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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Hanf – vom Bauernacker zum Staatsfeind
Zwei Frauen in traditioneller Kleidung ernten hohe Hanfpflanzen auf einem Feld in der Nähe eines Baches, eines Holzkarren und eines kleinen Dorfes.

Wer heute durch Oberdorf spaziert, ahnt kaum, dass hier einst Hanf angebaut wurde. Der alte Flurname «Hanfbünten» erinnert daran. Bereits im späten Mittelalter muss die Pflanze so selbstverständlich zum bäuerlichen Alltag gehört haben, dass man ein Stück Land nach ihr benannte.

Der Hanf hatte damals einen tadellosen Ruf. Man brauchte ihn für Seile, grobe Stoffe, Säcke und vieles andere. Wer ein Stück Land besass, konnte darauf einen Teil dessen anbauen, was die Familie zum Leben benötigte. Das Getreide lieferte das Brot, der Garten das Gemüse und der Hanf einen Rohstoff, aus dem sich mancherlei Brauchbares herstellen liess.

Auf die Idee, darin eine Bedrohung der öffentlichen Moral zu erkennen, wäre wohl kaum jemand gekommen. Der Hanf galt als nützlich, und damit war seine Existenzberechtigung hinreichend geklärt.

Dass sich daran eines Tages etwas ändern würde, hätte die Bauern im Waldenburgertal vermutlich sehr gewundert.

Sechzehn Stunden am Spinnrad

Wie viel Arbeit hinter einem Stück Hanfgewebe steckte, lässt sich heute schwer vorstellen.

Der Baselbieter Volkskundler Eduard Strübin hat in seinen Forschungen zahlreiche Erinnerungen an diese längst verschwundene Arbeitswelt zusammengetragen. Besonders eindrücklich ist die Aussage einer 1796 geborenen Bauerntochter aus Zeglingen. Mit zwölf Jahren war ihre Schulzeit beendet. Fortan musste sie im Winter spinnen, morgens um sechs begann sie, abends um zehn hörte sie auf.

Sechzehn Stunden am Spinnrad.

Das Mädchen dürfte kaum darüber nachgedacht haben, ob diese Beschäftigung seiner persönlichen Entwicklung förderlich sei. Es hatte Arbeit zu verrichten. Die Familie brauchte Garn, und das Garn entstand durch ihre Hände.

Anbau und Verarbeitung von Hanf und Flachs gehörten im Baselbiet vielfach zu den Aufgaben der Frauen. Sie säten auf der sogenannten Büünte, einem gut gedüngten Pflanzland in der Nähe des Hauses. Dort wuchs der Hanf bis zu zwei Meter hoch. Nach ungefähr hundert Tagen konnte er geerntet werden.

Dann begann die eigentliche Arbeit.

Die Stängel wurden zunächst geröstet. Das hatte mit Feuer vorerst wenig zu tun. Man legte die Pflanzen auf feuchte Wiesen oder in Wassergruben, damit sich die Fasern vom übrigen Pflanzengewebe lösen konnten. Solche Wasserlöcher hiessen im Baselbiet «Roosse» oder «Roossene».

Anschliessend wurden die Stängel getrocknet, gebrochen und weiterbearbeitet. Beim Hecheln zog man die Fasern durch einen Kamm mit langen Stahlzähnen. Die guten, langen Fasern wurden vom gröberen Material getrennt.

Erst danach konnte gesponnen werden.

Wer heute ein Leinenhemd oder ein Hanftuch kauft, sieht dem fertigen Stoff diese Arbeit kaum mehr an. Früher kannten die Menschen jeden einzelnen Handgriff. Und manche hätten wohl gerne darauf verzichtet, wenn es eine billigere Möglichkeit gegeben hätte.

Was eine Hanfreibe mit einem Ausflug zu tun hatte

Die Herstellung von brauchbaren Fasern war derart aufwendig, dass man schon früh versuchte, die Arbeit durch mechanische Einrichtungen zu erleichtern.

Bereits 1446 ist in Niederdorf neben einer Mühle eine sogenannte «Bluwe» nachgewiesen. Solche Stampfeinrichtungen dienten dazu, pflanzliche Fasern zu bearbeiten. Später kamen wasserbetriebene Hanfreiben auf, in denen schwere Steine die zuvor aufbereiteten Fasern weich machten.

Für die Zeit um 1680 sind allein im heutigen Bezirk Sissach sechs solcher Reiben belegt.

Auch in Buus, Oberdiegten und Liestal finden sich entsprechende Hinweise. Die Verarbeitung von Hanf und Flachs gehörte damit zu einer kleinen, heute weitgehend vergessenen Gewerbewelt, die eng mit den Mühlen und der Wasserkraft verbunden war.

Eine Hanfreibe war allerdings mehr als eine technische Einrichtung. Sie konnte auch zum gesellschaftlichen Treffpunkt werden.

Strübin berichtet, dass Frauen aus Pratteln ihre Faserbündel nach Buus oder Dornach brachten. Die gemeinsame Fahrt ersetzte ihnen gewissermassen einen Ausflug. Bei der Arbeit traf man andere Leute, tauschte Neuigkeiten aus, und wo junge Frauen zusammenkamen, liessen sich die jungen Männer gewöhnlich nicht lange bitten.

Selbst bei der mühsamen Hanfverarbeitung fand sich offenbar Gelegenheit zu angenehmeren Beschäftigungen.

Der Seiler brauchte den Hanf

War das Garn endlich gesponnen, gelangte es zu den Webern oder Seilern.

In Gelterkinden arbeitete beispielsweise Adam Gerster, geboren 1852 und gestorben 1936, als Seiler. Die Bauern brachten ihm ihr Material, aus dem er Heu- und Garbenseile, Leitseile und Stricke für das Vieh herstellte. Man konnte ihn auf der Allmend beobachten, wie er langsam rückwärts ging und dabei seine Seile drehte.

Seine Erzeugnisse waren für die Landwirtschaft unentbehrlich. Ein Fuhrwerk brauchte Seile, ebenso die Erntearbeit und der Umgang mit Nutztieren.

In den bäuerlichen Haushaltungen verarbeitete man die feineren Garne zu Stoffen für Kleidung und Bettwäsche. Gröberes Garn wurde zu Zwilch verwoben, aus dem unter anderem Arbeitskleider und Säcke entstanden.

Die Unterscheidung zwischen Flachs und Hanf war dabei wichtig. Flachs ergab in der Regel die feineren Gespinste. Hanf eignete sich besonders für widerstandsfähige Erzeugnisse. Beide Pflanzen gehörten jedoch zur gleichen bäuerlichen Arbeitswelt.

Noch 1857 stellte Johannes Kettiger fest, Hanf und Flachs würden im Baselbiet vielerorts angebaut, auch wenn die Kultur bereits an Bedeutung verlor.

Wenig später sollte sie beinahe vollständig verschwinden.

Warum die Baselbieter den Hanf aufgaben

Die Ursache lag vor allem in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Mit dem Aufkommen der industriell verarbeiteten Baumwolle veränderte sich die Textilwelt. Stoffe, die früher in monatelanger Arbeit hergestellt werden mussten, waren nun als Handelsware erhältlich. Die Maschinen konnten billiger produzieren, als es in den bäuerlichen Haushaltungen möglich war.

Im Baselbiet kam die Posamenterei hinzu. Wer mit dem Weben von Seidenbändern Geld verdienen konnte, verwendete seine Arbeitszeit zunehmend lieber dafür als für den aufwendigen Anbau und die Verarbeitung von Hanf und Flachs.

Ein alter Bericht beschreibt, wie nach dem Sturz Napoleons Baumwollstoffe aus Mülhausen den Kanton überschwemmten. Die Formulierung mag etwas dramatisch sein, trifft aber den wirtschaftlichen Wandel.

Der bäuerliche Haushalt wurde immer stärker Teil einer Geldwirtschaft. An die Stelle der Selbstversorgung traten Arbeitsteilung, industriell gefertigte Waren und Handel.

Mit dieser Entwicklung verschwanden die Hanffelder, die Reiben und zahlreiche Arbeitsgeräte. Auch die Berufe der Hechler und Leineweber verloren an Bedeutung.

Als die Vereinigten Staaten 1937 ihre berüchtigte Marihuana-Gesetzgebung verschärften, war die alte Hanfkultur im Baselbiet bereits weitgehend Geschichte.

Und das ist die erste bemerkenswerte Wendung dieser Geschichte: Hierzulande hatte die Baumwolle den Hanf schon verdrängt, während er jenseits des Atlantiks erst noch zum grossen politischen Problem werden sollte.

Eine Pflanze erobert die Welt

Die Geschichte des Hanfs begann freilich lange vor den Baselbieter Hanfbünten.

Seine frühen Spuren führen nach Asien. Dort nutzten Menschen bereits vor Jahrtausenden die Fasern und Samen der Pflanze. Hanf verbreitete sich allmählich über verschiedene Handels- und Wanderungswege und wurde in zahlreichen Kulturen heimisch.

Sein Erfolg beruhte auf einer einfachen Eigenschaft: Er war vielseitig verwendbar.

Die langen Fasern lieferten widerstandsfähiges Material für Textilien und Tauwerk. Aus den Samen gewann man Nahrungsmittel und Öl. Unter geeigneten Bedingungen wuchs die Pflanze rasch und lieferte beträchtliche Mengen an Pflanzenmasse.

Auch in der europäischen Seefahrt spielten Hanffasern eine wichtige Rolle. Aus ihnen wurden Taue und anderes Schiffsgerät gefertigt. Hanf fand ebenso Verwendung in Segeltuch, wobei daneben auch andere Fasern eingesetzt wurden.

Wer einen Blick auf die gewaltigen Takelagen früherer Segelschiffe wirft, versteht, weshalb die Seilereien bedeutende Betriebe waren.

Ein gerissenes Tau konnte gefährliche Folgen haben. An der Qualität der Fasern hing unter Umständen die Sicherheit eines ganzen Schiffes.

In diesem Zusammenhang erhält die Geschichte des Hanfs beinahe weltgeschichtliche Dimensionen. Die Pflanze lieferte einen Teil jener Ausrüstung, mit der Menschen die Ozeane befuhren, Waren transportierten und neue Handelsverbindungen schufen.

Dass gerade dieser Rohstoff später mit Verwahrlosung und gesellschaftlichem Niedergang in Verbindung gebracht werden sollte, gehört zu den hübscheren Ironien der Geschichte.

Die Wikinger und die Göttin Freyja

Auch bei den nordischen Völkern war Hanf bekannt.

Lange galt die Vorstellung, dass die Wikinger ihn hauptsächlich für grobe Gewebe, Seile und Segeltuch verwendeten. Eine wissenschaftliche Untersuchung von Textilfunden brachte 2013 jedoch eine Überraschung.

Forschende untersuchten zehn pflanzliche Gewebe aus der Wikingerzeit und dem frühen Mittelalter. Vier davon enthielten Hanffasern. Darunter befanden sich sogar Teile der berühmten Bildteppiche von Överhogdal in Schweden.

Hanf wurde demnach auch für feinere Textilien verarbeitet.

Weniger gesichert sind die Geschichten über seine religiöse Bedeutung. Immer wieder begegnet man der Behauptung, die Pflanze sei der nordischen Göttin Freyja geweiht gewesen. Da Freyja mit Liebe und Fruchtbarkeit verbunden wird, scheint diese Zuordnung durchaus verlockend.

Nur hat die Geschichte eine Schwäche: Eindeutige historische Belege fehlen.

Die Wikinger kannten den Hanf und wussten ihn zu verwenden. Ob sie darin ein besonderes Geschenk ihrer Göttin sahen, lässt sich daraus nicht ableiten.

Mythen haben eben die angenehme Eigenschaft, dass sie sich auch dort wohlfühlen, wo historische Quellen schweigen.

Was der Hanf in der Apotheke suchte

Neben seinen Fasern besitzt Hanf noch andere Eigenschaften, die den Menschen schon früh auffielen.

Bestimmte Cannabispflanzen enthalten Stoffe, die auf den menschlichen Organismus wirken. In verschiedenen asiatischen Kulturen wurden solche Zubereitungen medizinisch, rituell und als Rauschmittel verwendet.

Besonders in Indien blickt der Gebrauch von Cannabis auf eine lange Geschichte zurück. Es fand Eingang in traditionelle Heilverfahren und religiöse Bräuche.

Im 19. Jahrhundert interessierten sich zunehmend auch europäische Ärzte für die Pflanze. Cannabispräparate wurden bei unterschiedlichen Beschwerden eingesetzt, darunter Schmerzen, Krämpfe und Schlafstörungen.

Man experimentierte mit Extrakten und Tinkturen. Allerdings schwankte deren Zusammensetzung erheblich, und die medizinischen Kenntnisse waren begrenzt.

Später verlor Cannabis in der Arzneimittelkunde an Bedeutung. Die schwierige Dosierung, die Entwicklung anderer Medikamente und die zunehmend restriktive Drogengesetzgebung trugen dazu bei.

Heute kennt die Forschung zahlreiche chemische Inhaltsstoffe der Pflanze. Besonders bekannt sind Tetrahydrocannabinol, kurz THC, und Cannabidiol, kurz CBD.

THC besitzt berauschende Eigenschaften. CBD wirkt in üblichen Dosierungen nicht in vergleichbarer Weise berauschend. Die beiden Stoffe unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer möglichen medizinischen Anwendungen und Risiken.

Für bestimmte Erkrankungen gibt es inzwischen wissenschaftlich belegte Einsatzmöglichkeiten. Dazu gehören beispielsweise einzelne schwere Epilepsieformen, bei denen ein CBD-Arzneimittel verwendet werden kann.

Bei anderen Beschwerden ist die Studienlage weniger eindeutig. Gerade bei chronischen Schmerzen können Cannabisarzneimittel manchen Patienten helfen, während der durchschnittliche Nutzen begrenzt bleibt und Nebenwirkungen auftreten können.

Eine Heilpflanze wird schliesslich nicht dadurch zum Wundermittel, dass ihre Anhänger besonders überzeugt von ihr sind.

Wie aus Cannabis ein öffentlicher Feind wurde

In den Vereinigten Staaten nahm die Geschichte im frühen 20. Jahrhundert eine Entwicklung, die dem Ansehen der Pflanze nachhaltig schadete.

Cannabis wurde zunehmend mit Einwanderern, gesellschaftlichen Randgruppen und Kriminalität in Verbindung gebracht. Besonders der Begriff «Marihuana», der aus dem mexikanischen Sprachgebrauch in die amerikanische Öffentlichkeit gelangte, erhielt eine politisch aufgeladene Bedeutung.

Zeitungen verbreiteten Berichte über Gewalttaten und geistige Verwirrung, die angeblich durch Cannabiskonsum verursacht worden seien. In einer Gesellschaft, in der rassistische Vorurteile verbreitet waren, fanden solche Darstellungen bereitwillig ihr Publikum.

Eine wichtige Rolle spielte Harry J. Anslinger, der ab 1930 das Federal Bureau of Narcotics leitete.

Anslinger wurde zum prominenten Verfechter einer strengen Drogenpolitik. Seine Äusserungen über Cannabis übernahmen vielfach Vorstellungen, die damals auch in medizinischen und juristischen Kreisen verbreitet waren. Die Behauptung, der Konsum führe zu Wahnsinn und Gewalttätigkeit, gehörte dazu.

1937 verabschiedete der amerikanische Kongress den Marihuana Tax Act. Das Gesetz führte erhebliche steuerliche und administrative Beschränkungen ein und erschwerte den legalen Umgang mit Cannabis.

Die öffentliche Stimmung war längst aufgeheizt.

Auch das Kino beteiligte sich an der Verbreitung dramatischer Vorstellungen. Der Film, der später unter dem Titel «Reefer Madness» berühmt wurde, zeichnete ein Bild von Cannabis als Ursache moralischer und psychischer Katastrophen.

Heute wirkt diese Darstellung unfreiwillig komisch. Damals passte sie zu den Ängsten eines Teils der amerikanischen Öffentlichkeit.

Wobei man gerechtigkeitshalber erwähnen muss, dass Cannabis keineswegs harmlos ist. Häufiger Konsum kann abhängig machen und insbesondere bei jungen Menschen gesundheitliche Risiken mit sich bringen. Auch bestehen Zusammenhänge zwischen intensivem Konsum und bestimmten psychischen Erkrankungen.

Die tatsächlichen Risiken sind ernst genug. Man braucht keine erfundenen Schreckensgeschichten, um sie zu beschreiben.

Hat die Chemieindustrie den Hanf beseitigt?

Rund um die amerikanische Cannabisgesetzgebung hält sich seit Jahrzehnten eine Geschichte, die sich für einen Kriminalroman eignen würde.

Ihr zufolge sollen mächtige Wirtschaftsunternehmen den Hanf gezielt aus dem Verkehr gezogen haben, weil er ihren Produkten Konkurrenz machte.

Immer wieder fällt dabei der Name DuPont.

Der amerikanische Chemiekonzern entwickelte in den 1930er Jahren Nylon, eine synthetische Faser mit zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten. Hanf lieferte ebenfalls textile Fasern. Daraus entstand die Behauptung, DuPont habe das Cannabisverbot unterstützt, um einen lästigen Konkurrenten auszuschalten.

Als weiterer Beteiligter wird häufig der Zeitungsverleger William Randolph Hearst genannt. Seine Presse verbreitete teilweise sensationsbetonte Berichte über Marihuana. Angeblich wollte er dadurch auch eigene wirtschaftliche Interessen in der Papier- und Holzindustrie schützen.

Schliesslich wird Harry Anslinger mit dem amerikanischen Finanzminister Andrew Mellon in Verbindung gebracht, dessen Familie wirtschaftliche Beziehungen zu DuPont unterhielt.

Fügt man diese Namen zusammen, ergibt sich eine eindrückliche Geschichte über wirtschaftliche Macht und politische Einflussnahme.

Aber ist sie auch wahr?

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Historie des Marihuana Tax Act, veröffentlicht Ende 2025, kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Zahlreiche weitverbreitete Behauptungen über die Entstehung des Gesetzes halten einer genaueren Überprüfung nicht stand.

Anslinger spielte demnach beim Zustandekommen des Gesetzes eine weniger zentrale Rolle als vielfach angenommen. Anfangs hatte er sogar praktische Bedenken gegen ein bundesweites Verbot.

Auch die oft behauptete Verbindung mit dem Propagandafilm «Reefer Madness» erweist sich als fragwürdig. Anslinger verweigerte den Filmemachern später die erbetene Unterstützung.

Und der Marihuana Tax Act verbot die Herstellung von Faserhanf keineswegs grundsätzlich.

Für die Behauptung, DuPont habe das Gesetz durchgesetzt, um Nylon vor dem Hanf zu schützen, fehlt ein überzeugender historischer Nachweis.

Das bedeutet freilich nicht, dass die amerikanische Drogenpolitik frei von wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlichen Vorurteilen und politischen Machtspielen gewesen wäre.

Nur sollte man sich davor hüten, eine unbewiesene Geschichte deshalb für wahr zu halten, weil sie so ausgezeichnet ins eigene Weltbild passt.

Gerade beim Hanf ist diese Versuchung offenbar besonders gross.

Die wundersame Rückkehr einer alten Pflanze

Inzwischen erlebt Hanf eine bemerkenswerte Wiederentdeckung.

Seine Fasern werden für Textilien, Dämmstoffe und Verbundwerkstoffe verwendet. Die holzigen Bestandteile der Stängel finden im Bauwesen Verwendung, beispielsweise in Mischungen mit kalkhaltigen Bindemitteln. Aus Hanfsamen entstehen Speiseöl und andere Lebensmittel.

Auch die Landwirtschaft interessiert sich wieder für die Pflanze.

Hanf wächst unter geeigneten Bedingungen rasch und kann in bestimmten Anbausystemen mit vergleichsweise geringem Pflanzenschutzaufwand auskommen. Welche Umweltvorteile sich tatsächlich ergeben, hängt allerdings vom Standort, der Verarbeitung und dem jeweiligen Produkt ab.

Der Hanf allein wird die ökologischen Probleme unserer Zeit kaum lösen. Dazu sind die Zusammenhänge zu kompliziert. Immerhin besitzt er Eigenschaften, die ihn für verschiedene Anwendungen interessant machen.

In der Medizin hat sich ebenfalls einiges verändert.

Seit dem 1. August 2022 können Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz Cannabisarzneimittel unter den gesetzlichen Voraussetzungen verschreiben, ohne dafür eine Ausnahmebewilligung des Bundesamtes für Gesundheit beantragen zu müssen.

Damit wurde eine medizinische Verwendung wieder erleichtert, die bereits im 19. Jahrhundert bekannt gewesen war.

Der gesellschaftliche Umgang mit Cannabis bleibt indessen umstritten. Die einen fordern eine weitergehende Liberalisierung, andere warnen vor gesundheitlichen und sozialen Folgen.

Beide Fragen verdienen Aufmerksamkeit: Welche medizinischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten bietet die Pflanze? Und welche Schäden können aus dem Konsum berauschender Cannabisprodukte entstehen?

Die Antworten hängen weniger von politischen Überzeugungen ab als von überprüfbaren Erkenntnissen.

Zurück zu den Hanfbünten

Kehren wir nochmals nach Oberdorf zurück.

Der alte Flurname «Hanfbünten» ist geblieben, auch wenn die Pflanze längst aus der traditionellen Landwirtschaft verschwunden ist.

Kaum jemand denkt beim Wort Hanf noch an die Frauen, die ihre Stängel rösteten, brachen und versponnen. An die Mädchen, die ganze Wintertage am Spinnrad verbrachten. An die Männer, die mit schweren Seilen ihre Fuhrwerke sicherten. Oder an jene Hanfreiben, deren Räder sich einst mit der Kraft des Wassers drehten.

Dabei erzählen gerade diese Dinge eine Geschichte, die über den Hanf hinausgeht.

Sie berichten vom mühsamen Alltag einer bäuerlichen Gesellschaft, von der zunehmenden Arbeitsteilung und vom wirtschaftlichen Wandel. Von einer Zeit, in der man Kleidung noch mit ganz anderen Augen betrachtete, weil man wusste, wie viele Arbeitsstunden darin steckten.

Als der Hanf im Baselbiet verschwand, war das vor allem eine Folge der Industrialisierung. Als er später in Amerika zum politischen Feindbild wurde, spielten andere gesellschaftliche Kräfte eine Rolle. Heute kehrt er unter neuen wirtschaftlichen und medizinischen Vorzeichen zurück.

Die Pflanze hat all diese Veränderungen überstanden.

Vermutlich würde sich ein Bauer aus dem alten Oberdorf sehr wundern, wenn man ihm erzählte, was spätere Generationen aus seinem Hanf gemacht haben. Dass man ihn zeitweise als Gefahr für die öffentliche Ordnung betrachtete, dass man wissenschaftliche Kongresse über seine Inhaltsstoffe veranstaltet und dass er inzwischen sogar wieder als besonders zukunftsträchtiger Rohstoff angepriesen wird.

Er würde möglicherweise fragen, ob man denn inzwischen herausgefunden habe, wie sich die Fasern mit weniger Mühe gewinnen lassen.

Und damit wäre er wieder bei dem, was ihn am Hanf vermutlich am meisten interessiert hätte.

Bei der Arbeit.

 

2 Kommentare

  1. Annedore Völker

    Danke für den guten Text und die Literaturempfehlungen. Annedore Völker

  2. Hanspeter Gautschin

    Freut mich, wenn der Text und die Hinweise für Sie hilfreich waren.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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