Am Morgen des 24. August lag der Tau wieder schwerer auf den Wiesen. Wer früh zum Stall ging, spürte die Kühle an den Armen. Über den Feldern hing ein feiner Dunst, und das Gras nässte die Schuhe. Mittags konnte die Sonne noch kräftig werden. Doch sie stand bereits tiefer, und am Abend verschwand sie merklich früher hinter den Hügeln.
Der Sommer war noch da. Aber er hatte seinen Höhepunkt überschritten.
Unsere Vorfahren kannten diese Zeichen. Sie brauchten dazu weder Wetter-App noch Zehn-Tage-Prognose. Sie beobachteten den Himmel, das Vieh, die Pflanzen und den Boden. Sie wussten, wann die Schwalben unruhiger wurden, wann sich der erste Nebel über eine Mulde legte und wann die Äpfel beim leisesten Wind zu Boden fielen.
Der 24. August gab dieser Zeit des Übergangs einen Namen: Bartholomäus.
Ein Apostel mit einem besonderen Gedenktag
Bartholomäus gehörte nach der christlichen Überlieferung zu den zwölf Aposteln Jesu. Über sein Leben ist nur wenig Sicheres bekannt. Spätere Legenden erzählen, er habe in verschiedenen Ländern des Orients gepredigt und sei in Armenien als Märtyrer gestorben. Ihm soll bei lebendigem Leib die Haut abgezogen worden sein. Deshalb wird er auf alten Bildern häufig mit einem Messer dargestellt.
Das klingt für einen Spätsommertag ausgesprochen düster. Doch die bäuerliche Bevölkerung verband mit Bartholomäus weniger dessen grausames Ende als seinen Platz im Kalender.
Sein Gedenktag fiel in eine Zeit, in der sich auf Feldern, Wiesen und Alpen vieles veränderte. Die grosse Wachstumszeit ging zu Ende. Das Getreide war weitgehend eingebracht, das Emd musste unter Dach, Äpfel und Birnen wurden reif. Auch die Trauben liessen bereits erkennen, was der Herbst bringen könnte.
Bartholomäus stand an der Tür zwischen zwei Jahreszeiten.
Wenn der Kalender nach Heiligen benannt war
Heute teilen wir das Jahr in Monate, Kalenderwochen und Quartale ein. Wir planen Ferien, Termine und Arbeiten anhand von Zahlen. Früher orientierten sich die Menschen stärker an den Namenstagen der Heiligen.
An Urban dachte man an die Reben. Johannes erinnerte an die kürzeste Nacht. Laurentius brachte die ersten Zeichen des abziehenden Hochsommers. Bartholomäus kündigte den Herbst an. Michael stand für das Ende vieler Feldarbeiten, Martin für den Beginn des Winters und den Abschluss des bäuerlichen Wirtschaftsjahres.
Solche Tage waren leicht zu merken. Sie verbanden den kirchlichen Kalender mit den Arbeiten auf dem Hof. Jeder Name trug Erfahrungen, Regeln und Erwartungen mit sich.
So hiess es:
«St. Clemens uns den Winter bringt,
St. Petri Stuhl den Frühling winkt;
den Sommer bringt uns St. Urban,
der Herbst fängt um Bartholomäi an.»
Natürlich begann am 24. August nicht plötzlich der Herbst. Auch damals gab es heisse Tage bis weit in den September hinein. Doch im Leben der Bauern hatte sich etwas verschoben. Die Felder leerten sich. In den Scheunen lagen Heu und Getreide. Im Garten bogen sich die Äste unter den Früchten. Die Vorratskammern warteten darauf, gefüllt zu werden.
Der Sommer hatte gegeben, was er geben konnte. Nun ging es darum, seine Gaben zu bewahren.
Was Bartholomäus über das Wetter verriet
Der Bartholomäustag galt auch in der Schweiz als Lostag. Das Wort kommt von «Los» im Sinne von Geschick oder Vorzeichen. Das Wetter an einem solchen Tag sollte etwas über die kommenden Wochen verraten.
Eine bekannte Bauernregel lautet:
«Wie sich das Wetter am Bartholomäustag stellt ein,
so soll der ganze September sein.»
Andere Sprüche blickten gleich auf den ganzen Herbst:
«Wie sich Bartholomäus hält,
so ist der ganze Herbst bestellt.»
Wer am 24. August aus dem Fenster schaute, sah deshalb genauer hin. Zog Regen über das Land? Stand ein klarer Himmel über den abgeernteten Feldern? Wehte bereits ein kühler Wind? Am Abend wurde darüber gesprochen, und jeder wusste noch eine andere Regel, die er von Eltern oder Grosseltern gehört hatte.
Verlässlich waren solche Vorhersagen kaum. Ein einzelner Tag entscheidet nicht über das Wetter eines ganzen Monats. Bauernregeln entstanden aus Beobachtungen, wurden weitererzählt und dem örtlichen Klima angepasst. Manches traf zu, anderes ging gründlich daneben.
Trotzdem waren diese Regeln mehr als bäuerlicher Aberglaube. Sie schärften den Blick. Wer von einer Ernte abhängig war, musste Veränderungen früh erkennen. Das Wetter war kein Gesprächsthema für eine kurze Begegnung am Gartenzaun. Es entschied über Brot, Futter und Einkommen.
Ein Fest an einzelnen Orten
In der Schweiz war der Bartholomäustag kein grosses Fest, das überall gleich gefeiert wurde. Seine Bedeutung war von Ort zu Ort verschieden.
Wo eine Kirche oder Kapelle dem Apostel Bartholomäus geweiht war, beging man am 24. August das Patrozinium. Dazu gehörten Gottesdienste, gelegentlich eine Wallfahrt und mitunter ein kleines Dorffest. In Edlibach bei Menzingen steht eine Bartholomäuskapelle, die bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts erwähnt wurde. Auch oberhalb des Zervreila-Stausees bei Vals wird das Patrozinium der dortigen Kapelle am Bartholomäustag gefeiert.
In katholischen Gegenden blieb der Heilige dadurch sichtbar. In reformierten Landschaften wie dem Baselbiet verblasste diese religiöse Verehrung nach der Reformation. Sein Name lebte dennoch im Bauernkalender und in den Wetterregeln weiter.
Man musste keinen Heiligen anrufen, um zu merken, dass die Nächte kühler wurden.
Der Sommer beginnt loszulassen
Ende August änderte sich auch die Arbeit auf den Alpen. Der Alpabzug lag je nach Höhe und Wetter noch einige Wochen entfernt. Doch die Älpler beobachteten bereits das Gras und die ersten kalten Nächte. Nun zeigte sich, ob genug Futter vorhanden war und wie lange das Vieh oben bleiben konnte.
Im Tal begann die Zeit des Sammelns und Einmachens. Obst wurde gedörrt, zu Mus gekocht oder für Most bereitgelegt. Bohnen, Rüben und Kartoffeln warteten auf ihre Ernte. Kräuter wurden gebündelt und an einem trockenen Ort aufgehängt. Holz musste gerichtet, Fässer mussten geprüft und Keller vorbereitet werden.
Der Blick wandte sich allmählich nach innen: zur Scheune, zum Keller, zur Speisekammer und zum Ofen.
Das Leben folgte einem einfachen Gedanken: Was im Sommer gewachsen war, musste über den Winter reichen.
Ein Tag, den wir kaum noch bemerken
Heute kommt der Herbst auf andere Weise zu uns. Die Geschäfte stellen ihre Saisonware um. Im Supermarkt tauchen Kürbisse auf. Reiseveranstalter werben bereits mit Winterferien, während draussen noch Badewetter herrscht.
Den Übergang selbst nehmen wir oft erst wahr, wenn wir morgens eine Jacke brauchen oder am Abend früher das Licht einschalten. Der Kalender zeigt weiterhin August, also halten wir am Sommer fest. Wir verlängern ihn mit Grillabenden, Gartenfesten und einem letzten Sprung ins Freibad.
Der Bartholomäustag erinnert an eine feinere Grenze. Die Natur wechselt ihre Jahreszeiten ohne Glockenschlag. Ein wenig mehr Tau, ein tieferer Sonnenstand, ein erster gelber Rand an einem Blatt – und langsam verändert sich die Welt.
Dafür hatten unsere Vorfahren ein gutes Auge. Ihr Leben hing davon ab. Aus ihren Beobachtungen entstanden Lostage und Bauernregeln. Sie gaben dem Jahr einen Rhythmus und dem Ungewissen einen Namen.
Ob das Wetter am 24. August tatsächlich den ganzen September bestimmt, dürfen wir getrost bezweifeln. Aus dem Fenster schauen können wir trotzdem. Der Sommer ist noch da, warm und voller Licht. Doch an seinen Rändern zeigt sich bereits der Herbst.
Bartholomäus wusste, wann der Sommer müde wurde.







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