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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Verspielt die Schweiz ihre Tüftler-DNA?
Ein Mann mit echter Tüftler-DNA inspiziert ein mechanisches Teil an seiner Werkbank, Blaupausen und Robotertechnik in der Nähe. Durch das Fenster sieht man die Schweiz mit einem malerischen Bergdorf und der Schweizer Flagge im Hintergrund.

Die Schweiz gilt gern als Land der Präzision, der Verlässlichkeit und der stillen Erfinder. Das Bild ist vertraut: irgendwo in einer Werkstatt, in einem kleinen Betrieb, in einem Labor oder in einer Garage sitzt einer, der nicht lange redet, sondern etwas baut, verbessert, neu denkt. Kein grosses Theater, kein Getöse, sondern ein praktischer Geist, der aus wenig viel macht.

Von diesem Geist lebt die Schweiz bis heute. Oder vielleicht genauer gesagt: Sie lebt noch immer gut von dem, was dieser Geist einst hervorgebracht hat.

Denn der wirtschaftliche Alltag sieht inzwischen weniger heldenhaft aus. Für 2026 wird nur noch ein Wachstum des Schweizer Bruttoinlandprodukts von 1,0 Prozent erwartet. Sowohl das SECO als auch die KOF rechnen mit einem unterdurchschnittlichen Jahr. Belastet wird die Lage durch schwache Auslandnachfrage, Unsicherheit im internationalen Umfeld und den Druck auf exportorientierte Unternehmen.

Das ist noch keine Katastrophe. Die Schweiz steht nicht vor dem Zusammenbruch, und sie wird auch morgen nicht zum Armenhaus Europas. Aber solche Zahlen sind ein Signal. Sie zeigen, dass auch ein wohlgeordnetes, reiches und leistungsfähiges Land nicht einfach automatisch auf Erfolg programmiert ist. Wer lange von Stabilität profitiert, läuft Gefahr, Stabilität mit Zukunftsfähigkeit zu verwechseln.

Genau dort beginnt die eigentliche Frage: Hat die Schweiz noch genug schöpferische Unruhe in sich? Oder lebt sie zunehmend vom Erbe ihrer Tüftler, während sie sich im Alltag in Regeln, Absicherungen und Verwaltungslogik verheddert?

Ein mageres Jahr ist noch keine Krise

Man muss aufpassen, dass man aus einer schwachen Prognose nicht gleich ein Untergangsszenario macht. Ein Wachstum von 1,0 Prozent ist unerquicklich, aber kein Absturz. Viele Länder wären froh um eine derart stabile Ausgangslage. Die Schweiz verfügt weiterhin über gute Institutionen, eine leistungsfähige Infrastruktur, starke Unternehmen und einen Arbeitsmarkt, der im internationalen Vergleich robust bleibt.

Und doch ist der Befund unerquicklich. Denn die mageren Aussichten fallen nicht vom Himmel. Sie weisen auf strukturelle Fragen hin, die sich nicht mit einem konjunkturellen Schulterzucken erledigen lassen. Wenn die Exporte schwächeln, der Franken aufwertet und die Welt draussen unruhiger wird, dann zeigt sich, wie verletzlich auch ein Land ist, das sich gern als Sonderfall betrachtet.

Die Schweiz ist stark, aber sie ist nicht losgelöst von einer Welt, in der viele Staaten ihre Konjunktur mit Schulden, Interventionen und politisch gelenkten Programmen stützen. In einem solchen Umfeld wird gesundes Wirtschaften immer schwieriger. Wer exportiert, hängt an Märkten, die selber nicht mehr besonders gesund sind. Wer investiert, tut das in einer Atmosphäre, die von Unsicherheit geprägt ist. Wer Neues wagen will, braucht nicht nur gute Ideen, sondern auch ein Umfeld, das das Wagnis noch zulässt.

Wohlstand auf Reserve

Vielleicht liegt das Grundproblem tiefer. Die Schweiz hat sich daran gewöhnt, dass vieles funktioniert. Gerade das kann gefährlich werden.

Wohlstand erzeugt Gelassenheit, und Gelassenheit kann in Selbstzufriedenheit umkippen. Man verwaltet, was da ist. Man schützt, was sich bewährt hat. Man pflegt Standards, Verfahren und Sicherheiten. All das hat seinen guten Sinn. Nur entsteht daraus schleichend eine Kultur, in der man weniger fragt: «Was könnten wir bauen?» als vielmehr: «Wie sichern wir ab, was wir bereits haben?»

Das ist kein Vorwurf an einzelne Menschen, sondern eine Stimmung, die sich in wohlhabenden Gesellschaften gern breitmacht. Die grossen Würfe kommen selten aus satt gewordenen Verhältnissen. Sie kommen von Leuten, die an etwas glauben, etwas riskieren, etwas ausprobieren und dabei auch scheitern dürfen.

Die Schweiz war einmal besonders gut darin, aus Begrenzungen Kräfte zu machen. Gerade weil sie klein war, musste sie präzise sein. Gerade weil sie nicht über unerschöpfliche Rohstoffe verfügte, musste sie klug, beweglich und erfinderisch sein. Daraus entstanden Maschinen, Verfahren, Produkte, Speziallösungen und Unternehmensgeschichten, auf die man mit Recht stolz sein kann.

Doch ein Land kann von seinem Ruf länger leben als von seiner Wirklichkeit. Irgendwann reicht es nicht mehr, sich auf die Tüftler-DNA zu berufen. Dann stellt sich die unangenehme Frage, ob diese DNA im Alltag überhaupt noch gepflegt wird.

Wirtschaften auf Pump – nur etwas eleganter

Die Schweiz ist fiskalisch disziplinierter als viele andere Länder. Das ist ein Vorteil, ohne Frage. Doch sie lebt wirtschaftlich nicht auf einer Insel. Sie ist eingebunden in eine Welt, in der Schulden, expansive Geldpolitik und politisch erzeugte Scheinbelebung längst zur Normalität geworden sind.

Wer in einem solchen System erfolgreich exportiert, profitiert mit von einer Ordnung, die auf Dauer nicht gesund wirkt. Es wird künstlich gestützt, verschoben, überbrückt und nachfinanziert. Der Preis dafür ist selten sofort sichtbar, aber er kommt. Mal in Form von Instabilität, mal in Form von Inflation, mal in Form von wachsender Abhängigkeit von staatlichen oder geldpolitischen Eingriffen.

Die Schweiz wirkt in diesem Spiel solider, aber sie kann sich der Logik nicht entziehen. Wenn wichtige Handelspartner schwächeln und sich politische Konflikte auf Energiepreise, Nachfrage und Investitionen auswirken, spürt das auch die hiesige Wirtschaft. Genau darauf verweist die aktuelle Konjunkturprognose.

Darum wäre es zu einfach, die Sache bloss auf den starken Franken zu schieben. Der starke Franken ist ein Problem für Exporteure, gewiss. Aber er ist nicht die ganze Geschichte. Tiefer liegt die Frage, ob die Schweiz in einer Schuldenwelt noch mit eigener Produktivität, Erfindungskraft und unternehmerischer Beweglichkeit gegenhalten kann.

Die Kosten der Regelgläubigkeit

Ein heikler Punkt ist die Bürokratie. Kaum jemand bestreitet inzwischen, dass die Regulierungsdichte für viele Unternehmen zu einem echten Problem geworden ist. Selbst der Bundesrat betont die regulatorische Entlastung der Unternehmen und hat Ende 2025 ein Paket mit konkreten Massnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit verabschiedet. Auch das SECO führt den Abbau unnötiger administrativer Belastungen seit langem als wirtschaftspolitisches Ziel.

Wenn aber selbst die obersten Stellen des Landes das Thema so ausdrücklich benennen, dann ist klar: Es geht nicht bloss um das übliche Klagen aus Gewerbekreisen. Dann liegt tatsächlich etwas in der Luft.

Bürokratie ist selten spektakulär. Sie kommt nicht mit Fanfaren daher. Sie tritt in Formularen auf, in Dokumentationspflichten, in Nachweisen, Schnittstellen, Audits, Abklärungen und Auflagen. Jede einzelne Vorschrift lässt sich oft begründen. Das Problem liegt in der Summe. Was für grosse Konzerne lästig ist, wird für kleine und mittlere Betriebe schnell zu einer Belastung, die Zeit, Nerven und Geld frisst.

Und mehr noch: Bürokratie frisst nicht nur Ressourcen. Sie frisst Mut.

Wer ständig belegen, nachweisen, absichern und genehmigen muss, bevor er überhaupt anfangen kann, verliert die Lust am Experiment. Die Schweiz kann sich nicht gleichzeitig als Innovationsnation feiern und den Alltag vieler Unternehmen so kompliziert machen, dass am Ende vor allem jene bestehen, die eine eigene Administrationsmaschine aufbauen können.

Der Tüftler war nie in erster Linie ein Verwalter. Er dachte vom Problem her, nicht vom Formular.

Wo sind die Tüftler geblieben?

Die Frage ist bewusst zugespitzt. Denn selbstverständlich gibt es sie noch: die Entwickler, die Spezialisten, die stillen Unternehmer, die in ihren Nischen Grossartiges leisten. Die Schweiz hat nach wie vor einen hervorragenden Ruf, wenn es um Forschung, Präzision und Innovation geht. Im Global Innovation Index 2025 bleibt sie weltweit an der Spitze.

Gerade deshalb lohnt sich die kritische Frage.

Denn Innovationsstärke auf dem Papier ist das eine. Eine lebendige Kultur des Versuchens ist etwas anderes. Auch die WIPO verweist darauf, dass das weltweite Innovationsumfeld unter Druck steht: Das Wachstum verlangsamt sich, die Produktivität entwickelt sich träge, und die Innovationsfinanzierung hat an Dynamik verloren.

Das heisst: Selbst wer heute noch gut dasteht, darf sich nicht darauf verlassen, dass das so bleibt.

Der eigentliche Tüftlergeist zeigt sich nicht in Rankings, sondern in einer gesellschaftlichen Atmosphäre. In der Frage, ob einer mit einer Idee zuerst Ermutigung spürt oder zuerst Hürden. Ob ein kleiner Betrieb noch Luft hat, etwas auszuprobieren. Ob man jungen Leuten zutraut, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, statt sie möglichst früh in sichere Systeme einzuordnen.

Ein Land kann formal innovativ sein und innerlich trotzdem erstarren.

Der sichere Weg ist nicht immer der bessere

Man spürt in vielen Bereichen eine Vorliebe für den sicheren Weg. Das ist menschlich, und in einem reichen Land fast unvermeidlich. Doch wirtschaftlich ist es gefährlich.

Wer nur noch Risiken minimieren will, minimiert oft auch die Möglichkeiten. Wer jede Abweichung von der Norm als Störung betrachtet, verlernt die produktive Kraft des Ungeplanten. Wer immer mehr Standards setzt, bekommt irgendwann eine Gesellschaft, die ordentlich funktioniert, aber wenig überrascht.

Vielleicht liegt genau hier ein kultureller Wandel, über den zu wenig gesprochen wird. Der alte schweizerische Unternehmergeist war nicht romantisch. Er war hartnäckig, praktisch, manchmal eigensinnig. Er hatte etwas von Werkbank, Schraubstock und Versuchsanordnung. Er entstand aus Nähe zur Sache.

Heute entsteht leicht eine Distanz zur Sache. Man sitzt vor Prozessen, Berichten und Steuerungslogiken. Es wird viel gemanagt, koordiniert, validiert und strategisch ausgerichtet. Das alles hat seinen Platz. Aber eine Volkswirtschaft lebt nicht von sauber formulierten Zielbildern allein. Sie lebt davon, dass irgendwo jemand etwas Wirkliches zustande bringt.

Es fehlt nicht an Ideen, sondern an Luft

Das Ermutigende ist: Am Unternehmergeist mangelt es in der Schweiz offenbar nicht grundsätzlich. Laut KMU-Portal sahen 2024 fast die Hälfte der 18- bis 64-Jährigen gute Geschäftsmöglichkeiten in ihrer Region, und mehr als die Hälfte kannte jemanden, der ein Unternehmen gegründet hat.

Das spricht gegen die bequeme These, die Leute seien einfach zu träge oder zu ängstlich geworden. Ideen, Fähigkeiten und Vorbilder sind durchaus vorhanden. Das Problem könnte eher darin liegen, dass zwischen Einfall und Umsetzung ein immer dichteres Gestrüpp wächst.

Man muss sich das konkret vorstellen: Ein kleiner Betrieb ringt mit höheren Kosten, mit Fachkräftemangel, mit digitalem Anpassungsdruck, mit einer unsicheren internationalen Lage und gleichzeitig mit Anforderungen, die oft auf dem Papier vernünftig wirken, im Alltag aber schlicht Kräfte binden. Dazu kommt der Druck des starken Frankens für viele exportnahe Branchen.

Da geht es nicht um Jammern. Da geht es um die Frage, wie viel innere Beweglichkeit einem Wirtschaftsstandort bleibt, wenn der Handlungsspielraum laufend enger wird.

Die Schweiz muss wieder einfacher werden

Vielleicht ist das der springende Punkt: Die Schweiz braucht nicht zuerst mehr Sonntagsreden über Innovation. Sie braucht mehr Einfachheit.

Einfachheit heisst nicht Naivität. Einfachheit heisst nicht Regellosigkeit. Einfachheit heisst, dass ein Land seinen Schöpfern, Erfindern, Kleinunternehmern und Praktikern wieder mehr zutraut. Dass man Verfahren dort entschlackt, wo sie nur noch sich selbst verwalten. Dass man Regeln nicht nach ihrer moralischen Schönheit beurteilt, sondern nach ihrer Wirkung im wirklichen Leben.

Die Schweiz war stark, wenn sie präzise war. Präzision ist etwas anderes als Überregulierung. Präzision schafft Klarheit. Überregulierung schafft Reibung.

Wenn der Bundesrat heute selber auf regulatorische Entlastung setzt, dann ist das ein Zeichen, dass das Problem auch offiziell erkannt ist. Entscheidend wird sein, ob daraus mehr entsteht als ein gutes Dossier mit vernünftigen Absichten.

Denn Wettbewerbsfähigkeit lässt sich nicht verordnen. Sie wächst aus einem Klima. Aus Vertrauen. Aus Freiraum. Aus der Möglichkeit, etwas zu wagen, ohne zuerst in Akten zu versinken.

Nicht vom Mythos leben

Die Schweiz ist noch immer ein starkes Land. Sie ist noch immer reich an Wissen, Erfahrung, Disziplin und handwerklicher Intelligenz. Ihre Hochschulen, ihre spezialisierten Unternehmen und viele ihrer KMU tragen weiterhin viel zur wirtschaftlichen Kraft bei. Die internationale Innovationsbewertung fällt nach wie vor hervorragend aus.

Gerade deshalb wäre Selbstzufriedenheit fehl am Platz.

Es reicht nicht, vom Mythos der Tüftlernation zu leben. Irgendwann muss man zeigen, dass dieser Geist noch da ist. Nicht als Museumsstück, nicht als Werbebild, sondern als gelebte Wirklichkeit. In Werkstätten, Entwicklungsabteilungen, Start-ups, Familienbetrieben und überall dort, wo aus Können etwas Neues entsteht.

Vielleicht steht die Schweiz im Jahr 2026 weniger vor einer Konjunkturfrage als vor einer Charakterfrage.

Traut sie sich noch, mehr zu sein als ein hervorragend verwalteter Wohlstandsraum?

Traut sie sich noch, einfacher zu werden, damit wieder etwas wachsen kann?

Traut sie ihren Tüftlern noch genug zu?

Wenn diese Fragen offenbleiben, wird man die 1,0 Prozent Wachstum überstehen. Aber man könnte dabei etwas verlieren, das weit schwerer wiegt als eine magere Jahresprognose: den inneren Glauben daran, dass Zukunft nicht nur verwaltet, sondern gebaut werden will.

2 Kommentare

  1. hans schaub

    Lieber Hanspeter Du sprichst mir von der Seele. Das schweizerische Schulsystem ist bestens geeignet künftige unternehmerisch handelnde Erwachsen zu sehen. Eine gute Allgemeinbildung ist der Grundstock dazu.
    Die von Dir genannten Hürden sind da. Oft sehr hoch. Diese zu überwinden braucht kraft macht auch stark. Aus eigener Erfahrung habe ich Beispiele. So wie mir eine hoher Beamter beim Kanton anlässlich einer Sitzung zum eingereichten Baugesuch sagte: Er denke nicht dass die Schweiz ein Unternehmen wie meines brauche.
    Grüess Hans

  2. Hanspeter Gautschin

    Dein Beispiel zeigt leider gut, wie viel Mut, Kraft und Ausdauer es manchmal braucht, um in der Schweiz überhaupt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Umso mehr Respekt verdient, wer sich davon nicht entmutigen lässt.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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