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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Seilerin von Onoldswil
Eine ältere Frau zeigt wütend mit dem Finger auf einen älteren Mann in einem rustikalen Seilerin-Zimmer und schreit ihn an. Der Mann ballt die Fäuste und schreit zurück. An der Wand hängen Seile, und beide tragen altmodische Kleidung - vielleicht streiten sie sich in Onoldswiler Tradition.

Als im Herbst der Wind durch die enge Strasse von Onoldswil fuhr und das alte Friedhofstor vom St. Peter ächzte, sagten die Alten, man könne manchmal ein fernes Pochen hören – als schlüge jemand leise gegen Holz.

Niemand wusste mehr genau, wann sich die Geschichte ereignet hatte. Es war wohl in jener Zeit, da die Fuhrwerke noch schwer beladen über den Oberen Hauenstein zogen und das Seilerhandwerk im Tal ein gutes Auskommen bot.

Einer dieser Seiler wohnte an der Strasse, wo die Fuhrleute anhielten, um Seilwerk zu kaufen oder einen Krug sauren Most zu trinken. Ein stiller, bedächtiger Mann war er – doch seine Frau Mechthild, so erzählte man, war von ganz anderem Schlag.

In jenen Tagen war das Seilerhandwerk ein ehrbares Gewerbe. Die Wagen, die von Basel her durchs Waldenburgertal zogen, waren schwer beladen: Salz, Tuch, Wein. Damit die Fracht sicher über den Oberen Hauenstein kam, brauchte es starkes Seilwerk, und der Seiler von Onoldswil verstand sein Handwerk.
Er war ein stiller, verlässlicher Mann, der mit festem Griff die Hanffasern spannte, sie drehte und zu kräftigen Strängen flocht. Wer bei ihm kaufte, wusste, was er bekam: ehrliche Ware, sauber gearbeitet.

Nur eines trübte das Geschäft – seine Frau Mechthild.

Mechthild war nicht faul und nicht dumm, aber sie war eine, die überall das letzte Wort haben musste. Schon am Morgen, wenn sie die Türläden aufstiess, tönte ihre Stimme die Strasse hinunter. Sie wusste alles besser: wie man Seile trocknete, wie man Pferde beschlug, ja selbst, wie der Pfarrer seine Predigt hätte kürzer halten sollen.

Wenn ihr Mann unterwegs war, sass sie in der Seilerei und wachte über das Geschäft – oder besser gesagt: über jene, die sich hineinzutrauen wagten. Denn wehe dem Fuhrmann, der zur falschen Stunde vor die Tür trat!

«Was wollt Ihr?», fauchte sie, noch ehe er den Hut gezogen hatte.
«Ein Stück Seilwerk, gute Frau.»
«Gute Frau? Ich bin nicht Eure gute Frau! Und was wusstet Ihr schon von gutem Seil?»

Manche drehten da schon wieder um, und wer blieb, bekam den Rest ihres Unmuts gleich mitgeliefert. Bald sprach sich herum, dass in Onoldswil eine Seilerin hauste, die lieber stritt als spann.

Eines Spätsommertages, als der Himmel schon nach Regen roch, kam ein fremder Fuhrmann durchs Tal. Seine Pferde waren müde, die Ladung schwankte bedenklich. Die Seile, mit denen er seine Fässer befestigt hatte, waren rissig wie altes Leder.

Er sah das Schild der Seilerei, zügelte die Pferde und trat ein.
«Hättet Ihr Seil zu verkaufen?», fragte er höflich.
Mechthild, die gerade Hanf fasste, musterte ihn von oben bis unten.
«Seil? Für Euch?» Sie lachte scharf. «Das hielt keine Stunde, bei dem, wie Ihr bindet. Da taugte höchstens ein Strick – aber nicht zum Laden.»

Der Fuhrmann errötete, blieb aber ruhig. «Ich fragte nur nach dem Preis.»
«Der Preis? Ihr wolltet feilschen, wie alle Eure Sorte. Wenn Ihr billig wolltet, gingt nach Basilea! Dort bekämet Ihr Seil genug, das risse, noch ehe Ihr den Berg hinauf wärt!»

Er biss die Zähne zusammen. «Ich zahlte, was recht ist. Aber reden konntet Ihr, als wäret Ihr der Teufel im Hanf.»
Da war es um Mechthild geschehen. Sie hob den Arm, um ihm zu drohen – doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie rang nach Atem, wurde bleich und fiel mitten in der Werkstatt zu Boden.

Der Fuhrmann wich erschrocken zurück, rief nach Hilfe, doch niemand kam. Als der Seiler heimkehrte, fand er seine Frau leblos, die Augen weit offen, als wolle sie noch immer widersprechen.

Man sprach von einem Schlaganfall, andere sagten, der Zorn habe ihr das Herz zerrissen. Der Pfarrer nickte nur ernst und murmelte, man solle sie rasch bestatten – «damit sie Ruhe fände, und andere auch».

Am nächsten Tag trug man Mechthild zu Grabe. Der Himmel war grau, ein kalter Wind blies über den Kirchhof von St. Peter. Der Seiler stand schweigend, der Fuhrmann, der sie zuletzt gesehen hatte, betete still. Dann schaufelte der Totengräber die Erde über den Sarg, und das Dorf kehrte zur Tagesordnung zurück.

Doch in der Nacht hörten zwei Fuhrleute, die über die alte Landstrasse zogen, ein seltsames Geräusch vom Friedhof her: ein dumpfes, unregelmässiges Klopfen, als schlüge jemand gegen Holz. Dazu ein leises Wimmern, das der Wind über die Wiesen trug.

Am nächsten Tag erzählten sie im Wirtshaus davon. Einige lachten, andere bekreuzigten sich. Schliesslich ordnete der Pfarrer an, das Grab zu öffnen – nur, um den Spuk zu beenden.

Was sie fanden, liess selbst die härtesten Männer verstummen.
Die Tote lag nicht mehr auf dem Rücken, sondern auf dem Bauch. Ihre Hände waren zerkratzt, die Nägel abgebrochen. Der Deckel des Sarges zeigte Spuren von innen.

Der Seiler fiel auf die Knie, und keiner sprach mehr von Wut oder Strafe. Nur der Pfarrer schloss den Sarg wieder – diesmal doppelt fest.

Seit jener Zeit mied man den Friedhof nach Einbruch der Dunkelheit. Und wer spät heimkam, meinte bisweilen, eine Frauenstimme im Wind zu hören – scharf und ungeduldig wie damals:
«Ich will das letzte Wort!»

 

2 Kommentare

  1. peter staehelin

    Guten Tag Hanspeter. Ein Seiler spielte auch in Waldenburg eine wichtige Rolle bei der Industrialisierung.

    Grüsse. Peter

  2. Hanspeter Gautschin

    Das stimmt. Es war der Vater von Gedeon Thommen. Und auch Gedeon erlernte zuerst den Beruf des Seilers!

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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