Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Als Gesunde für verrückt galten – was das Rosenhan-Experiment bis heute verrät
Ein zerzauster Mann sitzt auf einem Krankenhausbett und sieht ängstlich aus, umgeben von Ärzten, die Notizen machen. Ein Klemmbrett mit der Aufschrift "Schizophrenie" und die Erwähnung von "Psychiatrie" deuten auf eine Diskussion über seine geistige Gesundheit und mögliche Verbindungen zum Rosenhan-Experiment hin.

Im Jahr 1973 erschien in der Fachzeitschrift Science eine Studie, die in der Psychiatrie einschlug wie ein Stein in eine Glasscheibe.

Ihr Autor war der amerikanische Psychologe David Rosenhan. Der Titel lautete unspektakulär: On Being Sane in Insane Places. Doch der Inhalt war alles andere als nüchtern. Rosenhan schilderte ein Experiment, das eine beunruhigende Frage aufwarf: Was geschieht, wenn ein Mensch einmal als psychisch krank gilt – und aus diesem Blickwinkel nicht mehr herausfindet?

Die Versuchsanordnung war so einfach wie verstörend. Acht psychisch gesunde Personen, darunter Rosenhan selbst, meldeten sich in verschiedenen psychiatrischen Kliniken in den USA. Sie behaupteten, Stimmen zu hören – drei Worte seien gefallen: «empty», «hollow» und «thud». Sonst gaben sie sich unauffällig, erzählten wahre biografische Details und verhielten sich kooperativ. Trotzdem wurden alle aufgenommen. Sieben erhielten die Diagnose Schizophrenie, eine Person die Diagnose manisch-depressiv (heute: bipolare Störung).

Der Eintritt in eine andere Wirklichkeit

Sobald die Pseudopatienten in den Kliniken waren, hörten sie auf zu schauspielern. Sie erklärten, die Stimmen seien verschwunden, und verhielten sich völlig normal. Doch genau da begann das eigentliche Drama: Fast jede alltägliche Handlung wurde nun als Ausdruck der Krankheit gedeutet. Wer sich Notizen machte, galt nicht als aufmerksamer Beobachter, sondern als Zwangsschreiber. Höflichkeit erschien als Anpassung, Schweigen als Rückzug, Redseligkeit als Manie. Das Etikett «krank» lenkte fortan jede Wahrnehmung.

Die Aufenthalte dauerten zwischen 7 und 52 Tagen, im Schnitt 19. Entlassen wurden die Scheinpatienten nicht als gesund, sondern mit dem Vermerk «Schizophrenie in Remission». Die Diagnose wurde nicht zurückgenommen, nur abgeschwächt – auf dem Papier blieb die Krankheit bestehen, obwohl sie real nie existiert hatte.

Wenn das Etikett mächtiger wird als der Mensch

Die Sprengkraft des Experiments lag weniger in der Frage, ob sich Ärzte täuschen können – Irren ist menschlich – als in der Erkenntnis, wie ein institutionelles Etikett den Blick auf die Wirklichkeit verzerren kann. Rosenhan traf damit einen empfindlichen Nerv: In den frühen 1970er Jahren stand die Psychiatrie ohnehin in der Kritik. Diagnosen galten oft als unscharf, klinische Abläufe als starr, und die Zuverlässigkeit psychiatrischer Urteile war ungewiss. Rosenhans Bericht wirkte wie ein Scheinwerfer auf eine brüchige Fassade.

Man kann es sich leicht vorstellen: Ist ein Mensch einmal als krank eingestuft, wird vieles, was er tut, nicht mehr als Ausdruck seiner Persönlichkeit verstanden, sondern als Symptom. Müdigkeit wird zum Anzeichen einer Depression, Unruhe zum Hinweis auf eine Störung, Schweigen zum Rückzug, Reden zur Manie. So entsteht ein Deutungsrahmen, aus dem kaum zu entkommen ist. Das Rosenhan-Experiment machte sichtbar, wie leicht Institutionen ihre eigene Sicht bestätigen – und wie schwer es ist, dieser Logik zu entkommen.

Der peinliche Nachschlag

Berühmt wurde der zweite Teil der Geschichte. Nach der Veröffentlichung seiner Ergebnisse meldete sich eine Klinik und erklärte, man würde Scheinpatienten künftig sofort erkennen. Rosenhan kündigte an, er werde innerhalb von drei Monaten verdeckte Testpersonen schicken. Während dieser Zeit identifizierte das Krankenhaus Dutzende angeblich verdächtige Fälle. Der Haken: Rosenhan hatte niemanden geschickt.

Ob man diese Episode als wissenschaftlichen Coup oder als raffinierte Blossstellung liest, bleibt Geschmackssache. Sicher ist: Sie traf einen Nerv. Nun herrschte Misstrauen auf beiden Seiten – Kliniken fürchteten Täuschung, und Rosenhan zeigte, wie schnell auch der Verdacht selbst zur Fehldeutung werden kann.

Was an der Studie überzeugt – und was nicht

So eindrücklich die Geschichte ist, sollte man sie nicht unkritisch überliefern. Schon kurz nach der Veröffentlichung wurde Rosenhan heftig angegriffen. Der Psychiater Robert Spitzer warf ihm methodische Schwächen und überzogene Schlüsse vor. Sein zentraler Punkt: Wer glaubhafte Symptome einer schweren Störung schildert, darf sich nicht wundern, wenn er aufgenommen wird. Das beweise nicht, dass psychiatrische Diagnosen wertlos seien.

Die Kritik hat Gewicht. Die Psychiatrie ist kein Gedankenlesen, sondern auf das angewiesen, was Menschen berichten und wie sie wirken. Wenn jemand glaubhaft Halluzinationen beschreibt, kann kein Fachmann erkennen, dass sie erfunden sind. Insofern spielte Rosenhan mit gezinkten Karten.

Spätere Recherchen verstärkten die Zweifel: Die Journalistin Susannah Cahalan untersuchte Akten, sprach mit Beteiligten und stellte fest, dass Rosenhans Darstellung teilweise widersprüchlich, unvollständig oder verfälscht war. Auch wissenschaftshistorische Arbeiten verweisen heute auf erhebliche methodische Mängel – ohne den grundsätzlichen Impuls der Studie völlig zu entwerten.

Warum der Fall dennoch bleibt

Trotz aller Kritik bleibt Rosenhans Geschichte mehr als eine Kuriosität der Psychologiegeschichte. Sie verweist auf ein grösseres Problem: Menschen sehen selten nur, was ist – sondern oft, was sie zu sehen erwarten.

Das gilt im Gerichtssaal ebenso wie in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Medizin. Wer als Querulant gilt, wird anders gehört. Wer als «schwierig» abgestempelt ist, erfährt weniger Nachsicht. Wer eine Diagnose trägt, wird durch diese Diagnose hindurch wahrgenommen. Das Problem liegt nicht allein im System, sondern im menschlichen Wahrnehmungsmuster: Wir vereinfachen, ordnen, sortieren – aus Bequemlichkeit, aus Angst oder, weil der Apparat es verlangt.

Gerade das macht das Rosenhan-Experiment zeitlos. Es zeigt, wie dünn die Wand sein kann zwischen Beschreibung und Zuschreibung, zwischen Fürsorge und Bevormundung, zwischen Diagnose und Deutungshoheit.

Die bleibende Unruhe

Vielleicht liegt das Verstörendste an dieser Geschichte gar nicht in der Psychiatrie der 1970er Jahre, sondern in der Einsicht, dass jedes System seine eigene Wirklichkeit erzeugt. Ist ein Mensch einmal registriert, klassifiziert und bezeichnet, wird es schwer, wieder als offener Fall zu gelten. Die Akte beginnt zu sprechen. Das Etikett denkt mit. Die Institution sieht nicht mehr den Menschen, sondern die Kategorie.

Rosenhan hat diese Mechanik sichtbar gemacht – ob als exakter Wissenschaftler oder als eleganter Provokateur. Beides kann zutreffen. Die Studie mag Mängel haben, doch ihr Stachel bleibt: Wie oft verwechseln wir unsere Urteile mit Tatsachen? Wie schnell wird aus einer Diagnose oder Aktennotiz ein ganzes Menschenbild?

Was bis heute zu lernen wäre

Die Lehre des Rosenhan-Experiments ist nicht, dass Psychiatrie wertlos sei – im Gegenteil: Viele Menschen verdanken ihr Stabilität, Schutz, manchmal überhaupt eine neue Lebensmöglichkeit. Auch Ärzte sind nicht blind; sie arbeiten unter schwierigen Bedingungen und müssen entscheiden, wo Eindeutigkeit fehlt.

Die wahre Lehre ist einfacher – und anspruchsvoller: Jeder diagnostische Blick braucht Selbstzweifel. Jede Institution braucht Korrektive. Und jeder Fachmensch braucht die Bereitschaft, sich irren zu können. Wo das verloren geht, entsteht Gefahr: Aus Fürsorge wird Bevormundung, aus Beobachtung wird Festlegung, aus Hilfe ein Käfig aus Begriffen.

Das Rosenhan-Experiment bleibt deshalb kein Relikt, sondern ein Warnzeichen – nicht gegen die Psychiatrie, sondern gegen die menschliche Versuchung, das eigene Urteil mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

 

0 Kommentare

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER