Der Sissacher Herbstmarkt war an diesem Mittwoch so gut besucht, dass man sich zwischen den Ständen kaum bewegen konnte. Vor der Schiessbude versuchten einige junge Männer, einen Preis für ihre Begleiterinnen zu gewinnen. Es roch nach Magenbrot, gebrannten Mandeln und heissen Marroni. Aus den Wirtschaften drang Musik auf die Strasse.
Anna ging am Arm ihres Mannes durch den Markt.
Rudolf blieb vor einem Stand mit Hosenträgern stehen. Der Händler versprach, sie hielten ein Leben lang.
«Das sagt er von den Gürteln auch», meinte Anna.
Rudolf prüfte den Gummizug.
«Man muss vergleichen.»
Er verglich gern. Zwei Dinge, die denselben Zweck erfüllten, konnten ihn lange beschäftigen. Anna hatte sich daran gewöhnt. In einer Ehe gewöhnt man sich an vieles. Manches davon würde einem fehlen, wenn es plötzlich verschwände.
Aus der «Sonne» erklang ein Tusch. Rudolf legte die Hosenträger zurück.
«Gehen wir hinein. Draussen wird es kühl.»
In der Wirtschaft roch es nach Bratwurst, Rauch und verschüttetem Bier. Im Saal spielte eine kleine Kapelle: ein Klarinettist, ein Mann am Schlagzeug und ein Akkordeonspieler, der etwas älter war als die beiden anderen.
Anna und Rudolf fanden einen freien Tisch am Rand.
Rudolf bestellte zwei Most. Anna zog die Handschuhe aus und legte sie neben ihre Handtasche.
Die Musiker spielten einen Marsch. Einige Männer klopften mit den Fingern auf die Tischplatte. Der Klarinettist trat beim Refrain einen Schritt nach vorn, weil er der Ansicht war, das Publikum müsse sehen, wer für die hohen Töne verantwortlich war.
Der Akkordeonspieler sass etwas abseits. Er hiess Paul Gerber und zog seit vielen Jahren mit verschiedenen Kapellen von Ort zu Ort. Im Frühling spielte er an Hochzeiten, im Sommer in Gartenwirtschaften und im Herbst an Jahrmärkten. Im Winter half er seinem Bruder in der Werkstatt.
Paul kannte viele Wirtschaftssäle der Nordwestschweiz. Sie unterschieden sich vor allem durch die Wirte. Die Stühle waren überall hart.
Als der Marsch zu Ende war, liess er den Blick durch den Saal gehen.
Da sah er Anna.
Er erkannte sie sofort.
Ihr Haar war grau geworden, und um den Mund lagen zwei feine Linien, die früher nicht dort gewesen waren. Sie trug einen dunkelblauen Mantel und sass neben einem Mann mit sorgfältig gescheiteltem Haar.
Paul sah auf die Tasten seines Akkordeons.
Dreiundzwanzig Jahre waren vergangen.
Damals hatte er während eines Sommers im Hotel und Restaurant Bären in Langenbruck gespielt. An mehreren Abenden in der Woche wurde dort getanzt, am Sonntag spielte die Kapelle zusätzlich zum Mittagessen. Paul war siebenundzwanzig gewesen, besass zwei gute Anzüge und glaubte, dies sei für die Zukunft ausreichend.
Anna verbrachte einige Wochen bei einer Tante in Langenbruck.
Am ersten Tanzabend sass sie mit zwei Freundinnen im Saal des Bären. Paul bemerkte sie, weil sie während eines Walzers den Takt mit dem Fuss schlug. Sie tanzte mit einem jungen Mann aus Balsthal, sah dabei jedoch mehrmals zur Kapelle hinauf.
In den folgenden Tagen kam sie wieder.
Nach dem Tanz begleitete Paul sie vom Bären nach Hause. Er trug das Akkordeon auf dem Rücken, obwohl er es im Hotel hätte lassen können. Ein Musiker gibt sein Instrument ungern aus der Hand. Bei gewissen Frauen verhält es sich ähnlich.
Sie gingen langsam. Anna erzählte von ihrer Arbeit in einem Geschäft in Basel. Paul erzählte von den Orten, an denen er bereits gespielt hatte. Bei ihm waren es mehr Orte, bei ihr vernünftigere Gedanken.
Einmal blieben sie auf einer kleinen Brücke stehen. Aus dem Bären war noch gedämpft die Musik des Grammophons zu hören.
«Warum spielst du den Walzer immer so schnell?», fragte Anna.
«Damit die Leute durstig werden.»
«Und wenn niemand tanzt?»
«Dann spiele ich ihn für mich.»
«Spiel ihn einmal langsamer.»
Am nächsten Abend tat er es.
Die Tänzer kamen aus dem Takt. Der Wirt sah zur Kapelle und tippte mit dem Finger an seine Uhr. Nur Anna lächelte.
Von da an war es ihr Lied.
Als der Sommer zu Ende ging, musste Paul weiter. Eine Kapelle in Solothurn suchte einen Akkordeonspieler. Er schrieb Anna seine neue Adresse auf die Rückseite einer Tanzkarte.
«Du schreibst mir?»
«Ja.»
Er wartete sechs Wochen.
Dann wartete er nicht mehr.
Nun sass Anna im Saal der «Sonne» am Sissacher Herbstmarkt, dreiundzwanzig Jahre älter und neben einem Mann, der vermutlich nie auf Briefe hatte warten müssen.
Der Klarinettist wandte sich zu Paul.
«Was spielen wir jetzt?»
Paul nannte den alten Walzer.
«Den haben wir seit Jahren nicht mehr gespielt.»
«Dann wird es Zeit.»
Der Klarinettist zuckte mit den Schultern. Musiker streiten selten lange über ein Stück, solange es bezahlt wird.
Paul setzte ein.
Anna hob den Kopf.
Rudolf schenkte den Most ein.
«Kennst du das?», fragte er.
«Ja.»
«Sie spielen es etwas langsam.»
«So gehört es.»
Paul sah zu ihr hinüber. Anna blickte zur Kapelle, doch er wusste nicht, ob sie ihn oder nur die Musiker betrachtete. Ihr Gesicht verriet wenig.
Er spielte weiter.
Beim zweiten Teil machte er jenen kleinen Fehler, den er schon früher gemacht hatte. Zwei Töne kamen zu früh. Anna hatte ihn damals jedes Mal darauf aufmerksam gemacht.
Nun bewegte sie kaum merklich den Kopf.
Paul bemerkte es nicht.
Rudolf hob sein Glas.
«Der Most ist dieses Jahr besser.»
Anna antwortete nicht.
«Findest du nicht?»
«Doch.»
Als das Stück endete, klatschte sie. Rudolf klatschte ebenfalls, weil die anderen es taten.
Paul wartete einen Augenblick. Anna sah zu ihm hinüber. Ihre Blicke trafen sich.
Er lächelte.
Sie wandte sich ihrer Handtasche zu und zog die Handschuhe an.
Paul nahm die Hände vom Akkordeon.
Der Klarinettist beugte sich zu ihm.
«Noch einmal?»
«Nein.»
Sie spielten eine Polka.
Rudolf trank seinen Most aus.
«Wir sollten gehen. Ich möchte noch zu dem Stand mit den Hosenträgern.»
«Du hast doch schon welche.»
«Diese sind besser gearbeitet.»
Anna nahm ihre Handtasche.
Sie gingen zwischen den Tischen hindurch zum Ausgang. Bei der Kapelle blieb sie einen Moment stehen. Paul sah auf, doch Rudolf drängte von hinten.
«Kommst du?»
Anna ging weiter.
Paul folgte ihr mit den Augen, bis sie den Saal verlassen hatte.
Später, als in der «Sonne» nur noch wenige Gäste sassen, packten die Musiker ihre Instrumente ein. Der Klarinettist wischte sein Mundstück ab und legte es in den Koffer.
«Was war heute mit dir?»
«Nichts.»
«Wegen der Frau im blauen Mantel?»
Paul schloss die Riemen seines Akkordeonkoffers.
«Ich kannte sie früher.»
«Lange her?»
«Dreiundzwanzig Jahre.»
«Und heute sitzt sie plötzlich da.»
«So ist es.»
Der Klarinettist zog seinen Mantel an.
«Hat sie dich erkannt?»
Paul nahm den Koffer vom Tisch.
«Nein.»
Mehr sagte er nicht.
Draussen war der Herbstmarkt noch in vollem Gang. Das Karussell drehte seine Runden, und vor der Schiessbude versuchten die jungen Männer noch immer ihr Glück. Wer traf, nahm einen kleinen Preis mit nach Hause. Wer nichts traf, erklärte das Gewehr für schlecht.
Rudolf hatte die Hosenträger gekauft. Er trug das Päckchen unter dem Arm und war mit seinem Handel zufrieden.
«Zwei Franken billiger als im Geschäft», sagte er.
Anna hörte kaum zu.
Am Ende des Marktes blieb sie stehen und sah zurück. Aus der «Sonne» erklang eine Polka. Der alte Walzer war längst vorbei.
«Warst du früher oft am Sissacher Herbstmarkt?», fragte Rudolf.
«Manchmal.»
«Und woher kanntest du das Lied?»
Anna zog ihre Handschuhe fester.
«Ein Musiker hat es früher für mich gespielt.»
Rudolf sah sie an.
«Der dort in der ‹Sonne›?»
«Ja.»
Sie gingen weiter.
Nach einigen Schritten sagte Anna:
«Er spielte es noch immer zu schnell.»







0 Kommentare