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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Angst ist kein guter Hausrat
Ein junger Mann tröstet eine ältere Frau, deren Gesicht von Angst überschattet ist, in einer rustikalen Hütte, während eine junge Frau mit Wildblumen in der Nähe steht. Draußen regnet es in Strömen, während im Hintergrund ein warmes Feuer leuchtet, das den wertvollen Hausrat erhellt.

Im Kachelofen glomm nur noch wenig Holz. Ab und zu fuhr eine kleine Flamme hoch und warf einen unruhigen Schein an die Wand. Dann wurde es wieder still in der Stube, fast zu still.

Anna Bieri sass am Tisch, die Hände ineinandergelegt, und hörte dem Wind zu, der ums Haus strich.

Es war Karfreitag.

Seit zwanzig Jahren war dieser Tag für sie schwerer als jeder andere. Damals war ihr Mann Jakob in den Bergen verunglückt. Er war im Berner Oberland daheim gewesen, kannte Fels und Schnee von Jugend an und liebte die Höhe mit einer Kraft, die Anna nie ganz begriff. Wenn er von Graten, Wänden und Übergängen sprach, ging ein Leuchten über sein Gesicht, als rufe ihn dort oben etwas, das grösser war als der Alltag unten im Tal.

Dann kam jener Tag, an dem man ihn heimtrug.

Zerschlagen. Tot. Ohne Trostformeln, die etwas hätten lindern können. Von einem Augenblick auf den andern war das Leben ein anderes. Anna blieb zurück mit einem kleinen Sohn und mit einer Angst, die sich tief in ihr festsetzte.

Diese Angst hiess zuerst Trauer. Später hiess sie Sorge.

Denn kaum begann der Bub grösser zu werden, wuchs in ihr schon die nächste Furcht. Was, wenn auch in ihm etwas vom Vater lebte, das ihn in die Höhe zog? Was, wenn auch er dieses unruhige Verlangen nach dem Draussen, dem Steilen, dem Gefährlichen in sich trug? Anna erschrak schon, wenn Simon als Kind auf einen Baum kletterte oder am Hang oberhalb des Hauses herumturnte. Für andere war das Bubennatur. Für sie war es eine Drohung.

Ein Jahr nach Jakobs Tod zog sie fort. Weg aus dem Berner Oberland, weg von den Gipfeln, die sie kaum mehr ansehen konnte. Sie ging mit Simon ins Mittelland, in ein Dorf an der Aare. Dort war das Land weit und offen. Der Horizont lag flach. Keine Felswände standen in der Ferne. Keine schneebedeckten Spitzen. Anna redete sich ein, dort werde ihr Herz ruhiger schlagen.

Das Leben tat, was es immer tut. Es ging weiter. Simon wurde erwachsen. Ein stiller, verlässlicher junger Mann. Kräftig, freundlich, handwerklich geschickt. Einer, der nicht viel Aufhebens um sich machte. Keiner, der leichtsinnig war. Und doch sass die alte Angst der Mutter tiefer als alle Vernunft.

An diesem Karfreitag war er am Morgen früh hinausgegangen. «Ich laufe der Aare entlang», hatte er gesagt. «Ich will schauen, was schon blüht. Vielleicht finde ich Weidenkätzchen oder die ersten Schlüsselblumen.»

Es war seine Art, den Frühling zu begrüssen. Er mochte diese ersten Zeichen, das Zarte, das sich gegen Kälte und nasse Erde behauptete. Und vielleicht, das dachte Anna später, hatte er auf dem Heimweg auch noch bei Margrit vorbeischauen wollen. Margrit aus dem Nachbarhaus, mit den ruhigen Augen und dem hellen Lachen. Das Mädchen, das ihm näherstand, als beide offen aussprachen.

Am Morgen hatte Anna nur genickt. Sie wollte ihn nicht zurückhalten. Doch kaum war die Tür hinter ihm zugegangen, sass die Unruhe schon wieder mit in der Stube.

Gegen Abend kam Wind auf. Dann setzte Regen ein. Erst fein. Dann dichter. Dann fiel er in schweren Schnüren gegen die Scheiben. Anna trat ans Fenster. Die Luft draussen war seltsam mild. Zu mild für die Jahreszeit. Sie kannte solche Tage. Wenn oben noch Schnee lag und dazu warmer Regen fiel, konnte die Aare rasch anschwellen.

Und plötzlich war der Gedanke da: Simon war noch nicht zurück.

Sie schalt sich selber. Er war kein Bub mehr. Fast fünfundzwanzig, gross, gesund und vernünftig. Einer, der seinen Weg fand. Dennoch sass ihr die Angst im Nacken. Gerade heute. Ausgerechnet heute, am Todestag seines Vaters.

Sie versuchte, sich zu beschäftigen. Legte ein neues Scheit in den Ofen. Räumte Geschirr weg. Nahm etwas zur Hand und legte es gleich wieder hin. Es half nichts. Draussen trommelte der Regen härter, und vom Fluss her kam ein dumpfes, breites Rauschen.

Da hielt es sie nicht mehr im Haus.

Sie nahm ihr wollnes Schultertuch, zog es fest um sich und ging los. Der Weg hinunter ins Dorf war glitschig. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Einmal musste sie sich am Zaun festhalten, um nicht auszurutschen. Unten war Unruhe. Männer riefen einander etwas zu. Fenster gingen auf. Irgendwo schlug ein Laden gegen die Mauer. Man spürte es sofort: Die Aare stieg.

Anna ging direkt zu Margrits Haus und klopfte hastig.

Margrit öffnete. Schon als Anna sah, dass Simon nicht hinter ihr stand, wurde ihr flau.

«Komm herein», sagte Margrit erschrocken. «Was ist geschehen?»

Anna atmete schwer. «Ist Simon nicht bei dir? Ich dachte, er komme vielleicht noch vorbei.»

Margrit schüttelte den Kopf. «Nein. Ich habe ihn heute nicht gesehen.»

Für einen Augenblick war nur der Regen zu hören. Dann das ferne Brausen des Flusses.

«Die Aare steigt», sagte Margrit leise.

Anna nickte. Sie wusste es längst. Vielleicht war sie nur hergekommen, damit jemand anders es auch aussprach.

Dann brach aus ihr heraus, was sie jahrelang in sich verschlossen hatte. Sie erzählte von Jakob, vom Absturz, vom Wegzug, von all den Jahren, in denen sie geglaubt hatte, sie könne das Unglück fernhalten, wenn sie nur weit genug davon wegginge. Sie sprach von dieser ewigen inneren Wache, die nie zur Ruhe kam. Und sie sagte endlich auch das, was sie bisher kaum einmal laut gedacht hatte: dass sie manchmal meinte, das Schicksal finde einen doch. Wenn es einen nicht im Fels hole, dann im Wasser.

Margrit hörte still zu. Ihr junges Gesicht wurde ernst. Nach einer Weile stand sie auf.

«Wir können nicht bloss warten», sagte sie. «Wir müssen ihm entgegen.»

Sie griff schon nach ihrem Tuch, da flog die Tür auf.

Simon stand auf der Schwelle.

Er war durchnässt bis auf die Haut. An den Hosen klebte Lehm, an den Stiefeln nasse Erde und Gras. Im Gesicht stand ihm an, dass es knapp gewesen war. Wirklich knapp.

Anna machte einen Schritt auf ihn zu, dann noch einen. Sie legte die Hände an seine Schultern, als müsse sie erst begreifen, dass er wirklich da war.

«Simon …»

Mehr brachte sie im ersten Augenblick nicht heraus.

Er sah sie ruhig an. «Ich bin da, Mutter.»

Margrit nahm ihm den nassen Rucksack ab und stellte ihn auf die Bank. Simon trat in die Stube, und mit ihm kam der Geruch von nasser Erde, Flusswasser und kaltem Frühlingswind herein.

Dann erzählte er.

Beim alten Wehr sei ein Stück Damm nachgegeben. Das Wasser habe sich plötzlich über die Felder geschoben, schneller, als man es für möglich halte. Der Fussweg an der Aare sei stellenweise schon weg gewesen. Er habe quer über Wiesen und Äcker ausweichen müssen. Einmal sei ihm das Wasser bereits bis an die Stiefelschäfte geschossen.

«Noch etwas später, und ich wäre nicht mehr durchgekommen», sagte er.

Anna hörte schweigend zu. Ihr Gesicht war bleich geworden. Dann sagte sie leise: «Ich habe gemeint, jetzt holt es dich auch.»

Simon schwieg. Kein Vorwurf lag in seinem Blick. Keine Ungeduld.

Da sagte sie ihm alles.

Von der Angst, die sie seit zwanzig Jahren mit sich herumtrug. Von der Flucht aus den Bergen. Davon, wie sie bei jedem Schritt, den er ins Leben hinaus machte, innerlich schon das Unglück mitlaufen sah. Sie sprach langsam, stockend, und mit jedem Satz wurde klarer, wie sehr diese Furcht ihr ganzes Leben enger gemacht hatte.

Simon liess sie ausreden. Draussen rauschte die Nacht, und irgendwo schlug wieder ein Laden gegen die Mauer.

Dann sagte er: «Mutter, kein Mensch kann das Leben so ordnen, dass nichts mehr geschieht. Vater ist in den Bergen gestorben. Ich wäre heute beinahe im Wasser geblieben. Einer stürzt von der Leiter. Einer verunglückt auf der Strasse. Keiner hat einen Vertrag mit dem Leben.»

Er sagte es ohne Härte. Ruhig. Fast schlicht. Gerade darum traf es.

Anna setzte sich langsam auf die Bank beim Ofen. In ihr war plötzlich keine Gegenwehr mehr. Nur Müdigkeit. Und mit dieser Müdigkeit kam etwas, das sie lange nicht zugelassen hatte: Einsicht.

Sie hatte all die Jahre gemeint, Sorge sei ein Schutz. Als liesse sich das Leben mit genug Angst vor dem Schlimmsten bewahren. Doch die Angst hatte sie nicht sicherer gemacht. Sie hatte nur ihr Herz eng gehalten.

Margrit öffnete in diesem Moment den Rucksack.

Darin lagen Weidenkätzchen, ein paar Schlüsselblumen, zwei Anemonen und die ersten Krokusse. Nichts Grosses. Nur das, was der junge Frühling bereits hervorgebracht hatte. Kleine Zeichen des Lebens, gesammelt zwischen Regen, Schneeschmelze und drohendem Hochwasser.

Margrit legte die Blumen vorsichtig auf den Tisch.

Auf einmal war da in dieser nassen, verregneten Stube etwas Helles.

Anna sah die Blumen an. Dann Simon. Dann wieder die Blumen. Und zum ersten Mal an diesem Abend ging etwas von ihrer Spannung weg.

«Du bist also doch heimgekommen», sagte sie.

Simon lächelte leicht. «Ja. Etwas verdreckt. Aber immerhin.»

Da musste auch Anna, trotz allem, für einen kurzen Moment lächeln.

Draussen führte die Aare braunes Wasser, und der Regen liess noch immer nicht nach. Die Nacht war wild und unruhig. In der Stube aber war es stiller geworden.

Nicht so, dass alle Angst auf einmal verschwunden wäre. Solche Ängste gehen nicht mit einem einzigen Satz. Doch etwas hatte sich gelöst. Anna begriff, dass man das Leben nicht festhalten kann, indem man sich dauernd vor seinem Verlust fürchtet.

Vielleicht war genau das ihre eigentliche Karfreitagsstunde gewesen.

Nicht das steigende Wasser draussen. Nicht die bange Warterei. Sondern dieses langsame Einsehen, dass Angst kein guter Hausrat ist, wenn man leben will.

Auf dem Tisch lagen die ersten Blumen des Jahres.

Und sie sahen aus, als hätten sie ihren Wert gerade deshalb bekommen, weil sie Wind, Wasser und Kälte überstanden hatten.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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