitendem Abend eine Form von Gleichheit, welche die Politik bis heute vergeblich anstrebt.
Wer wenig Geld hatte, musste allerdings gut rechnen können. Er durfte den richtigen Augenblick zum Heimgehen nicht verpassen. Ging er zu früh, galt er als ungesellig. Ging er zu spät, kam er selber an die Reihe.
Manche blieben deshalb länger, als ihnen guttat.
Andere gingen später, als es ihrer Frau angekündigt worden war.
Für solche Fälle gab es Erklärungen. Die Sitzung habe länger gedauert. Man habe noch etwas Wichtiges besprechen müssen. Ein Kollege habe persönliche Sorgen gehabt.
Der Stammtisch war eben auch eine Beratungsstelle. Sie kannte weder Öffnungszeiten noch Schweigepflicht, und die Ratschläge wurden kostenlos erteilt. Dafür erfuhr bis zum nächsten Mittag das halbe Dorf davon.
Die dummen Sprüche, die dort gemacht wurden, waren meist genau als das gemeint: als dumme Sprüche. Niemand verwechselte sie mit Regierungserklärungen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie dienten dazu, die Runde zusammenzuhalten.
Heute wird jeder ungeschickte Satz festgehalten, weitergeleitet, kommentiert und von Menschen beurteilt, die weder den Sprecher noch die Situation kennen. Am Stammtisch verflog vieles mit dem Rauch und dem letzten Rest Bierschaum. Am nächsten Tag erinnerte man sich allenfalls noch an die Pointe.
Und manchmal auch an die Rechnung.
Natürlich wurde gestritten.
Man konnte über Parteien, Steuern, Strassen, Landwirtschaft oder den Zustand der Jugend so heftig aneinandergeraten, dass ein zufälliger Gast mit dem Schlimmsten rechnen musste. Die Beteiligten selber wussten es besser. Der Streit gehörte zur Aufführung.
Man erhob die Stimme, schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und erklärte dem Gegenüber, dass er von der Sache überhaupt nichts verstehe.
Am nächsten Abend trank man wieder miteinander ein Bier.
Ein Stammtisch war eine kleine Schule der Demokratie. Man lernte dort, dass ein Mensch eine völlig falsche politische Meinung haben und trotzdem ein anständiger Kerl sein konnte. Heute scheint uns bereits diese Erkenntnis beinahe revolutionär.
Der Stammtisch zwang die Menschen zur körperlichen Anwesenheit. Man sass einander gegenüber. Man sah, wenn einer verletzt war. Man hörte am Tonfall, ob eine Bemerkung spöttisch, zornig oder gutmütig gemeint war. Und wenn man zu weit gegangen war, konnte man dem anderen ein Bier hinstellen.
Das löste gewiss nicht jedes Problem.
Es war jedoch ein Anfang.
Die Historikerin Nicole Schwager bezeichnete den Stammtisch in ihrem Aufsatz «Stammtisch und Bundesstaat» als politisch integrierend und konkordanzfördernd. Das klingt erheblich wissenschaftlicher, als die Sache im Alltag aussah.
Im Alltag bedeutete es: Man stritt miteinander, blieb sitzen und bestellte noch eine Runde.
Gerade im jungen Schweizer Bundesstaat des 19. Jahrhunderts spielten solche Treffpunkte eine wichtige Rolle. Die neue politische Ordnung musste erst in den Köpfen und Wirtshäusern ankommen. Zeitungen wurden vorgelesen, Nachrichten besprochen und politische Ereignisse auf jene überschaubare Grösse gebracht, die zwischen Bierglas und Aschenbecher Platz fand.
Man könnte sagen: Die eidgenössische Politik wurde in Bern gemacht und in den Beizen übersetzt.
Heute haben wir andere Stammtische.
Sie heissen Facebook, WhatsApp, X oder Kommentarspalte. Dort sitzen wir ebenfalls zusammen, ohne beieinander zu sein. Wir tauschen Meinungen aus, verbreiten Neuigkeiten und erzählen gelegentlich Dinge weiter, die bereits am alten Stammtisch einer Überprüfung kaum standgehalten hätten.
Der Unterschied liegt im Raum.
Am Wirtshaustisch kannte man den Menschen, dessen Meinung man für unsinnig hielt. Man wusste, woher er kam, welchen Beruf er ausübte und dass er einem im vergangenen Winter geholfen hatte, das Auto aus dem Schnee zu schieben.
Im Internet bleibt von ihm häufig nur seine Meinung übrig.
Eine Meinung hat jedoch kein Gesicht, das sich plötzlich verdüstert. Sie hat keine Stimme, die uns zögern lässt. Sie bestellt uns kein Bier und hilft uns auch nicht aus dem Strassengraben.
Der alte Stammtisch war gewiss keine Idylle. Frauen sassen kaum daran. Wer nicht zur Runde gehörte, blieb leicht ausgeschlossen. Es wurde getratscht, übertrieben und mit wachsender Lautstärke vereinfacht. Manche Vorurteile hielten sich dort hartnäckiger als der Rauch unter der Decke.
Trotzdem besass dieser Tisch eine Kraft, die uns heute fehlt.
Er brachte unterschiedliche Menschen an denselben Ort. Der Gewerbler sass neben dem «Büezer», der Gemeinderat gegenüber seinem schärfsten Kritiker. Sie mussten einander zuhören, wenigstens so lange, bis sie selber wieder an der Reihe waren.
Vielleicht verkläre ich manches.
Erinnerungen tun das gern. Sie polieren die Tischplatte, lüften den Rauch aus dem Raum und lassen das Bier besser schmecken, als es möglicherweise war.
Doch wenn ich an jene Samstagnachmittage in der «Au» zurückdenke, höre ich sie wieder: die Stammtischmelodie.
Da war die kräftige Stimme des Wortführers. Der Widerredner setzte sofort dagegen. Einer erzählte einen Witz, den alle bereits kannten. Der Schweigsame lächelte in sein Glas. Aus der Küche klapperte Geschirr, und das «Fräulein» fragte, wer noch etwas wolle.
Selbstverständlich wollten alle noch etwas.
Heute sind viele dieser Beizen verschwunden. Mit ihnen verschwanden die runden oder rechteckigen Tische, an denen ein Dorf mit sich selber sprach. Zurück blieben Sitzungszimmer, Chatgruppen und digitale Plattformen. Sie sind schneller, sauberer und jederzeit verfügbar.
Nur eine Runde kann man dort schwerlich ausgeben.
Vielleicht würde der heutigen Schweizer Politik eine Stammtischkur tatsächlich guttun. Die Beteiligten müssten sich an einen Tisch setzen, die Telefone abgeben und so lange miteinander reden, bis jeder begriffen hätte, dass auch der politische Gegner ein Mensch ist.
Danach dürfte gestritten werden.
Heftig sogar.
Am Ende müsste jedoch einer aufstehen und fragen:
«Also, no e Rundi?»
Wenn alle ja sagten, wäre politisch bereits einiges gewonnen.







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