In jenem Dezember fror die Frenke schon vor Weihnachten zu. Das Wasser rann unter einer dünnen Haut aus Eis dahin, und an den Ufern standen die Gräser weiss bereift, als hätte jemand jedes einzelne Blatt mit Zucker bestreut.
Der Schnee lag tief im Waldenburgertal. Er machte die Dächer weich und die Wege schwer. Wo tagsüber ein Fuhrwerk vorbeigekommen war, froren die Spuren über Nacht zu harten Furchen. Wer am Morgen durchs Dorf ging, hörte unter seinen Schuhen das Knirschen des Schnees und aus den Kaminen das leise Seufzen des Rauchs.
Nur aus einem Kamin stieg an diesem Morgen nichts.
Das kleine Haus stand etwas abseits, dort, wo der Hang gegen den Wintenberg anzusteigen begann. Es gehörte der Gemeinde und war alt, doch die Fenster waren sauber, vor der Tür lag ein Reisigbesen, und hinter der Scheibe blühte eine einzelne rote Geranie. Die Blume hatte den Sommer überlebt und auch die ersten Frostnächte. Nun hielt sie sich in der warmen Stube dicht am Fenster, als wüsste sie, wie viel Mut es manchmal braucht, eine Farbe zu bewahren.
In dieser Stube lebte Lina Schneider mit ihren beiden Kindern.
Seit ihr Mann im Frühjahr beim Holzen im Meiersberg tödlich verunglückt war, trug sie das Leben allein. Eine gefällte Buche war ins Rutschen geraten. Die Männer hatten noch gerufen, doch da war es bereits zu spät gewesen.
Lina wusch für andere Leute, flickte Hemden, nähte Schürzen und half während der Ernte auf den Höfen. Ihre Hände waren rau geworden. Wenn sie am Abend am Tisch sass, musste sie die Finger manchmal einzeln strecken, weil sie sich von der Arbeit zusammengezogen hatten.
Sie beklagte sich selten. Wer sie fragte, wie es gehe, bekam stets dieselbe Antwort:
«Es muss gehen.»
Und meistens ging es auch.
Doch dieser Winter war früher gekommen als sonst.
Das Holz, das ihr ein Bauer versprochen hatte, lag noch ungeschlagen im Wald. Sein Knecht war krank geworden, die Pferde wurden für andere Arbeiten gebraucht, und aus Tagen waren Wochen geworden. Lina hatte alles verbrannt, was hinter dem Haus gestapelt gewesen war. Danach kamen die dürren Äste an die Reihe, die ihr Sohn vom Waldrand heimbrachte. Schliesslich zerhackte sie eine alte Bank, deren Beine ohnehin wackelten.
Nun waren noch drei Scheite übrig.
Lina legte eines davon in den Herd. Sie schob es weit nach hinten, dorthin, wo die Glut am längsten hielt. Das Holz fing nur zögernd Feuer. Ein paar kleine Flammen liefen über die Rinde, verschwanden wieder und kamen nochmals hervor.
Ihr Sohn Willi sass am Tisch und beobachtete sie. Sein eigentlicher Name war Wilhelm, doch im Dorf riefen ihn alle Helmi – eine damals gebräuchliche Verballhornung von Wilhelm. Weil er noch ein kleiner Bub war, hatten die Leute daraus das Hälmeli gemacht. Und bei diesem Namen war es geblieben.
Er war neun Jahre alt und besass jene wachen Augen, vor denen Erwachsene ihre Sorgen schlecht verbergen können. Seine jüngere Schwester Marieli kniete auf dem Boden und wickelte eine Stoffpuppe in ein Tuch. Das Kind summte dabei ein Weihnachtslied. Es kannte nur die erste Zeile und begann deshalb immer wieder von vorn.
«Haben wir noch Holz?», fragte Hälmeli.
Lina schloss die Ofentür.
«Für heute reicht es.»
«Und für morgen?»
Sie nahm die Schürze ab, faltete sie sorgfältig zusammen und legte sie über die Stuhllehne.
«Morgen ist auch ein Tag.»
Hälmeli schaute zur Holzmulde. Darin lagen die beiden letzten Scheite. Kinder verstehen solche Antworten besser, als Erwachsene glauben. Sie fragen nur selten ein zweites Mal, wenn sie spüren, dass die Wahrheit wehtun könnte.
Am Nachmittag schickte Lina ihn zum Reinharde Selmi, der Dorfkrämerin. Er sollte Salz holen und ein kleines Säcklein Mehl. Für den Heiligen Abend wollte sie dünne Küchlein backen. Dazu gab es gedörrte Apfelschnitze und für jedes Kind eine Baumnuss. Mehr lag dieses Jahr nicht drin.
Hälmeli zog den viel zu grossen Mantel seines Vaters an. Die Ärmel waren zweimal umgeschlagen, und wenn er ging, schlug ihm der Saum gegen die Waden. Lina band ihm ein Tuch um den Hals.
Beim Reinharde Selmi roch es nach Kaffee, Seife und Gewürzen. Hinter dem Ladentisch standen Gläser mit Zuckerwaren, auf dem Boden lagen Säcke mit Mehl und Hafer, und von der Decke hing ein Bündel Kerzen. Hälmeli legte die Münzen seiner Mutter hin und sah zu, wie die Krämerin das Salz und das Mehl abwog.
Neben dem Ofen redeten zwei Männer miteinander.
Sie sprachen über Paul Thommen, den alten Wagner, der am anderen Ende des Dorfes wohnte.
«Seit seine Frau tot ist, lässt er keinen Menschen mehr an sich heran», sagte der eine.
«An Weihnachten wird er wieder allein in seiner Werkstatt sitzen», meinte der andere. «Wie jedes Jahr.»
Die Krämerin schüttelte den Kopf.
«Man kann niemanden zwingen, unter die Leute zu gehen.»
Hälmeli nahm das Säcklein und verliess den Laden. Draussen war es bereits dunkel geworden. Hinter den Fenstern brannten Lichter, und aus einem Haus drang der Duft von Gebäck auf die Strasse.
Er blieb einen Augenblick stehen.
Dann wandte er sich in die andere Richtung.
Die Werkstatt von Paul Thommen lag hinter einem niedrigen Wohnhaus. Durch die Ritzen des Tores fiel gelbes Licht in den Schnee. Hälmeli hörte eine Säge, langsam und gleichmässig.
Er hob die Hand und klopfte.
Das Sägen verstummte.
Nach einer Weile öffnete sich das Tor. Im Licht stand ein grosser, gebeugter Mann mit grauem Bart. Sägemehl lag auf seinen Schultern und in seinen Haaren.
«Was willst du?»
Hälmeli nahm das Säcklein unter den Arm.
«Sind Sie Paul Thommen, der Wagner?»
«Der bin ich.»
«Meine Mutter lässt fragen, ob Sie morgen zu uns kommen.»
Der Alte sah ihn an.
«Deine Mutter? Wer ist das?»
«Lina Schneider.»
Der Name blieb einen Augenblick zwischen ihnen stehen.
Paul Thommen kannte ihre Geschichte. Im Dorf kannte sie jeder. Eine Buche war im Meiersberg ins Rutschen geraten. Drei Männer hatten sich mit einem Sprung retten können. Einer hatte den Ruf zu spät gehört.
«Warum sollte ich zu euch kommen?», fragte der Wagner.
Hälmeli musste überlegen.
Seine Mutter hatte ihn zu gar nichts geschickt. Sie wusste nicht einmal, dass er hier war. Doch jetzt konnte er schlecht erklären, wie alles angefangen hatte.
«Weil morgen Weihnachten ist», sagte er schliesslich.
Paul Thommen verzog den Mund.
«Das weiss ich selbst.»
«Und weil Sie allein sind.»
Die Augen des Wagners wurden schmal.
«Wer sagt das?»
«Die Männer bei der Krämerin.»
«Die Männer sollen sich um ihre eigenen Stuben kümmern.»
Er wollte das Tor schliessen. Hälmeli wich einen Schritt zurück. Dabei rutschte das Säcklein unter seinem Arm hervor und fiel in den Schnee. Ein Teil des Mehls quoll durch die schlecht gefaltete Öffnung.
Hälmeli kniete sofort nieder. Mit beiden Händen schob er den Schnee samt Mehl zurück in das Papier. Seine Finger wurden weiss und rot vor Kälte.
Paul Thommen sah ihm zu.
«Hast du keine Handschuhe?»
Hälmeli schüttelte den Kopf.
«Ich brauche keine.»
Es war die Art, wie er es sagte. Rasch und ein wenig zu tapfer.
Der Wagner bückte sich, nahm das Säcklein und trug es in die Werkstatt. Er schüttete das Mehl durch ein feines Sieb. Der Schnee blieb darin hängen, das Mehl fiel auf ein sauberes Papier.
Hälmeli stand unterdessen an der Tür.
Die Werkstatt war voller Holz. Bretter lehnten an den Wänden, unter der Werkbank lagen kurze Abschnitte, und in einem offenen Verschlag stapelten sich trockene Scheite. Es war so viel, dass man damit Linas Herd einen ganzen Winter lang hätte heizen können.
Auf der Werkbank stand ein kleines Schaf aus hellem Holz. Ein Ohr fehlte, ein Bein war noch kantig, und über den Rücken zog sich ein dunkler Riss.
Hälmeli zeigte darauf.
«Ist das für eine Krippe?»
Paul Thommen blickte zum Schaf.
«Es hätte eines werden sollen.»
«Warum ist es das nicht geworden?»
«Weil das Holz einen Riss hat.»
Hälmeli trat näher.
«Das macht doch nichts. Ein Schaf kann auch mit einem Riss bei der Krippe stehen.»
Der Wagner antwortete nicht.
Er wickelte das gerettete Mehl ein und reichte Hälmeli das Paket. Dann nahm er das Holzschaf von der Werkbank.
«Hier.»
Hälmeli hielt es vorsichtig in beiden Händen.
«Schenken Sie mir das?»
«Ich kann es nicht verkaufen.»
Der Junge strich mit dem Daumen über den Riss.
«Ich finde es schön.»
Paul Thommen öffnete das Tor. Der Wind fuhr herein und wirbelte Sägemehl über den Boden.
«Nun geh heim. Deine Mutter wird auf dich warten.»
Hälmeli steckte das Schaf unter den Mantel und lief davon.
Als er nach Hause kam, stand Lina vor der Tür. Die Angst hatte ihr Gesicht hart gemacht. Sobald sie ihn sah, packte sie ihn an den Schultern.
«Wo bist du gewesen?»
Hälmeli erzählte von der Werkstatt und dem Wagner. Er berichtete auch von seiner Einladung.
Lina schloss für einen Moment die Augen.
«Hälmeli, wir haben kaum genug für uns.»
«Herr Thommen braucht nicht viel.»
«Darum geht es doch nicht.»
«Worum dann?»
Sie sah ihren Sohn an. Unter seinem Mantel ragte der Kopf des hölzernen Schafes hervor. Im Haus sang Marieli zum wiederholten Mal die erste Zeile ihres Weihnachtsliedes. Aus dem Kamin kam noch immer kein Rauch.
Linas Gesicht wurde weicher.
«Nun», sagte sie, «dann strecken wir eben die Suppe.»
Hälmeli stellte das Holzschaf auf die Fensterbank neben die rote Geranie. Dort wartete es auf den Heiligen Abend.
Am nächsten Morgen war die Fensterscheibe von innen gefroren. Lina musste das Eis mit dem Fingernagel wegkratzen, um nach draussen sehen zu können.
Das letzte Holzscheit brannte im Herd.
Sie rührte Mehl in Wasser, gab Salz und ein wenig von der Milch dazu, die eine Nachbarin gebracht hatte. Daraus entstanden sechs dünne Küchlein. Drei für die Kinder, eines für sie selbst, zwei für den Gast.
Falls er kam.
Hälmeli deckte den Tisch. Er stellte den vierten Stuhl an die Stirnseite und legte das Holzschaf davor.
Der Nachmittag verging. Die Dämmerung sank über das Tal. Von der Kirche her erklangen die Glocken. Ihr Klang wanderte über die verschneiten Dächer, stieg an den Hängen empor und verlor sich zwischen den dunklen Tannen.
Der Platz an der Stirnseite blieb leer.
«Er kommt noch», sagte Hälmeli.
Lina legte das zweite der beiden letzten Scheite in den Herd.
Die Kinder warteten. Marieli wurde müde und lehnte den Kopf an die Mutter. Draussen begann es wieder zu schneien. Grosse Flocken sanken durch das Licht des Fensters.
Als die Flammen kleiner wurden, holte Lina das letzte Scheit.
Sie hielt es eine Weile in den Händen.
Morgen würde der Herd kalt bleiben. Sie konnte mit den Kindern zu ihrer Schwester gehen. Dort lebten bereits sieben Menschen in drei Zimmern. Für einige Tage würde es gehen. Danach musste sie weitersehen.
«Jetzt essen wir», sagte sie.
In diesem Moment hörten sie draussen ein Scharren.
Dann ein dumpfes Poltern.
Hälmeli sprang auf und öffnete die Tür.
Vor dem Haus stand ein Schlitten. Darauf lag Holz, hoch aufgeschichtet und mit einem Seil festgebunden. Kurze, trockene Stücke aus der Wagnerwerkstatt, dazwischen dicke Scheite und Bretterenden. Genug für viele Wochen.
Hinter dem Schlitten stand Paul Thommen. Schnee lag auf seinem Hut und in seinem Bart. In der einen Hand trug er einen Sack, in der anderen ein Paar kleine Handschuhe.
Lina trat in die Tür.
«Herr Thommen …»
Der Alte hob die Hand.
«Das Holz nimmt mir Platz weg.»
Sein Blick wanderte zum Herd, in dem das letzte Scheit brannte.
«Dann kommt es zur rechten Zeit», sagte Lina.
Paul Thommen reichte Hälmeli die Handschuhe. Sie waren aus festem grauem Stoff gefertigt und innen mit weicher Wolle gefüttert.
«Die gehörten einmal meinem Buben.»
Hälmeli sah zu ihm auf.
Im Dorf hatte niemand von einem Sohn des Wagners gesprochen.
«Wo ist er?»
Paul Thommen nahm den Hut ab. Unter seinem Arm klebten feuchte Schneeflocken.
«Schon lange fort.»
Mehr sagte er nicht.
Lina öffnete die Tür weiter.
«Kommen Sie herein. Die Küchlein werden kalt.»
Paul Thommen blieb stehen. Er blickte in die Stube, auf die beiden Kinder und den gedeckten Tisch. Dann entdeckte er das Holzschaf an seinem Platz.
Jemand hatte ihm um den Hals einen roten Wollfaden gebunden.
«Das Schaf sitzt auf Ihrem Stuhl», sagte Hälmeli. «Sie müssen es ein wenig zur Seite schieben.»
Da ging etwas durch das Gesicht des alten Mannes. Es war rasch vorüber, doch Lina sah es. Ein Schmerz, den einer lange getragen hatte. Und dahinter etwas, das sich regte, zaghaft und fast vergessen.
Paul Thommen trat ein.
Er setzte sich an den Tisch, nahm das Schaf in die Hand und betrachtete den dunklen Riss auf seinem Rücken.
«Dieses Stück Birnbaumholz lag viele Jahre in meiner Werkstatt», sagte er. «Mein Sohn hat es damals ausgesucht. Ich versprach ihm, daraus ein Schaf für unsere Krippe zu schnitzen.»
Marieli war nun wieder wach.
«Warum haben Sie es erst jetzt gemacht?»
Der Wagner fuhr mit einem Finger über das fehlende Ohr.
«Manche Versprechen brauchen lange, bis sie ihren Weg finden.»
Lina stellte die Küchlein auf den Tisch. Paul Thommen öffnete seinen Sack. Zum Vorschein kamen Kartoffeln, ein Stück Speck, gedörrte Birnen und ein kleines Glas Honig.
«Das braucht mir ebenfalls alles Platz», sagte er.
Hälmeli lächelte.
Niemand widersprach ihm.
Später gingen Lina und der Wagner hinaus und trugen gemeinsam das Holz ins Haus. Hälmeli durfte die kleinen Stücke nehmen. Auch Marieli schleppte eines herein, kaum länger als ihr Arm.
Bald brannte im Herd ein kräftiges Feuer. Die Wärme kroch über den Boden, stieg an den Wänden hoch und löste das Eis an den Fensterscheiben. Kleine Tropfen liefen am Glas herab.
Paul Thommen sass am Tisch und schnitzte dem Schaf ein neues Ohr. Die Kinder standen neben ihm und sahen zu, wie unter seinen Händen aus einem unscheinbaren Stück Holz etwas Lebendiges entstand.
Als die Glocken zur Christnacht läuteten, war die rote Geranie am Fenster mit feinen Wassertropfen bedeckt. Das Schaf stand wieder auf der Fensterbank. Sein neues Ohr war ein wenig grösser als das alte, und der Riss zog sich weiterhin über seinen Rücken.
Doch nun trug es den Kopf aufrecht.
Am nächsten Morgen sahen die Leute im Dorf Rauch aus Linas Kamin steigen. Eine kräftige, helle Säule, die gerade in den Winterhimmel wuchs.
Von diesem Weihnachtsfest wurde später oft erzählt. Die einen sagten, der alte Wagner habe eine arme Familie vor der Kälte gerettet. Andere meinten, ein kleiner Junge habe einen einsamen Mann ins Leben zurückgeführt.
Hälmeli hätte über solche Fragen nur den Kopf geschüttelt.
Für ihn war die Sache einfach.
An Weihnachten hatte ein Schaf mit einem Riss seinen Platz an einer Krippe gefunden. Ein Mann hatte wieder an einem Tisch gesessen. Zwei Kinder hatten warme Hände. Und in einem kleinen Haus am Rand des Waldes brannte ein Feuer, das für alle reichte.







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