Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Eine Erfindung, die zunächst zum Himmel stank
Ein Mann mit Schnurrbart rührt in einem mit Kuriositäten gefüllten Atelier in einem Kupfertopf mit geschmolzener Schokolade um, während im Hintergrund ein See, eine Stadt und Berge zu sehen sind.

Die Schweizer sind ein merkwürdiges Volk. Sie bauen Uhren, damit man weiss, wie spät es ist, und erfinden Schokolade, damit einem die Zeit angenehmer vergeht. Dass ausgerechnet ein Kerzenfabrikant die Milchschokolade erfand, passt ausgezeichnet zu dieser besonderen Begabung.

Sein Name war Daniel Peter. Geboren wurde er 1836 in Moudon im Kanton Waadt. Sein Vater war Metzger, und für ein höheres Studium reichte das Geld nicht. Also machte der junge Daniel eine kaufmännische Lehre in Vevey und beschäftigte sich später mit der Herstellung von Kerzen.

Das Geschäft hatte allerdings einen Haken: Die Petroleumlampe wurde immer beliebter. Wer sein Haus damit beleuchtete, brauchte weniger Kerzen. Peter musste sich nach einer neuen Erwerbsquelle umsehen.

Eine Heirat mit süssen Folgen

Bei seiner beruflichen Neuorientierung half ihm die Liebe. 1863 heiratete er Fanny Cailler, die Tochter von François-Louis Cailler. Deren Vater hatte bereits 1819 eine Schokoladenmanufaktur bei Vevey gegründet.

Peter hatte damit eine Frau aus einer Schokoladendynastie geheiratet. Andere Männer bekommen mit der Ehe eine Schwiegermutter. Daniel Peter bekam zusätzlich eine Geschäftsidee.

1867 gründete er seine eigene Schokoladenfirma. Die Konkurrenz war allerdings längst auf dem Markt. Suchard, Cailler und andere Hersteller produzierten bereits Schokolade. Peter musste sich etwas einfallen lassen, um sich von ihnen abzuheben.

Er wollte Milch in die Schokolade bringen.

Wenn die Schokolade nach Käse riecht

Heute klingt das denkbar einfach. Man nehme Kakao, Zucker und Milch, rühre alles zusammen und fertig sei die Milchschokolade.

Leider hatte die Milch andere Vorstellungen.

Ihr hoher Wassergehalt bereitete Peter erhebliche Schwierigkeiten. Seine Versuche sahen anfänglich durchaus vielversprechend aus. Doch nach einigen Wochen verdarb die Mischung.

Peter hielt seine Experimente in einem Notizbuch fest. Darin schilderte er später, wie er sich über vermeintlich gelungene Mischungen freute, bis ihm beim erneuten Prüfen der Proben der Geruch von altem Käse oder ranziger Butter entgegenkam.

Das dürfte die Begeisterung erheblich gedämpft haben.

Er versuchte es trotzdem weiter. Jahrelang. Er veränderte Mischungsverhältnisse, experimentierte mit der Verarbeitung der Milch und suchte nach einer Möglichkeit, das Wasserproblem zu lösen.

Der berühmte Nachbar

In Vevey lebte damals auch Henri Nestlé, ein aus Deutschland stammender Unternehmer und gelernter Apothekergehilfe. Er hatte 1867 mit seinem Kindermehl, einer Mischung aus Kuhmilch, Weizenmehl und Zucker, einen grossen Erfolg erzielt. Seine Säuglingsnahrung sollte vor allem Kindern helfen, deren Mütter sie nicht stillen konnten.

Nestlé kannte sich also bestens mit der Verarbeitung von Milch aus. Und genau daran war Daniel Peter interessiert.

Die beiden Männer waren Nachbarn und standen miteinander in Verbindung. Peter hatte bei seinen Schokoladenversuchen immer wieder mit demselben Problem zu kämpfen: Die frische Milch enthielt zu viel Wasser. Dieses musste möglichst weitgehend entfernt werden, ohne dass die Milch ihre wichtigen Eigenschaften verlor.

Die Lösung fand sich in der Kondensmilch, bei der ein grosser Teil des Wassers durch Erhitzen und Eindampfen entfernt wird. Die Zusammenarbeit mit Henri Nestlé und später dessen Unternehmen half Peter bei seinen Experimenten.

Erfunden hatte Nestlé die Kondensmilch allerdings nicht. Bereits 1866 hatten die amerikanischen Brüder Charles und George Page in Cham im Kanton Zug die erste industrielle Kondensmilchfabrik Europas eröffnet. Ihre Anglo-Swiss Condensed Milk Company verkaufte das haltbare Milchprodukt unter der Marke «Milkmaid».

Nestlé und die Brüder Page waren damals sogar Konkurrenten. Ihre Unternehmen schlossen sich erst 1905 zusammen.

Für Daniel Peter war entscheidend, dass sich der Wassergehalt der Milch durch geeignete Verarbeitung reduzieren liess. Damit konnte er die Haltbarkeit seiner Schokoladenmischung erheblich verbessern.

1875 gelang ihm ein entscheidender Durchbruch. Bis daraus eine Milchschokolade wurde, die sich erfolgreich vermarkten liess, brauchte es allerdings weitere Verbesserungen. In den 1880er-Jahren setzte sich Peters Erfindung zunehmend durch. Seine Schokolade wurde später unter dem Namen «Gala Peter» bekannt.

Und dann kam ein Berner

Vier Jahre nach Peters Durchbruch sorgte ein weiterer Schweizer für eine Revolution. 1879 entwickelte Rodolphe Lindt in Bern das sogenannte Conchieren.

Bei diesem Verfahren wird die Schokoladenmasse über längere Zeit bewegt und bearbeitet. Dadurch verbessert sich ihre Konsistenz. Die Schokolade wird feiner, geschmeidiger und schmilzt angenehmer im Mund.

Bis dahin war Schokolade häufig eher grobkörnig gewesen. Man musste sie ordentlich kauen, statt sie genüsslich auf der Zunge zergehen zu lassen.

Mit Peters Milchschokolade und Lindts Verarbeitungstechnik verfügte die Schweiz nun über zwei entscheidende Errungenschaften. Hinzu kamen Unternehmer wie Cailler, Suchard, Sprüngli und später Tobler, die aus der Schokolade ein international erfolgreiches Produkt machten.

Nach 1900 gehörte sie zu den bedeutenden Schweizer Exportwaren. Aus einem ehemaligen Luxusartikel entwickelte sich allmählich jene süsse Versuchung, die heute praktisch in jedem Haushalt anzutreffen ist.

Die weniger süsse Seite

Zur Geschichte gehört allerdings noch etwas, das auf den nostalgischen Schokoladenverpackungen gewöhnlich fehlt.

Die Kakaobohnen wuchsen nicht auf Schweizer Wiesen. Sie mussten aus tropischen Anbaugebieten eingeführt werden. Der internationale Kakaohandel war über lange Zeit eng mit kolonialer Ausbeutung und versklavter Arbeit verbunden.

Auch die Schweizer Schokoladenindustrie profitierte von diesen weltweiten Handelsstrukturen. Während die Fabrikanten in Europa ihre Rezepturen verfeinerten und erfolgreiche Marken aufbauten, herrschten in manchen Anbaugebieten Arbeitsbedingungen, die wenig Anlass zur Freude boten.

Die Schweizer Schokoladengeschichte besitzt deshalb neben ihren bemerkenswerten Erfindungen auch eine dunklere Seite. Der süsse Geschmack allein erzählt eben selten die ganze Geschichte.

Vom Kerzenlicht zum Schokoladenglück

Daniel Peter starb 1919. Er hatte noch erlebt, wie aus seinen Experimenten eine Erfindung geworden war, die weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde.

Ausgerechnet die Petroleumlampe, die sein ursprüngliches Geschäft unter Druck gesetzt hatte, brachte ihn indirekt zur Schokolade. Hätte die Menschheit weiterhin ausschliesslich Kerzen gebraucht, wäre Peter womöglich ein erfolgreicher Kerzenfabrikant geblieben.

So aber bescherte er uns die Milchschokolade.

Und wenn heute jemand ein Stück Schweizer Schokolade geniesst, darf er ruhig einen Augenblick an jenen hartnäckigen Mann in Vevey denken, dessen erste Versuche gelegentlich nach altem Käse rochen.

Immerhin hat sich der Geschmack inzwischen deutlich verbessert.

Quellen und weiterführende Informationen

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER