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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wenn Remigius Regen bringt
Ein schlammiger Weg führt durch einen herbstlichen Obstgarten mit roten Äpfeln, vorbei an einem urigen Dorf und einer Kirche, unter dem bewölkten Himmel von Regen, umgeben von nebligen Bergen und stimmungsvollem Wetter.

Der Oktober beginnt mit einer Drohung.

«Regen an Sankt Remigius bringt den ganzen Monat Verdruss.»

Wer am Morgen des 1. Oktober die Vorhänge öffnete und Regentropfen an der Scheibe sah, wusste nach alter Rechnung also gleich Bescheid. Der Monat war kaum einen halben Tag alt, und schon sollte er verdorben sein.

Vier Wochen Regen.

Schlammige Wege.

Nasse Felder.

Feuchte Schuhe.

Ein wenig streng, diese alte Bauernregel.

Das Wetter dürfte sich auch früher nicht besonders darum gekümmert haben, welcher Heilige gerade im Kalender stand. Aber für die Menschen auf dem Land waren solche Tage wichtig. Sie gaben dem Jahr Ordnung. Man kannte den Laurentiustag, die Eisheiligen, den Martinstag und eben auch Remigius.

An diesen Namen hängte man Wetter, Ernte, Arbeit und Erfahrungen.

Und manchmal auch den ganzen Oktober.

Ein Bischof, der zum Wetterpropheten wurde

Remigius selbst hatte mit Regen wenig am Hut.

Er lebte im 5. und 6. Jahrhundert und war Bischof von Reims. Bekannt wurde er vor allem deshalb, weil er den Frankenkönig Chlodwig I. taufte.

Das war kein kleines Ereignis.

Chlodwig gehörte zu den mächtigen Herrschern seiner Zeit. Seine Taufe wurde später zu einem wichtigen Schritt in der Christianisierung des Frankenreiches. Der Überlieferung nach liessen sich mit ihm auch zahlreiche Krieger taufen.

Da stand also ein Mann mitten in einem Vorgang, der europäische Geschichte mitprägte.

Und viele Jahrhunderte später blieb von seinem Namen im bäuerlichen Alltag vor allem dies:

Regnet es heute?

Geschichte geht manchmal wunderliche Wege.

Der Oktober war noch Arbeit

Weshalb Regen Anfang Oktober Verdruss bedeutete, lässt sich leicht verstehen.

Der Herbst war keine gemütliche Jahreszeit für Spaziergänge durchs raschelnde Laub. Es gab noch genug zu tun.

Obst musste gelesen werden. Kartoffeln mussten aus dem Boden. Felder wurden bestellt. Holz wurde bereitgemacht. Vorräte mussten in Haus und Keller.

Bei trockenem Wetter ging vieles leichter.

Bei Dauerregen wurde aus einem Feld rasch eine klebrige Angelegenheit. Wege wurden schlammig, Wagen schwerer, Erntegut feucht.

Und wer den ganzen Tag draussen arbeitete, brauchte keinen Wetterbericht, um festzustellen, dass Regen lästig sein konnte.

Ein Blick zum Himmel genügte.

Der Heiligenkalender als Wetterstation

Heute schauen wir auf das Handy.

Früher schaute man auf Wolken, Wind, Pflanzen, Tiere und den Kalender.

Viele Heiligentage wurden zu festen Marken im Jahreslauf. Man wusste ungefähr, welche Arbeiten anstanden und was das Wetter zu dieser Zeit gewöhnlich tat.

Aus solchen Beobachtungen entstanden Bauernregeln.

Manche waren erstaunlich treffend, andere wohl eher das Ergebnis eines guten Reimes.

Denn eines mussten diese Regeln vor allem sein:

leicht zu merken.

«Regen an Sankt Remigius bringt den ganzen Monat Verdruss.»

Das sitzt.

Selbst dann, wenn der Oktober anschliessend drei Wochen lang Sonnenschein bringt.

Nun beginnt die andere Hälfte des Jahres

Der 1. Oktober hat tatsächlich etwas von einer Grenze.

Der Sommer kann noch einmal zurückkehren und ein paar warme Nachmittage schenken. Doch am Morgen riecht die Luft bereits anders.

Nebel liegt über den Wiesen. Das Gras bleibt länger nass. Das Licht wird flacher. Die Abende kommen früher.

Das Jahr zieht sich langsam zurück.

Und an manchen Tagen hängt der Himmel so tief über den Dächern, dass man die alte Regel plötzlich wieder versteht.

Dann prasselt der Regen gegen die Scheiben, die Schuhe stehen nass im Eingang und irgendwo müsste eigentlich noch etwas draussen erledigt werden.

Da ist er wieder, der Verdruss.

Ob Remigius daran schuld ist?

Gewiss nicht.

Der arme Mann hatte schliesslich schon einen Frankenkönig zu taufen.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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