An einem Samstagvormittag ging Bruno Gysin durch die Liestaler Rathausstrasse. Er sass im Liestaler Einwohnerrat. Doch sein Blick ging inzwischen über das Rathaus hinaus: Nun spekulierte er auf ein Mandat im Landrat.
Er ging langsam. Das war Absicht. Wer in den Landrat gewählt werden will, darf es nie eilig haben. Eilige Menschen übersehen ihre Wähler.
Bruno übersah niemanden.
Er grüsste die Gemüsehändlerin, obwohl er ihren Namen vergessen hatte. Er schüttelte einem älteren Herrn die Hand, der ihn mit einem anderen Kandidaten verwechselte. Er lobte den Käse an einem Marktstand, ohne davon zu kosten. Käse hinterlässt einen Geruch im Mund, und Bruno hatte an diesem Vormittag noch mehrere Gespräche vor sich.
In drei Wochen waren Wahlen.
Sein Gesicht hing an Strassenlaternen, Gartenzäunen und Hauswänden. Auf den Plakaten lächelte er zuversichtlich. Das Lächeln sollte Tatkraft ausdrücken, hatte der Fotograf gesagt. Bruno fand, es drücke auch Menschlichkeit aus. Menschlichkeit war wichtig. Besonders vor Wahlen.
Auf Facebook setzte er sich für Familien, Senioren, das Gewerbe, die Natur und Tiere ein. Jeden Morgen veröffentlichte er einen klugen Satz. Manche hatte er selber geschrieben. Die übrigen stammten aus dem Internet.
«Menschlichkeit zeigt sich dort, wo wir Verantwortung übernehmen.»
So lautete sein Satz an diesem Samstag. Nach einer Stunde hatte er bereits siebenundvierzig Gefällt-mir-Angaben.
Bruno besass kein Haustier. Ein Hund war ihm zu aufwendig. Katzen mochte er ebenfalls nicht besonders. Die Katze des Nachbarn benutzte regelmässig sein frisch gehacktes Gartenbeet für Geschäfte, über die man in einer anständigen Geschichte besser schweigt.
Trotzdem galt Bruno als Tierfreund.
Er hatte einmal an einem Sponsorenlauf für ein Tierheim teilgenommen. Allerdings nur bis zur ersten Verpflegungsstation, weil es zu regnen begonnen hatte.
Kurz vor dem Törli blieb Bruno stehen.
Es war ein stattlicher Anblick, dieses alte Stadttor mit seinem Turm, der Uhr und den beiden bemalten Fassaden. Tausende Menschen gingen jedes Jahr darunter hindurch. Die meisten blickten geradeaus. Man kann schliesslich nicht ständig in die Höhe schauen. Sonst läuft man in einen Marktstand.
Bruno schaute hinauf.
Auf einem schmalen Vorsprung unterhalb des Daches sass eine Katze.
Sie war grau, eher klein und machte einen unzufriedenen Eindruck. Das tun Katzen häufig. Man weiss bei ihnen nie, ob sie leiden oder bloss über die Menschheit nachdenken.
Die Katze miaute.
Bruno legte den Kopf in den Nacken.
Die Katze miaute ein zweites Mal.
«Die Arme», sagte eine Frau neben ihm. Sie trug einen Korb mit Lauch, Rüebli und einem Brot.
Nun blickten auch andere Leute hinauf.
«Wie ist die dort hinaufgekommen?», fragte jemand.
«Katzen kommen überall hinauf», sagte ein älterer Mann.
«Aber kommt sie auch wieder hinunter?»
Darauf wusste der ältere Mann keine Antwort. Auch ältere Männer wissen nicht alles. Sie geben es bloss seltener zu.
Bruno betrachtete die Katze. Dann betrachtete er die Leute, die inzwischen stehen geblieben waren.
Es waren ungefähr zwölf.
Zwölf Menschen waren bereits eine kleine Öffentlichkeit.
Bruno zog sein Mobiltelefon aus der Jackentasche.
«Da müssen wir sofort etwas unternehmen», sagte er.
Er sagte es laut genug, damit alle zwölf Menschen es hören konnten.
«Die chunnt scho wieder abe», meinte der ältere Mann.
Bruno sah ihn streng an.
«Und wenn nicht?»
Der Mann zuckte mit den Schultern.
«Bis jetzt sind sie noch immer wieder heruntergekommen.»
Solche Sätze konnte Bruno nicht leiden. Sie waren kurz, vernünftig und für eine Rede vollkommen ungeeignet.
Bruno wählte die Nummer der Feuerwehr.
Während er wartete, fotografierte er die Katze. Sie war auf dem Bild kaum zu erkennen. Darum vergrösserte er den Ausschnitt, bis das Tier gross und der Turm klein erschien. Anschliessend schrieb er:
«Dramatische Situation am Liestaler Törli. Eine hilflose Katze sitzt in grosser Höhe fest. Ich habe die Rettungskräfte verständigt. Wir dürfen auch im Alltag nicht wegschauen!»
Darunter setzte er ein rotes Herz und ein Katzengesicht.
Dann veröffentlichte er den Beitrag.
Die ersten Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten.
«Bravo, Bruno!»
«Danke für deinen Einsatz!»
«Ein Politiker mit Herz!»
Dieser letzte Kommentar gefiel Bruno besonders gut. Er drückte sofort auf das kleine Herz darunter.
Inzwischen hatten sich mehr als dreissig Menschen vor dem Törli versammelt. Einige kamen von den Marktständen herüber. Andere blieben stehen, weil bereits so viele Leute dastanden. Wo Menschen in die Höhe schauen, schauen weitere Menschen ebenfalls in die Höhe. Es könnte schliesslich etwas herunterfallen.
Eine junge Frau begann zu filmen.
«Sind Sie der Mann, der die Feuerwehr gerufen hat?», fragte sie.
Bruno strich seine Jacke glatt.
«Man muss handeln, wenn ein Lebewesen in Gefahr ist», antwortete er. «Worte allein genügen nicht.»
Das war ein guter Satz. Er nahm sich vor, ihn später nochmals zu verwenden.
Von weitem ertönte ein Martinshorn.
«Sie kommen!», rief jemand.
Ein Feuerwehrfahrzeug bog in die Rathausstrasse ein. Wegen der Marktstände und der vielen Leute kam es nur langsam vorwärts. Händler rückten Kisten zur Seite. Ein Kinderwagen musste aus dem Weg geschoben werden. Ein Lieferwagen konnte weder vorwärts noch rückwärts fahren. Hinter ihm hupte jemand.
Die Katze sass noch immer auf ihrem Vorsprung.
Sie putzte sich eine Pfote.
Die Feuerwehrleute stiegen aus und blickten zum Turm hinauf. Einer sprach mit Bruno.
Bruno erklärte die Lage ausführlich. Er berichtete, wann er die Katze entdeckt hatte, wie oft sie miaut hatte und welchen Eindruck sie auf ihn machte.
«Sie ist zweifellos erschöpft», sagte er.
Der Feuerwehrmann blickte nach oben.
Die Katze wechselte gerade von der linken zur rechten Pfote.
«Seit wann sitzt sie dort?», fragte er.
Bruno sah auf die Uhr.
«Mindestens elf Minuten.»
Der Feuerwehrmann sagte nichts.
Die Drehleiter wurde ausgefahren. Das dauerte eine Weile, denn zwischen den Häusern war wenig Platz. Die Menschen rückten zurück. Einige stellten sich in Hauseingänge, andere auf die Treppen vor den Geschäften. Mobiltelefone wurden hochgehalten. Sogar der ältere Mann filmte nun. Vermutlich wollte er später beweisen, dass er recht gehabt hatte.
Bruno stellte sich so hin, dass man ihn zusammen mit dem Törli und der Drehleiter sehen konnte.
Eine Reporterin eines regionalen Nachrichtenportals war eingetroffen. Sie hielt ihm ein kleines Mikrofon hin.
«Herr Gysin, weshalb haben Sie die Feuerwehr alarmiert?»
Bruno blickte ernst.
«Wir tragen Verantwortung für die Schwächsten. Das gilt für unsere Gesellschaft und ebenso für unsere Mitgeschöpfe. Wer politische Verantwortung übernehmen möchte, darf im entscheidenden Augenblick nicht wegschauen.»
Die Reporterin nickte.
Bruno gefiel ihre Haltung.
«Sie kandidieren für den Landrat, richtig?»
«Das steht hier nicht im Vordergrund», sagte Bruno.
Er zog dabei unauffällig den Reissverschluss seiner Jacke etwas tiefer, damit der Anstecker seiner Partei besser sichtbar wurde.
Oben näherte sich der Korb der Drehleiter dem Turm.
Die Katze hörte auf, ihre Pfote zu putzen.
Sie sah den Feuerwehrmann an.
Der Feuerwehrmann hielt einen Sack bereit und sprach beruhigend auf sie ein.
Die Katze stand auf.
Unten hielt die Menge den Atem an.
Bruno trat einen halben Schritt näher zur Reporterin.
Die Katze streckte sich. Zuerst die Vorderbeine, dann den Rücken. Anschliessend lief sie über den Vorsprung bis zur Ecke des Turmes. Dort blieb sie kurz stehen.
«Vorsicht!», rief Bruno.
Die Katze sprang.
Eine Frau schrie auf.
Doch die Katze fiel nicht. Sie landete auf einem tiefer gelegenen Dach, lief über die Ziegel, sprang auf das Vordach eines angrenzenden Hauses und von dort auf einen Fenstersims.
Die Leute drehten die Köpfe wie Zuschauer bei einem Tennisspiel.
Vom Fenstersims gelangte die Katze auf eine Mauer. Sie balancierte ein paar Schritte, hüpfte auf einen Stapel leerer Marktkisten und landete schliesslich in der Rathausstrasse.
Die ganze Rettung hatte vielleicht zehn Sekunden gedauert.
Die Katze schüttelte sich.
Dann setzte sie sich hin.
Einen Augenblick lang betrachtete sie die Menschen, die Feuerwehr, die Drehleiter, die Reporterin und Bruno Gysin. Ihr Blick war ruhig. Fast schien es, als wolle sie wissen, weshalb all diese Leute ihre Mittagspause störten.
Der ältere Mann steckte sein Mobiltelefon ein.
«Han i doch gseit», sagte er.
Einige Leute lachten. Andere klatschten. Die Kinder jubelten.
Die Katze erhob sich, ging durch die Menge und verschwand unter dem Torbogen.
Der Feuerwehrmann stand noch immer mit dem Sack im Korb.
Die Reporterin wandte sich Bruno zu.
«Die Katze hat sich offenbar selber helfen können.»
Bruno lächelte.
Es war dasselbe Lächeln wie auf seinen Wahlplakaten. Nur die Menschlichkeit war daraus verschwunden.
«Entscheidend ist, dass dem Tier nichts passiert ist», sagte er.
«War der Feuerwehreinsatz Ihrer Meinung nach trotzdem gerechtfertigt?»
«Selbstverständlich. Wir konnten ja nicht wissen, dass sich das Tier plötzlich zu einem derart unberechenbaren Sprung entschliesst.»
Hinter der Reporterin kicherten zwei Jugendliche.
Brunos Mobiltelefon vibrierte ununterbrochen. Sein Beitrag wurde eifrig kommentiert.
«Katze rettet sich vor Bruno.»
«Wahlkampf mit Drehleiter.»
«Hoffentlich kandidiert die Katze auch.»
Jemand hatte bereits ein kurzes Video veröffentlicht. Es zeigte zuerst Brunos Satz über die Verantwortung für die Schwächsten und danach die Katze, die ohne fremde Hilfe auf die Strasse sprang. Das Video verbreitete sich schneller als seine Wahlwerbung.
Bruno löschte seinen Beitrag.
Dann steckte er das Mobiltelefon ein und ging davon. Er nahm einen Seitenweg, weil er nicht noch einmal durch die versammelte Menge gehen wollte.
Beim Weitergehen sah er die Katze vor einem Hauseingang sitzen. Sie leckte sich über die Brust und schenkte ihm keine Beachtung.
Bruno blieb stehen.
«Blödes Vieh», murmelte er.
Die Katze hob den Kopf.
Dann gähnte sie.
Am Montag reichte Bruno Gysin beim Einwohnerrat einen Vorstoss ein. Darin verlangte er Massnahmen gegen unbeaufsichtigte Katzen in der Liestaler Altstadt. Solche Tiere, schrieb er, könnten kostspielige Einsätze verursachen und die öffentliche Sicherheit gefährden.
Über seine Rettungsaktion verlor er kein Wort.
Die Katze wurde nie gefragt. Sie hätte vermutlich auch nichts dazu gesagt.
Katzen kandidieren nicht für den Landrat. Sie besitzen dafür zu viel Selbstachtung.







Wiedermal einfach brilliant! Danke.
Danke für die Blumen!
E Gschicht wo chönt us em Läbe si!