Als Gladys Tantaquidgeon 1919 an die Universität von Pennsylvania kam, brachte sie etwas mit, das die gelehrten Herren dort kaum in ihren Bibliotheken finden konnten: das Wissen ihrer Vorfahren. Sie kannte Heilpflanzen, alte Bräuche und Geschichten, die seit Generationen weitergegeben wurden.
Gelernt hatte sie vieles von Frauen, die nie eine Universität besucht hatten. Dafür wussten sie, welche Wurzeln gegen Fieber halfen, wann man bestimmte Kräuter sammeln musste und welche Geschichten man besser nicht vergass.
Gladys gehörte zum indigenen Volk der Mohegan im heutigen US-Bundesstaat Connecticut. Sie war zwanzig Jahre alt, als sie die akademische Welt betrat. Eine indigene Frau als Mitarbeiterin eines angesehenen Anthropologen – das war damals durchaus ungewöhnlich.
Gladys kümmerte sich wenig um solche gesellschaftlichen Eigentümlichkeiten. Sie hatte Wichtigeres vor.
Eine Kindheit zwischen Wurzeln und alten Geschichten
Gladys wurde am 15. Juni 1899 in Uncasville, Connecticut, geboren. Schon als kleines Mädchen verbrachte sie viel Zeit mit älteren Frauen ihres Volkes. Zu ihren Lehrerinnen gehörten die angesehenen Mohegan-Frauen Emma Fielding Baker und Fidelia Fielding.
Sie erzählten ihr von den Vorfahren, von alten Bräuchen und von der Heilkraft der Pflanzen. Gladys lernte, welche Rinden und Wurzeln man verwenden konnte, wie Heilmittel zubereitet wurden und welche Bedeutung die Natur im Leben der Mohegan hatte.
Der Unterricht fand draussen statt, auf Spaziergängen, bei der Arbeit und in langen Gesprächen. Prüfungen gab es keine. Wer etwas vergessen hatte, musste erneut zuhören. Wer aufmerksam war, konnte sich einen Wissensschatz aneignen, den keine Bibliothek besass.
Die Zeiten waren allerdings wenig freundlich zu den indigenen Völkern Nordamerikas. Ihre Sprachen und Überlieferungen wurden verdrängt, ihre Lebensweise galt vielen weissen Amerikanern als rückständig. Wissenschaftler sprachen bereits vom bevorstehenden Verschwinden dieser Kulturen.
Dass dieses angeblich unvermeidliche Verschwinden durch die Politik der europäischen Einwanderer und ihrer Nachkommen kräftig beschleunigt worden war, wurde dabei gerne übersehen.
Eine Mohegan unter Professoren
1919 kam Gladys durch den Anthropologen Frank Speck an die Universität von Pennsylvania. Speck kannte die Mohegan seit Jahren und beschäftigte sich intensiv mit den indigenen Kulturen Nordamerikas.
Gladys arbeitete als seine Assistentin und besuchte zahlreiche Vorlesungen. Sie lernte wissenschaftliche Forschungsmethoden kennen und begann, die Heiltraditionen verschiedener indigener Gemeinschaften systematisch zu untersuchen.
Damals betrieben amerikanische Universitäten mit grossem Eifer die sogenannte Rettungsethnologie. Forscher zogen durchs Land, sammelten Gegenstände, schrieben Geschichten auf und dokumentierten Bräuche. Man wollte möglichst viel retten, bevor die betreffenden Kulturen endgültig verschwanden.
Die Wissenschaft hatte sich damit eine bemerkenswerte Aufgabe gestellt: Sie erklärte ganze Völker vorsorglich zur Vergangenheit und begann anschliessend, deren Überreste zu katalogisieren.
Gladys passte allerdings schlecht in dieses Bild. Sie war lebendig, wissbegierig und gehörte einer Gemeinschaft an, die keineswegs die Absicht hatte, aus der Geschichte zu verschwinden.
Ihre Mitarbeit wurde geschätzt. Ihre Kenntnisse waren gefragt. Sie durfte forschen und wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichen.
Nur einen entsprechenden akademischen Abschluss konnte sie damals nicht erwerben. Frauen waren in diesem Fach davon ausgeschlossen.
Für die Wissenschaft war sie gut genug. Für das Diplom offenbar noch nicht.
Wem gehört das Wissen?
Gladys untersuchte Heilpflanzen und überlieferte Behandlungsmethoden. Sie dokumentierte, wie indigene Gemeinschaften Krankheiten behandelten, welche Pflanzen sie verwendeten und welche Vorstellungen sie mit Gesundheit und Heilung verbanden.
Bereits in den 1920er-Jahren erschienen erste wissenschaftliche Arbeiten. 1942 veröffentlichte sie eine umfangreiche Untersuchung über die Heilkunde und die Glaubensvorstellungen der Delaware, die sich selbst Lenape nennen.
Diese Veröffentlichungen sind bis heute wertvolle historische Quellen. Sie enthalten botanische Kenntnisse ebenso wie Beschreibungen spiritueller Vorstellungen und traditioneller Heilpraktiken.
Im Internet kursiert eine Geschichte, wonach Gladys den weissen Wissenschaftlern absichtlich nur einen Teil ihres Wissens verraten habe. Die wertvollsten Geheimnisse der Heilkunst soll sie für sich behalten und die Professoren freundlich im Glauben gelassen haben, sie wisse darüber ohnehin wenig.
Man kann sich diese Szene gut vorstellen: Eine junge indigene Frau sitzt zwischen hochgebildeten Männern, hört ihren Fragen zu und überlässt ihnen grosszügig das Gefühl, alles verstanden zu haben.
Eine hübsche Geschichte. Nur fehlen dafür die historischen Belege.
Ihre Bücher zeigen vielmehr, dass Gladys durchaus auch über spirituelle Vorstellungen und traditionelle Heilmethoden schrieb.
Die Frage, wem solches Wissen eigentlich gehört, bleibt dennoch spannend.
Gehört eine Überlieferung dem Wissenschaftler, der sie aufschreibt? Der Universität, die seine Forschung unterstützt? Oder den Menschen, die sie über Jahrhunderte bewahrt haben?
Für die indigenen Gemeinschaften Nordamerikas war dies keineswegs eine theoretische Frage. Ihre Gegenstände, Kunstwerke und religiösen Zeugnisse landeten während Jahrzehnten in fremden Sammlungen. Häufig entschieden Menschen über deren Bedeutung, die mit der betreffenden Kultur selbst wenig zu tun hatten.
Gladys wollte, dass die Mohegan ihre Geschichte auch selbst erzählen konnten.
Ein Museum für das eigene Volk
1931 gründete sie gemeinsam mit ihrem Vater und ihrem Bruder John das Tantaquidgeon Indian Museum in Uncasville.
Es gilt als das älteste Museum der Vereinigten Staaten, das von Indigenen gegründet wurde und bis heute von ihnen betrieben wird.
Das war damals alles andere als selbstverständlich. In zahlreichen amerikanischen Museen konnte man Gegenstände indigener Völker bestaunen, während die Menschen, denen diese Dinge kulturell verbunden waren, über deren Ausstellung kaum mitbestimmen durften.
Im Museum der Familie Tantaquidgeon war das anders.
Hier erzählten die Mohegan ihre Geschichte aus eigener Sicht. Sie zeigten Werkzeuge, Alltagsgegenstände, Kunsthandwerk und andere Zeugnisse ihres Lebens. Besucher konnten erfahren, wie ihre Vorfahren gelebt hatten und welche Traditionen bis in die Gegenwart reichten.
Gladys hatte dabei einen entscheidenden Vorteil gegenüber manchen Museumskollegen: Sie kannte die Menschen hinter den Ausstellungsstücken.
Für sie war ein alter Gegenstand mehr als ein Exponat mit Inventarnummer. Er gehörte zu einer Geschichte, und diese Geschichte gehörte zu Menschen.
Ein Jahrhundert voller Veränderungen
Gladys Tantaquidgeon forschte, sammelte, schrieb und gab ihr Wissen an jüngere Angehörige ihres Volkes weiter. Besonders eng war ihre Verbindung zu ihrer Grossnichte Melissa Tantaquidgeon Zobel, die von ihr zahlreiche Überlieferungen und Lehren empfing.
Währenddessen veränderte sich die Welt in einem geradezu unverschämten Tempo.
Als Gladys geboren wurde, waren Pferdefuhrwerke noch ein alltägliches Verkehrsmittel. Sie erlebte zwei Weltkriege, die Mondlandung, das Fernsehen und schliesslich das Internet. Aus dem kleinen Mädchen, das von älteren Frauen die Namen der Heilpflanzen lernte, wurde eine hochgeachtete Bewahrerin der Mohegan-Kultur.
1994 erhielten die Mohegan die offizielle Anerkennung durch die amerikanische Bundesregierung. Die historischen Aufzeichnungen, zu denen auch Gladys beigetragen hatte, spielten dabei eine wichtige Rolle.
Das war eine bemerkenswerte Wendung der Geschichte.
Jene Überlieferungen, die Wissenschaftler einst als letzte Zeugnisse einer angeblich verschwindenden Kultur gesammelt hatten, halfen nun einem lebendigen Volk, seine historischen Ansprüche und seine Identität zu belegen.
Am 1. November 2005 starb Gladys Tantaquidgeon. Sie wurde 106 Jahre alt.
Die Mohegan sind noch da
Gladys hinterliess wissenschaftliche Bücher, zahlreiche Aufzeichnungen und ein Museum, das bis heute besteht. Vor allem aber hatte sie ihr Wissen an Menschen weitergegeben, die es ihrerseits weitertragen konnten.
Das verdient Beachtung. Denn zwischen dem Aufbewahren einer alten Geschichte und ihrem Weitererzählen liegt ein gewaltiger Unterschied.
Eine Geschichte im Archiv kann man nachschlagen. Eine Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, bleibt Teil des Lebens.
Gladys Tantaquidgeon hatte beides verstanden.
Die Professoren ihrer Zeit beschäftigten sich mit den letzten Zeugnissen einer Kultur, deren Verschwinden sie erwarteten. Gladys half währenddessen mit, dass diese Kultur ihre Stimme behielt.
Die Professoren sind längst Geschichte.
Die Mohegan gibt es noch.
Quellen und weiterführende Informationen
- The Mohegan Tribe: Gladys Tantaquidgeon – Biografie
- University of Pennsylvania: Indigenous Ethnologist (2019)
- The Mohegan Tribe: Medicine Women of the 20th Century
- Gladys Tantaquidgeon: A Study of Delaware Indian Medicine Practice and Folk Beliefs, 1942.







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