Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Früher waren die Kinder auch nicht besser
Vier Jungen lachen und zeigen auf einen älteren Mann, der nass in einem Steinbrunnen vor einem rustikalen Haus sitzt. Herbstblätter liegen verstreut um ihn herum – eine sanfte Erinnerung daran, dass früher die Kinder auch nicht besser waren.

Seit Menschengedenken glauben Erwachsene, die Kinder seien früher besser erzogen gewesen. Sie hätten gegrüsst, gehorcht und den älteren Leuten mit Respekt Platz gemacht.

Das lässt sich leicht behaupten. Die Zeugen der eigenen Streiche sind meistens ebenfalls alt geworden und schweigen aus wohlverstandenem Eigeninteresse.

Mein Götti war in dieser Hinsicht ehrlicher. Er war ein wortkarger Mann, der Schweigen nie als Lücke empfand, die unbedingt gefüllt werden musste.

Wenn wieder einmal über die verdorbene Jugend geklagt wurde, lächelte er und sagte:

«Wir waren keinen Deut besser.»

An jenem Tag erzählte er mir die Geschichte vom Chnächtli. Es war das einzige Mal, dass er so ausführlich von seiner eigenen Kindheit sprach.

Mein Götti, Jahrgang 1912, war damals etwa zehn Jahre alt. Dass er später selbst Lokomotivführer der Waldenburgerbahn werden würde, konnte er noch nicht ahnen. Es war Anfang der 1920er-Jahre. Das Waldenburgerli dampfte durchs enge Tal und machte dabei einen Lärm, der in keinem Verhältnis zu seiner Grösse stand. Wenn es herannahte, sangen die Schienen. Die Lokomotive pfiff, Rauch zog über die Hausdächer, und in manchen Stuben klirrten die Gläser im Schrank.

Auf einem Bauernhof im Dorf arbeitete das Chnächtli.

Niemand nannte es anders. Einen richtigen Namen musste es einmal besessen haben. Möglicherweise stand er in einem Taufregister. Im Dorf war er verloren gegangen. Wenn eine Kuh kalbte, ein Wagen im Dreck stecken blieb oder ein Baumstamm vom Hang geschafft werden musste, rief der Bauer nach dem Chnächtli.

Und das Chnächtli kam.

Jung war es schon lange nicht mehr. Es war lang und hager, hatte ein von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht und einen breiten Mund, in dem nur noch wenige braune Zähne standen. Seine Hände waren gross, die Finger krumm, die Nägel schwarz gerändert. Mit diesen Händen molk es Kühe, mistete den Stall aus, spaltete Holz, mähte Gras und schleppte Säcke, die zwei andere Männer lieber zu zweit trugen.

Das Chnächtli arbeitete vom frühen Morgen bis zum Abend. Sein Lohn bestand aus Kost, Unterkunft und ein paar Franken. Viel brauche es ja nicht, hiess es. Dieser Satz wurde früher gerne über Menschen gesagt, die wenig bekamen.

Hinter dem Stall besass es eine kleine Kammer. Darin standen ein Strohsack, eine Holzkiste und eine Waschschüssel. Die Waschschüssel fing hauptsächlich das Regenwasser auf, das durch die Decke tropfte.

Das Chnächtli hielt wenig vom Waschen.

Dafür trank es gerne. In seiner Kiste lag eine flache Flasche mit selbst gebranntem Kirsch. Ein Schluck half gegen die Kälte, einer gegen das Bauchweh und einer beim Einschlafen. Für die Stunden dazwischen fanden sich ebenfalls gute Gründe.

So entwickelte das Chnächtli einen Geruch, der im Dorf einen beträchtlichen Bekanntheitsgrad erreichte. Stall, Schweiss, feuchte Wolle, kalter Tabak und Kirsch waren darin eine feste Verbindung eingegangen. Dieser Geruch kam gewöhnlich etwas früher um die Ecke als sein Besitzer.

Nun darf man sich die Menschen der 1920er-Jahre geruchlich nicht allzu rosig vorstellen. Wer den ganzen Tag im Stall, auf dem Feld oder in einer Werkstatt arbeitete, trug den Geruch seiner Arbeit auf der Haut und in den Kleidern. Doch selbst in dieser wenig zimperlichen Zeit fiel das Chnächtli auf. Wo andere nach einem langen Arbeitstag rochen, verbreitete es schon am Morgen den Duft einer ganzen Arbeitswoche.

Die Erwachsenen verzogen das Gesicht, und die Kinder hielten sich die Nase zu und riefen dem Chnächtli nach.

Sie fragten, wann es zuletzt gebadet habe. Sie behaupteten, sogar die Schweine würden vor ihm davonlaufen. Dann warteten sie, bis es wütend wurde.

Das geschah zuverlässig.

Das Chnächtli schimpfte, hob die Faust und jagte hinter ihnen her. In seinen schweren Nagelschuhen kam es nie weit. Die Buben kannten jeden Durchgang, jeden Gartenzaun mit einem lockeren Brett und jede Hecke, durch die ein schmaler Kinderkörper passte.

Mein Götti gehörte zu dieser Bande.

Ihr Anführer hiess Heiri. Er hatte rote Haare, abstehende Ohren und zwei Vorderzähne, zwischen denen er Wasser hindurchspritzen konnte. Dieses Kunststück beeindruckte den Lehrer wenig, verschaffte ihm unter den Buben jedoch beträchtliches Ansehen.

Heiri war ein zuverlässiger Erfinder von Dingen, die lustig begannen und für gewöhnlich damit endeten, dass ein anderer bestraft wurde.

An einem kalten Oktobernachmittag hockten die Buben hinter dem Holzschopf des Bauernhofes. Der Himmel hing grau über dem Tal, ein scharfer Wind fuhr um die Hausecken, und auf dem Hof glänzten die Pfützen. Es war ein Tag, an dem selbst junge Burschen die Hände gerne in den Hosentaschen behielten.

Da kam das Chnächtli vom Feld.

Es kam vom Härdöpfeln und trug einen Korb über der Schulter. An den Hosen klebte feuchte Erde, in den Haaren hing welkes Kartoffelkraut, und unter den Nagelschuhen sass der Lehm des Ackers.

Als es an den Buben vorüberging, kam der Geruch mit.

Heiri hielt sich die Nase zu.

«Dem würde ein Bad guttun.»

Hinter dem Haus stand ein grosser steinerner Brunnentrog. Das Wasser darin war an diesem Oktobertag so kalt, dass einem schon beim Gedanken daran die Finger schmerzten.

Heiri lockte das Chnächtli mit einer Frechheit zum Brunnen. Als der Knecht hinter ihm herlief, sprangen die anderen aus ihrem Versteck. Zwei packten ihn an den Armen, einer hängte sich an seinen Rücken, mein Götti umklammerte ein Bein.

Das Chnächtli fluchte und schlug um sich. Es war kräftiger, als sie erwartet hatten. Täglich hob es Milchkannen, Säcke und Balken. Ein paar Buben waren für seine Arme kaum mehr als lästige Kletten.

Dann kam Heiri von hinten und stiess mit beiden Händen zu.

Der Absatz eines Nagelschuhs schlug gegen den Brunnenrand. Das Chnächtli ruderte mit den Armen. Einen Augenblick lang stand es schräg über dem Wasser, als überlege es, ob sich mit der Schwerkraft verhandeln lasse.

Die Schwerkraft blieb unerbittlich.

Mit einem mächtigen Platsch fiel das Chnächtli in den Trog.

Wasser schoss über den Rand. Die Hühner stoben auseinander. Der Hofhund begann zu bellen, obwohl er, wie gewöhnlich, keine Ahnung hatte, worum es ging.

Die Beine des Chnächtlis ragten über den Brunnenrand. Der Oberkörper war untergetaucht. Es strampelte, schlug um sich und kam prustend hoch. Die schweren Kleider hatten sich vollgesogen und klebten an seinem Leib.

Die Buben johlten.

Heiri griff nach einer Wurzelbürste, die auf dem Brunnenrand lag.

«Jetzt wird geschrubbt!»

Da richtete sich das Chnächtli auf.

Es sagte kein Wort.

Sein Gesicht war weiss geworden. Wasser tropfte von seinem Kinn. Die schmierige Kappe schwamm neben ihm im Trog.

Das Chnächtli blickte die Buben an, und das Lachen blieb ihnen im Hals stecken. Im Brunnen stand plötzlich keine komische Gestalt mehr. Dort stand ein alter Mann, nass bis auf die Haut, verspottet und beschämt.

Die Buben schlichen davon.

Am nächsten Morgen erschien das Chnächtli nicht im Stall. Der Bauer fand es in seiner Kammer, noch immer in den feuchten Kleidern. Die Stirn glühte, die Zähne schlugen aufeinander, und aus seiner Brust kam ein rasselndes Geräusch.

Der Doktor stellte eine Lungenentzündung fest.

Die Bäuerin kochte Lindenblütentee, rieb dem Kranken Kampfer auf die Brust und legte ihm zwei in Tücher gewickelte Ziegelsteine ans Fussende. Sie hatte die Steine zuvor auf dem Herd erwärmt.

Das Chnächtli hustete und redete im Fieber mit Menschen, die längst tot waren.

Einmal rief es nach seiner Mutter.

Die Buben schlichen während dieser Tage um den Hof. Sie hörten das Husten bis hinaus zum Miststock. Darauf folgte jeweils eine Pause. In dieser Pause warteten sie und hofften, das Chnächtli werde noch einmal husten.

Das Geschehene blieb im Dorf natürlich nicht lange geheim. Zwölf Buben können zusammen ungefähr so gut schweigen wie zwölf Kirchenglocken.

Zu Hause stellte ihn sein Vater zur Rede:

«Hast du mitgemacht?»

Mein Götti nickte.

«Hast du auch gelacht?»

Wieder nickte er.

Sein Vater schaute ihn lange an.

«Wenn das Chnächtli stirbt, trägst du einen Teil davon mit.»

Damit war das Gespräch beendet.

Nach zwei Wochen sank das Fieber. Das Chnächtli überlebte. Als es zum ersten Mal wieder vor seiner Kammer sass, war aus dem kräftigen Knecht ein zusammengesunkener alter Mann geworden. Das Hemd hing ihm lose von den Schultern, die Wangen waren eingefallen, und seine Hände zitterten.

Die Buben sahen nun auch, worauf es schlief. Der Strohsack war feucht und roch nach Moder. Die Decke war dünn und voller Löcher. An den Wänden blühte Schimmel. In der Holzkiste lagen zwei Hemden, geflickte Socken, ein Gebetbuch und die flache Schnapsflasche.

Heiri betrachtete das armselige Lager.

«Wir besorgen ihm ein Bett.»

Der Gedanke war gut. Der einzige Mangel bestand darin, dass die Buben kein Geld besassen.

Also gingen sie arbeiten.

Sie halfen beim Härdöpfeln, hackten Holz, putzten Kaninchenställe, sammelten Fallobst und lasen Steine von den Äckern.

Die Leute im Dorf begriffen bald, weshalb die Kinder plötzlich eine solch erstaunliche Arbeitslust entwickelten. Einige zahlten grosszügig. Der Bäcker gab zwei Laibe Brot, der Metzger ein Stück Speck. Eine Bäuerin brachte Eier, Honig und ein Leintuch.

Der Schreiner stiftete ein gebrauchtes Bettgestell. Ein Fuss war gebrochen, und im Holz lebten einige Würmer. Er reparierte den Fuss, behandelte das Holz und meinte, auch die Würmer hätten nun lange genug darin gewohnt.

Eine Woche später zogen die Kinder mit dem Bett, einer Matratze und einer Kiste voller Lebensmittel zum Bauernhof.

Das Chnächtli sass vor seiner Kammer. Um seine Schultern hing eine alte Pferdedecke.

Heiri stellte die Kiste vor ihm ab.

«Das ist für dich.»

Das Chnächtli betrachtete das Brot, den Speck, die Eier und den Honig. Dann sah es zum Bettgestell.

«Weshalb?»

Heiri schaute auf seine Schuhe.

«Wegen der Sache am Brunnen.»

Mein Götti trat einen Schritt vor.

«Es tut uns leid.»

Das Chnächtli blickte von einem zum anderen. Sein breiter Mund zuckte. Es räusperte sich und fuhr mit dem Ärmel über die Augen.

«Nun steht nicht so herum. Das Bett trägt sich nicht von allein hinein.»

Mehr sagte es nicht.

Die Buben trugen das Bett in die Kammer. Der Bauer half, den alten Strohsack hinauszuschaffen. Als sie ihn anhoben, huschten zwei Mäuse an der Wand entlang. Einige Kinder kreischten, andere lachten.

Auch das Chnächtli lachte.

Es war ein heiseres, holpriges Lachen. Doch es klang besser als sein Husten.

Von diesem Tag an hielten sich die Buben die Nasen nicht mehr zu, wenn ihnen das Chnächtli begegnete. Sie setzten sich vor seine Kammer und hörten seinen Geschichten zu. Es erzählte von klugen Pferden, störrischen Kühen und einer Sau, die einmal mitten während des Sonntagsgottesdienstes durchs Dorf gerannt war.

Ein Teil dieser Geschichten mochte wahr gewesen sein. Der Rest hätte wahr sein können. Bei guten Geschichten genügt das meistens.

Das Chnächtli lebte noch etwas mehr als ein Jahr. Im Winter des darauffolgenden Jahres wurde es erneut krank. Sein Körper hatte zu viele kalte Morgen im Stall, zu viele nasse Ernten, zu viele schwere Säcke und zu wenig warme Mahlzeiten ausgehalten.

Als es starb, gingen die Buben gemeinsam zur Beerdigung.

Auf dem Heimweg sprach keiner ein Wort.

Damit beendete mein Götti seine Geschichte.

Nach einer Weile fragte ich:

«Hat sich das Chnächtli später häufiger gewaschen?»

Mein Götti dachte kurz nach.

«Ich glaube nicht.»

Dann lächelte er.

«Aber wir hielten uns die Nase nicht mehr zu.»

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER