Platon soll einmal gesagt haben: «Ein weiser Mann hat das Bier erfunden.»
Der Satz macht sich ausgezeichnet auf Bierdeckeln, T-Shirts und in Sammlungen mit vermeintlich klugen Aussprüchen. Bei Platon selber findet man ihn allerdings nirgends.
Das ist bereits der erste kleine Dämpfer.
Der zweite folgt sogleich: Mit dem «Mann» wäre die Sache ohnehin nicht ganz einfach geworden.
Wer nämlich in der Geschichte des Bierbrauens ein wenig zurückblättert, begegnet erstaunlich vielen Frauen. Sie standen an Bottichen und Kesseln, mahlten Getreide, brauten, verkauften und schenkten aus. Lange bevor Männer in der Bierwerbung mit Schürze, Bart und stolz geschwellter Brust vor kupfernen Kesseln standen, gehörte das Brauen vielerorts zum weiblichen Alltag.
Das Bier hatte offenbar eine deutlich weiblichere Jugend, als man ihm heute ansieht.
Bier war einmal beinahe eine Mahlzeit
Wann genau das erste Bier gebraut wurde, weiss niemand.
Vergorene Getreidegetränke sind mehrere Jahrtausende alt. In Mesopotamien gehörte Bier bereits im 4. und 3. Jahrtausend vor Christus zum Alltag. Mit einem heutigen Lagerbier hatte das damalige Getränk allerdings wenig gemeinsam.
Es war trüb, dickflüssig und enthielt allerlei feste Bestandteile.
Man trank es deshalb teilweise mit langen Röhrchen aus grossen Gefässen. Der Bodensatz blieb unten, der Rausch kam trotzdem oben an.
Praktisch.
Ob das erste Bier tatsächlich durch Zufall entstand, bleibt offen. Die Geschichte erzählt sich natürlich schön: Irgendwo blieb eingeweichtes Getreide stehen, begann zu gären und irgendein mutiger Mensch probierte davon.
Man muss unseren Vorfahren zugutehalten, dass sie bei Lebensmitteln offenbar experimentierfreudig waren.
Jedenfalls lernten sie bald, den Vorgang gezielt zu wiederholen. Aus Getreide, Wasser, Wärme und Gärung entstand ein Getränk, das nährte, erfrischte und die Welt nach dem zweiten Becher vermutlich etwas freundlicher aussehen liess.
Die Verarbeitung von Getreide gehörte in vielen frühen Gesellschaften zu den Aufgaben der Frauen. Mahlen, Backen, Vorräte anlegen – und eben auch Brauen.
Da erstaunt es kaum, dass sogar die zuständige Gottheit eine Frau war.
Eine Göttin fürs Bier
Bei den Sumerern hiess sie Ninkasi.
Sie war die Göttin des Bieres und des Brauens.
Ihr wurde sogar ein eigener Hymnus gewidmet. Darin wird beschrieben, wie Getreide verarbeitet, eine Art Brot hergestellt, eingeweicht und vergoren wurde.
Ob dieses Lied tatsächlich als Brauanleitung diente, darüber streiten sich die Fachleute.
Ich finde schon die Vorstellung reizvoll, dass Menschen vor rund 4000 Jahren dem Bier ein Lied sangen.
Heute wird höchstens noch nach dem Bier gesungen.
Und das nicht immer schön.
Ninkasi war jedenfalls eine respektable Gottheit. Bier gehörte in Mesopotamien zum täglichen Leben, wurde als Ration ausgegeben, bei Festen getrunken und den Göttern geopfert.
Wer viel arbeitete, bekam Bier.
Wer feierte, trank Bier.
Und offenbar bekamen sogar die Götter welches.
Eine Kultur mit klaren Prioritäten.
Die Frau am Braukessel
Auch im mittelalterlichen Europa war Bierbrauen lange eine häusliche Angelegenheit.
Brotbacken und Brauen lagen ohnehin nahe beieinander. Für beides brauchte man Getreide, Wasser, Wärme, Erfahrung und die Fähigkeit zu erkennen, wann etwas gelungen war und wann man besser nicht darüber sprach.
In vielen Haushalten waren Frauen dafür zuständig.
Besonders gut lässt sich das für England zeigen. Dort gehörte Ale zu den alltäglichen Getränken. Frauen brauten für die Familie und häufig gleich etwas mehr.
Der Überschuss wurde verkauft.
Das war vernünftig. Wenn der Kessel schon heiss war, konnte man damit auch ein paar Münzen verdienen.
Diese Frauen wurden unter anderem «alewives» oder «brewsters» genannt. Das Wort «brewster» bezeichnete ursprünglich ausdrücklich eine weibliche Person, die Bier braute.
Das ist bemerkenswert.
Heute klingt «Brauer» nach Berufsschule, Edelstahl und Qualitätskontrolle.
Damals konnte es eine Frau sein, die zu Hause einen Kessel aufsetzte und nebenbei das halbe Dorf mit Ale versorgte.
Möglicherweise kannte sie ihre Kundschaft sehr genau.
Und vermutlich wusste sie auch, wer anschreiben liess.
Dann wurde mit Bier Geld verdient
Irgendwann wurde aus dem kleinen Hausgewerbe ein grösseres Geschäft.
Brauhäuser wurden grösser, Geräte teurer, Rohstoffe mussten eingekauft und Bier gelagert werden. Wer grössere Mengen produzieren wollte, brauchte Kapital.
Und siehe da: Nun tauchten die Männer in grösserer Zahl auf.
Für England ist dieser Wandel gut dokumentiert. Noch im 15. Jahrhundert spielten Frauen beim Alebrauen eine zentrale Rolle. Im folgenden Jahrhundert wurden die grösseren, kommerziellen Brauereien zunehmend von Männern geführt.
Die Frauen verschwanden nicht über Nacht. Sie arbeiteten weiter mit, verkauften Bier, führten Gasthäuser und brauten in kleinerem Rahmen.
Aber dort, wo das Geschäft grösser wurde, wurde es auffallend männlicher.
Solche Entwicklungen kennt die Geschichte.
Eine Tätigkeit kann jahrhundertelang zur täglichen Arbeit gehören und kaum besonderes Ansehen geniessen.
Kommt Geld ins Spiel, wird plötzlich ein Beruf daraus.
Mit Zunft.
Mit Titel.
Und irgendwann wahrscheinlich auch mit einer passenden Schürze.
Beim Bier hat das erstaunlich gut funktioniert.
Hildegard und der Hopfen
Jetzt fehlt uns noch eine weitere Frau.
Hildegard von Bingen.
Äbtissin, Theologin, Naturkundige, Komponistin, Heilkundige – und eine Frau, bei der man manchmal das Gefühl bekommt, der Tag habe im 12. Jahrhundert mehr als 24 Stunden gehabt.
Auch mit Hopfen beschäftigte sie sich.
Hopfen war schon vor Hildegard bekannt. Sie hat ihn also weder entdeckt noch persönlich ins erste Bier geworfen.
Das wird ihr gelegentlich zugeschrieben, vermutlich weil Geschichten schöner werden, wenn jemand etwas erfunden hat.
Hildegard beschrieb jedoch die konservierende Wirkung des Hopfens.
Das war fürs Bier durchaus wichtig.
Hopfen verlieh ihm Bitterkeit und half dabei, es länger haltbar zu machen. Ein haltbares Bier konnte gelagert und weiter transportiert werden.
Und damit wurde es noch interessanter für den Handel.
Man darf Hildegard deshalb ruhig in die Geschichte des Bieres aufnehmen.
Ein Denkmal mit Bierkrug wäre allerdings vermutlich etwas übertrieben.
Und bei uns?
Auch auf dem Gebiet der heutigen Schweiz wurde Bier gebraut.
Allerdings war unser Land lange stärker vom Wein geprägt.
Eine frühe Erwähnung von Bier stammt aus St. Gallen aus dem 8. Jahrhundert. Berühmt ist auch der St. Galler Klosterplan aus dem frühen 9. Jahrhundert.
Darauf sind gleich drei Braustätten vorgesehen.
Drei.
Man kann den damaligen Mönchen vieles vorwerfen.
Mangelnde Planung gehört offenbar nicht dazu.
Der berühmte Plan wurde zwar nie genau so gebaut. Doch er zeigt, wie selbstverständlich Bier in einem grossen Klosterbetrieb vorgesehen war.
In der übrigen Schweiz verbreitete sich Bier langsamer. Erst ab dem 17. Jahrhundert gewann es vor allem in der Deutschschweiz stärker an Bedeutung.
Im 19. Jahrhundert ging es dann rasch.
Um 1850 gab es in der Schweiz bereits rund 150 Brauereien.
Aus dem Getränk aus Küche, Kloster und kleinem Brauhaus war ein Geschäft geworden.
Und bald kamen Kühlanlagen, Flaschen, Eisenbahnwagen und grosse Brauereien dazu.
Ninkasi hätte vermutlich Augen gemacht.
Und die Frauen?
Ganz weg waren sie nie.
Aber das Bild veränderte sich.
Der Brauer wurde zum Mann. Der Wirt war ein Mann. Der Bierfahrer ebenso. Am Stammtisch sassen Männer. Und die Werbung sorgte später zuverlässig dafür, dass Bier nach Männerwelt aussah.
Das war besonders praktisch, weil man dadurch fast vergessen konnte, wer während Jahrhunderten am Braukessel gestanden hatte.
Heute sieht das wieder anders aus.
Frauen arbeiten als Brauerinnen, Braumeisterinnen und Biersommelières. Gerade kleine Brauereien experimentieren wieder mit Kräutern, alten Getreidesorten und Rezepten, die nicht darauf ausgerichtet sind, dass jedes Bier von Basel bis Bangkok exakt gleich schmeckt.
Das hätte den mittelalterlichen Brauerinnen vermutlich gefallen.
Denn Bier war damals etwas Lokales.
Ein Produkt des Hauses, des Dorfes, der Gegend.
Man wusste, wer es gebraut hatte.
Und wahrscheinlich wusste man nach dem dritten Krug auch wieder, weshalb man eigentlich gekommen war.
Also trinken wir einen auf Ninkasi, auf Hildegard und auf all die Frauen, deren Namen niemand mehr kennt, deren Bier aber jahrhundertelang durch die Kehlen ihrer Zeitgenossen floss.
Nur Platon bekommt weiterhin keines.
Wer sich mit einem erfundenen Zitat an den Stammtisch setzt, muss damit rechnen.







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