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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Scherenschleifer
Ein Scherenschleifer der einen Hut und einen Mantel trägt – ganz ähnlich wie „der Scherenschleifer“ –, repariert auf einer Kopfsteinpflasterstraße einen mit Werkzeugen beladenen Holzkarren, während im Hintergrund alte Steinhäuser mit verschlossenen Fenstern zu sehen sind.

Der Scherenschleifer zog mit seinem Schleifkarren von Dorf zu Dorf und schärfte Messer und Scheren. Viele dieser Wanderhandwerker gehörten zu den Fahrenden – insbesondere zu den Jenischen. Fast jeder Haushalt und jede Werkstatt war damals auf ihre Dienste angewiesen

Mein Vater erzählte oft vom Scherenschleifer. Kaum sprach er von seiner Bubenzeit, begann er zu lächeln. Dann machte er das Geräusch nach, das der Schleifstein beim Treten von sich gab: «Adädäfi tschudädäfe … adädäfi tschudädäfe …» Ich musste jedes Mal lachen und bat ihn, es noch einmal zu machen. Er tat es geduldig. Immer wieder. Meine Mutter schüttelte den Kopf und meinte, nun sei es aber genug. Doch mein Vater liess sich nicht beirren. Mit diesem eigenartigen Klang kehrte er jedes Mal in seine Kindheit zurück.

«Wenn der Scherenschleifer in die Hintere Gasse kam», erzählte er, «dann standen wir Buben schon bereit.» In der Hinteren Gasse in Oberdorf lebten damals mehrere Kleinbauern. Sie hielten ein paar Kühe und Schweine, bauten etwas Getreide, Kartoffeln und Gemüse an. Von der Landwirtschaft allein konnte jedoch kaum eine Familie leben. Tagsüber arbeiteten die Männer in den Uhrenfabriken des Waldenburgertals. Erst nach Feierabend warteten Stall, Feld und Wiesen auf sie.

Gerade deshalb wurde jedes Werkzeug sorgfältig gepflegt. Ein stumpfes Küchenmesser erschwerte die Arbeit ebenso wie eine schlecht schneidende Sichel, ein Rebmesser oder eine Schere. Neue Werkzeuge kaufte man nur, wenn sie sich wirklich nicht mehr instand setzen liessen.

Kam der Scherenschleifer ins Dorf, war das deshalb nicht nur für die Kinder ein kleines Ereignis. Nicht nur die Bauern wussten, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war, ihre Werkzeuge wieder scharf machen zu lassen. Auch in den Haushalten warteten Messer und Scheren auf den Scherenschleifer.

Eine Werkstatt auf zwei Rädern

Der Scherenschleifer zog seinen Karren auf einen freien Platz und begann mit ruhigen, geübten Handgriffen seine mobile Werkstatt aufzubauen. Für meinen Vater war diese Maschine ein kleines Wunderwerk. Das grosse Rad diente gleichzeitig als Transportrad und als Antrieb. Mit dem Fuss setzte der Schleifer es in Bewegung. Ein breiter Lederriemen übertrug die Kraft auf den Schleifstein.

Über dem Stein hing ein verbeultes Blechkännchen. Tropfen für Tropfen floss Wasser auf den rotierenden Stein. Das Wasser kühlte die Schneide und verhinderte, dass der Stahl beim Schleifen seine Härte verlor.

War alles vorbereitet, befestigte der Scherenschleifer seinen grossen Regenschirm am Schleifkarren. Er schützte ihn vor der Sonne und manchmal auch vor einem kurzen Regenschauer. Oft arbeitete der Schleifer den ganzen Tag am gleichen Platz. Messer und Scheren gingen unablässig durch seine Hände.

Die Dorfkinder standen in respektvollem Abstand daneben und beobachteten aufmerksam jeden Handgriff. Niemand wollte den Mann bei seiner Arbeit stören. Besonders beeindruckte die ruhige Art, mit der der Schleifer arbeitete. Kein Griff wirkte hastig. Jeder sass. Es schien fast, als gehöre die Maschine zu ihm.

Wenn der Schleifstein zu singen begann

Wie bei einem Spinnrad oder einer alten Nähmaschine wurde das grosse Rad mit dem Fuss angetrieben. Über einen breiten Lederriemen setzte sich auch der Schleifstein in Bewegung. Der Scherenschleifer nahm das erste Messer in die Hand, prüfte die Schneide mit geübtem Blick und legte die Klinge in einem ganz bestimmten Winkel an den nassen Schleifstein. Nun begann die eigentliche Kunst seines Handwerks.

Mit ruhiger Hand führte er die Klinge über den rotierenden Stein. Nie blieb sie lange an derselben Stelle. Der richtige Winkel entschied über einen sauberen Schliff. War er zu steil oder zu flach, wurde das Messer nicht richtig scharf. Gleichzeitig kühlte das Wasser den Stahl und spülte den feinen Metallabrieb fort.

Ein guter Scherenschleifer arbeitete nicht nach Augenmass allein. Mit geübter Hand erkannte er, ob die Schneide bereits den richtigen Schliff hatte oder nochmals über den Stein geführt werden musste. Nach jedem Schleifgang prüfte er das Ergebnis gegen das Licht. Zeigte sich irgendwo noch ein feiner Grat, begann die Arbeit von Neuem.

Bei Scheren war das Schleifen noch anspruchsvoller. Beide Schneiden mussten exakt aufeinander abgestimmt sein. Anschliessend ölte der Schleifer das Gelenk und öffnete und schloss die Schere mehrmals. Erst wenn sie wieder leichtgängig lief und sauber schnitt, war seine Arbeit beendet.

Mehr als nur Messer und Scheren

Während der Scherenschleifer arbeitete, kamen immer mehr Dorfbewohner mit ihren Werkzeugen. Küchenmesser, Scheren, Sicheln, Rebmesser oder Beile – fast alles liess sich wieder instand setzen.

Scharfe Werkzeuge waren damals unverzichtbar. Ob in der Küche, im Stall, in der Werkstatt oder auf dem Feld – stumpfe Klingen erschwerten die Arbeit und kosteten Zeit. Deshalb pflegte man, was man besass. Ein gutes Messer oder eine Schere begleitete ihren Besitzer oft viele Jahre. Wegwerfen kam kaum in Frage. Was sich reparieren liess, wurde repariert.

Auch die Dorfkinder hielten sich stundenlang beim Schleifkarren auf. Sie beobachteten neugierig jeden Handgriff. Manchmal durften sie das Wasserkännchen nachfüllen oder frisch geschliffene Messer zu ihren Besitzern zurückbringen. Darauf waren sie besonders stolz.

Wenn die Arbeit gegen Abend beendet war, löste der Scherenschleifer den Lederriemen, klappte seine Schleifvorrichtung zusammen und verwandelte sie wieder in einen einfachen Handkarren. Anschliessend zog er weiter. Im nächsten Dorf warteten bereits neue Messer, neue Scheren und neue Kunden auf ihn.

Ein Handwerk lebt weiter

Mit der Zeit wurden die fahrenden Scherenschleifer in den Dörfern immer seltener. Industriell gefertigte Messer und Scheren waren günstig zu kaufen, und vieles wurde ersetzt, statt nachgeschliffen. Was früher selbstverständlich gepflegt und instand gesetzt wurde, landete nun oft im Abfall.

Ganz verschwunden ist das alte Wanderhandwerk jedoch nicht. Noch heute ziehen vereinzelt Scherenschleifer mit ihren mobilen Werkstätten durchs Land. Sie erinnern daran, dass ein gutes Werkzeug oft nur einen neuen Schliff braucht – und bewahren damit eine jahrhundertealte Handwerkstradition.

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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