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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Kunst der üblen Nachrede
Ein älterer Künstler malt in einem überfüllten Dachbodenatelier, das vielleicht von der Kunst der üblen Nachrede inspiriert ist, eine Landschaft auf einer Staffelei, mit Blick auf eine europäische Stadt.

Es gibt Häuser, die besitzen eine gewisse Würde, obschon niemand recht sagen könnte, worauf diese sich gründet. Vielleicht auf ihrem Alter, vielleicht auf den Menschen, die darin wohnen, oder einfach darauf, dass sie schon so manches erlebt haben und dennoch unbekümmert dastehen, als ginge sie das alles herzlich wenig an.

Ein solches Haus befand sich im Klybeckquartier in Basel, nicht weit von der Kleinhüningerstrasse entfernt, wo es zwischen anderen, ihm ziemlich ähnlichen Häusern sein Dasein führte. Seine Fassade war von einem unentschiedenen Gelb, das im Laufe der Jahre durch Regen, Staub und Fabrikrauch etwas Grau angenommen hatte, was ihm, wie man wohl sagen darf, einen durchaus ehrbaren Anstrich verlieh. Die Treppe war ausgetreten, die Wohnungen waren klein, und im Hinterhof hingen an schönen Tagen die Wäschestücke an langen Leinen, wo sie sich im Wind bewegten, als wollten sie den Vorübergehenden freundlich zuwinken.

Die Bewohner waren einfache Leute, Fabrikarbeiter zumeist, ihre Frauen und Kinder, daneben einige ältere Personen, die das Berufsleben bereits hinter sich hatten und nun von bescheidenen Renten lebten. Man kannte einander ziemlich genau, was nicht immer ein Vorzug war, denn die Menschen pflegen, sobald sie etwas voneinander wissen, gern noch ein wenig mehr wissen zu wollen.

Im obersten Stock wohnte ein Kunstmaler namens Emil Bärtschi.

Er war dreiundsechzig Jahre alt, von schmaler Gestalt und besass ein freundliches, etwas nachdenkliches Gesicht, aus dem zwei helle Augen blickten. Seine Haare waren grau geworden, ohne dass er darüber unglücklich schien, und seine Kleider, die er mit einer gewissen Sorgfalt trug, verrieten, dass er schon seit längerer Zeit darauf verzichtete, sich neue anzuschaffen.

Bärtschi war einer jener Menschen, die wenig Aufhebens von sich machen und gerade deshalb leicht übersehen werden. Er ging langsam, sprach freundlich und betrachtete die Dinge um sich herum mit einer Aufmerksamkeit, die heutzutage schon beinahe als Eigentümlichkeit gelten könnte. Eine verwitterte Mauer, ein Baum im Winter oder ein Stück Himmel zwischen zwei Hausdächern vermochten ihn so sehr zu beschäftigen, dass er darüber manchmal vergass, weshalb er ursprünglich das Haus verlassen hatte.

Seine Wohnung bestand aus zwei kleinen Mansardenzimmern, in denen es nach Ölfarben, Terpentin und alten Büchern roch. An den Wänden lehnten Gemälde, von denen einige fertig waren, andere noch auf ihre Vollendung warteten und wieder andere vermutlich für immer unvollendet bleiben würden, was Bärtschi wenig bekümmerte. Er war der Ansicht, dass auch ein unvollendetes Bild seine Berechtigung habe, da schliesslich im Leben ebenfalls manches unvollendet bleibe, ohne dass man deswegen gleich verzweifeln müsse.

Er malte Landschaften, Häuser, Bäume und gelegentlich ein menschliches Gesicht. Besonders liebte er die unscheinbaren Dinge. Ein verlassenes Gartenhäuschen interessierte ihn mehr als ein prächtiges Schloss, und eine alte, vom Wind gebeugte Pappel schien ihm würdiger, gemalt zu werden, als mancher stattliche Baum in einem gepflegten Park.

Mit dem Verkauf seiner Bilder stand es freilich weniger gut.

Die Kunst ist eine wunderbare Beschäftigung, wenn man sie liebt, und eine ziemlich schwierige, wenn man von ihr leben muss. Bärtschi hatte beides erfahren und sich im Laufe der Jahre daran gewöhnt, dass die Freude am Malen und das Geldverdienen zwei Angelegenheiten waren, die einander nur selten begegneten.

Seine Mahlzeiten waren einfach, seine Bedürfnisse gering. Er besass einen eisernen Ofen, der im Winter eine bescheidene Wärme verbreitete, einen wackligen Tisch, ein schmales Bett und einen alten Lehnstuhl, in dem er abends las. Bücher hatte er viele, und wenn man ihn gefragt hätte, welche Dinge ihm besonders wertvoll seien, so hätte er vermutlich auf diese Bücher gezeigt, obschon einige davon bereits auseinanderzufallen drohten.

Am liebsten aber hatte er die Kinder.

Es war eine Eigentümlichkeit dieses stillen Mannes, dass er sich in ihrer Gesellschaft so wohlfühlte. Vielleicht lag es daran, dass Kinder selten nach dem Wert eines Bildes fragen und gewöhnlich auch wenig Interesse daran zeigen, ob ein Künstler berühmt ist. Sie betrachten die Dinge mit ihren eigenen Augen, und das gefiel Bärtschi ausserordentlich.

Wenn die Kinder des Hauses nach der Schule zu ihm kamen, liess er sie gewähren. Sie durften in seinem Atelier sitzen, zeichnen, Fragen stellen und sich über die sonderbaren Farben wundern, die auf seiner Palette durcheinanderlagen. Er erklärte ihnen, weshalb ein Schatten manchmal blau erscheint und ein weisses Haus im Abendlicht rötlich werden kann. Dabei sprach er so einfach und freundlich, dass selbst die Kleinsten ihm gern zuhörten.

Unter seinen jungen Besuchern befand sich ein elfjähriger Knabe namens Paul Sutter, der im zweiten Stock wohnte und eine ausgesprochene Neigung zum Zeichnen zeigte.

Paul war kein besonders guter Schüler, worunter seine Eltern mehr litten als er selbst. Er vergass häufig seine Aufgaben, schrieb unordentlich und beschäftigte sich während des Unterrichts lieber damit, kleine Figuren an den Rand seiner Hefte zu zeichnen. Der Lehrer betrachtete diese Beschäftigung mit geringem Wohlwollen, Bärtschi hingegen fand darin etwas Erfreuliches.

Einmal hatte Paul im Atelier einen Baum gezeichnet, dessen Äste in allerlei Richtungen wuchsen. Der Maler betrachtete das Blatt lange und entdeckte darin eine Lebendigkeit, die ihm gefiel. Dass der Baum den Regeln des Zeichenunterrichts wenig entsprach, störte ihn nicht. Bäume, so dachte er, hielten sich schliesslich auch nicht an die Vorstellungen der Menschen.

Paul empfand diese Anerkennung als etwas sehr Kostbares.

Überhaupt besass Bärtschi die Gabe, den Kindern das Gefühl zu geben, dass ihre kleinen Angelegenheiten wichtig seien. Er hörte ihnen zu, wenn sie Sorgen hatten, und freute sich mit ihnen über Dinge, denen ein Erwachsener kaum Beachtung geschenkt hätte. Dabei war er weder übertrieben freundlich noch besonders nachgiebig. Er begegnete ihnen einfach mit jener natürlichen Güte, die keiner Erklärung bedarf.

Auch die übrigen Hausbewohner mochten ihn.

Man wusste, dass er arm war, und da die meisten selber wenig besassen, verstand man sich auf die kleinen Hilfen, mit denen das Leben manchmal erträglicher gemacht werden kann. Frau Keller aus dem dritten Stock brachte ihm gelegentlich eine Schüssel Suppe, Familie Sutter liess ihm nach dem Sonntagsessen etwas Fleisch und Kartoffeln hinauftragen, und der Hauswart besorgte ihm im Winter bisweilen einige Briketts.

Bärtschi nahm diese Gaben dankbar entgegen. Er war zu stolz, um zu bitten, aber zu vernünftig, um eine freundliche Aufmerksamkeit zurückzuweisen. Gelegentlich revanchierte er sich mit einer Zeichnung oder einem kleinen Bild, und auf diese Weise bestand zwischen ihm und seinen Nachbarn ein stilles Einverständnis, das über viele Jahre recht gut funktionierte.

Nun wohnte im Erdgeschoss eine Witwe namens Hermine Wüthrich.

Frau Wüthrich war eine ordentliche Person, die ihre Wohnung sauber hielt, pünktlich ihre Rechnungen bezahlte und auf ihren guten Ruf grossen Wert legte. Sie besass eine kräftige Stimme, einen scharfen Blick und eine bemerkenswerte Begabung, sich für die Angelegenheiten anderer Menschen zu interessieren.

Ihr Küchenfenster ging auf den Hauseingang hinaus, was für sie von unschätzbarem Vorteil war. Von dort konnte sie beobachten, wer kam, wer ging, wer Besuch empfing und wer zu ungewöhnlichen Zeiten nach Hause zurückkehrte. Es entging ihr wenig, und was ihr dennoch entging, suchte sie durch Fragen in Erfahrung zu bringen.

Sie hielt diese Beschäftigung für durchaus nützlich.

Man müsse schliesslich wissen, mit wem man unter einem Dach lebe, pflegte sie zu erklären, und da ihr kaum jemand widersprach, durfte sie annehmen, dass ihre Mitbewohner diese Auffassung teilten.

Mit dem Kunstmaler konnte Frau Wüthrich allerdings wenig anfangen.

Ein Mann, der den ganzen Tag Bilder malte, ohne dabei ordentlich Geld zu verdienen, war ihr ein Rätsel. Sie hatte gegen die Kunst im Allgemeinen nichts einzuwenden, solange sie in Museen hing oder auf Ansichtskarten abgebildet war. Dass jemand daraus einen Beruf machte, ohne sich wenigstens einen gewissen Wohlstand zu erwerben, erschien ihr jedoch höchst unvernünftig.

Immerhin war Bärtschi ein freundlicher Mensch, der niemandem Anlass zur Klage gab. So liess sie ihn gewähren, obschon sie gelegentlich bemerkte, es wäre wohl besser für ihn gewesen, wenn er seinerzeit einen anständigen Beruf erlernt hätte.

Dann geschah im Frühjahr des Jahres 1953 etwas Erfreuliches.

Der Kunstkredit Basel-Stadt beschloss, eines von Bärtschis Gemälden anzukaufen.

Es war eine Landschaft mit dem Titel «Vor dem Regen», ein schönes, ernstes Bild, auf dem ein Feldweg zwischen dunklen Bäumen verschwand, während sich am Himmel schwere Wolken sammelten. Am Horizont zeigte sich ein schmaler Streifen Licht, der dem Betrachter die Hoffnung gab, dass der angekündigte Regen vielleicht doch noch vorüberziehen könnte.

Die zuständige Kommission hatte Gefallen an dem Gemälde gefunden und einen Kaufpreis bewilligt, der für den Künstler eine beträchtliche Summe bedeutete.

Bärtschi freute sich sehr.

Es war eine stille Freude, die er zunächst mit niemandem teilte. Er las den Brief mehrmals, legte ihn sorgfältig auf seinen Tisch und betrachtete lange das Bild, das nun bald seine Wohnung verlassen würde. Ihm schien, als habe man nach vielen Jahren wieder einmal freundlich an seine Türe geklopft.

Als Paul am folgenden Nachmittag zu ihm kam, erzählte er ihm von dem Ankauf. Der Knabe freute sich aufrichtig und trug die Nachricht nach Hause, wo sie alsbald weitererzählt wurde.

Bald wusste das ganze Haus davon.

Die Nachbarn gratulierten, Frau Keller brachte eigens einen kleinen Kuchen hinauf, und selbst der Hauswart, der für Malerei wenig übrig hatte, meinte, es sei erfreulich, wenn ein Bild endlich einmal etwas einbringe.

Auch Frau Wüthrich erfuhr von der Angelegenheit.

Anfänglich zeigte sie sich zufrieden, denn sie war keineswegs gegen das Glück anderer Menschen eingestellt, solange dieses Glück gewisse Grenzen einhielt. Doch je länger sie über den Bilderverkauf nachdachte, desto mehr beschäftigte sie die Frage nach dem Geld.

Wenn ein Mann für ein einziges Gemälde eine solche Summe erhielt, wie arm konnte er dann eigentlich sein?

Und wenn er tatsächlich so arm war, weshalb besass er überhaupt Bilder, die so viel wert waren?

Frau Wüthrich fand diese Fragen durchaus berechtigt. Sie begann, sie ihren Nachbarinnen vorzulegen, zunächst in einem harmlosen Ton, der lediglich ein gewisses Interesse erkennen liess. Bald kamen weitere Fragen hinzu. Wohin das Geld wohl geflossen sei. Weshalb Bärtschi weiterhin seine alten Kleider trage. Warum er sich noch immer mit wenig begnüge. Und ob es nicht sonderbar sei, dass ein Mann, der offenbar über solche Einkünfte verfüge, von seinen Nachbarn Unterstützung annehme.

Die anderen Frauen hatten sich darüber bisher wenig Gedanken gemacht. Nun aber, da Frau Wüthrich sie darauf aufmerksam gemacht hatte, fanden auch sie einiges merkwürdig.

Es ist eine eigenartige Sache mit den Vermutungen. Sie benötigen wenig Nahrung und wachsen dennoch erstaunlich schnell.

Bald erinnerte sich jemand daran, dass Bärtschi gelegentlich mit dem Zug verreiste. Eine andere Frau hatte gehört, er besuche hin und wieder eine fremde Stadt. Wieder jemand wollte wissen, dass Künstler überhaupt ein ziemlich ungebundenes Leben führten, worunter sie sich allerlei vorstellte, ohne etwas Bestimmtes nennen zu können.

So entstand nach und nach das Bild eines Mannes, der seine Armut nur vortäuschte und im Verborgenen ein Leben führte, das mit den Vorstellungen seiner anständigen Nachbarn wenig übereinstimmte.

Schliesslich sprach man sogar von zweifelhaften Bekanntschaften, teuren Wirtschaften und anderen Vergnügungen, denen ein älterer Herr nach Meinung der Hausbewohner besser fernbleiben sollte.

Woher diese Geschichten stammten, wusste niemand mehr genau.

Frau Wüthrich versicherte, sie habe niemals etwas behauptet, sondern lediglich gewisse Fragen gestellt. Und das war, wenn man es genau nahm, nicht einmal ganz unwahr.

Für Emil Bärtschi begann damit eine traurige Zeit.

Zunächst bemerkte er nur, dass die Menschen ihm etwas zurückhaltender begegneten. Frau Keller brachte keine Suppe mehr, Familie Sutter liess die kleinen Essensgaben ausbleiben, und der Hauswart schien es plötzlich eilig zu haben, wenn man sich im Treppenhaus begegnete.

Bärtschi machte sich darüber wenig Gedanken. Er wusste, dass jeder Mensch seine Sorgen hatte, und hielt es für unangebracht, aus einer ausbleibenden Freundlichkeit gleich auf böse Absichten zu schliessen.

Doch bald blieben auch die Kinder fort.

Ihre Eltern hatten ihnen verboten, den Kunstmaler weiterhin zu besuchen. Warum, wurde ihnen nicht recht erklärt. Es genügte, dass man den Umgang mit ihm nicht mehr für wünschenswert hielt.

Am schwersten traf dies Paul.

Der Junge konnte nicht begreifen, weshalb der freundliche alte Mann, bei dem er so viele schöne Stunden verbracht hatte, plötzlich ein Mensch sein sollte, vor dem man sich hüten müsse. Er hatte Bärtschi niemals etwas Unrechtes tun sehen. Aber Kinder sind gewöhnlich gehalten, ihren Eltern zu gehorchen, selbst dann, wenn sie deren Anordnungen nicht verstehen.

Eines Nachmittags begegnete Paul dem Maler im Treppenhaus.

Bärtschi blieb stehen, als er den Knaben erblickte. Sein Gesicht hellte sich auf, und er schien sich darüber zu freuen, endlich wieder einmal mit seinem jungen Freund sprechen zu können.

Paul aber senkte den Kopf und ging rasch an ihm vorbei.

Es war eine kleine Begebenheit, wie sie in einem grossen Haus täglich vorkommen könnte. Ein alter Mann blieb auf einer Treppenstufe stehen, ein Knabe eilte hinunter, und wenige Augenblicke später war alles vorüber.

Dennoch sollte Paul diese Begegnung sein Leben lang nicht vergessen.

Bärtschi blieb noch eine Weile stehen. Dann ging er langsam in seine Wohnung zurück.

Von diesem Tag an wurde sein Leben einsamer.

Er malte weiter, doch seine Bilder wollten ihm nicht mehr recht gelingen. Die Farben verloren etwas von ihrer früheren Frische, und die weiten Himmel, die er so gern gemalt hatte, wurden zunehmend grau. Vielleicht bildete er sich das nur ein. Vielleicht war auch sein Blick müde geworden.

Der Herbst verging, und über Basel legte sich ein kalter Winter. In den Strassen lag schmutziger Schnee, aus den Kaminen stieg dichter Rauch, und über dem Rhein hing an manchen Morgen ein Nebel, der die Stadt wie eine traurige Erinnerung erscheinen liess.

In Bärtschis Dachwohnung wurde es kalt.

Er sparte am Brennmaterial, denn das Geld war knapp, und die Hilfe seiner Nachbarn war ausgeblieben. Eine Erkältung, die ihn im Januar befiel, nahm er zunächst wenig ernst. Er war es gewohnt, Unpässlichkeiten mit Geduld zu begegnen, und hoffte, dass sich auch diese bald verlieren werde.

Stattdessen verschlimmerte sich sein Zustand.

Er bekam Fieber, sein Atem wurde schwer, und schliesslich fehlte ihm die Kraft, den Ofen anzufeuern. Einen Arzt liess er nicht rufen. Vielleicht scheute er die Kosten, vielleicht hielt er sein Leiden für weniger gefährlich, als es war.

Als man ihn mehrere Tage nicht mehr gesehen hatte, wurde der Hauswart unruhig. Er klopfte an die Wohnungstüre, erhielt jedoch keine Antwort. Schliesslich verständigte er die Polizei.

Emil Bärtschi lag tot in seinem Bett.

Der Arzt stellte eine Lungenentzündung fest.

Nun geschah etwas Merkwürdiges.

Die Hausbewohner, die den alten Maler während der letzten Monate gemieden hatten, erinnerten sich plötzlich daran, wie freundlich und liebenswürdig er gewesen war. Frau Keller dachte an das Porträt ihrer Mutter, der Hauswart an die kleine Rheinansicht, die Bärtschi ihm geschenkt hatte, und Familie Sutter an die vielen Stunden, die Paul im Atelier des Kunstmalers verbracht hatte.

Man sprach mit Bedauern über seinen Tod. Einige fanden, er sei ein guter Mensch gewesen. Andere erinnerten sich daran, dass er niemals jemandem etwas zuleide getan habe.

Dann entdeckte man unter seinen Papieren Briefe und Zahlungsbelege, die der ganzen Angelegenheit eine unerwartete Wendung gaben.

Emil Bärtschi war verheiratet gewesen.

Seine Frau lebte seit vielen Jahren in einer psychiatrischen Klinik, wo sie wegen einer schweren Erkrankung dauerhaft betreut werden musste. Der Maler hatte sie regelmässig besucht und einen grossen Teil seiner Einkünfte für ihre Versorgung aufgewendet.

Auch das Geld, das er für sein Gemälde erhalten hatte, war grösstenteils dafür verwendet worden.

Die geheimnisvollen Bahnfahrten, über die im Haus so viel gesprochen worden war, hatten ihn zu seiner Frau geführt.

Bärtschi hatte diese Angelegenheit für sich behalten. Es war sein persönliches Schicksal gewesen, und er hatte offenbar keinen Grund gesehen, die Nachbarn damit zu belasten. Vielleicht hatte er seine Frau schützen wollen. Vielleicht war ihm das Erzählen über die Jahre schwergefallen. Es gab Dinge, über die er lieber schwieg, und dieses Schweigen war nun zu seinem Verhängnis geworden.

Als die Wahrheit bekannt wurde, gerieten die Hausbewohner in grosse Bestürzung.

Man schämte sich, soweit man sich überhaupt schämen wollte, und erinnerte sich nun mit einer gewissen Unruhe an die vergangenen Monate. Manche fragten sich, ob Bärtschi vielleicht noch leben könnte, wenn man ihn nicht so vollständig seinem Schicksal überlassen hätte.

Es war eine unangenehme Frage, weshalb sie gewöhnlich nicht lange erörtert wurde.

Stattdessen richtete sich der ganze Unmut gegen Frau Wüthrich.

Man warf ihr vor, die Gerüchte verbreitet und einen unschuldigen Menschen ins Unglück gestürzt zu haben. Sie verteidigte sich, so gut sie konnte, und versicherte, lediglich ihre berechtigten Zweifel ausgesprochen zu haben.

Doch niemand wollte mehr etwas davon hören.

Die Nachbarinnen, die früher so eifrig mit ihr gesprochen hatten, wandten sich ab, wenn sie ihnen begegnete. Im Treppenhaus verstummten die Gespräche, sobald sie erschien. Selbst die Kinder schienen zu wissen, dass man mit Frau Wüthrich besser nichts zu tun haben sollte.

So wurde die Witwe, die einst über die Angelegenheiten aller anderen gewacht hatte, selbst zum Gegenstand allgemeiner Ablehnung.

Sie ertrug diese Behandlung einige Monate. Dann gab sie ihre Wohnung auf und zog in ein anderes Quartier.

Die Hausbewohner waren darüber erleichtert.

Man hatte nun, wie es schien, die Verantwortliche gefunden, und da sie fort war, durfte die ganze Angelegenheit als erledigt gelten.

Im vierten Stock blieb die Wohnung des Kunstmalers noch eine Weile leer. Seine Bilder wurden fortgebracht, die Möbel verkauft und die Bücher in Kisten verpackt. Nur an der Wand neben dem Fenster zeichnete sich noch ein helles Rechteck ab, wo jahrelang ein Gemälde gehangen hatte.

Paul Sutter ging manchmal hinauf und blieb vor der verschlossenen Türe stehen.

In einer Schublade seines kleinen Schreibtisches bewahrte Paul noch immer die Zeichnung jenes Baumes auf, den er einst im Atelier des Kunstmalers angefertigt hatte. Seine Äste wuchsen eigensinnig in alle Richtungen. Bärtschi hatte Gefallen daran gefunden, und vielleicht war es gerade deshalb für Paul die schönste Zeichnung, die er je gemacht hatte.

Viele Jahre später sollte er sich weniger an die bösen Gerüchte erinnern als an den Augenblick im Treppenhaus, als er dem alten Maler begegnet war und den Blick gesenkt hatte.

Es blieb ihm eine traurige Erinnerung, die sich nicht abschütteln liess.

Im Mietshaus sprach man noch lange von Emil Bärtschi. Alle hatten ihn geschätzt, alle hatten seine Freundlichkeit bewundert, und manche versicherten sogar, sie hätten den üblen Geschichten von Anfang an keinen Glauben geschenkt.

Das mag durchaus möglich gewesen sein.

Denn die Erinnerung ist eine entgegenkommende Begleiterin, die den Menschen manches nachsieht, was sie sich selbst nur schwer verzeihen könnten.

Und als einige Monate später eine neue Mieterin in die ehemalige Wohnung des Kunstmalers im vierten Stock einzog, eine alleinstehende Dame, die offenbar über genügend Geld verfügte, um keiner geregelten Arbeit nachgehen zu müssen, begann man sich bald zu fragen, woher sie wohl ihre Einkünfte beziehe.

Es war schliesslich ein ordentliches Haus, in dem man sich für seine Mitmenschen interessierte.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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