Es lebte einmal ein König, dem das Glück von Kindesbeinen an treu ergeben war.
Schon seine Wiege hatte in einem hellen Gemach gestanden, dessen Fenster weit über grüne Wälder und silbern schimmernde Flüsse blickten. Seine Eltern liebten ihn, seine Lehrer lobten ihn, und als er zum Manne herangewachsen war, vermählte er sich mit einer Königin, die ebenso klug wie gütig war. Bald wurde ihnen ein Sohn geboren, und im ganzen Land läuteten die Glocken.
Auch sonst meinte es das Leben gut mit ihm. Die Felder trugen reichlich Korn, in den Werkstätten herrschte reges Schaffen, und die Grenzen des Reiches blieben sicher. Wenn der König durch die Dörfer ritt, standen die Menschen am Weg und grüssten ihn. Er hörte Kinder lachen, sah volle Marktkörbe und glaubte, sein Land sei glücklich, weil er selbst es war.
Es fehlte ihm an nichts.
Und gerade das begann ihn zu beunruhigen.
Eines Abends sass der König mit seiner Gemahlin am Feuer. Draussen lag Schnee auf den Zinnen des Schlosses, und die Flammen warfen rote Schatten an die Wand.
«Kennst du das Leid?», fragte er plötzlich.
Die Königin sah von ihrer Stickerei auf.
«Wer könnte behaupten, es ganz zu kennen?»
«Ich kenne es nicht», sagte der König. «Ich habe nie gehungert, nie gefroren und nie um einen Menschen geweint, den ich liebte. Selbst meine Wunden heilten rasch. Man nennt mich einen guten König. Wie aber soll ich die Menschen verstehen, wenn mir das Schwerste ihres Lebens fremd ist?»
Die Königin legte die Arbeit beiseite.
«Man muss sich nicht verbrennen, um zu wissen, dass Feuer schmerzt.»
«Doch wer das Feuer nur vom Kamin her kennt, spricht leicht von seiner Wärme.»
Von diesem Abend an liess ihn der Gedanke nicht mehr los.
Er begann, die Alten an seinem Hof zu befragen. Er sprach mit Soldaten, die aus dem Krieg zurückgekehrt waren, mit Witwen, die ihre Männer verloren hatten, und mit Bauern, denen der Hagel die Ernte zerschlagen hatte.
Sie alle erzählten ihm vom Leid.
Der eine sprach davon wie von einer schweren Last. Ein anderer nannte es einen dunklen Gast, der ungefragt eintrete und oft länger bleibe, als man ertragen könne. Eine alte Frau sagte, das Leid sei wie ein Winter, bei dem niemand wisse, ob noch einmal Frühling werde.
Der König hörte aufmerksam zu. Doch je mehr er hörte, desto stärker wuchs in ihm der Wunsch, selbst zu erfahren, wovon die Menschen sprachen.
Er glaubte, das Leid sei ein verborgenes Land, das ein mutiger Mann bereisen könne. Man müsse nur den Weg finden, eine Zeit lang darin ausharren und danach reicher an Erkenntnis zurückkehren.
Eines Morgens liess der König verkünden, dass er ausreiten werde, um das Leid zu suchen.
Die Königin erschrak.
«Rufe nicht nach etwas, das froh sein sollte, wenn es an deiner Tür vorübergeht.»
«Ich muss wissen, was es ist.»
«Man kann das Leid nicht besuchen wie einen fremden Hof. Wenn es kommt, bestimmt es selbst, wann es wieder geht.»
Der König lächelte und küsste ihre Stirn.
«Sorge dich nicht. Ich bin stärker, als du glaubst.»
Am Schlosstor begegnete ihm ein alter Bettler. Der Mann sass in einen zerrissenen Mantel gehüllt auf einem Stein. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen.
«Wohin reitet Ihr, mein König?»
«Ich suche das Leid.»
Der Bettler hob langsam den Kopf.
«Dann reitet zurück.»
«Warum?»
«Weil Ihr Glück habt.»
Der König musste lachen.
«Gerade deshalb ziehe ich aus. Mein Leben war leicht. Nun will ich erfahren, was die Menschen schwer macht.»
«Das Leid ist kein Lehrmeister, den man bestellt», sagte der Alte. «Es fragt nicht, was Ihr lernen wollt. Es nimmt, was ihm gefällt.»
Der König griff in seine Tasche und warf ihm ein Goldstück hin.
«Wenn ich zurückkehre, werde ich dich besser verstehen.»
Der Bettler betrachtete das Goldstück, das vor seinen Füssen im Schnee lag.
«Wenn Ihr zurückkehrt», sagte er, «werdet Ihr wissen, dass Verstehen keinen Wert hat, solange man den Menschen nicht ansieht.»
Doch der König hatte sein Pferd bereits angetrieben.
Viele Wochen ritt er durch sein Reich und über dessen Grenzen hinaus.
Er schlief in Wäldern, überquerte reissende Flüsse und geriet in einen Sturm, der Bäume entwurzelte. Einmal verirrte er sich im Gebirge und musste drei Tage lang von hartem Brot und geschmolzenem Schnee leben.
«Nun kenne ich die Entbehrung», sagte er.
Aber als die Sonne wieder schien und er in einem Gasthaus eine warme Mahlzeit erhielt, war die Entbehrung vorüber.
Später schloss er sich unerkannt einer Gruppe von Soldaten an. Er kämpfte gegen Räuber, wurde an der Schulter verwundet und lag mehrere Tage mit Fieber in einer Hütte.
«Nun kenne ich den Schmerz», sagte er.
Doch die Wunde heilte, und bald sass er wieder fest im Sattel.
Er sah Armut, Krankheit und Tod. Er sprach mit Menschen, die alles verloren hatten. Am Abend dachte er über ihre Schicksale nach, und am Morgen zog er weiter.
Allmählich wurde er ungeduldig.
«Ich habe das Leid gesucht», sagte er, «doch überall finde ich nur seine Spuren.»
So gelangte er eines Tages in einen Wald, der auf keiner seiner Karten verzeichnet war.
Je tiefer der König in den Wald ritt, desto enger standen die Bäume. Ihre Äste griffen ineinander und liessen kaum noch Licht hindurch. Kein Vogel sang. Selbst der Wind schien diesen Ort zu meiden.
Als die Dämmerung hereinbrach, hörte der König hinter sich Hufschläge.
Er wandte sich um.
Zwischen den Stämmen erschien ein Ritter auf einem schwarzen Pferd. Sein Mantel war dunkel wie eine mondlose Nacht. Unter dem geschlossenen Visier war kein Gesicht zu erkennen.
«Wer seid Ihr?», rief der König.
Der Ritter hielt sein Pferd an.
«Du hast nach mir gerufen.»
Die Stimme war weder laut noch drohend. Gerade deshalb liess sie den König frösteln.
«Seid Ihr das Leid?»
«So nennen mich die Menschen.»
Der König richtete sich im Sattel auf.
«Ich habe lange nach Euch gesucht.»
«Ich weiss.»
«Warum habt Ihr Euch mir nicht früher gezeigt?»
Der schwarze Ritter schwieg eine Weile.
«Weil ich dein Freund war.»
Der König glaubte, sich verhört zu haben.
«Mein Freund?»
«Jeder Tag, an dem ich nicht an deine Tür klopfte, war ein Geschenk. Jede Nacht, in der du ruhig schlafen konntest, war meine Freundschaft. Jedes Lachen deines Kindes, das keine Träne unterbrach, war meine Abwesenheit.»
Der König spürte, wie sein Mut zu schwinden begann.
«Ich wollte Euch kennenlernen, damit ich weiser werde.»
«Die Menschen geben mir gern edle Namen, solange ich bei anderen wohne. Sie nennen mich Prüfung, Läuterung oder Schule. Doch wenn ich mich an ihr eigenes Bett setze, bitten sie mich nur noch, wieder zu gehen.»
«Ich werde Euch ertragen.»
Da hob der schwarze Ritter die Hand.
«Das sagen viele, die noch wählen können.»
Plötzlich wurde es vollkommen dunkel.
Der König fühlte einen kalten Schlag gegen die Brust. Er wollte nach den Zügeln greifen, doch seine Hände gehorchten ihm nicht mehr. Er rief nach seinem Pferd, nach seinen Dienern, nach der Königin.
Aus der Ferne hörte er noch einmal die Stimme des schwarzen Ritters.
«Du wolltest wissen, wer ich bin. Nun werde ich dich begleiten.»
Dann verlor der König das Bewusstsein.
Als er erwachte, lag er auf feuchtem Boden.
Über ihm ragten die Mauern seines eigenen Schlosses auf. Das grosse Tor war nur wenige Schritte entfernt. Der König wollte sich erheben, doch seine Beine trugen ihn nicht. Sein linker Arm lag reglos neben ihm, und als er um Hilfe rief, kam nur ein heiseres Flüstern über seine Lippen.
Seine kostbaren Kleider waren verschwunden. Er trug einen schmutzigen Mantel und zerrissene Schuhe. Sein Gesicht, das er in einer Pfütze erblickte, war eingefallen und von Narben entstellt.
Zwei Wachen kamen aus dem Tor.
Der König kannte beide. Er hatte dem einen nach vielen Dienstjahren eine höhere Stellung gegeben. Dem anderen hatte er einst die Strafe erlassen, als dieser während der Nachtwache eingeschlafen war.
«Helft mir», sagte der König. «Ich bin euer Herr.»
Die Wachen lachten.
«Unser König ist vor Monaten ausgezogen», sagte der eine.
«Und er sieht gewiss nicht aus wie du», fügte der andere hinzu.
«Bringt mich zur Königin.»
«Die Königin empfängt keine Bettler.»
«Dann ruft den Hauptmann. Er wird mich erkennen.»
Die Wache stiess ihn mit dem Fuss zur Seite.
«Fort mit dir. Der Weg zum Tor muss frei bleiben.»
Der König lag im Schmutz und sah den Männern nach.
Zum ersten Mal in seinem Leben begriff er, dass ein Mensch recht haben und dennoch niemanden finden konnte, der ihm glaubte.
Von nun an lebte der König vor den Mauern seines Schlosses.
Manchmal brachte ihm eine Magd eine Schale Suppe. Zuweilen warf ihm ein Vorübergehender eine Münze hin. Die meisten Menschen gingen an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen.
Er hörte ihre Gespräche.
«Unser König war ein guter Mann», sagten sie. «Er hatte ein Herz für die Armen.»
Dann traten sie über seine ausgestreckte Hand hinweg.
An Festtagen wurden im Schloss grosse Mahlzeiten ausgerichtet. Der Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot zog bis vor das Tor. Übrig gebliebene Speisen wurden in Körben hinausgetragen. Doch der Verwalter hatte angeordnet, sie den Hunden zu geben.
«Für die Armen gibt es eine Zuständigkeit», erklärte er. «Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach etwas bekäme?»
Der König hörte diese Worte und erinnerte sich an die vielen Verordnungen, die er unterzeichnet hatte. Alles war wohlgeordnet gewesen: die Armenfürsorge, die Krankenstuben, die Aufnahme der Heimatlosen. Er hatte Listen gesehen und Zahlen geprüft. Er hatte geglaubt, damit sei geholfen.
Nun lag er vor seinem eigenen Tor und erfuhr, dass eine Ordnung vollkommen aussehen und dennoch an einem Menschen vorbeigehen konnte.
Im Winter wurde sein Körper schwächer. An manchen Morgen wusste er nicht, ob er die nächste Nacht erleben würde.
Der schwarze Ritter sass dann bisweilen auf einem Stein am Waldrand. Kein anderer schien ihn zu sehen.
«Ist es genug?», fragte der König.
«Du hast mich gerufen», antwortete der Ritter.
«Ich bereue es.»
«Das ist noch keine Erkenntnis.»
«Was wollt Ihr von mir?»
«Nichts. Das Leid will nichts. Es ist da.»
Eines Frühlingstages öffnete sich das Schlosstor, und der junge Prinz kam mit seinem Lehrer heraus. Der Knabe war gewachsen. Er trug ein hölzernes Schwert an der Seite und sprach so lebhaft, dass der Lehrer kaum mit ihm Schritt halten konnte.
Als er den Bettler sah, blieb er stehen.
«Warum liegt dieser Mann hier?»
«Er behauptet, er sei der König», sagte die Wache. «Ein armer Irrer.»
Der Prinz trat näher.
«Mein Vater ist der König.»
«Das weiss ich», flüsterte der Bettler.
Der Knabe betrachtete das entstellte Gesicht. Dann setzte er sich neben ihn auf den Boden.
Der Lehrer räusperte sich.
«Ein Prinz sitzt nicht im Schmutz.»
«Dieser Mann liegt darin», sagte der Knabe. «Dann kann ich wohl eine Weile darin sitzen.»
Er reichte dem Bettler einen Apfel.
«Erzähle mir von meinem Vater.»
Der König nahm den Apfel mit seiner einzigen beweglichen Hand.
«Er war ein glücklicher Mann», begann er. «Doch er wusste sein Glück nicht zu erkennen. Er glaubte, man könne das Leid suchen, um daran zu wachsen.»
«Und hat er es gefunden?»
«Ja.»
«Kommt er zurück?»
Der König sah hinauf zu den Fenstern des Schlosses.
«Er ist längst zurückgekehrt. Aber niemand erkennt ihn.»
Der Prinz schwieg.
«Das klingt wie ein trauriges Märchen.»
«Die traurigsten Märchen», sagte der König, «sind jene, die niemand für wahr hält.»
Von diesem Tag an kam der Prinz immer wieder. Er brachte Brot, setzte sich neben den Bettler und liess sich Geschichten erzählen. Der König berichtete ihm von seiner Reise, vom Wald und vom schwarzen Ritter. Er erzählte auch von Dingen, die nur ein Vater über seinen Sohn wissen konnte: von dem Holzpferd, das der Prinz als kleiner Junge unter seinem Bett versteckt hatte, von seiner Angst vor dem Donner und von einem Lied, das der König ihm früher jeden Abend vorgesungen hatte.
Eines Tages fragte der Knabe:
«Woher kennst du dieses Lied?»
Der König antwortete nicht. Er begann zu singen.
Seine Stimme war brüchig und leise, doch die Melodie blieb dieselbe.
Der Prinz sprang auf und lief ins Schloss.
Am nächsten Morgen kam die Königin zum Tor.
Sie schritt langsam auf den Bettler zu. Hinter ihr gingen der Prinz, der Hauptmann und mehrere Diener. Die Wachen standen mit gesenktem Blick daneben.
Lange betrachtete die Königin den Mann im zerrissenen Mantel.
Sie suchte in seinem Gesicht nach dem Gemahl, den sie gekannt hatte. Doch das Leid hatte seine Züge verändert. Das Haar war grau geworden, der Mund schief, und in seinen Augen lag eine Müdigkeit, die früher nicht darin gewesen war.
«Mein Sohn sagt, du seist sein Vater.»
«Er hat ein gutes Herz», sagte der Bettler. «Glaube ihm dies nicht nur deshalb.»
Die Königin kniete vor ihm nieder.
«Wenn du mein Gemahl bist, dann nenne mir etwas, das nur wir beide wissen.»
Der König schwieg lange.
Dann sagte er:
«In der Nacht vor unserer Hochzeit wolltest du fliehen.»
Die Umstehenden blickten erschrocken zur Königin.
Der König fuhr fort:
«Du hattest Angst, keine gute Königin zu werden. Ich fand dich im Rosengarten. Du sagtest, ein Land brauche eine Frau, die keine Zweifel kenne. Ich antwortete dir, ein Mensch ohne Zweifel sei für einen Thron gefährlicher als ein Mensch ohne Krone.»
Die Königin hob die Hand an den Mund.
«Und was sagte ich darauf?»
«Du sagtest: Dann werden wir wohl gemeinsam zweifeln müssen.»
Jetzt erkannte sie ihn.
Sie erkannte ihn weder an seinem Gesicht noch an seiner Gestalt. Sie erkannte ihn an einem Augenblick, den nur die beiden miteinander geteilt hatten.
Die Königin nahm ihn in die Arme.
«Ich habe dich gesucht», flüsterte sie.
«Und ich lag vor deiner Tür.»
In diesem Augenblick stand der schwarze Ritter unter den Bäumen. Der König sah ihn, doch er fürchtete sich nicht mehr.
Der Ritter neigte den Kopf.
«Kennst du mich nun?»
«Nein», sagte der König. «Aber ich weiss, was deine Nähe mit einem Menschen macht.»
«Das genügt.»
Dann wandte sich der schwarze Ritter um und ritt in den Wald zurück.
Der König wurde in das Schloss getragen. Die besten Ärzte des Landes behandelten ihn. Mit der Zeit gewann sein Arm einen Teil seiner Kraft zurück, und mit einem Stock konnte er wieder einige Schritte gehen. Seine frühere Gestalt aber erhielt er nicht wieder.
Er blieb gezeichnet.
Manche am Hof bedauerten das. Sie hätten lieber erlebt, wie sich der zerlumpte Bettler durch einen Zauber in den strahlenden König von einst verwandelte.
Der König widersprach ihnen.
«Was wäre meine Reise wert, wenn keine Spur von ihr bliebe?»
Er liess am Schlosstor eine Bank aufstellen. Daneben wurde ein Dach errichtet, damit niemand mehr im Regen warten musste. Jeder Mensch, der ein Anliegen hatte, durfte dort vorsprechen. An jedem ersten Tag des Monats setzte sich der König selbst auf diese Bank.
Seine Räte fanden das wenig königlich.
«Ihr könnt Euch unmöglich jede Geschichte anhören», sagten sie.
«Das kann ich nicht», antwortete der König. «Aber ich kann damit beginnen.»
Auch die Armenhäuser besuchte er nun ohne Gefolge. Er setzte sich an die Betten der Kranken und fragte nicht zuerst nach ihren Namen, ihrer Herkunft oder ihrer Schuld. Er fragte:
«Was ist euch geschehen?»
Und dann hörte er zu.
Der alte Bettler, dem er vor seiner Abreise ein Goldstück hingeworfen hatte, sass eines Tages wieder am Schlosstor.
Der König erkannte ihn sofort.
«Du hast mich gewarnt.»
«Warnungen sind leichte Worte», sagte der Alte. «Man kann sie hören und dennoch weiterreiten.»
Der König setzte sich neben ihn.
«Damals glaubte ich, ich müsste das Leid erfahren, um die Menschen zu verstehen.»
«Und heute?»
«Heute weiss ich, dass mein eigenes Leid mich nicht von selbst gut gemacht hat. Es hätte mich ebenso bitter und hart machen können. Erst die Hand meines Sohnes und die Liebe meiner Frau führten mich zurück.»
Der Bettler nickte.
«Dann habt Ihr mehr gelernt, als Ihr gesucht habt.»
Der König blickte auf die Menschen, die vor dem Tor warteten. Einige waren krank, andere arm, verzweifelt oder einsam. Früher hätte er in ihnen eine Aufgabe seines Amtes gesehen. Nun sah er Gesichter.
Viele Jahre später, als der König gestorben war, erzählten die Menschen noch von ihm. Sie sprachen von seiner glücklichen Jugend, von seinem Verschwinden und von dem Bettler, der eines Tages vor dem Schlosstor gelegen hatte.
Die einen hielten die Geschichte für wahr. Die anderen nannten sie ein Märchen.
Doch im ganzen Reich blieb ein alter Brauch bestehen: Kein Mensch durfte von einer Tür fortgeschickt werden, bevor man seine Geschichte angehört hatte.
Und wenn jemand sein Glück gering achtete oder das Leid anderer allzu rasch als nützliche Prüfung bezeichnete, sagte man zu ihm:
«Rufe nicht nach dem schwarzen Ritter. Sei dankbar, solange er an deinem Hause vorüberreitet.»







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