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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Zeitgeist: Männer, Fleisch und Klima – eine Studie im Spiegel des Zeitgeists
Auf einer Wippe balanciert ein Mann mit Autoschlüsseln und Fleisch auf der einen Seite und eine Frau mit Fahrrad und Salat auf der anderen Seite, unter einem dramatischen Himmel und hellem Sonnenlicht, das die Kontraste von Klima hervorhebt.

Es gibt Themen, die sind wie gemacht für Schlagzeilen. Man nehme eine wissenschaftlich klingende Untersuchung, eine gesellschaftlich aufgeladene Debatte und ein Feindbild, das zuverlässig Emotionen weckt – und schon entsteht ein medialer Selbstläufer.

So geschehen bei einer aktuellen Studie der London School of Economics, die – verkürzt zusammengefasst – zu dem Ergebnis kommt: Männer essen mehr rotes Fleisch, fahren häufiger Auto und verursachen dadurch mehr Treibhausgasemissionen als Frauen.

Diese Feststellung allein würde vermutlich noch keine grosse Aufmerksamkeit erzeugen. Die besondere Würze erhält das Thema erst durch die Verknüpfung mit gesellschaftspolitischen Schlagworten: «traditionelle Geschlechternormen», «toxische Männlichkeit» und «geschlechtsspezifische Emissionslücke».

Plötzlich geht es nicht mehr nur um Ernährungsgewohnheiten, sondern um Identitäten – und um die moralische Frage, wer den Planeten belastet und wer ihn rettet.

Die Studie in Kürze
Ort: London School of Economics
Teilnehmerzahl: ca. 15’000 Personen aus Frankreich
Hauptaussage: Männer verursachen 26 % mehr CO₂ in den Bereichen Ernährung & Transport als Frauen.
Erklärte Hauptursachen: Rotes Fleisch & Autonutzung
Flugreisen: Kein signifikanter Unterschied
Rückgang nach Korrekturen: Unter Berücksichtigung von Grösse, Kalorienbedarf & Streckenlänge sinkt der Unterschied auf 6,5–9,5 %.

Die Kernaussagen der Studie

Die Untersuchung basiert auf Daten von rund 15’000 französischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Männer im Durchschnitt 26 Prozent mehr Treibhausgase verursachen als Frauen – zumindest in den Bereichen Ernährung und Transport.

Berücksichtigt man Faktoren wie Einkommen und Bildung, sinkt dieser Unterschied auf 18 Prozent.

Wenn man zusätzlich einbezieht, dass Männer im Schnitt grösser sind, mehr Kalorien zu sich nehmen und längere Strecken zurücklegen, bleibt eine Differenz zwischen 6,5 und 9,5 Prozent.

Nach Einschätzung der Forscherinnen erklären vor allem zwei Faktoren diesen verbleibenden Unterschied:

  1. Der Konsum von rotem Fleisch
  2. Die häufigere Nutzung von Autos

Was nicht erwähnt wird

Beim Lesen der Zusammenfassung fällt auf: Biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen spielen in der Argumentation praktisch keine Rolle.
Dabei sind diese Unterschiede nicht nur offensichtlich, sondern auch relevant für den Energie- und Nährstoffbedarf.

  • Männer haben im Durchschnitt rund 50 % mehr Muskelmasse als Frauen.
  • Auch die Knochenmasse ist höher – im Schnitt 13–14 kg bei Männern gegenüber rund 9 kg bei Frauen.
  • Diese zusätzliche Muskel- und Knochenmasse muss ständig erhalten und repariert werden.
  • Muskeln verbrauchen selbst im Ruhezustand deutlich mehr Energie als Fettgewebe.

Biologische Grundlagen

  • Männer: ca. 36 kg Muskelmasse
  • Frauen: ca. 23 kg Muskelmasse
  • Höherer Grundumsatz bei Männern
  • Mehr Proteinbedarf
  • Grösserer Kalorienbedarf im Alltag→ Höherer Energieverbrauch ist kein «Charakterfehler», sondern biologisch erklärbar.

Globale Muster und kulturelle Unterschiede

Eine internationale Vergleichsstudie mit 20’000 Teilnehmenden aus 23 Ländern zeigt:

Männer essen weltweit mehr Fleisch als Frauen – unabhängig von Kultur oder Einkommen.

Der Unterschied vergrössert sich sogar, wenn Wohlstand und individuelle Freiheit zunehmen.

In ärmeren Regionen essen Männer oft weniger Fleisch, nicht aus Überzeugung, sondern aus finanziellen Gründen.

Fleischkonsum weltweit

  • Männer essen in fast allen Ländern mehr Fleisch als Frauen
  • Unterschied steigt mit wachsendem Wohlstand
  • In armen Ländern begrenzt durch Kaufkraft
  • Kein rein «westliches» oder «kulturelles» Phänomen

Transport – ein verzerrtes Bild

Auch beim Thema Autofahren lohnt sich ein genauerer Blick.

Die Studie stellt fest, dass Männer mit Kindern im Haushalt deutlich mehr fahren als ihre Partnerinnen.

Das wird als «geschlechtsspezifische Emissionslücke» interpretiert.

Praktischer Alltag deutet jedoch auf eine naheliegende Erklärung: In vielen Familien übernimmt der Mann nach wie vor den längeren Arbeitsweg, während die Partnerin – gerade in den Jahren mit kleinen Kindern – kürzere Strecken zu Fuss oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegt.

Zeitgeist und Deutungshoheit

Die Studie ist nicht einfach nur eine Sammlung von Zahlen.

Sie ist auch ein Beispiel dafür, wie Forschungsergebnisse in den öffentlichen Diskurs eingebettet werden.

Begriffe wie «toxische Männlichkeit» oder «traditionelle Geschlechterrollen» tragen dazu bei, eine klare moralische Lesart vorzugeben: Männer sind nicht nur Verursacher höherer Emissionen, sondern handeln – bewusst oder unbewusst – gegen das Gemeinwohl.

Begriffsklärung «geschlechtsspezifische Emissionslücke»
Differenz im durchschnittlichen CO₂-Ausstoss zwischen Männern und Frauen, gemessen in bestimmten Lebensbereichen (hier: Ernährung & Transport).
Kritik: Ohne Einbeziehung biologischer Faktoren kann diese Zahl leicht fehlinterpretiert werden.

Gesellschaftliche Wirkung

Untersuchungen wie diese entfalten ihre Wirkung selten im Elfenbeinturm der Wissenschaft.

Sie werden in Medien wie dem Guardian aufgegriffen, pointiert dargestellt und emotional aufgeladen.

Das erzeugt Schlagzeilen, die oft verkürzen:

«Männer verschmutzen den Planeten mehr als Frauen.»

Eine solche Botschaft prägt Debatten und kann langfristig die Wahrnehmung ganzer Bevölkerungsgruppen beeinflussen.

Einordnung statt Empörung

Eine differenzierte Betrachtung müsste drei Ebenen unterscheiden:

  1. Biologische Grundlagen – Energiebedarf, Muskelmasse, Körpergrösse.
  2. Gesellschaftliche Strukturen – Arbeitsteilung, Berufswahl, Mobilitätsmuster.
  3. Individuelle Entscheidungen – Ernährung, Verkehrsmittel, Konsumgewohnheiten.

Schlussgedanke

Die Debatte um Klima, Fleischkonsum und Geschlechterrollen ist ein Spiegel des Zeitgeists.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen – und hinter der Schlagzeile zu prüfen, welche Daten, Annahmen und Auslassungen dahinterstehen.

Denn eines sollte klar sein: Die Zukunft einer sachlichen Klimapolitik hängt nicht davon ab, ob der Nachbar sein Rinderfilet durch Tofu ersetzt, sondern davon, ob wir bereit sind, Ursachen und Zusammenhänge umfassend zu verstehen – jenseits von Vorurteilen und plakativen Schuldzuweisungen.

 

2 Kommentare

  1. Göni Haltinner

    Stimmt schon. Vorurteile und plakative Zuweisungen bringen gar nichts. Wichtig ist doch, dass jeder selbst versucht unserem Planeten so wenig wie möglich zu schaden. Logisch können wir nicht alles vermeiden, aber vieles halt schon. Die Gipfeli am Sonntag kann man zu Fuss oder mit dem Velo einkaufen. Die sonstigen Einkäufe erledige ich alle im Dorf und gehe zu Fuss. Gut – wir haben das Glück im Dorf eine „Chäsi“, zwei Bäckereien, einen Metzger, Migros, Coop, Apotheke und Drogerie zu haben. Und das alles eben in Gehdistanz.

  2. Hanspeter Gautschin

    Danke, Göni – genau das ist der Punkt. Es geht nicht um pauschale Schuldzuweisungen, sondern darum, was jeder im eigenen Alltag umsetzen kann. Dass bei dir so vieles im Dorf erreichbar ist, ist ein Glück, das leider nicht alle haben. Und wenn man diese Nähe nutzt, statt für jeden Einkauf ins Auto zu steigen, ist das ein Beitrag, der in der Summe zählt – ganz ohne Moralkeule und mit gesundem Menschenverstand.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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