Von Martin Birmanns Jugend ist eine Begebenheit überliefert, die 1897 unter dem Titel «Eine einfache, aber wahre Geschichte» veröffentlicht wurde. Ob sich jedes Einzelne genau so zugetragen hat, lässt sich heute kaum mehr feststellen. Die Lebensumstände des Rünenberger Knaben und sein späterer Weg sind jedoch gut dokumentiert. Die folgende Geschichte verbindet die alte Überlieferung mit den belegten Stationen seines Lebens.
Es war im Sommer 1844. Auf einer steilen Strasse im Baselbieter Jura arbeitete sich eine herrschaftliche Kutsche bergwärts. Zwei Pferde lagen im Geschirr. Der Wagen war schwer, die Steigung lang, und die Abendsonne stand noch immer warm über den Hängen.
Im Innern sass eine vornehme Dame. Sie trug schwarze Kleider und hatte ihr Gesicht hinter einem Schleier verborgen. Auf dem Kutschbock sass der Fahrer in Livree, aufrecht und würdevoll, als gehe ihn die Mühe der Pferde wenig an.
Ein Stück weiter unten kam ein Knabe denselben Weg herauf.
Er war schmal und für sein Alter eher klein. Auf dem Rücken trug er seinen Schultornister. Dazu hatte man ihm Kaffee, Öl und allerlei Waren aufgeladen, die im Dorf bestellt worden waren. Am meisten drückte ihn ein eisernes Ofengestell, das quer auf seiner Schulter lag.
Der Knabe hiess Martin Grieder und kam aus Rünenberg.
Er war unterwegs nach Hause.
Als die Kutsche ihn einholte, blieb er am Strassenrand stehen. Solche Wagen bekam man in Rünenberg selten zu sehen. Die Beschläge glänzten, das Lederzeug war gepflegt, und selbst die Räder wirkten vornehmer als manches Fuhrwerk, das sonst durch die Dörfer rumpelte.
Martin betrachtete den Kutscher, die verschleierte Frau und zuletzt die beiden Pferde.
Die Tiere schnaubten schwer. Ihre Flanken waren feucht, und unter ihren Hufen lösten sich kleine Steine aus dem Weg.
Wenig später hielt die Kutsche an.
Die Pferde sollten verschnaufen. Doch der Wagen stand mitten in der Steigung. Damit er nicht zurückrollte, mussten sich die Tiere mit gespreizten Beinen gegen das Geschirr stemmen.
Der Kutscher blieb auf seinem Sitz.
Martin wartete einen Augenblick. Dann stellte er seine Last ab, suchte am Wegrand einen grossen Stein und schob ihn hinter eines der Hinterräder.
Der Wagen stand fest.
Die Pferde liessen die Köpfe sinken und konnten ausruhen.
Der Kutscher sah kurz zurück. Er sagte nichts.
Als es weiterging, nahm Martin seine Sachen wieder auf und folgte der Kutsche. Sie war schneller als er, doch bald musste sie erneut halten.
Wieder legte der Knabe einen Stein unter das Rad.
So ging es mehrmals, bis der höchste Punkt der Strasse erreicht war.
Anfangs hatte der Kutscher geglaubt, der Bub treibe irgendeinen Unfug. Schon hatte er nach der Peitsche gegriffen. Nun begriff er, was hinter dem Wagen geschah, und erzählte seiner Herrin davon.
Die Dame schob den Schleier zur Seite und wandte sich um.
Da stand Martin mit seinem Schultornister, dem eisernen Gestell und den Waren für das Dorf. Er war ausser Atem, doch er lächelte.
Die Frau hob die Hand und winkte ihm zu.
Dann fuhr die Kutsche davon.
Martin sah ihr nach, bis sie hinter einer Biegung verschwand. Danach lud er sich seine Bürde wieder auf und ging weiter nach Rünenberg.
Für ihn war die Sache damit erledigt.
Er hatte gesehen, dass die Pferde Hilfe brauchten. Also hatte er geholfen.
Ein Bub aus Rünenberg
Martin war am 26. November 1828 geboren worden. Sein Vater Johannes Grieder war Kleinbauer und Posamenter. Die Mutter Elisabeth, eine geborene Buser aus Diepflingen, arbeitete vom frühen Morgen bis spät in die Nacht.
Fünf Söhne mussten ernährt werden.
Das Geld war knapp, das Essen ebenso. Die Milch wurde tropfenweise verteilt. Martin war der Älteste und verzichtete öfter auf seinen Anteil, damit für die kleineren Brüder etwas mehr blieb.
Sobald er kräftig genug war, half er im Haus und auf dem Feld. Wobei «kräftig genug» bei armen Leuten eine dehnbare Formulierung war. Wer zwei Hände hatte, konnte etwas tragen. Wer aufrecht gehen konnte, fand Arbeit.
Martin fiel früh durch seine rasche Auffassungsgabe auf. Bereits im Alter von fünf Jahren durfte er die Dorfschule besuchen. Was andere Kinder mühsam lernen mussten, begriff er oft auf Anhieb.
Eines Tages kam der neue Schulinspektor Hermann Kettiger nach Rünenberg.
Kettiger prüfte die Klasse und wurde auf den schmächtigen Buben aufmerksam. Er erkannte dessen Begabung und setzte sich dafür ein, dass Martin die Bezirksschule in Böckten besuchen durfte.
Nicht alle im Dorf hielten das für eine gute Idee.
Was sollte aus einem armen Bauernbuben werden, der zu lange auf der Schulbank sass? Auf einem Hof gab es genug zu tun. Bücher brachten weder Heu in die Scheune noch Brot auf den Tisch.
Kettiger blieb hartnäckig.
So machte sich Martin fortan mit drei anderen Rünenberger Knaben täglich auf den Weg nach Böckten. Die Strecke war weit. Seine Schuhe trug er häufig in der Hand oder band sie an den Schulsack, damit die Sohlen länger hielten. Erst kurz vor dem Schulhaus zog er sie an.
Bei Regen suchte er unter Bäumen und bei Heuhäuschen Schutz. Meist sass er danach trotzdem in nassen Kleidern im Unterricht.
Er lernte weiter.
Schon bald war er der Beste seiner Klasse. Seine Lehrer freuten sich über seine Leistungen, auch wenn nicht jeder von ihnen wusste, wie man mit einem armen Schüler umzugehen hatte. Manchmal wurde Martin zurückgesetzt oder dem Spott der Mitschüler preisgegeben.
Er biss die Zähne zusammen.
Nach der Schule erledigte er Botengänge für die Leute im Dorf. In Rünenberg gab es keinen Laden, in dem alles erhältlich war. Darum trug Martin aus Gelterkinden herauf, was gebraucht wurde: Kaffee, Öl, Gewürze, Werkzeug und andere Dinge.
An Sonntagen fertigte er aus Karton Federschachteln, Brieftaschen und Kästchen für Schmetterlinge. Diese verkaufte er an Mitschüler.
Vom Erlös kaufte er Hefte, Bücher und kleine Kleidungsstücke. Manchmal brachte er seiner Mutter ein halbes Pfund Kaffee mit.
Das war für sie ein Festtag.
Kettiger gibt nicht auf
Hermann Kettiger wollte Martin zum Lehrer ausbilden lassen. Doch der erste Plan scheiterte, weil der Junge das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht hatte. Ein weiterer Versuch misslang, weil am Seminar kein Platz frei war.
Martin arbeitete kurze Zeit bei einem Gerichtsschreiber in Sissach. Daneben lernte er weiter.
Zu Hause wurde allmählich gemurrt. Der Bub sei auf einem falschen Weg. Er werde durch die viele Schule für das gewöhnliche Leben verdorben. Manche sprachen bereits von einer verfehlten Erziehung.
Kettiger liess sich auch davon nicht beirren.
Er verschaffte Martin einen Platz am Pädagogium in Basel. Zehn Rünenberger Männer erklärten sich bereit, für die Kosten zu bürgen.
Im Sommer 1845 zog der Sechzehnjährige in die Stadt.
Sein erstes Quartier fand er bei einem Onkel an der Steinenbrücke. Der Mann arbeitete in einer Fabrik und trank mehr, als ihm und seiner Familie guttat. Für Martin blieb ein Lattenverschlag auf dem Estrich.
Dort schlief er.
Die Stadt eröffnete ihm eine Welt, die er aus Rünenberg kaum kannte. Es gab Buchhandlungen, grosse Schulhäuser, Professoren, Fabriken und Menschen, die über Dinge sprachen, von denen er bisher nur gelesen hatte.
Die Armut war mit ihm nach Basel gekommen.
Am Pädagogium arbeitete er so fleissig, dass seine Lehrer auf ihn aufmerksam wurden. Sie vermittelten ihm Privatstunden, vor allem in Mathematik. Damit verdiente er Geld für Bücher, bessere Kleider und den Lateinunterricht, den er für ein Theologiestudium brauchte.
Im Juni 1846 konnte er sein elendes Quartier verlassen.
Er zog zu Ulrich Mohler aus Gelterkinden, der vor dem Spalentor ein Landgut der Familie Birmann-Vischer bewirtschaftete. Dort erhielt Martin eine helle Stube.
Warm war sie im Winter trotzdem kaum.
Manchmal fror die Tinte im Fass. Martin stellte sie über eine kleine Flamme, bis sie wieder flüssig wurde, und schrieb weiter.
Sein Tag bestand aus Unterricht, Lernen und Privatstunden. Er verlangte seinem Körper mehr ab, als dieser auf Dauer tragen konnte.
Manchmal überfiel ihn eine schwere Mutlosigkeit. Dann verliess er das Haus und wanderte ohne Ziel durch die Umgebung der Stadt.
Der Tag im Herrschaftsgarten
Am 27. September 1847 ging Martin durch den Garten des Landgutes.
Dort sah er Peter Birmann am Boden liegen. Der bekannte Landschaftsmaler und Besitzer des Gutes war unter tragischen Umständen aus dem Leben geschieden.
Neben ihm kniete seine Frau Juliane.
Martin blieb wie angewurzelt stehen.
Er sah die Frau über dem Toten, und für einen Augenblick verloren seine eigenen Sorgen ihre Schwere. Was bedeuteten ein kaltes Zimmer, ein leerer Magen oder gefrorene Tinte angesichts dieses Verlustes?
Das Erlebnis ging ihm lange nach.
Auch Juliane Birmann-Vischer bemerkte den jungen Mann, der im benachbarten Lehenhaus wohnte. Sie war kinderlos und hatte in ihrem Leben bereits viel verloren. Nun war auch ihr Mann tot.
Zwischen der vereinsamten Frau und dem armen Studenten entstand langsam eine Verbindung.
Juliane erkundigte sich nach seinem Leben. Sie hörte von Rünenberg, vom Schulweg nach Böckten, von Kettiger und von den Botengängen nach Gelterkinden. Sie erfuhr, wie Martin in Basel lebte und wie hart er für seine Ausbildung arbeitete.
Sie begann, ihm zu helfen.
Anfangs hielt sie sich im Hintergrund. Sie sorgte dafür, dass Bücher bezahlt wurden, dass er bessere Kleidung erhielt und nicht jeden freien Augenblick mit Privatstunden verbringen musste.
Martin nahm die Hilfe dankbar an. Leicht fiel ihm das nicht. Wer früh gelernt hat, für alles selbst aufzukommen, empfindet selbst eine ausgestreckte Hand bisweilen als Prüfung.
Im Mai 1848 begann er an der Universität Basel Theologie zu studieren.
Am Neujahrstag 1849 nahm Juliane Birmann ihn ganz in ihr Haus auf.
Aus der Gutsbesitzerin wurde eine mütterliche Freundin. Aus dem Kostgänger wurde ein Hausgenosse. Mit den Jahren wuchs daraus etwas, das beiden lange gefehlt hatte: eine Familie.
Ein anderer Weg
Martin studierte zwei Jahre in Basel und setzte seine Ausbildung später gemeinsam mit seinem Freund Jonas Breitenstein in Göttingen fort.
Im August 1852 bestand er seine Prüfungen mit höchstem Erfolg. Nach einer Probepredigt in Lausen wurde er am 30. August in Liestal ordiniert.
Nun hätte er Pfarrer werden können.
Doch Martin kannte die Not der Baselbieter Familien. Er wusste, wie ein begabtes Kind übersehen wurde, wenn die Eltern arm waren. Er wusste auch, wie rasch ein Bub als unnütz galt, sobald er mehr lernen wollte, als man ihm zugestand.
Im Baselbiet lebten damals viele Kinder in bitteren Verhältnissen. Gemeinden brachten sie bei Familien unter, die für ein möglichst kleines Kostgeld sorgten. Manche Kinder fanden ein gutes Zuhause. Andere wurden als billige Arbeitskräfte gebraucht, schlecht ernährt und kaum zur Schule geschickt.
Der Armenerziehungsverein suchte jemanden, der sich dieser Kinder annahm.
Martin Grieder übernahm die Aufgabe.
Er wurde der erste Armeninspektor des Kantons Basel-Landschaft.
Von nun an war er unterwegs. Er ging von Dorf zu Dorf, besuchte Pflegefamilien, sprach mit Pfarrern, Lehrern und Gemeindebehörden. Er sah in Küchen und Schlafkammern, fragte nach dem Schulbesuch und hörte den Kindern zu.
Das tat nicht jeder.
Manche empfanden seine Besuche als Einmischung. Andere merkten bald, dass der junge Inspektor die Verhältnisse kannte. Ihm konnte man wenig vormachen. Er wusste, wie Armut roch, wie Hunger aussah und wie ein Kind sprach, das sich vor den Erwachsenen fürchtete.
Gemeinsam mit Hermann Kettiger besuchte er Spitäler, Gefängnisse und Erziehungsanstalten in der Schweiz. Daraus entstand der Plan für eine eigene Einrichtung im Baselbiet.
Am 3. Oktober 1853 wurde in Augst eine Erziehungsanstalt für Knaben eröffnet.
Martin war damals noch keine fünfundzwanzig Jahre alt.
Aus Grieder wird Birmann
Am 26. November 1853, an Martins fünfundzwanzigstem Geburtstag, nahm Juliane Birmann ihn an Kindesstatt an.
Martin Grieder hiess fortan Martin Birmann.
Er erhielt damit auch das Basler Bürgerrecht. Wichtiger war ihm, dass die Verbindung zu seiner Pflegemutter nun einen rechtlichen Ausdruck gefunden hatte.
Juliane hatte einen Sohn.
Martin hatte eine zweite Mutter.
Seine Herkunft vergass er deswegen keinen Augenblick. Der Rünenberger Bub blieb in ihm lebendig. Er begleitete ihn in die Sitzungszimmer, in die Amtsstuben und später bis nach Bern.
Martin Birmann wirkte über drei Jahrzehnte im Landrat. Er setzte sich für ein besser geordnetes Armenwesen, für Schulen und für menschenwürdigere Zustände im Kantonsspital ein.
Gerade das Spital war für ihn eine persönliche Sache.
Sein Vater war später geisteskrank geworden und unter entwürdigenden Bedingungen im alten Spital untergebracht worden. Martin hatte den Raum gesehen, in dem man die Kranken verwahrte. Dieses Bild verliess ihn nie mehr.
Er kämpfte für Verbesserungen, für getrennte Abteilungen und für eine würdigere Behandlung der Kranken.
Auch bei der Gründung der Waldenburgerbahn wirkte er mit und stand der Gesellschaft zeitweise als Präsident vor. In der basellandschaftlichen Hypothekenbank half er Menschen, die ohne eigenes Verschulden in Not geraten waren.
1869 wurde Martin Birmann in den Ständerat gewählt.
Dort trat er als Vermittler auf. Parteigänger war er keiner. Er kümmerte sich bevorzugt um Fragen, bei denen Schwächere Unterstützung brauchten. Die Wiedereinführung der Todesstrafe lehnte er entschieden ab.
1884 wurde er einstimmig zum Präsidenten des Ständerates gewählt.
Ein Jahr später verlieh ihm die Universität Basel die Ehrendoktorwürde. Martin Birmann hatte sich neben seiner politischen und sozialen Arbeit intensiv mit der Geschichte seines Heimatkantons beschäftigt. Er sammelte Urkunden, schrieb über Dörfer, Kirchen und Menschen und setzte sich für die Ordnung des Staatsarchivs ein.
Die Liebe zum Baselbiet blieb der Grundton seines Lebens.
Bei der Feier zum fünfzigjährigen Bestehen des Kantons sagte er 1882 in der Liestaler Kirche:
«Dieses Vaterland zu lieben, mit jugendlicher Inbrunst zu lieben, macht unser eigenes Leben reich an Glück.»
Was von einem Stein bleibt
Martin Birmann starb am 19. August 1890. Man bestattete ihn auf dem Friedhof von Kilchberg.
Viele Jahre waren vergangen, seit der Rünenberger Bub schwer beladen hinter einer Kutsche hergegangen sein soll.
Ob es jene Kutsche gegeben hat, ob die verschleierte Dame tatsächlich Juliane Birmann war und ob sie den Knaben später wiedererkannte, bleibt offen. Die ausführlichen Lebensbeschreibungen erzählen ihre erste Annäherung anders.
Doch die alte Geschichte wurde nicht ohne Grund weitererzählt.
Sie fasst in einem einzigen Bild zusammen, was Martin Birmann sein Leben lang tat.
Er sah, wo Kräfte schwanden. Er bemerkte, wenn jemand abzurutschen drohte. Dann wartete er selten auf den Kutscher.
Er suchte einen Stein und legte ihn unter das Rad.







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