Manchmal frage ich mich, ob die Zeit wirklich existiert – oder ob sie nur ein Massband ist, das wir um das Unmessbare gelegt haben.
Früher war Zeit kein Ziffernblatt und kein Kalenderblatt. Sie war Bewegung: der Atem des Mondes, das Steigen und Sinken der Sonne, das Kommen und Gehen der Jahreszeiten.
Heute richten wir uns nach Terminen, Sommerzeiten und Stundenplänen – damals richtete sich das Leben nach dem, was wirklich war: dem Licht, der Dunkelheit, dem Regen, dem Keimen, Reifen und Vergehen.
Wenn man alten Überlieferungen glaubt, kannten die Menschen einst 13 Monde im Jahr, jeder mit 28 Tagen. Das ergab 364 Tage – ein rundes Jahr im Rhythmus des Mondes. Ein Kreis, kein Lineal. Ein Jahr, das auf natürliche Weise schloss, weil am Ende alles wieder begann. Vielleicht atmete das Leben damals ruhiger, weil es keinen Unterschied zwischen Kalender und Natur gab.
Die 13 Monde – ein Kreis aus Licht und Schatten
Der Mondzyklus, von Neumond zu Neumond, dauert etwa 29½ Tage. Das passt nicht ganz in unser Sonnenjahr – und doch fühlte es sich für unsere Vorfahren richtiger an. Der Mond war ihr Taktgeber. Sie säten bei zunehmendem Licht, ernteten bei abnehmendem. Frauen, Tiere, Pflanzen – alles folgte demselben geheimnisvollen Rhythmus.
In alten Mondkalendern teilte man das Jahr in 13 Zyklen: dreizehnmal Wachsen, Reifen und Vergehen. Manche nennen das den «wahren Jahreslauf», andere eine esoterische Erfindung. Vielleicht ist es beides. Sicher ist: Der Mond ist der älteste Kalender der Menschheit. Und er erinnert uns daran, dass Zeit kein gerades Band ist, sondern ein ewiger Kreis aus Licht und Schatten.
Die sieben Tage – und was ihre Namen erzählen
Sieben Tage bilden unsere Woche – und auch das geht weit zurück. Jeder Tag war einem Himmelskörper und einer Gottheit geweiht. Wenn man die alten Namen betrachtet, erzählt sich daraus eine ganze Weltanschauung.
Montag – der Mondtag.
Vom althochdeutschen mānetag, dem Tag des Mondes. In vielen Sprachen lebt der Bezug weiter: lundi, lunes, Monday. Der Tag der Nachtleuchte, des Wandels und der Stille.
Dienstag – Týrs Tag.
Der germanische Kriegsgott Týr (im Englischen Tuesday) stand für Mut und Gerechtigkeit. Im Deutschen hat sich sein Name verloren – geblieben ist nur der «Dienst»-tag, ein blasser Schatten des ursprünglichen Sinns.
Wedenstag – Odins Tag.
Im Englischen Wednesday (Woden’s day) erinnert noch an Wodan, den Wanderer und Wissenden. In deutschen Landen wurde der Name ausgetilgt. Die Kirche ersetzte ihn durch Mittwoch, den Tag in der Mitte. Der Wedenstag verschwand – und mit ihm ein Stück der alten Welt. Ich mag diesen verlorenen Namen. Er klingt, als atme er noch etwas vom Rauch der Feuerstellen, vom Rat der Götter und der ewigen Suche nach Sinn.
Donarstag – Thors Tag.
Donar, der Donnerer, war der Gott des Schutzes und der Kraft. Donnerstags zog er über den Himmel, schleuderte seine Blitze und weckte den Mut der Menschen. Noch heute, wenn es grollt, scheint etwas von ihm in der Luft zu liegen.
Freitag – Freyas Tag.
Der Tag der Göttin der Liebe, der Schönheit und der Fruchtbarkeit. Im Englischen Friday, im Norden der Tag der Venus. Vielleicht nicht zufällig bis heute der Wochentag, an dem die meisten Hochzeiten gefeiert werden.
Samstag – der Sabbat, Tag der Ruhe.
Sein Name mischt Römisches und Jüdisches: Saturn und Sabbat. Ein Tag des Innehaltens, an dem die Erde ausatmet.
Sonntag – der Tag der Sonne.
Der hellste Tag, Beginn und Höhepunkt zugleich. Sunnuntag hiess er einst, als die Sonne noch göttlich war. Später übernahm ihn die Kirche, und die Sonne wurde zum Symbol des göttlichen Lichts.
In diesen Namen steckt mehr als Zeitrechnung. Sie erzählen vom Übergang – von einer Welt, die ihre Tage nach Göttern und Gestirnen benannte, zu einer, die sie nummeriert und normiert.
Die Monate – verlorene Namen, verlorene Bedeutungen
Auch die Monate waren einst anders. Sie hiessen nicht Januar oder Februar, sondern Hartung und Hornung. Sie erzählten, was draussen geschah – nicht, was in Rom beschlossen wurde.
| Monat | Alter Name | Bedeutung |
|---|---|---|
| Januar | Hartung | Die harte Zeit, Frost und Kälte |
| Februar | Hornung | Zeit, da die Hirsche ihr Geweih abwerfen |
| März | Lenzing | Beginn des Frühlings, Aufbruch und Licht |
| April | Ostermond | Monat des Erwachens, Fest des Lichts |
| Mai | Winnemond | Monat der Freude, Blüte und Liebe |
| Juni | Brachet | Zeit des Rodens, der Arbeit auf den Feldern |
| Juli | Heumond | Monat der Heuernte |
| August | Aranmond | Zeit der Ähren, der Ernte |
| September | Scheiding | Zeit des Trennens – Sommer und Herbst |
| Oktober | Gilbhart | Wenn die Blätter gilben, sich verfärben |
| November | Nebelung | Zeit des Nebels und des Abschieds |
| Dezember | Julmond | Mittwinter, das Julfest, Wiederkehr des Lichts |
Wer diese alten Namen liest, spürt sofort: Das Jahr war ein Spiegel der Natur. Kein Kalender aus Papier, sondern einer aus Erde, Wind und Wetter.
Die Römer änderten das. Sie gaben den Monaten Namen nach ihren Herrschern: Julius und Augustus. Und so wurde aus dem alten, atmenden Jahr ein System – praktisch, aber seelenlos. Der «Dezember», der Zehnte, ist seither der Zwölfte.
Doch irgendwo, tief im Gedächtnis, klingt der Julmond noch nach.
Zeit und Macht – von der Sonne zur Uhr
Die ersten Uhren waren keine Räderwerke, sondern Schatten. Ein einfacher Stab im Boden genügte, um den Lauf der Sonne zu lesen. Wenn der Schatten am kürzesten war, wusste man: Jetzt ist Mittag. So einfach war die Zeit – sie ergab sich aus dem Himmel selbst.
Mit der Mechanik und später mit der Eisenbahn kam der Wunsch nach Vereinheitlichung. Statt sich nach dem örtlichen Sonnenstand zu richten, schuf man Zeitzonen. Und im Jahr 1916 versuchte man erstmals, durch die Einführung der Sommerzeit das Tageslicht «besser zu nutzen». Während des Ersten Weltkriegs sollten damit Energie und Brennstoffe gespart werden. Nach Kriegsende verschwand die Regelung jedoch wieder – in der Schweiz schon 1919.
Erst in den 1980er-Jahren wurde die Sommerzeit erneut eingeführt, diesmal dauerhaft – in der Schweiz 1981, in der damaligen EG 1980. Seither drehen wir zweimal im Jahr an der Uhr – als könnten wir den Lauf der Sonne korrigieren.
Die sogenannte «Winterzeit», also die Mitteleuropäische Zeit (MEZ), ist in Wahrheit die natürliche Zeit. Sie stimmt mit dem tatsächlichen Sonnenstand überein: Um 12 Uhr mittags steht die Sonne ungefähr im Zenit.
Die «Sommerzeit» (MESZ) dagegen rückt die Uhr eine Stunde vor. Dadurch steht die Sonne erst gegen 13 Uhr am höchsten Punkt. Sie ist also eine politisch festgelegte Zeit, keine astronomische. Ein künstlich verlängerter Tag, erfunden aus wirtschaftlichen Motiven.
Zeit wurde zur Verordnung. Man entschied, wann «Mittag» zu sein habe – nicht die Sonne, sondern der Mensch.
Doch die Sonne lacht darüber. Sie folgt ihrem eigenen Lauf, gleichmütig und unbeirrbar. Keine Verordnung der Welt kann sie dazu bringen, eine Stunde früher aufzugehen.
Vielleicht liegt darin die stille Ironie der Geschichte: dass wir in einer Welt leben, in der der Mittag nicht mehr mittags ist.
Weihnachten, Sonne und der falsche Geburtstag
Wenn im Dezember – oder richtiger: im Julmond – die Tage am kürzesten sind, feiern wir Weihnachten.
Eigentlich feiern wir nicht die Geburt eines Kindes, sondern das Wiedererwachen des Lichts. Lange bevor das Christentum kam, entzündeten die Menschen Feuer, um die Sonne zurückzurufen. Das Julfest war ein Fest des Lebens mitten im Tod des Winters.
Als die Kirche ihre Feiertage ordnete, legte sie die Geburt Jesu bewusst auf den 25. Dezember – in die Nähe der Wintersonnenwende und des römischen Sol-Invictus-Festes.
«God’s Sun» – die unbesiegbare Sonne – wurde zu «God’s Son».
Doch nach alten Berechnungen wäre Jesus wohl im Frühling geboren, etwa Anfang März.
Das Lichtfest blieb – der Anlass änderte sich.
Vielleicht ist das der eigentliche Zauber: dass sich alte Wahrheiten in neuen Kleidern weitertragen.
Wir feiern das Wiederkommen des Lichts, ob wir’s wissen oder nicht.
Im Kreis der Zeit
Die Zeit, wie wir sie kennen, ist ein Kompromiss zwischen Himmel und Kalender, zwischen Gefühl und Verwaltung.
Unsere Vorfahren sahen die Zeit als Kreis – wir sehen sie als Linie.
Doch wer im Mondlicht steht, spürt, dass der Kreis immer noch da ist.
Vielleicht geht es gar nicht darum, die richtige Zeit zu finden.
Vielleicht genügt es, wieder mit ihr zu leben.
Nicht gegen sie. Nicht über ihr.
Sondern einfach in ihr – wie die Bäume, die wissen, wann sie treiben, und wann sie ruhen.
Und wenn der Mond rund über dem Winterfeld steht, dann könnte man fast glauben, dass er sich an uns erinnert.
An jene, die einst wussten, dass Zeit kein System ist – sondern ein Wesen.
Ein stiller, atmender Kreis aus Licht und Dunkel, Werden und Vergehen.







Sehr interessant zum Lesen vor allem entspricht es dem November, dem Monat des Abschieds, wo doch die meisten Menschen sterben.
Danke dir – ja, das stimmt. Der November hat etwas Abschiedliches, aber auch etwas Ruhiges, Versöhnliches. Vielleicht ist er gerade darum so ein besonderer Monat.
All das so schlüssig Dargebrachte eröffnet mir Momente der stillen Wehmut: Wir haben verlernt‘ uns dem Gang der Natur hinzugeben. Sogar an der Uhrzeit wird gedreht‘ wobei sich keine Vorteile erkennen lassen. Ich frage mich‘ wie lange es noch dauert‘ bis wir endlich wieder zur natürlichen Zeit zurückkehren und nicht mehr an unseren Uhren drehen müssen.
Nur noch in jenen ganz wenigen Naturvölkern‘ die tatsächlich noch mit dem natürlichen Kreislauf mitschwingen‘ gelingt echtes Leben. Man unterstellt ihnen oft Faulheit‘ doch sie sind auf wohltuende Weise träge – was‘ wie ich nun bei Dir gelesen habe‘ einen wesentlichen Unterschied macht.
Liebe Grüße
C Stern
Danke Dir für Deine Gedanken. Sie treffen einen Nerv: Wir haben uns vom natürlichen Rhythmus entfernt und drehen inzwischen an Uhren, die uns eher verwirren als entlasten. Die Ruhe, die Du bei naturverbundenen Völkern beschreibst, hat nichts mit Faulheit zu tun – sie entspringt einem anderen Verständnis von Zeit. Ein schöner, tröstlicher Gedanke.
Liebe Grüsse
Hanspeter