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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Zum Lobe der Trägheit
Ein Mann sitzt lächelnd auf einer Parkbank unter einem Baum und verkörpert Zum Lobe der Trägheit, während im Hintergrund unscharfe Figuren spazieren gehen und Fahrrad fahren. Zwei Tauben fliegen in der Nähe und tragen zu der friedlichen, lebendigen Atmosphäre bei.

Es ist schon merkwürdig: Wer heutzutage nichts tut, steht sofort unter Verdacht.

Man soll aktiv sein, engagiert, erreichbar – am besten dauerbeschäftigt. Selbst Pausen brauchen heute eine Daseinsberechtigung. «Ich tanke Energie», sagt man dann. Oder: «Ich übe Achtsamkeit.»
Einfach nur nichts tun? Das ginge zu weit.

Dabei ist Trägheit kein Fehler, sondern ein beinahe verlorenes Talent. Sie ist nicht zu verwechseln mit der dumpfen Faulheit, die nur keine Lust hat. Trägheit ist bewusste Faulheit. Überlegte Untätigkeit. Ein Akt der Vernunft. Der Träge weiss genau, dass er etwas tun könnte – er entscheidet sich aber dagegen. Und zwar nicht aus Schwäche, sondern aus Einsicht.

Er hat gerechnet: Aufwand, Nutzen, Folgen – und das Ergebnis lautet: «Nicht nötig.»
Dann bleibt er sitzen. Und siehe da: Die Welt bleibt stehen? Nein, sie dreht sich weiter. Ganz ohne ihn.

Die Unruhe der Tätigen

Es gibt Menschen, die rennen durchs Leben, als stünde hinter der nächsten Ecke der Sinn.
Sie können nicht stillsitzen, weil sie glauben, das Glück laufe ihnen davon, wenn sie stehen bleiben. Also rennen sie ihm hinterher. Atemlos. Und wundern sich, dass sie es nie einholen.

Sie nennen das «aktiv leben». In Wahrheit fliehen sie vor sich selbst. Der Gedanke, einfach dazusitzen, macht sie nervös. Vielleicht, weil sie dann hören müssten, wie laut es in ihnen selbst ist.

Der Träge kennt diese Angst nicht. Er weiss: Das Leben geschieht auch ohne sein Zutun.
Man muss nicht ständig an den Rädern drehen. Sie drehen sich von allein. Das Gras wächst, die Sonne scheint, und irgendwo hämmert jemand an seinem Glück. Alles passiert. Ganz ohne Management.

Die Kunst, nichts zu wollen

Trägheit hat eine stille Würde. Sie löst den Menschen vom Zwang, etwas werden zu müssen.
In einer Welt, in der jeder an sich arbeitet, ist das fast ein Skandal.

Der Träge arbeitet nicht an sich. Er ist mit sich beschäftigt – und das genügt. Er strebt nicht, er lebt. Wer ständig besser werden will, vergisst, dass er schon da ist.

Trägheit ist Gelassenheit mit Charakter. Sie schaut den Selbstoptimierern zu und denkt: «Interessant, wie sich manche abmühen, um zu werden, was sie längst sind.»

Die Religion der Produktivität

Wir leben im Zeitalter der heiligen Arbeit. Ihr Altar ist der Schreibtisch, ihr Weihrauch der Kaffee.
«Du sollst früh aufstehen!», heisst das erste Gebot.
«Du sollst dich verbessern!», das zweite.
«Du sollst keine Zeit verschwenden!», das dritte.
Und das vierte lautet: «Du sollst stolz sein, wenn du müde bist.»

Die modernen Gläubigen tragen Fitnessuhren wie Rosenkränze und beichten ihre Schrittzahlen in Apps.
Der Träge tut das nicht. Er glaubt an nichts, was blinkt. Er weiss: Wer alles verändern will, versteht selten, was schon gut ist.

Trägheit als Lebenskunst

Trägheit ist keine Bewegungslosigkeit. Sie ist Bewegung ohne Anstrengung.
Sie folgt dem Weg des geringsten Widerstands – nicht aus Faulheit, sondern aus Klugheit.
Warum gegen den Strom schwimmen, wenn man sich treiben lassen kann und trotzdem ankommt?

Die Natur macht es uns vor. Kein Baum schwitzt, kein Fluss hetzt.
Die Erde dreht sich gemächlich, ohne sich darum zu kümmern. Nur der Mensch meint, er müsse sie antreiben, sonst bleibt sie stehen.

Trägheit ist das Vertrauen, dass alles weitergeht, auch ohne uns. Sie ist Einverständnis mit dem Lauf der Dinge. Und das ist schon ziemlich viel.

Über das rechte Mass an Nichts

Natürlich braucht es Arbeit. Auch der Träge weiss das. Aber er unterscheidet: zwischen Notwendigem und Unsinn.
Er tut, was getan werden muss – gründlich, zügig, fertig. Und dann hört er auf.

Der Fleissige sucht immer neue Gründe, weiterzumachen. Er kann kein Ende finden. Er nennt es «Engagement». Der Träge nennt es «Ruhelosigkeit». Für ihn ist «genug» ein ganzes Weltbild.

Wenn er einen Apfel gegessen hat, pflanzt er keinen Baum daraus, um mehr Äpfel zu haben.
Er legt den Rest auf die Fensterbank, schaut ihm beim Trocknen zu und denkt: «So kann’s bleiben.»

Die Schönheit der Zwecklosigkeit

Wir sind so daran gewöhnt, alles zu begründen, dass selbst das Ausruhen einen Zweck braucht.
Man ruht, um leistungsfähig zu bleiben.
Man schläft, um wieder zu funktionieren.
Man isst gesund, um effizient zu denken.

Die Trägheit lacht darüber. Sie ruht, weil Ruhen schön ist.
Sie schläft, weil sie müde ist.
Sie isst, weil es schmeckt.
Alles andere ist Dekoration.

Das Reich der Trägen

Manchmal stelle ich mir eine Welt vor, in der die Trägen das Sagen hätten.
Kein Wirtschaftswachstum, keine Konferenzen, keine PowerPoint-Folien.
Man würde den Tag beginnen, wenn er beginnt – und nicht, wenn der Wecker befiehlt.
Der Kaffee dürfte kalt werden, das Gespräch sich verlaufen, der Abend still enden.

Es wäre keine Welt des Stillstands, sondern der Gelassenheit.
Man besässe weniger, aber man hätte mehr Zeit.
Und das Leben bekäme wieder diesen Geschmack, den man früher kannte, wenn man nach dem Mittagessen im Gartenstuhl sass und den Himmel betrachtete – ohne schlechtes Gewissen.

Faulheit? Nein, Klarheit.

Trägheit wird oft für Faulheit gehalten.
Aber Faulheit ist dumpf. Sie ist die Schwerkraft des Geistes.
Trägheit dagegen ist Entscheidung. Sie ist Klarheit in bequemer Haltung.

Der Faule will, kann aber nicht.
Der Träge kann, will aber nicht.
Das ist ein Unterschied wie zwischen Fieber und Ferien.

Der Träge weiss, was ihm wichtig ist: Ruhe, Würde, Leichtigkeit. Alles andere ist Lärm.

Vom Glück, nichts zu wollen

Man kann das Leben nicht festhalten. Je fester man zupackt, desto schneller entgleitet es.
Der Träge weiss das. Er greift nicht zu. Er schaut, lächelt und lässt.

Er sitzt am Fenster, sieht die Welt vorbeiziehen und denkt: «Wie viel Aufregung für so wenig Glück.»
Dann schliesst er die Augen und lässt sich treiben – nicht ins Nichts, sondern ins Dasein.

Und vielleicht ist das die höchste Form der Arbeit: die, bei der man nichts mehr tut und doch alles versteht.

Ein Lob zum Schluss

Trägheit ist kein Rückzug. Sie ist Widerstand. Ein stiller, eleganter, unaufgeregter Protest gegen die Raserei der Zeit.
Sie verweigert den Kult der Effizienz und erinnert daran, dass Menschsein mehr ist als Output.

Der Träge weiss: Das Glück wird nicht erarbeitet. Es passiert. Meistens dann, wenn man gerade nichts tut.

Darum: ein Hoch auf die Trägheit! Auf das süsse Nichts, das alles enthält.
Auf den Mut, sitzen zu bleiben, wenn alle rennen.
Auf die Kunst, das Leben kommen zu lassen.

Denn manchmal, ja manchmal, ist der schönste Fortschritt jener, den man einfach verschläft.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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