Mitten in Ziefen stand die Schmiede des Samuel Henny, 1785–1861, an einem besonders belebten Ort. Bauern, Pferdehalter und Fuhrleute waren auf die Geschicklichkeit des Dorfschmieds angewiesen. In seiner Werkstatt entstanden Hufeisen und Beschläge; hier wurden Werkzeuge geschärft, Wagen repariert und eiserne Radreifen aufgezogen.
In früheren Zeiten besass praktisch jedes Dorf im Oberbaselbiet eine eigene Schmiede. Dafür gab es guten Grund: Pferde mussten regelmässig beschlagen, Pflugscharen geschärft, gebrochene Achsen repariert und die Eisenbeschläge der hölzernen Wagen erneuert werden. Ohne den Dorfschmied gerieten Landwirtschaft und Fuhrverkehr rasch ins Stocken.
Ziefen besass sogar zwei Schmieden. Die ältere Obere Schmitte der Familie Müller musste später dem Strassenbau weichen. Die jüngere Untere Schmitte gehörte der Familie Henny. Dort versah Samuel Henny diese für das Dorf unentbehrliche Aufgabe. Seine Schmiede stand an einer der belebtesten Stellen des Dorfes: im Mitteldorf zwischen Ober- und Unterdorf, eingezwängt zwischen Bach und Hauptstrasse und direkt gegenüber der Einmündung der Lupsingerstrasse. Hier kamen Menschen und Fuhrwerke aus verschiedenen Richtungen zusammen, während das Schlagen des Hammers weithin zu hören war.
Die Jahreszahl 1837 und die Initialen SH erinnern an eine kleine Schmiede, die Samuel Henny damals errichten liess. Nach der Begradigung und Einfassung des Baches im Jahr 1844 wurde der Vorplatz so eng, dass Henny ein grösseres Haus mit Werkstatt und Wohnung direkt auf die Bachmauern bauen durfte.
Bottenwagen durchs «Fünflibertal»
Für Samuel Henny hätte die Lage kaum günstiger sein können. Im sogenannten «Fünflibertal», wie das Reigoldswilertal im Volksmund heisst, herrschte ein reger Verkehr. Bottenwagen fuhren regelmässig durch Ziefen nach Basel. Sie sammelten in den Dörfern die fertig gewobenen Seidenbänder der Heimposamenter ein und lieferten sie bei den Basler «Bändeliherren» ab. Auf dem Rückweg brachten sie neues Arbeitsmaterial, vor allem Seidengarn, sowie die Lohngelder für die Weberfamilien mit.
Die Botten waren auf zuverlässige Wagen und gesunde Pferde angewiesen. Ein lockeres Hufeisen, eine gebrochene Achse oder ein beschädigtes Rad konnte die Fahrt für Stunden unterbrechen. Entsprechend häufig hielten die Fuhrleute bei Samuel Henny an.
Feuer, Eisen und Hammerschläge
In der Schmiede brannte die Esse schon früh am Morgen. Henny legte das Eisen in die glühenden Kohlen, gab weiteres Brennmaterial darüber und führte dem Feuer mit dem Blasebalg Luft zu. Damit die Kohlen nicht zu rasch verbrannten, besprengte er sie gelegentlich mit Wasser. Dabei entstand ein beissender Rauch, der sich mit dem Geruch von heissem Eisen und verbranntem Horn vermischte.
Sobald das Werkstück gelblich glühte, zog der Schmied es mit der Feuerzange aus der Esse und legte es auf den Amboss. Mit kräftigen und genau gesetzten Hammerschlägen streckte, bog und formte er das Eisen. Funken sprühten durch die Werkstatt. Zwischendurch drehte er das Werkstück mit der Zange, betrachtete es und legte es wieder ins Feuer. Dies wiederholte sich, bis es die gewünschte Form erhalten hatte.
Das Arbeitsfeld des Dorfschmieds war breit. Er fertigte Hufeisen, Nägel, Haken, Ketten, Türbänder und Beschläge. Er schärfte Äxte, Beile und Hacken, richtete verbogene Pflugscharen und setzte beschädigte Geräte der Bauern instand.
An einem neuen Leiterwagen stammten fast alle Eisenteile aus seiner Werkstatt: die Beschläge an der Deichsel, die Reifen um die Radnaben, die Achsteile und die eiserne Winde am hinteren Ende des Wagens. Löcher wurden mit glühenden Dornen ausgebrannt oder später mit einer von Hand angetriebenen Bohrmaschine gebohrt.
Wenn das Pferd neue Eisen brauchte
Zu den wichtigsten Arbeiten des Dorfschmieds gehörte der Hufbeschlag. Das Pferd wurde vor der Schmiede angebunden, während der Besitzer oder ein Gehilfe ein Bein anhob. Henny löste zuerst die Nägel und nahm das abgenutzte Eisen ab. Danach schnitt er den Huf mit der Hufzange zurecht und bearbeitete ihn mit Raspel und Hufmesser.
Das neue Hufeisen erhitzte er in der Esse und passte es auf dem Amboss der Form des Hufes an. Beim kurzen Aufsetzen des heissen Eisens auf die Hornsohle stieg Rauch auf, begleitet vom unverkennbaren Geruch nach verbranntem Horn.
Sass das Eisen richtig, befestigte es der Schmied mit langen Hufnägeln. Deren Spitzen traten seitlich aus der Hufwand hervor, wurden abgezwickt, umgebogen und sorgfältig vernietet. Nicht jedes Pferd liess diese Behandlung geduldig über sich ergehen. Besonders beim Anheben der Hinterbeine waren Ruhe, Erfahrung und bisweilen ein kräftiger Griff gefragt.
Die Kunst des Radreifens
Eine weitere anspruchsvolle Arbeit war das Aufziehen eines Eisenreifens auf ein hölzernes Wagenrad. Zuerst wurde das Rad vor der Schmiede waagrecht festgespannt. Kleine Holzklötze unter den Fugen sorgten dafür, dass die einzelnen Felgenteile genau auf gleicher Höhe lagen.
Gleichzeitig erhitzten der Schmied und sein Geselle den vorbereiteten Eisenring in der Esse. Durch die Hitze dehnte sich das Metall aus.
War der richtige Augenblick gekommen, fassten die beiden Männer den glühenden Reifen mit langen Zangen, trugen ihn nach draussen und legten ihn über das Rad. Mit Hebelzangen zogen sie das Eisen auf die hölzerne Felge. Das Holz begann zu qualmen. Wasser zischte über den heissen Reifen, und dichter Dampf stieg auf.
Beim Erkalten zog sich das Eisen zusammen und presste Felgenstücke und Speichen fest ineinander. Wenige Minuten entschieden darüber, ob das Rad wieder jahrelang hielt oder die ganze Arbeit misslungen war.
Der Takt des Dorfes
So gab die Schmiede im Ziefener Mitteldorf über Jahrzehnte den Takt an. Vom ersten Hammerschlag am Morgen bis zum Erlöschen der Esse sorgte Samuel Henny dafür, dass Pferde, Wagen und Geräte ihren Dienst weiterhin verrichten konnten.
Solange die Strassen vom Hufschlag und dem Rumpeln schwerer Wagen erfüllt waren, blieb seine Arbeit für das Dorf und den Verkehr durchs Tal unentbehrlich.
Ein Handwerk verschwindet
Doch das Rad der Zeit drehte sich weiter. Die hölzernen Räder mit ihren Eisenreifen wurden durch Metallräder mit Pneus ersetzt, und die Pferde mussten auf den Feldern den Traktoren Platz machen.
Manche Dorfschmieden im Oberbaselbiet entwickelten sich zu Schlossereien oder Reparaturwerkstätten für Landmaschinen, andere stellten ihren Betrieb ein. Damit verschwand aus vielen Dörfern ein vertrauter Klang: das Hämmern des Schmieds auf dem Amboss.







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