Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wenn das Leben plötzlich als Zumutung gilt
Eine Person mit Rucksack wandert bei Sonnenaufgang einen felsigen Bergpfad hinauf, die Zumutung des Lebens umarmend, mit Blick auf ein malerisches Tal mit einem Fluss und fernen Bergen unter einem bunten, bewölkten Himmel.

Es fällt auf, wie sich die Sprache verändert hat. Früher hörte man Sätze wie: «Das war ein strenger Tag.» Oder: «Ich bin müde.» Man sagte es, zog die Jacke aus, setzte sich an den Küchentisch und machte weiter.

Heute klingt vieles grösser. Aus müde wird erschöpft. Aus anstrengend wird belastend. Aus einem Konflikt wird rasch eine Grenzüberschreitung. Und irgendwo zwischen Podcasts, Kurzvideos und sozialen Medien scheint sich die Vorstellung eingeschlichen zu haben, das Leben müsse sich möglichst leicht anfühlen.

Dabei hatte das Leben nie einen Vertrag mit uns abgeschlossen, in dem stand, es werde bequem.

Wenn Alltag plötzlich Ausnahmezustand heisst

Wer Kinder grosszieht, weiss das. Schlaflose Nächte gehören dazu. Sorgen gehören dazu. Tage, an denen man sich fragt, weshalb der Nachwuchs ausgerechnet heute beschlossen hat, seine Trotzphase auf olympisches Niveau zu heben, gehören ebenfalls dazu. Früher erzählte man sich solche Dinge manchmal lachend am Stammtisch oder beim Gartenzaun. Heute entsteht stellenweise der Eindruck, als handle es sich um einen Zustand kurz vor dem Zusammenbruch der Zivilisation.

Auch Beziehungen scheinen schwerer geworden zu sein. Ein enttäuschendes Treffen, ein Missverständnis, eine Nachricht, die unbeantwortet bleibt – früher tat so etwas weh, konnte ärgern oder einen für eine Weile aus der Bahn werfen. Das Herz brauchte vielleicht einige Tage oder Wochen, bis es wieder zur Ruhe kam. Heute sucht man oft sofort nach tiefen Erklärungen. Bindungsmuster, emotionale Verletzungen, innere Blockaden. Vielleicht gibt es sie tatsächlich. Vielleicht gibt es aber auch einfach Situationen, in denen zwei Menschen nicht zueinander passen.

Das Leben verteilt seine Karten selten gerecht und fast nie bequem.

Last ist nicht immer Überlastung

Vielleicht haben wir verlernt, zwischen Last und Überlastung zu unterscheiden. Es gibt beides. Es gibt Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind. Es gibt Burnout, Krankheit, Schicksalsschläge und Zeiten, in denen die Welt einem schwer auf den Schultern liegt. Solche Erfahrungen verdienen Respekt und Hilfe.

Daneben gibt es aber auch jene alltäglichen Dinge, die seit Menschengedenken zum Leben gehören. Rechnungen bezahlen. Arbeiten gehen. Verantwortung übernehmen. Entscheidungen treffen. Den Kühlschrank füllen, obwohl man lieber auf dem Sofa bleiben würde. Sich mit Menschen auseinandersetzen, die einem auf die Nerven gehen. Sich selber manchmal aushalten.

All das kostet Kraft.

Vielleicht ist gerade diese Kraftanstrengung ein Teil dessen, was ein Leben überhaupt erst mit Inhalt füllt.

Der Wert des Widerstands

Wer einen Berg besteigt, erinnert sich selten an die bequemste Stelle des Weges. Im Gedächtnis bleiben die steilen Passagen, die schmerzenden Beine, der Moment, in dem man beinahe umgekehrt wäre – und schliesslich der Blick oben angekommen. Man könnte auch mit der Seilbahn hinauffahren. Der Gipfel wäre derselbe. Das Gefühl wahrscheinlich nicht.

Manche Dinge erhalten ihren Wert gerade dadurch, dass sie etwas kosten. Freundschaften brauchen Zeit. Liebe verlangt Geduld. Arbeit fordert Einsatz. Vertrauen wächst langsam. Menschen reifen oft an Stellen, an denen es zieht und drückt.

Wenn Reibung zum Fehler erklärt wird

Unsere Zeit scheint dagegen immer öfter zu versprechen, dass sich jede Schwierigkeit vermeiden lasse. Für fast alles gibt es Ratgeber, Tipps, Methoden oder Apps. Das Leben wirkt stellenweise wie eine Maschine, die möglichst reibungslos laufen sollte. Wenn irgendwo Widerstand entsteht, sucht man nach dem Fehler.

Dabei ist Widerstand oft kein Defekt.

Ein Baum wächst nicht im Gewächshaus zu seiner Stärke. Wind macht seine Wurzeln tiefer. Regen und Trockenheit gehören zu seinem Leben. Vielleicht gilt Ähnliches auch für Menschen.

Wer jede Anstrengung aus dem Weg räumt, macht den Weg zwar angenehmer – aber nicht unbedingt sinnvoller.

Ein Glück, das nach Schweiss riecht

Es gibt eine stille Zufriedenheit, die sich nicht kaufen und auch nicht bestellen lässt. Sie entsteht häufig nach einem langen Tag, an dem man mehr geleistet hat, als man sich zugetraut hätte. Nach einer Aufgabe, die Mühe machte. Nach einer Verantwortung, die man getragen hat.

Es ist ein eigenartiges Glück. Eines, das ein wenig nach Schweiss riecht.

Und vielleicht war genau dieses Glück schon immer da. Man musste sich nur ein Stück weit zu ihm hinaufarbeiten.

0 Kommentare

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER