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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Als die Pferdestärken noch an Lederriemen hingen
Ein Mann in einer Lederschürze repariert einen Lederriemen an einem Geschirr in einer rustikalen Werkstatt, die voller Werkzeuge und Sättel ist. Sonnenlicht fällt durch eine offene Tür herein, hinter der draußen Pferde und ein Brunnen zu sehen sind, was die Geschichte des traditionellen Handwerks und der Pferdestärken direkt hinter der Schwelle heraufbeschwört.

Hölstein lebte im frühen 19. Jahrhundert von der Landwirtschaft, der Posamenterei und vom regen Verkehr über den Oberen Hauenstein. Beim Gasthof Rössli wurden erschöpfte Pferde ausgewechselt und zusätzliche Vorspannpferde bereitgestellt. Gleich dahinter befindet sich in unserer Geschichte die Werkstatt des Sattlers Jakob Gysin. Er ist eine erdachte Gestalt, könnte damals aber durchaus dort gearbeitet haben.

An diesem Morgen im Frühjahr 1825 hörte Jakob Gysin den Wagen, bevor er ihn sah. Das Knarren der Räder mischte sich mit dem Schnauben der Pferde und dem Fluchen des Fuhrmanns. Wer damals sein Brot auf der Strasse verdiente, durfte mit den Tieren geduldig sein. Mit der Strasse war das schon schwieriger.

Der Wagen kam aus Richtung Liestal und war schwer beladen. Zwei Pferde zogen ihn durch Hölstein. Ihre Köpfe hingen tief, an den Flanken klebte der Schweiss. Dabei lag der beschwerlichste Teil der Reise noch vor ihnen: der Weg über Waldenburg hinauf zur Passhöhe des Oberen Hauensteins und von dort weiter nach Langenbruck.

Wo Pferde gewechselt wurden

Vor dem Gasthof Rössli brachte der Fuhrmann sein Gefährt zum Stehen. Knechte führten die erschöpften Pferde in den Stall. Frische Tiere standen bereit. Bei schweren Wagen wurden zusätzliche Pferde vorgespannt. Nur mit ihrer Hilfe liessen sich die Lasten über den Berg bringen.

Hölstein war damals eine wichtige Station auf dem Weg über den Oberen Hauenstein. Durch das Dorf rollten Fuhrwerke mit Wein, Getreide, Salz, Tuchballen und Eisenwaren. Eine französische Aufschrift am Rössli erinnerte an die Bedeutung des Ortes: «Ici on prend des chevaux de relais pour la montagne de Hauenstein.» Hier erhielt man Wechselpferde für die Reise über den Hauenstein.

Ein Riemen für den Hauenstein

Gleich hinter dem Gasthof hatte Jakob Gysin seine Sattlerwerkstatt. Wo Pferde ein- und ausgespannt wurden, gab es immer etwas zu flicken: einen eingerissenen Riemen, eine verbogene Schnalle oder eine aufgeplatzte Naht. Manchmal hatte ein schlecht sitzendes Geschirr ein Pferd wund gescheuert.

An jenem Morgen erschien der Fuhrmann mit einem breiten Zugstrang. Das Leder war nahe der Schnalle fast vollständig durchgerissen.

«Damit komme ich nicht über den Berg», sagte er.

Gysin bog den Riemen und betrachtete die schadhafte Stelle. Ein rasch aufgesetzter Flicken mochte bis Waldenburg halten. Am steilen Aufstieg konnte er reissen. Dort stemmten sich die Pferde mit ihrem ganzen Gewicht ins Geschirr. Gab ein Zugstrang nach, konnte der Wagen zurückrollen oder seitlich ausbrechen.

Stich für Stich

In der Werkstatt roch es nach Leder, Wachs und Leim. An den Wänden hingen Halfter, Zügel, Gurten und Glockenriemen. Auf der Werkbank lagen Ahlen, Messer, Zangen, Hämmer und Locheisen. Ihre Holzgriffe waren vom langen Gebrauch dunkel und glatt geworden.

Der Sattler wählte ein kräftiges Stück Rindsleder aus. Mit dem halbmondförmigen Messer schnitt er einen neuen Abschnitt zu. Dann setzte er sich auf das Nährössli. Das Gestell hielt das Leder fest, sodass er beide Hände zum Nähen frei hatte.

Mit der Ahle stach Gysin die Löcher vor. Danach führte er zwei Nadeln von beiden Seiten durch dieselbe Öffnung. Stich um Stich entstand eine feste Sattlernaht. Der gewachste Faden glitt leichter durch das Leder und nahm weniger Feuchtigkeit auf.

Eilig durfte Gysin trotzdem nicht werden. Ein falsch gesetztes Loch blieb im Leder. Und eine schlechte Naht rächte sich meist dort, wo man es am wenigsten brauchen konnte: mitten am Berg.

Mehr als nur Sättel

Der Sattler lebte damals vor allem von den Pferden. Er fertigte Kummete, Zugstränge, Halfter, Zügel und die kräftigen Riemen, mit denen die Tiere vor Wagen und Karren gespannt wurden. Bauern brachten ihm beschädigtes Zaumzeug, Fuhrleute liessen abgenutzte Geschirre ausbessern. Auch Sättel, lederne Packtaschen und breite Glockenriemen für das Vieh gehörten zu seiner Arbeit.

Während Gysin arbeitete, wurde es vor dem Rössli lebendig. Der Wirt stellte dem Fuhrmann Brot, Käse und einen Schoppen Wein hin. Ein zweiter Wagen traf ein, aus Richtung Waldenburg kam ein Gespann talwärts. Hufe schlugen auf die Strasse, Ketten rasselten, Männer riefen einander Anweisungen zu.

Schliesslich zog Gysin den letzten Stich fest. Er prüfte die Naht, zerrte am Leder und brachte den Zugstrang hinaus. Vor dem Rössli standen vier frische Pferde. Sie scharrten mit den Hufen, als könnten sie es kaum erwarten, die Fuhre den Berg hinaufzuziehen.

Der Fuhrmann befestigte den reparierten Strang, kontrollierte die Riemen und stieg auf den Bock. Langsam setzte sich das Gespann in Bewegung. Vor ihm lagen Waldenburg, der Aufstieg zur Passhöhe und danach der Weg hinunter nach Langenbruck.

Gysin schaute dem Wagen einen Augenblick nach. Dann kehrte er in seine Werkstatt zurück. Der nächste gerissene Riemen wartete bereits.

Als die Pferde verschwanden

Mit dem Bau der Centralbahn in den 1850er-Jahren verlor der Verkehr über die Hauensteinstrasse an Bedeutung. Die später aufkommende Motorisierung liess Zugpferde und Fuhrwerke fast vollständig von den Strassen verschwinden. Damit verloren die Sattler einen grossen Teil ihrer bisherigen Arbeit. Manche wandten sich der Polsterei, der Innendekoration oder der Ausstattung von Fahrzeugen zu.

Ganz ausgestorben ist das Handwerk bis heute nicht. Es lebt in veränderter Form weiter – auch wenn kaum mehr jemand daran denkt, dass einst ein sorgfältig vernähter Lederriemen darüber entscheiden konnte, ob Mensch, Tier und Ladung sicher über den Berg kamen.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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