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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Warum Kultur keine Zugabe ist
Ein ruhiger, leerer Stadtplatz mit einem Steinbrunnen im Vordergrund und verstreutem Laub spiegelt die reiche Kultur der Stadt wider. Auf der anderen Straßenseite steht ein Eckhaus mit einem roten Ladenschild, auf dem "The Last Song" steht.

Es gibt heute schon viele Dörfer, in denen niemand mehr singt. Kein Vereinsabend, keine Geschichten am Stammtisch, keine Chöre im Schulhaus. Das Leben geht zwar weiter: Man arbeitet, kauft ein, isst und schläft. Alles funktioniert. Und doch fehlt etwas. Etwas Unsichtbares, aber Wesentliches ist verloren gegangen.

Kultur verschwindet selten mit einem grossen Knall. Sie stirbt leise, indem sie nach und nach aus dem Alltag verschwindet. Wo früher Lieder erklangen, herrscht heute Stille. Wo früher Geschichten am Stammtisch weitergetragen wurden, sitzen die Leute mit gesenktem Kopf vor ihren Smartphones.

Kultur ist mehr als Unterhaltung

Oft wird Kultur verwechselt mit einem Konzertprogramm oder einem Museumsbesuch. Wer sie so versteht, sieht sie schnell als Luxus: etwas Schönes, aber eben nicht unbedingt Notwendiges. Doch Kultur ist kein Beiwerk. Sie ist die Grundlage unseres Menschseins.

Kultur ist das, was zwischen uns lebt: die Art, wie wir reden, wie wir feiern, wie wir trauern, wie wir glauben, wie wir fragen. Sie steckt im Dialekt, im Dorffest, im Märchen, das am Küchentisch erzählt wird. Sie ist Erinnerung und Hoffnung zugleich.

Wo Kultur verschwindet, verstummt das Menschliche

Der Verlust von Kultur ist nicht sofort sichtbar. Strassen werden weiterhin gebaut, Läden bleiben geöffnet, das Internet läuft. Aber langsam verarmt das innere Leben. Menschen funktionieren zwar, doch sie sind leerer geworden. Sie fühlen sich entwurzelt, treiben im Strom des Alltags, ohne einen Halt im Tieferen.

Das zeigt sich auch in den Schulen. Früher war selbstverständlich, dass Kinder nicht nur rechnen und schreiben lernen, sondern auch singen, malen, Geschichten hören. Heute wird Bildung immer stärker an den «Bedarf des Marktes» angepasst. Alles soll nützlich sein. Aber ein Kind ist kein Wirtschaftsobjekt. Bildung, die nur auf Verwertbarkeit zielt, nimmt dem Menschen genau das, was ihn menschlich macht.

Mehr als Überleben

Wer Kultur verliert, lebt wie ein Tier, nur raffinierter. Tiere sorgen für Nahrung, für Schutz, für das Überleben. Wir tun dasselbe – aber in hochkomplexen Formen. Doch allein das macht uns noch nicht zu Menschen.

Menschsein beginnt dort, wo wir fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn? Was kann ich aus meinem Leben machen? Kultur ist die Antwort auf diese Fragen. Sie ist der Raum, in dem wir mehr werden als bloss Überlebende.

Die innere Stimme – Kultur als Spiegel des Selbst

In jedem von uns gibt es eine Instanz, die leise sagt: «Du bist noch nicht das, was du sein könntest.» Wir spüren, dass wir unseren eigenen Idealen nicht genügen. Und trotzdem hören wir nicht auf, nach ihnen zu greifen.

Diese Bewegung nach innen und oben – das ist Kultur. Sie zeigt sich im Versuch, das Alltägliche zu überschreiten: in einem Gedicht, das uns ins Herz trifft; in einem Lied, das mehr bedeutet als seine Melodie; in einem Ritual, das uns in eine tiefere Ordnung einbindet.

Kultur ist das Übungsfeld, in dem wir lernen, über uns hinauszuwachsen.

Nützlichkeit frisst Kultur

Die Gefahr unserer Zeit liegt darin, dass fast alles nach Nützlichkeit beurteilt wird. Kunst darf sein, wenn sie Touristen anzieht. Literatur gilt, wenn sie sich verkauft. Musik, wenn sie den Standort stärkt. Aber sobald Kultur sich rechtfertigen muss, ob sie Gewinn bringt, ist sie keine freie Kultur mehr. Sie wird zum Mittel zum Zweck.

Und der Mensch gleich mit. Auch er wird bemessen nach seiner Leistung: Wie viel trägt er bei? Wie viel kostet er? So wird das Menschliche selbst instrumentalisiert.

Erstarrte Strukturen

Politik und Wirtschaft sind längst zum Taktgeber unseres Lebens geworden. Nachrichten, Debatten, Entscheidungen – alles dreht sich um Macht, Geld, Wachstum. Kultur taucht nur auf, wenn sie ins Raster passt.

Das führt zu einer Erstarrung. Menschen passen sich an. Sie funktionieren. Sie machen, was verlangt wird. Doch innerlich vertrocknen sie. Der Egoismus wächst, weil jeder ums eigene Überleben kämpft. Gemeinschaft, Sinn, Verbundenheit – das alles tritt zurück.

Was Kultur wirklich ist

Kultur ist Befreiung. Sie sprengt das Korsett des blossen Funktionierens. Sie erinnert uns daran, dass wir mehr sind als Zahnräder in einem Getriebe.

Ein Lied, das wir zusammen singen, ist kein Luxus. Es ist ein Stück Seele. Ein Bild, das uns irritiert, ist kein überflüssiger Schnickschnack, sondern ein Spiegel, der uns etwas zeigt, was wir sonst übersehen hätten. Eine Geschichte, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist nicht altmodisch, sondern der rote Faden, der uns trägt.

Warum Kultur Raum zum Atmen braucht

Wenn Kultur überleben soll, braucht sie Freiheit. Schulen dürfen nicht nur auf Arbeitsmarktfähigkeit trimmen. Kunst darf nicht zum Standortfaktor degradiert werden. Kultur muss sich entfalten können, unabhängig von Politik und Wirtschaft.

Denn nur so wird sie Quelle. Quelle für Bildung, für Wissenschaft, für Gemeinschaft. Aus der Kultur wächst alles andere – auch das politische und wirtschaftliche Leben. Ohne sie bleibt nur eine hohle Fassade.

Erinnerung an die Stille

Vielleicht merkt man den Verlust am deutlichsten in der Stille. Wer einmal erlebt hat, wie ein Chor verstummt, wie ein Verein auseinandergeht, wie ein Dorf aufhört zu singen, der weiss, wie still es werden kann. Nicht nur im Raum, auch im Inneren.

Diese Stille ist gefährlich. Denn sie frisst sich langsam in die Herzen. Menschen spüren, dass etwas fehlt – aber sie wissen nicht mehr, was. Und irgendwann vergessen sie, dass es anders sein könnte.

Wollen wir leben – oder bloss überleben?

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viele Prozent wächst die Wirtschaft? Sie lautet auch nicht: Welche Partei regiert? Die eigentliche Frage ist: Wollen wir bloss funktionieren – oder wollen wir wirklich leben?

Ohne Kultur gibt es kein Menschsein. Mit ihr aber gibt es Hoffnung. Hoffnung, dass wir wachsen, dass wir uns verändern, dass wir mehr sind als unsere Bedürfnisse.

Eine Gesellschaft, die die Kultur vergisst, verliert sich selbst. Eine Gesellschaft, die sie pflegt, findet ihren inneren Kern.

Schlussgedanke

In vielen Dörfern ist es schon still geworden. Aber noch nicht überall. Es gibt noch Chöre, noch Märchenstunden, noch Theatergruppen, noch Stammtische, an denen Geschichten weitergegeben werden.

Die Frage ist, ob wir diesen Faden wieder aufnehmen – oder ob wir ihn endgültig abreissen lassen.

Denn Kultur ist nicht Zierde. Sie ist das, was bleibt, wenn alles andere vergeht.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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