Der Schlaf scheint etwas ganz Natürliches zu sein. Man legt sich hin, löscht das Licht, schläft durch und steht am Morgen wieder auf.
So jedenfalls stellt man sich den guten Schlaf heute gern vor. Acht Stunden, möglichst am Stück, möglichst tief, möglichst messbar. Wer nachts um drei Uhr wach liegt, schaut rasch auf die Uhr, wird nervös und fragt sich, ob nun wieder etwas mit ihm nicht stimmt.
Dabei ist diese Vorstellung vom perfekten Schlafblock jünger, als man meint.
Über Jahrhunderte war die Nacht ein anderer Raum. Sie war dunkler, länger, unberechenbarer. Sie gehörte weniger der Uhr als dem Jahreslauf, dem Wetter, der Arbeit, dem Feuer im Herd und dem Krähen des Hahns. Man schlief, wenn es dunkel wurde. Man wachte manchmal auf, blieb eine Weile wach, betete, dachte nach, sprach leise miteinander, schaute nach dem Vieh, legte Holz nach oder horchte einfach in die Nacht hinaus. Danach schlief man weiter.
Der amerikanische Historiker A. Roger Ekirch hat in alten Quellen zahlreiche Hinweise auf einen «ersten Schlaf» und einen «zweiten Schlaf» gefunden. Besonders in vormodernen europäischen Quellen tauchen solche Begriffe immer wieder auf. Daraus ergibt sich kein einfaches Naturgesetz für alle Menschen und alle Zeiten. Es zeigt aber: Der heutige Glaube, ein gesunder Mensch müsse zwingend acht Stunden ohne Unterbruch schlafen, ist historisch wackliger, als viele meinen.
Die alte Nacht war länger
Wer heute von Dunkelheit spricht, meint meist eine gedimmte Strassenlampe, einen ausgeschalteten Bildschirm oder ein Schlafzimmer mit Rollläden. Früher bedeutete Dunkelheit etwas anderes. Wenn die Sonne weg war, wurde die Welt klein. Ein Kienspan, eine Kerze, eine Öllampe oder das Herdfeuer schufen Inseln aus Licht. Der Rest lag im Schatten.
In bäuerlichen Gegenden richtete sich der Tag stark nach der Jahreszeit. Im Sommer waren die Tage lang, die Arbeit draussen reichlich und die Nächte kurz. Im Winter zog sich die Dunkelheit über viele Stunden hin. Man konnte sie kaum vollständig mit Arbeit füllen. Man musste sie aushalten.
Diese langen Winternächte machten einen geteilten Schlaf plausibel. Man ging früh zu Bett, schlief einige Stunden, wachte mitten in der Nacht auf und blieb eine Zeitlang wach. Diese Wachphase war offenbar nicht immer mit Angst verbunden. Sie konnte eine ruhige Zwischenzeit sein. Eine Stunde, vielleicht auch länger. Danach kam der zweite Schlaf.
Das klingt aus heutiger Sicht merkwürdig. Wir leben in einer Kultur, die Unterbrüche schlecht erträgt. Alles soll laufen, funktionieren, verfügbar sein. Auch der Schlaf wird wie eine Leistung behandelt. Einschlafen, durchschlafen, aufstehen, fit sein. Die Nacht soll liefern.
Die alte Nacht hatte mehr Zwischenräume.
Der erste und der zweite Schlaf
Der Begriff «erster Schlaf» wirkt fast zärtlich. Er erinnert daran, dass Schlaf früher stärker als Folge von Phasen erlebt wurde. Der erste Schlaf kam nach der Arbeit, nach dem Essen, nach dem Abendgebet, nach dem Verstummen des Hauses. Dann folgte eine stille Wachzeit. Man konnte beten, über Träume nachdenken, mit dem Ehepartner sprechen, ein krankes Kind beruhigen oder einfach daliegen.
Danach kam der zweite Schlaf, oft bis zum Morgen.
Man muss vorsichtig bleiben. Die Geschichte des Schlafs ist kein Märchen vom verlorenen Paradies. Früher schliefen die Menschen nicht automatisch besser. Die Betten waren härter, die Räume kälter, Krankheiten häufiger, Schmerzen weniger behandelbar. Läuse, Rauch, Hunger, Sorgen, Geburten, Tod und Unruhe gehörten zum Leben. Die alte Nacht war nicht romantisch. Sie war nur anders.
Gerade diese Nüchternheit macht den Befund interessant. Der geteilte Schlaf ist historisch gut belegt, aber er war wohl nicht überall und für alle Menschen gleich. Die Quellen zeigen eher eine grössere Vielfalt früherer Schlafgewohnheiten als eine einzige alte Norm. Er war Teil eines Lebens, das sich an Dunkelheit, Jahreszeit und Alltag orientierte. Die Nacht hatte eine eigene Ordnung. Sie wurde noch nicht vollständig von Arbeitsplänen, Schulbeginn, Fabriksirenen, Weckern und künstlichem Licht beherrscht.
Dann kam die Uhr in die Nacht
Mit der Industrialisierung veränderte sich der Schlaf grundlegend. Die Fabrik fragte nicht nach der inneren Uhr des Menschen. Sie verlangte Pünktlichkeit. Wer zur Schicht musste, konnte sich keine ausgedehnte nächtliche Wachphase leisten. Arbeit begann zu festen Zeiten. Schulen begannen zu festen Zeiten. Züge fuhren nach Fahrplan. Städte wurden heller. Der Tag wurde länger gemacht.
Die Uhr wurde zur stillen Herrscherin des Alltags.
Das elektrische Licht verstärkte diese Entwicklung. Es machte den Abend nutzbarer, verschob Tätigkeiten in die Nacht hinein und löste den Menschen stärker vom natürlichen Wechsel von Hell und Dunkel. Studien zur Schlafgeschichte und Chronobiologie weisen darauf hin, dass künstliches Licht und Industrialisierung den Schlaf-Wach-Rhythmus moderner Gesellschaften deutlich geprägt haben.
Auch das soziale Leben veränderte sich. Man konnte länger lesen, arbeiten, ausgehen, wirtschaften, schreiben, rechnen, produzieren. Die Nacht verlor einen Teil ihrer Grenze. Was früher Dunkelheit war, wurde zur verlängerten Verfügbarkeit.
Und damit wurde der Schlaf zusammengedrängt.
Acht Stunden wurden praktisch
Die berühmten acht Stunden sind weniger ein biologisches Gesetz als eine kulturelle Faustregel. Sie passen gut in eine Welt, die den Tag in Blöcke einteilt: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf. Diese Dreiteilung wurde besonders im Zusammenhang mit Arbeiterbewegung und Industrialisierung populär. Sie hatte eine soziale und politische Bedeutung. Sie war auch ein Schutzgedanke: Der Mensch sollte nicht vollständig von Arbeit verschlungen werden.
Als Schlafempfehlung blieb die Zahl hängen, weil sie einfach ist. Acht Stunden kann man sich merken. Acht Stunden lassen sich leicht kommunizieren. Acht Stunden klingen vernünftig, ausgewogen, ordentlich.
Doch der Körper rechnet feiner.
Für Erwachsene wird heute meist ein Bereich von sieben bis neun Stunden genannt. Die National Sleep Foundation nennt für junge Erwachsene und Erwachsene sieben bis neun Stunden als angemessen; für ältere Erwachsene werden oft sieben bis acht Stunden angegeben. Die American Academy of Sleep Medicine und die Sleep Research Society empfehlen Erwachsenen regelmässig mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht.
Das ist wichtig. Die Acht ist kein heiliger Wert. Manche Menschen kommen mit etwas weniger zurecht, andere brauchen mehr. Alter, Belastung, Krankheit, körperliche Arbeit, seelische Anspannung, Lebensrhythmus und Schlafqualität spielen mit.
Wenn das Aufwachen Angst macht
Viele Menschen kennen diese Stunde mitten in der Nacht. Man wacht auf, sieht vielleicht auf die Uhr und merkt: drei Uhr. Dann beginnt das Denken. Zuerst ein kleiner Gedanke, dann ein zweiter, bald eine ganze Versammlung. Was ist morgen? Was habe ich vergessen? Warum schlafe ich nicht? Was, wenn ich nun gar nicht mehr einschlafe?
Aus einer normalen Wachphase wird ein Problem, sobald die Angst dazukommt.
Gerade hier hilft der Blick in die Geschichte. Nächtliches Aufwachen ist nicht automatisch krankhaft. Kurze Wachphasen gehören bei vielen Menschen zum Schlaf. Der Schlaf verläuft ohnehin in Zyklen. Wir tauchen auf, sinken wieder ab, drehen uns, nehmen kurz etwas wahr, vergessen es wieder. Erst die moderne Erwartung vom lückenlosen Schlaf macht manche Unterbrechung verdächtig.
Natürlich gibt es ernsthafte Schlafstörungen. Wer über längere Zeit schlecht schläft, tagsüber erschöpft ist, Atemaussetzer vermutet, starke Schmerzen hat, unter Angstzuständen leidet oder regelmässig stundenlang wach liegt, sollte medizinischen Rat suchen. Aber eine wache halbe Stunde in der Nacht ist noch kein Beweis für Krankheit.
Manchmal ist sie einfach eine alte menschliche Stunde.
Die Nacht als Denkraum
Vielleicht ging uns mit der durchgetakteten Nacht auch ein Stück innerer Raum verloren. Die Wachzeit zwischen erstem und zweitem Schlaf war keine produktive Zeit im modernen Sinn. Sie musste nichts leisten. Sie war ein Zwischenraum. Halb Traum, halb Denken. Halb Körper, halb Seele.
In religiös geprägten Zeiten konnte diese Stunde dem Gebet gehören. In bäuerlichen Häusern vielleicht dem Lauschen, ob draussen alles ruhig war. Bei Liebenden einem leisen Gespräch. Bei alten Menschen einer Erinnerung. Bei Kranken einem Ringen mit Schmerzen. Bei Kindern einem Ruf nach der Mutter.
Heute stopfen wir viele Zwischenräume mit Licht, Bildschirm, Nachrichten, Musik, Reiz und Ablenkung. Selbst im Bett liegt die Welt oft noch in der Handfläche. Das Telefon macht aus der Nacht wieder Tag. Es bringt Börsenkurse, Kriege, Wetterwarnungen, Empörungen und fremde Leben bis unter die Bettdecke.
So betrachtet ist die alte Schlafkultur auch eine Mahnung. Der Mensch braucht Dunkelheit. Er braucht Übergänge. Er braucht Zeiten, in denen die Welt leiser wird.
Schlaf war auch Gemeinschaft
Schlaf ist heute stark privatisiert. Jeder hat, wenn möglich, sein eigenes Bett, sein eigenes Zimmer, seine eigene Matratze, seinen eigenen Rhythmus. Früher war Schlaf oft enger mit dem Haushalt verbunden. Man schlief in beheizbaren Räumen, teilte Betten oder Kammern, hörte andere atmen, husten, träumen, aufstehen. Das war nicht immer angenehm. Es bot aber auch Nähe.
Die Nacht war Teil des Hauses. Sie gehörte nicht nur dem Einzelnen.
Es geht beim Schlaf nicht bloss um Biologie. Es geht um Alltagskultur. Um Gewohnheiten, Rhythmen, Lichtquellen, Arbeitsformen, Familienleben und Glaubensvorstellungen. Wie Menschen schlafen, sagt viel darüber aus, wie sie leben.
Mythos und Wirklichkeit
Mythos: Menschen schliefen immer schon acht Stunden am Stück.
Wirklichkeit: Historische Quellen weisen auf flexiblere Schlafmuster hin, darunter auch den geteilten Schlaf mit erstem und zweitem Schlaf. Das galt aber nicht überall gleich.
Mythos: Wer nachts aufwacht, hat ein Schlafproblem.
Wirklichkeit: Kurze Wachphasen können normal sein. Entscheidend ist, ob jemand tagsüber leidet, erschöpft ist oder über längere Zeit keinen erholsamen Schlaf findet.
Mythos: Acht Stunden sind für alle richtig.
Wirklichkeit: Für Erwachsene gilt meist ein Bereich von sieben bis neun Stunden als sinnvoll. Der persönliche Bedarf ist verschieden.
Mythos: Früher schliefen alle besser.
Wirklichkeit: Früher war die Nacht dunkler und weniger technisch gestört, aber auch kälter, unbequemer und oft unsicherer. Romantik hilft hier wenig.
Mythos: Moderner Schlaf ist rein natürlich.
Wirklichkeit: Unsere Schlafgewohnheiten sind stark geprägt durch Arbeit, Schule, Uhrzeit, künstliches Licht und gesellschaftliche Erwartungen.
Eine kleine Zeitleiste des Schlafs
Vor der Industrialisierung
Schlaf war stärker an Dunkelheit, Jahreszeit, Haushalt und Arbeit gebunden. In vielen Quellen finden sich Hinweise auf ersten und zweiten Schlaf.
Spätes 18. und 19. Jahrhundert
Industrialisierung, Fabrikarbeit, Schulzeiten, Stadtleben und exaktere Zeitdisziplin veränderten den Tagesrhythmus. Der zusammenhängende Nachtschlaf passte besser zur neuen Ordnung.
19. und frühes 20. Jahrhundert
Gaslicht und elektrisches Licht machten die Abende heller. Die Nacht wurde stärker für Arbeit, Konsum, Unterhaltung und städtisches Leben genutzt.
20. Jahrhundert
Der durchgehende Nachtschlaf wurde zum Ideal. Wecker, Pendeln, Bürozeiten, Schichtarbeit und medizinische Normen prägten das Schlafverständnis.
Seit den 1970er-Jahren
Schlaf wurde im Labor genauer untersucht. Schlafphasen, Schlafstörungen und Therapien liessen sich besser unterscheiden. Der Schlaf wurde messbarer.
Heute
Die Achtstunden-Regel lebt weiter, doch die Empfehlungen sind differenzierter. Wichtig sind Schlafdauer, Regelmässigkeit, Qualität, Tagesbefinden und der Umgang mit Licht, Stress und Gewohnheiten.
Was wir daraus lernen könnten
Vielleicht täte es uns gut, den Schlaf wieder etwas grosszügiger zu betrachten. Nicht als tägliche Prüfung. Nicht als Zahl auf einer Gesundheits-App. Auch nicht als weiteres Feld der Selbstoptimierung.
Schlaf ist ein Grundvertrauen. Man legt sich hin und gibt die Kontrolle ab. Jede Nacht üben wir, dass das Leben weitergeht, auch wenn wir es für ein paar Stunden aus der Hand geben.
Die alte Vorstellung vom ersten und zweiten Schlaf kann uns daran erinnern, dass der Mensch nicht immer gleich funktioniert. Es gibt Zeiten der Müdigkeit und Zeiten der Wachheit. Es gibt Nächte, die glatt verlaufen, und solche, die eine Falte haben. Wer mitten in der Nacht erwacht, muss nicht gleich erschrecken. Vielleicht meldet sich nur ein alter Rhythmus, der in uns noch einen kleinen Platz behalten hat.
Man kann dann liegen bleiben. Ruhig atmen. Das Licht auslassen. Die Gedanken nicht füttern. Vielleicht ein Gebet sprechen, wenn einem danach ist. Vielleicht an jemanden denken, der einem lieb ist. Vielleicht einfach spüren, dass Nacht ist.
Und dann kommt er vielleicht wieder, der zweite Schlaf.
Quellen und weiterführende Literatur
- Für den historischen Teil zum «ersten» und «zweiten Schlaf» grundlegend ist A. Roger Ekirch: At Day’s Close: Night in Times Past, W. W. Norton, 2005. Ekirch hat in zahlreichen historischen Quellen Hinweise auf segmentierten Schlaf gesammelt und später auch in Fachbeiträgen darüber geschrieben. In einem Beitrag für Past & Present beschreibt er, wie er in Gerichtsakten, literarischen Texten und anderen Quellen immer wieder auf Hinweise zu «first sleep» und «second sleep» stiess.
- Eine kompakte wissenschaftliche Darstellung von Ekirchs These bietet: A. Roger Ekirch, «Segmented Sleep in Preindustrial Societies», Sleep, 2016. Darin wird der geteilte Schlaf in vorindustriellen Gesellschaften als historisch verbreitetes Muster beschrieben.
- Zur Einordnung ist auch die kritische Neubewertung von Nicholas Boyce hilfreich: «Have we lost sleep? A reconsideration of segmented sleep in early modern England», Medical History, 2023. Boyce bestreitet den segmentierten Schlaf nicht grundsätzlich, weist aber darauf hin, dass die Quellen unterschiedlich gelesen werden können und der geteilte Schlaf wohl nicht als einzige oder überall vorherrschende Norm verstanden werden sollte.
- Zum Einfluss von künstlichem Licht, Industrialisierung und modernen Zeitrhythmen auf den Schlaf siehe José María Martín-Olalla: «Seasonal synchronization of sleep timing in industrial and pre-industrial societies», Scientific Reports, 2019. Der Beitrag zeigt, wie künstliches Licht und moderne Gesellschaftsformen den Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst haben.
- Für heutige Empfehlungen zur Schlafdauer kann auf die Centers for Disease Control and Prevention verwiesen werden. Die CDC nennen für Erwachsene von 18 bis 60 Jahren mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht, für Erwachsene von 61 bis 64 Jahren sieben bis neun Stunden und für Menschen ab 65 Jahren sieben bis acht Stunden.
- Ebenfalls nützlich ist die Übersicht der Harvard Medical School, Division of Sleep Medicine. Sie betont, dass Schlafbedarf individuell verschieden ist, die meisten gesunden Erwachsenen aber mindestens sieben Stunden Schlaf pro 24 Stunden benötigen.







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