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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der erste Kuhreihen
In der Abenddämmerung stellen vier Menschen in einer Berghütte am Feuer Käse her; ihr Lachen hallt wider wie ein „automatisch gespeicherter Entwurf“ der Freude. Einer spielt auf dem Alphorn, und die Töne schweben durch die Bergluft. In der Nähe weiden Kühe mit Glocken im Vollmondlicht, während sich schneebedeckte Gipfel und ein Flusstal in die Ferne erstrecken.

Es gab eine Zeit, da klang in den Alpen manches anders als heute. Die Bäche rauschten wie immer talwärts, der Wind strich über die Matten, und die Kuhglocken begleiteten den Tag mit ihrem hellen Geläut. Doch den Kuhreihen, jenen eigentümlichen Gesang, der weit über Alpen und Grate zieht und bis heute manchem das Herz bewegt, kannte damals noch niemand.

Auf einer abgelegenen Alp im Haslital hütete ein junger Senn namens Res seine Herde.

Es war Hochsommer. Die Tage waren lang, das Gras stand hoch, und die Kühe gaben reichlich Milch. An einem Abend, nachdem die Tiere gemolken waren und langsam wieder über die Weiden zogen, blieb Res noch eine Weile vor seiner Hütte stehen.

Über den Gipfeln lag das letzte Alpenglühen. Die Felsen schimmerten rosafarben, und selbst die Schneefelder wirkten für einen kurzen Augenblick warm. Res dachte an seine Liebste auf der Seealp. Wie jeden Abend rief er ihr den Alpsegen hinüber. Ob sie ihn wohl gehört hatte, wusste er nicht.

Dann trank er noch eine Schale frische Milch, stieg auf den Heuboden und legte sich schlafen.

Mitten in der Nacht fuhr er hoch.

Die Tür der Alphütte war aufgesprungen.

Unten am Herd flackerte Feuer.

Res setzte sich auf und lauschte. Stimmen waren keine zu hören. Nur das Knistern des Holzes und das leise Klirren von Gerätschaften.

Vorsichtig beugte er sich über den Rand des Heubodens.

Drei fremde Männer standen in seiner Hütte.

Der erste war gross wie ein Tannenstamm. Seine Schultern füllten beinahe den ganzen Raum. Mit ruhigen Bewegungen hängte er den schweren Käsekessel über das Feuer, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan.

Der zweite war jung und auffallend blass. Sein helles Haar schimmerte beinahe golden im Feuerschein. Er trug die Milchkübel herbei und goss ihren Inhalt sorgfältig in den Kessel.

Der dritte sass schweigend beim Feuer. Er war in grünes Gewand gekleidet wie ein Jäger. Lange blickte er wortlos in die Glut, ehe er ein kleines Fläschchen hervorzog und einige rote Tropfen in die Milch fallen liess.

Res wagte kaum zu atmen.

Wer waren diese Männer?

Wie waren sie mitten in der Nacht auf seine Alp gelangt?

Er wollte aufstehen und sie zur Rede stellen. Doch etwas hielt ihn zurück.

Da nahm der Goldhaarige ein kunstvoll gewundenes Horn zur Hand.

Wie von selbst öffnete sich die Tür der Hütte.

Der junge Mann trat hinaus.

Im nächsten Augenblick erklangen Töne, wie Res sie noch nie gehört hatte.

Es war kein Lied und doch Gesang.

Kein Jauchzer und doch mehr als ein Jauchzer.

Die Melodie stieg leicht empor wie eine Lerche über den Matten. Dann senkte sie sich wieder, langsam und weit, als trüge sie die Sehnsucht aller Täler in sich. Freude und Wehmut gingen darin Hand in Hand.

Res spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief.

Draussen begannen sich die Kühe zu sammeln.

Als hätten sie auf diesen Ruf gewartet, kamen sie von allen Seiten her zur Hütte. Ihre Glocken mischten sich in die Melodie. Kleine Schellen klingelten hell, die grossen Treicheln antworteten mit tiefem, ruhigem Klang.

Der Gesang schwebte über die Alp hinaus.

Von den Felswänden kam ein Echo zurück. Es war, als würden die Berge selbst mitsingen.

Noch einmal hob der junge Fremde sein Horn an die Lippen.

Dieses Mal klangen die Töne langsamer.

Sie breiteten sich über Grate und Täler aus, glitten über Wälder und Alpweiden, bis Himmel und Erde für einen Augenblick nur noch aus Klang zu bestehen schienen.

Res hatte noch nie etwas Schöneres gehört.

Schliesslich kehrte der Fremde in die Hütte zurück.

Inzwischen hatte der riesenhafte Mann den Käsebruch fertig gerührt. Er schöpfte die Schotte in drei hölzerne Gefässe.

Res rieb sich die Augen.

Im ersten schimmerte die Flüssigkeit tiefrot.

Im zweiten leuchtete sie grün wie frisches Frühlingsgras.

Im dritten war sie weiss wie eben gefallener Schnee.

Da durchbrach eine mächtige Stimme die Stille.

«Komm herunter, Res.»

Dem jungen Sennen stockte der Atem.

Woher kannten diese Fremden seinen Namen?

Zögernd stieg er die Leiter hinunter.

Die drei Männer warteten bereits auf ihn.

Der Riese deutete auf die drei Gefässe.

«Du darfst wählen», sagte er. «Aber bedenke deine Entscheidung gut.»

Dann trat er vor das rote Gefäss.

«Trink daraus», sagte er, «und du wirst stärker sein als jeder andere Mensch. Niemand wird dir widerstehen können. Dazu schenke ich dir hundert prächtige Kühe. Schon morgen werden sie auf deiner Alp weiden.»

Res blickte in die rote Milch. Sie schimmerte wie Abendlicht auf den Felsen.

Nun trat der Mann im grünen Gewand vor.

Mit einer Handbewegung liess er einen Haufen Gold- und Silbermünzen zu Boden rieseln. Die Münzen funkelten im Feuerschein, als wären kleine Sterne in die Hütte gefallen.

«Wähle die grüne Schale», sagte er. «Du wirst reich sein. Reicher, als du es dir heute vorstellen kannst. Nie mehr wirst du Sorgen um Geld oder Besitz haben.»

Nun blieb nur noch der junge Mann mit den goldenen Haaren.

Er lehnte ruhig auf seinem Horn und wartete einen Augenblick, ehe er sprach.

«In der weissen Schale findest du weder Macht noch Reichtum.»

Seine Stimme war leise.

«Doch wenn du daraus trinkst, wirst du singen können wie die Berge, jodeln wie der Wind und auf dem Alphorn Melodien spielen, die den Menschen das Herz öffnen.»

Mehr sagte er nicht.

Res schaute von einer Schale zur anderen.

Die rote versprach Kraft.

Die grüne versprach Wohlstand.

Die weisse versprach etwas, das man weder zählen noch besitzen konnte.

Er dachte an die Abende auf der Alp. An das Läuten der Glocken. An den ersten Sonnenstrahl auf den Gipfeln. An den Ruf seiner Liebsten von der Nachbaralp.

Und an jene Melodie, die eben noch über die Berge gezogen war.

Sie war schöner gewesen als alles Gold dieser Welt.

Langsam hob Res die weisse Schale an die Lippen.

Die Milch schmeckte frisch. Nach Alpkräutern, Sommer und Heu. Ganz gewöhnliche Milch – und doch war sie anders.

Der Goldhaarige lächelte.

«Du hast gut gewählt.»

Dann nahm er das Horn und reichte es dem jungen Sennen.

«Hättest du Macht oder Reichtum gewählt, wäre dein Leben bald zu Ende gegangen. Diese Gabe aber bleibt bei den Menschen. Sorge gut zu ihr.»

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, flackerte das Feuer ein letztes Mal auf.

Als Res blinzelte, war die Hütte leer.

Kein Fremder war mehr zu sehen.

Der Käsekessel hing wieder an seinem Platz.

Nur das Alphorn lag noch auf der hölzernen Bank.

Am nächsten Morgen erwachte Res mit dem ersten Licht.

Für einen Augenblick glaubte er, alles nur geträumt zu haben.

Doch das Horn lag noch immer neben ihm.

Er trat vor die Hütte.

Die Sonne schob sich eben über die Bergkämme. Tau glitzerte im Gras, und aus der Ferne war das Läuten der ersten Glocken zu hören.

Res hob das Horn an den Mund.

Er wusste nicht, wie man darauf spielte.

Er blies einfach hinein.

Da erklang dieselbe Melodie, die ihn in der Nacht tief im Herzen berührt hatte.

Sie stieg über die Alp empor, schwang sich von Fels zu Fels und breitete sich über die Täler aus.

Die Kühe hoben die Köpfe.

Die Vögel verstummten für einen Augenblick.

Und von der Seealp her antwortete eine vertraute Stimme.

Seine Liebste hatte den Ruf gehört.

Sie sang dieselbe Melodie zurück.

Von Alp zu Alp fand der Gesang seinen Weg.

Andere Sennen hörten ihn, lernten ihn und gaben ihn weiter. Jeder sang ihn ein wenig anders. Doch immer erzählte er von denselben Dingen: von der Heimat, von den Bergen, von der Freude und auch von der Sehnsucht.

So wanderte der Kuhreihen über Generationen hinweg durch die Alpen.

Und wer ihn heute hört, mag darin noch etwas von jener Sommernacht vernehmen, als ein junger Senn zwischen Macht, Reichtum und Musik wählen durfte – und sich für das entschied, was bis heute in den Herzen der Menschen weiterklingt.

Die Geschichte basiert auf der Erzählung «Die Entstehung des Kuhreihens» von Meinrad Lienert (1865–1933). Für BodeständiX habe ich sie neu erzählt und sprachlich behutsam bearbeitet. 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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