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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Probleme im Paket – eine kleine Betrachtung über den Handel mit dem Innenleben
Ein entspannter Mann sitzt mit geschlossenen Augen auf einer Parkbank, umgeben von illustrierten Symbolen wie einem Gehirn, einer Sanduhr, einem Klemmbrett mit der Aufschrift "Coaching", Büchern und Fragezeichen, die Nachdenken, Lernen und die Konzentration auf sein Innenleben symbolisieren.

Man lebt heutzutage in einer Epoche, in der beinahe alles messbar ist. Schritte, Schlaf, Puls, Bildschirmzeit, Wasserverbrauch, CO₂-Fussabdruck, Kalorien, Kaffee, sogar die Minuten, in denen man «produktiv» war. Der Mensch steht da wie ein wandelndes Dashboard, und irgendwo blinkt immer etwas.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch das Seelenleben in Tabellen passt. Und siehe da: Kaum hast du einen halbwegs normalen Tag – ein paar Gedanken, ein wenig Müdigkeit, etwas Freude, etwas Ärger, das übliche Gemisch –, meldet sich eine Stimme aus dem digitalen Gebüsch und sagt: «Aha. Das da ist ein Zeichen.»

Ein Zeichen wofür?
Für ein Defizit. Für ein Thema. Für eine Baustelle.

Früher hatte man Probleme, wenn man welche hatte. Das klingt banal, ist aber schon beinahe Kulturgeschichte. Man wusste: Der Zahn tut weh. Das Geld reicht nicht. Die Ehe knirscht. Der Chef ist ein Wetterhorn. Man musste dafür kein Reel anschauen und kein «Quick Assessment» ausfüllen. Man merkte es selber.

Heute geht es eleganter. Der moderne Mensch wird nicht mehr einfach unzufrieden. Er wird «unter seinem Potenzial». Das klingt gleich wertvoller. Wer müde ist, hat kein Schlafdefizit mehr, er hat «Energie-Management-Probleme». Wer zweifelt, hat nicht einfach Zweifel, er hat «Limitierungen». Und wer sich fragt, was er eigentlich will, bekommt sofort die Diagnose «fehlende Klarheit». Das ist, zugegeben, auch eine Diagnose. Sie hat nur den Nachteil, dass sie immer stimmt.

Damit sind wir beim neuen Geschäftsmodell: Unsicherheit als Rohstoff. Wer sie aufkauft, verpackt und weiterverkauft, lebt erstaunlich gut. Früher hiess das Handel. Heute heisst es Personal Branding.

Man braucht dazu nicht einmal Bosheit. Es genügt das richtige Vokabular, ein gepflegtes Lächeln und ein Formular, das «Gratis» verspricht. Man nennt das dann «Mehrwert». Es ist tatsächlich mehr – nur für wen, bleibt eine Frage des Blickwinkels.

Schau einmal in die Auslagen dieses Marktes. Sie sind gross, hell erleuchtet und voller Sätze, die wie kleine Nadelstiche wirken:

«Du bist zu wenig sichtbar.»
«Du bist nicht in deiner Kraft.»
«Du sabotierst dich.»
«Du hältst dich zurück.»
«Du lebst unter deinem Level.»

Man liest das beim Kaffee und ist plötzlich unsicher, ob man nicht gerade unter seinem Level atmet.

Die Methode ist simpel und genial: Man erzeugt einen leichten Mangel. Gerade genug, damit es zieht. Gerade genug, damit du denkst: «Vielleicht stimmt das.» Dann bietet man dir das Pflaster an. In drei Stufen. Mit Frühbucherpreis. Mit Countdown. Mit Bonusmodul.

Wer jetzt einwendet, Coaching sei doch an sich etwas Gutes, hat recht. Eine gute Begleitung kann Gold wert sein. Ein kluger Mensch, der zuhört, sortiert, Fragen stellt, den Blick weitet – das kann entlasten, klären, stärken. Daran gibt es nichts zu lächeln. (Und falls doch: Es wäre ein freundliches Lächeln.)

Das Problem beginnt dort, wo aus Hilfe ein Vertrieb wird. Dort, wo zuerst das Problem verkauft werden muss, damit die Lösung überhaupt Platz hat. Dort, wo der Mensch nicht mehr als Mensch auftaucht, sondern als «Lead».

Früher war ein Coach eine Ausnahmeerscheinung. Ein Sportler hatte einen Coach, weil er schneller laufen wollte oder weiter springen. Er merkte: «Ich trete auf der Stelle.» Der Coach kam dann als Begleiter dazu. Das Problem war schon da, bevor es eine Lösung gab. Diese Reihenfolge war gesund.

Heute wirkt es manchmal, als käme die Lösung zuerst – und suche sich dann das passende Problem. Das ist wie ein Schirmverkäufer, der dir erklärt, du habest Regen in der Seele, damit der Schirm endlich Sinn macht.

Dazu passt eine kleine Beobachtung: Viele dieser neuen Experten haben eine persönliche Kurve hinter sich. Sie haben etwas erlebt, etwas überwunden, etwas gelernt. Das ist respektabel. Nur folgt daraus nicht automatisch, dass die ganze Menschheit genau dieselbe Kurve laufen muss – und zwar am besten in acht Wochen, mit Workbook.

Ein gelöstes eigenes Thema ist noch keine allgemeine Diagnosekompetenz. Es ist Erfahrung. Erfahrung kann hilfreich sein. Sie wird unerquicklich, wenn sie zur Schablone wird.

Was dabei oft verloren geht, ist eine schlichte Unterscheidung, die früher in jedem Wirtshaus bekannt war:

Es gibt Zustände, die gehören zum Leben.
Und es gibt Zustände, die schreien nach Hilfe.

Wer diese Grenze dauernd verwischt, schafft ein permanentes Unbehagen. Das Unbehagen ist ein treuer Kunde.

Denn wenn Selbstoptimierung zur Dauerbeschäftigung wird, passiert etwas Merkwürdiges: Der Blick nach innen wird eng. Man wird sein eigener Kontrolleur. Man hört sich zu, wie man denkt. Man bewertet, wie man fühlt. Man korrigiert, wie man ist. Und irgendwann hast du so viel «inneres Arbeiten» betrieben, dass du kaum noch merkst, wie sich ein einfacher, stiller, ganz normaler Tag anfühlt.

Man wird zum Projekt. Ein Projekt hat selten Feierabend.

Das klingt wie eine Übertreibung, ist aber leicht zu überprüfen: Öffne das Handy, um kurz die Uhrzeit zu sehen. Schliess es wieder. Und prüfe, ob du dich danach wirklich nur über die Uhrzeit informiert fühlst. Viele gehen aus dieser kurzen Begegnung heraus wie aus einem kleinen Tribunal: halb überzeugt, dass man an sich «arbeiten» müsse, und halb müde von dieser Idee.

Dabei gibt es Tage, an denen du einfach unerquicklich bist. Das Wetter ist unerquicklich. Der Rücken ist unerquicklich. Die Weltlage ist unerquicklich. Du selbst bist unerquicklich. Das ist nicht hübsch, aber menschlich. Manchmal hilft ein Gespräch. Manchmal hilft ein Spaziergang. Manchmal hilft ein gutes Buch. Manchmal hilft Schlaf. Das sind unmodische Lösungen, weil man sie schlecht verpacken kann.

Wer ständig hört, dass mit ihm etwas nicht stimme, beginnt irgendwann, das für eine Tatsache zu halten. Und wer glaubt, er sei ein Dauerproblem, verhält sich auch so: vorsichtig, angespannt, reparaturbereit. Man kann so leben. Man lebt dann jedoch in einem permanenten Wartungsmodus.

Darum lohnt sich eine kleine Gegenfrage, ganz ohne Fachwort:

Wer sagt eigentlich, dass dein Unbehagen ein Defekt ist?
Vielleicht ist es eine Reaktion. Auf Tempo. Auf Lärm. Auf Druck. Auf Erwartungen. Auf eine Zeit, die sogar aus Pausen Leistung machen will.

Und noch eine Frage:

Wer verdient daran, wenn du dich als Baustelle siehst?

Das ist kein Verdacht gegen einzelne Menschen. Es ist eine nüchterne Betrachtung eines Marktes. Wo ein Markt wächst, wächst auch die Versuchung, den Bedarf zu vergrössern. Das gilt bei Zahnpasta. Das gilt bei Versicherungen. Und es gilt auch beim Innenleben.

Natürlich hat dieser Boom auch eine gute Seite: Über Gefühle zu sprechen ist weniger tabu als früher. Hilfe zu suchen, wenn du sie brauchst, ist heute leichter. Das darf man begrüssen.

Nur wäre es schade, wenn der Preis dafür eine neue Art von Dauerunsicherheit wäre, sauber etikettiert als «Bewusstsein».

Vielleicht braucht es wieder mehr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung. In diese innere Stimme, die oft leiser ist als jeder Algorithmus, aber erstaunlich zuverlässig. Die sagt: «Hier stimmt etwas.» Oder: «Hier ist es einfach nur ein anstrengender Tag.» Beides kommt vor.

Vielleicht braucht es auch wieder den Mut, ein paar Dinge nicht zu therapieren. Gefühle sind manchmal wie Wetter: Sie ziehen durch. Wer jedes Wölkchen zur Katastrophe erklärt, lebt im Dauersturm.

Ein Coach kann wertvoll sein, wenn er den Menschen ernst nimmt. Wenn er zuhört, bevor er etikettiert. Wenn er klärt, statt zu dramatisieren. Wenn er neben einem steht, ohne den Zeigefinger zum Geschäftsmodell zu erheben.

Und manchmal ist der gesündeste Schritt tatsächlich ein sehr unmodischer: kurz aussteigen aus der Reparaturkultur. Das Schild an die Tür hängen: «Heute bleibt der Mensch Mensch.»

Keine Methode. Kein Modul. Kein «Deep Dive».
Einfach ein Moment, in dem du dich spürst, ohne dich gleich zu verbessern.

Das ist unspektakulär. Darum wirkt es.
Und wenn dann jemand fragt, wie man das nennt, darfst du ruhig antworten:

«Standhaftigkeit.»

Das Wort hat keinen Glanz, keine Werbemelodie und keinen Countdown. Es steht einfach da. Wie ein alter Pfosten im Boden. Und manchmal reicht genau das.

4 Kommentare

  1. C Stern

    Lieber Hanspeter
    mit Deiner ganz klaren Sicht und den dargebrachten Beispielen läufst Du durch offene Türen bei mir. Mir fällt genau selbiges auf und ich finde es erschütternd wie verwirtschaftet bereits seit Jahren die Wellness- und Coaching-Szene tickt. Weil Menschen keinen Draht mehr mit sich selbst verspüren werden nicht wenige Menschen wohlhabend am Leid anderer. Das widerstrebt mir ganz intensiv weshalb ich auch schon jahrelang keine Coachingbücher mehr lese. Eines wiederholt den Inhalt des anderen nur wenigen Menschen fällt das auf. Es werden Probleme aufgezeigt die noch nicht da sind. Mir hat eine Person wiederholt angeboten ihre kleine Wohnung zu übernehmen in der sie „an Menschen“ gearbeitet hat. Ich fühle das ist nicht mein Weg. Habe nie ernsthaft darüber nachgedacht. Das ist nicht mein Weg.
    Herzlicher Gruß aus Österreich! C Stern

  2. Hanspeter Gautschin

    Danke Dir – das tut gut zu lesen, weil es zeigt: Man bildet sich das nicht ein. Diese Szene lebt zu oft davon, dass sie Menschen einredet, sie seien «noch nicht ganz» und müssten erst «bearbeitet» werden. Dabei wäre bei vielen eher Ruhe angesagt als ein neues Programm.

  3. Katrin

    Lieber Hanspeter
    Nein – das bildest Du Dir nicht ein. Das erlebe ich auch so und es tut mir in der Seele weh.
    Der Coaching-Markt bewirkt damit das Gegenteil von dem; wofür er eigentlich angetreten ist.
    Deshalb nenne ich mich auch nur ungern Coach und deshalb kann ich das Gebaren auf Social Media kaum noch ertragen.

    Eine meiner wichtigsten Botschaften ist immer: „Es gibt nichts zu reparieren!“ – egal; was man gerade erlebt.
    Ja; es gibt wundervolle Möglichkeiten; Dinge leichter zu machen und ich bin sehr; sehr dankbar; dass ich diese weitergeben darf.
    Den Wunsch nach der Lösung eines „Problems“ – das ohne die Suggestion von aussen gar nicht da wäre – künstlich zu erzeugen; um Umsatz zu generieren; ist reine Manipulation und trägt eine sehr unangenehme Energie.

    Wir sind alle auf unserem einzigartigen Weg – jeder auf seine Weise und in seinem Tempo. Mit ganz persönlichen Bedürfnissen; „Druckstellen“ und Wünschen.
    Man nennt es „Leben“.

    Niemand hat das Recht; anderen Probleme einzureden oder darüber zu befinden; was sie ändern sollten.
    Aber wenn es jemanden drückt und er sich die Veränderung wirklich wünscht; dann bin ich von Herzen gerne da.
    Dann begleite ich; höre zu; frage nach und helfe der Person herauszufinden; was SIE wirklich will und wer sie wirklich sein will – fernab von dem; was sie glaubt; sein oder tun zu müssen; weil es ihr irgendwann so vermittelt wurde – und wie sie das in ihrem Alltag umsetzen kann.

    Das allerdings ist der wahre Kern im „Potenzial entfalten“:
    Wenn ich dauerhaft Energie verliere; weil ich versuche; jemand anders zu sein; als ich in meiner Essenz bin; werde ich irgendwann nicht nur unglücklich; sondern auch krank.
    Diese „Essenz“ unter dem ganzen konditionierten „Müll“ wieder zu finden und die ungesunden und Energie raubenden „Not-Self-Muster“ wieder abzuschütteln; ist alleine allerdings oft nicht so einfach; weil wir viele dieser Muster über Jahrzehnte trainiert haben und mittlerweile selbst glauben; sie seien unsere. Sie sind uns nicht mehr bewusst oder wir identifizieren uns sogar mit ihnen; ohne zu merken; dass sie uns nicht guttun. Da kann eine kompetente und ehrliche Begleitung tatsächlich sehr wertvoll sein.
    Denn wie Karl Böhm sagte:
    „Unglücklich sind meist die; die den Massanzug eines anderen tragen wollen.“

    Und ja: Ich erlebe tatsächlich viele Menschen; die allen Ernstes glauben; es gehe darum; einen Zustand zu erreichen; in dem sie ohne Ausnahme IMMER glücklich und hochschwingend seien. Meiner Erfahrung nach ist das die Garantie; unglücklich zu bleiben.
    Schade um die Lebenszeit und -energie.

    Übrigens: Ich mag Deine tiefgründigen und kritischen Texte sehr und bin durchaus neidisch darauf; wie treffend und klar Du Deine Gedanken auf den Punkt zu bringen vermagst 🙂

    (In meinem Text habe ich übrigens alle Kommata durch „;“ ersetzt; weil immer eine Fehlermeldung kommt).

    Ps: Wirklich wohlhabend werden meiner Beobachtung nach übrigens nur die wenigsten Coaches – auch wenn die Vermittlung dieses Eindrucks Teil des wenig erquicklichen Auftretens der Coachingbranche ist (ich kenne sog. „Moneycoaches“; deren Betreibungsregisterauszug satte 10-Seiten füllt!).
    Abgesehen davon finde ich es nicht verwerflich; für echte Leistung; die anderen einen Wert bringt; auch entsprechend bezahlt zu werden (auch wir müssen Rechnungen zahlen).
    Interessanterweise wird das Recht; mit dem Leid anderer Geld zu verdienen; bei Ärzten oder Physiotherapeuten u.a. nicht in Frage gestellt.

  4. Hanspeter Gautschin

    Liebe Katrin
    danke Dir herzlich für Deinen ausführlichen Kommentar. Und ja: Genau dieses Gefühl meine ich – dass da oft zuerst ein „Problem“ erzeugt wird, damit man hinterher die „Lösung“ verkaufen kann. Das ist eine Form von Suggestion, die Menschen klein macht und ihnen das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung abtrainiert.
    Dein Satz «Es gibt nichts zu reparieren!» trifft für mich den Kern sehr gut. Leben ist kein Defekt, der behoben werden müsste. Es hat Ecken, Druckstellen, Umwege – und genau darin liegt ja auch seine Wahrheit.
    Gleichzeitig finde ich wichtig, was Du ebenfalls betonst: Eine ehrliche, kompetente Begleitung kann enorm wertvoll sein – gerade dort, wo man sich in alten Mustern verheddert und allein nicht mehr sauber erkennt, was wirklich „eigen“ ist und was angelernt. Diese Unterscheidung ist für mich der entscheidende Unterschied zwischen seriöser Unterstützung und manipulativer Vermarktung.
    Das Böhm-Zitat passt perfekt – und auch Deine Bemerkung zur „Dauer-Glücks“-Illusion: Wer dauernd hochschwingen muss, wird zwangsläufig an der Realität scheitern.
    Danke auch für Dein Lob zu meinen Texten – das freut mich wirklich. Und ja: Dass mit echter Leistung auch Geld verdient werden darf, sehe ich wie Du. Mein Thema ist nicht das Honorar, sondern die Methode, mit der man Menschen zuerst verunsichert, um sie dann „kostenpflichtig zu beruhigen“.
    Herzliche Grüsse
    Hanspeter

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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