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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Ehrenposten von Gaxen
Eine Gruppe von Männern sieht zu, wie ein älterer Mann einen sich wehrenden, verzweifelten Jungen – vielleicht einen Gaxen – im Freien über einen Stein hält; andere Jungen stehen im Hintergrund unter herbstlichen Bäumen in der Nähe eines Teiches, in einer ländlichen, bergigen Umgebung, wie Mitglieder eines Ehrenpostens.

Diese Geschichte habe ich vor vielen Jahren einmal aufgeschnappt. Ob sie sich tatsächlich genau so zugetragen hat, vermag ich nicht mit letzter Sicherheit zu sagen. Wie so viele Überlieferungen dürfte sie im Laufe der Zeit hier und dort etwas ausgeschmückt worden sein. Unterhaltsam ist sie jedoch allemal.

Es war zu einer Zeit, als Grenzstreitigkeiten zwischen Dörfern noch ernster genommen wurden als ein verregneter Heuet oder ein früher Wintereinbruch. Oberdorf und Waldenburg lagen damals seit Jahren im Streit. Es ging nicht um ein Königreich, nicht um Gold und Silber, sondern um ein Waldstück oberhalb von Gaxen, dort hinten gegen die Waldweid hinauf.

Die einen behaupteten, der alte Grenzstein habe schon immer auf ihrer Seite gestanden. Die anderen behaupteten mit derselben Überzeugung das genaue Gegenteil. Und wie das bei solchen Dingen gerne geschieht, wusste am Ende niemand mehr so recht, wer eigentlich recht hatte.

Im Wirtshaus wurde darüber gestritten. Auf den Feldern ebenfalls. Selbst nach dem Kirchgang sollen die Männer noch darüber debattiert haben.

Schliesslich beschlossen die beiden Gemeinden, den Zwist zu beenden. Vertreter aus Oberdorf und Waldenburg wollten gemeinsam einen neuen Grenzstein setzen. Feierlich, amtlich und endgültig.

Dabei gab es einen alten Brauch: Bei einer Grenzsetzung wurde ein Schulbub beigezogen. Einer, der jung genug war, sich die Stelle ein Leben lang zu merken. Denn man wusste nie, ob nicht Jahre später wieder jemand behaupten würde, der Grenzstein sei versetzt worden. In einem solchen Fall sollte der Junge als lebender Zeuge bestätigen können, wo die Grenze ursprünglich festgelegt worden war.

An einem Herbstmorgen öffnete sich mitten im Unterricht die Tür des Schulzimmers. Herein kamen der Gemeindepräsident, der Metzger, der Schmied und der Schreiner. Alle trugen Sonntagskleider, obwohl es mitten in der Woche war.

Der Lehrer legte langsam die Kreide weg.

«Wir brauchen einen Jungen», sagte der Gemeindepräsident feierlich.

Die Klasse wurde mucksmäuschenstill.

Der Lehrer schob sogleich seinen besten Schüler nach vorne. Einen grossen, mageren Jungen mit sauberem Scheitel, ordentlichen Heften und jenem braven Gesicht, das Erwachsene beruhigt.

Der Metzger betrachtete ihn kurz.

«Nein.»

Also wurde der Zweitbeste vorgestellt. Auch er wurde abgelehnt.

Der Schmied liess seinen Blick inzwischen durch die hinteren Reihen schweifen. Dorthin, wo jene Buben sassen, die besser auf Bäume klettern konnten als Brüche kürzen.

Plötzlich zeigte der Metzger nach hinten.

«Dort.»

Ganz hinten sass Röbi.

Ein kleiner Wildfang mit zerkratzten Knien, wirren Haaren und einem Gesicht, das selten etwas Harmloses versprach. Wenn irgendwo Äpfel verschwanden oder eine Scheibe zu Bruch ging, fiel der Verdacht im Dorf meist zuerst auf ihn.

Der Lehrer hob entsetzt die Hände.

«Doch nicht Röbi!»

Aber die Gemeinderäte nickten bereits zufrieden.

«Genau der.»

Der Schmied betrachtete den Jungen wie ein Bauer ein kräftiges Kalb.

«Der hält länger durch als wir alle.»

Der Lehrer versuchte es ein letztes Mal.

«Der vergisst ja sogar seine Hausaufgaben.»

Doch niemand hörte mehr auf ihn.

Röbi wurde in die Mitte genommen wie ein Ehrengast. Stolz marschierte er neben den Männern durchs Dorf hinauf Richtung Gaxen. Hinter ihnen lief die neugierige Schulklasse mit.

Oben beim umstrittenen Waldstück warteten bereits die Vertreter aus Waldenburg. Man begrüsste sich höflich, aber kühl.

Neben einem frisch gegrabenen Loch lag der neue Grenzstein. Ein mächtiger Brocken aus Granit.

Der Gemeindepräsident zeigte darauf.

«Röbi, das hier musst du dir genau merken.»

Links vom Stein lag eine sumpfige Stelle mit Fröschen und Tümpeln. Rechts stand eine alte, schief gewachsene Buche.

«Drei Schritte links vom Tümpel», erklärte der Metzger. «Und sechs Schritte rechts von der Buche.»

Röbi musste die Strecke mehrmals abschreiten.

«Drei Schritte links. Sechs Schritte rechts.»

Die Männer nickten zufrieden.

Doch mitten in der Übung entdeckte Röbi über der Richtifluh einen roten Milan, der über dem Wald kreiste.

«Schaut! Ein Greifvogel!»

Der Metzger verzog das Gesicht.

«Er ist nicht bei der Sache.»

Nun begann man, Röbis Gedächtnis zu unterstützen. Der Schmied zog ein grosses Stück Zwetschgenwähe hervor.

«Hier. Iss.»

Röbi biss begeistert hinein.

«Drei Schritte links. Sechs Schritte rechts.»

Dann bekam er Most. Dann ein paar Münzen.

Eine Zeitlang schien alles gut zu gehen. Doch plötzlich sagte Röbi:

«Drei Münzen links und zwei Schritte rechts …»

Die Männer blickten einander erschrocken an.

Der Gemeindepräsident seufzte schwer.

«So wird das nichts.»

Da schnitt sich der Metzger wortlos im Gebüsch eine Haselrute ab.

«Jetzt merkt er es.»

Von da an wurde jeder Schritt mit einer deutlichen Erinnerung auf die Hosen begleitet.

«Drei Schritte links!»

Klatsch.

«Sechs Schritte rechts!»

Klatsch.

Röbi jaulte über den ganzen Hang oberhalb von Gaxen.

«Ich merke es mir doch schon!»

Doch der Metzger liess nicht locker. Für ihn war die Sache zu wichtig. Schliesslich sollte dieser Junge eines Tages als lebender Zeuge bestätigen können, wo die Grenze wirklich verlief.

Erst als Röbi den Platz fehlerfrei hersagen konnte, steckte der Metzger die Rute wieder weg.

Die Männer blickten zufrieden auf den frisch gesetzten Grenzstein.

«Jetzt bleibt das so», sagte der Gemeindepräsident.

Und vermutlich blieb es tatsächlich so.

Denn noch Jahrzehnte später erzählte man sich im Waldenburgertal die Geschichte von jenem Tag oberhalb Gaxen, als ein kleiner Lausbub aus Oberdorf wider Willen zum wichtigsten Grenzzeugen der Gemeinde wurde. Sein Hinterteil dürfte den Grenzverlauf jedenfalls besser behalten haben als manches amtliche Protokoll.

 

1 Kommentar

  1. Göni

    Man hat ihm die Grenzlinie tatsächlich eingeprügelt

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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