Langenbruck war damals ein gesuchter Ort zum Kuren. Wer es sich leisten konnte, reiste hinauf in die gute Luft, liess sich vom Baselbieter Jura die Brust weiten und sprach anschliessend mit jener Zufriedenheit von «Natur», die besonders gut klingt, wenn man sie beim Nachmittagskaffee ausspricht.
Einer dieser Kurgäste war Herr Doktor Burckhardt aus Basel. Ein gebildeter Mann mit Kneifer, Spazierstock und einer Vorliebe für die Tierwelt — solange sie sauber geordnet, beschriftet und reglos vor ihm lag.
An einem Abend torkelte der Holzer Kari aus dem «Ochsen» heimwärts. Die Kameraden hatten ihm mehr Zwetschgenschnaps eingeschenkt, als für einen Christenmenschen gut war.
Schliesslich landete er im Strassengraben und schlief ein wie ein gefällter Baum.
Gerade kamen Herr Doktor Burckhardt und seine Gemahlin vorbei.
Sie blieben stehen.
Der Herr betrachtete den Schlafenden mit höflicher Verachtung.
«Traurig», sagte er.
Die Dame nickte betroffen.
«Wie tief ein Mensch sinken kann.»
Der Herr hob den Spazierstock leicht an.
«Zum Tier herabgesunken.»
Dann gingen sie weiter.
Am nächsten Morgen war Kari längst wieder bei der Arbeit. Die Sonne schien. Die Tannen rauschten. Und das gestrige Räuschlein war aus seinem Kopf verschwunden.
Da hörte er Stimmen auf einer Lichtung.
Zwischen den Heidelbeerstauden standen dieselben Kurgäste vom Vorabend.
Herr Doktor Burckhardt hatte ein Schmetterlingsnetz in der Hand.
Mit erstaunlichem Eifer jagte er hinter den bunten Faltern her. Kaum hatte er einen erwischt, drückte er ihn in ein Glas mit Äther.
Die Dame klatschte begeistert.
«Oh, wie wunderschön! Diesen hier müssen wir unbedingt mitnehmen!»
Kari blieb stehen.
Ein grosser Schwalbenschwanz flatterte noch kurz im Glas.
Dann nicht mehr.
Der Holzer zog langsam die Stirn kraus.
«Was machen Sie da?»
Der Herr lächelte gönnerhaft.
«Wissenschaft.»
«Aha.»
Kari betrachtete das Glas.
«Und dafür bringen Sie die Tiere um?»
Der Herr seufzte.
«Lieber Mann, das verstehen Sie nicht.»
Kari schwieg einen Moment.
Dann sagte er ruhig:
«Gestern lag ich betrunken im Graben. Das war kein schöner Anblick. Aber wenigstens habe ich niemanden umgebracht, nur damit ich ihn anschauen kann.»
Die Dame wurde rot.
Der Herr rückte nervös seinen Kneifer zurecht.
«Das ist doch etwas völlig anderes.»
«Natürlich», sagte Kari. «Sie haben ja einen Doktortitel.»
Dann nahm er seine Holzaxt auf die Schulter.
Nicht drohend. Bloss so, wie ein Holzer eben eine Axt trägt.
Die Wirkung war erstaunlich.
Wenige Augenblicke später verschwanden die feinen Kurgäste den Waldweg hinunter, als hätten sie plötzlich entdeckt, dass die Natur doch nicht ganz ungefährlich sei.
Kari blickte ihnen nach.
«Zum Tier herabgesunken», murmelte er.
Oben auf einer alten Wettertanne sass ein Rabe. Ein uralter Vogel, der vermutlich mehr Kurgäste gesehen hatte als das Kurhaus selbst.
Er hatte alles beobachtet.
Der Rabe schüttelte den Kopf.
Seit Jahrhunderten, dachte er, behaupten die Menschen, jemand benehme sich «wie ein Tier».
Dabei hat noch nie ein Reh einen Falter getötet, um sich an seiner Schönheit zu bilden.
Kein Dachs nennt Grausamkeit Wissenschaft.
Und kein Bussard braucht einen Spazierstock, um sich über andere zu erheben.
Der alte Rabe beschloss, die Sache dem Herrgott vorzutragen.
Und weil der Himmel manchmal Sinn für merkwürdige Anliegen hat, kam der Herrgott tatsächlich eines Abends durch den Wald.
Es rauschte plötzlich still durch die Tannen. Das Licht wurde weich. Und selbst der Wind schien einen Augenblick zuzuhören.
Der alte Rabe verneigte sich respektvoll.
«Herr», krächzte er, «die Menschen sagen ständig, einer sei zum Tier herabgesunken. Dabei benehmen sie sich oft schlimmer als wir.»
Der Herrgott lächelte milde.
«Seid froh», sagte er, «dass ihr keine Menschen werden müsst.»
Der Rabe nickte langsam.
Und unten im Wald schlug Kari gerade eine Tanne an und ahnte nicht, dass er an diesem Abend von höchster Stelle recht bekommen hatte.







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