Als Bertha von Suttner am 21. Juni 1914 in Wien starb, war Europa noch im Frieden.
Die Kaffeehäuser waren geöffnet, die Sommerzüge fuhren in die Ferienorte, in den Parks spielten die Kapellen. Offiziere stolzierten in ihren Uniformen über die Boulevards, und wer vom kommenden Krieg sprach, galt vielen als Schwarzseher. Gewiss, die europäischen Mächte rüsteten auf. Gewiss, auf dem Balkan gärte es. Doch an das Schlimmste wollte kaum jemand glauben.
Bertha von Suttner hatte ihr halbes Leben damit verbracht, genau davor zu warnen.
Der Krieg werde nicht mehr so aussehen wie auf den Gemälden in den Schlössern, hatte sie erklärt. Keine wehenden Fahnen, keine glänzenden Reiter, keine heldenhaften Feldherren auf weissen Pferden. Die neuen Waffen würden Menschen in ungeahnten Massen töten. Maschinengewehre, schwere Geschütze, Sprengstoffe und Flugzeuge würden den Krieg in eine fabrikmässig betriebene Vernichtung verwandeln.
Man hörte ihr zu. Man lud sie zu Kongressen ein. Man ehrte sie mit Preisen und machte sich zuweilen trotzdem über sie lustig.
Eine Frau, die über Krieg und Politik sprach, war für viele Männer schon ungewöhnlich genug. Eine Frau, die den Generälen und Regierungen erklärte, dass ihr ganzes Denken in die Katastrophe führe, erschien ihnen vollends anmassend.
Eine Woche nach Bertha von Suttners Tod, am 28. Juni 1914, wurden in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie erschossen.
Einen Monat später begann der Erste Weltkrieg.
Eine Gräfin ohne Vermögen
Bertha Sophia Felicita Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau wurde am 9. Juni 1843 in Prag geboren. Ihr Vater, ein österreichischer Feldmarschallleutnant, war bereits vor ihrer Geburt gestorben. Von ihm erbte sie den Namen, den Adelstitel und die Zugehörigkeit zu einer vornehmen Familie.
Ein gesichertes Leben erbte sie damit noch lange nicht.
Ihre Mutter liebte das gesellschaftliche Leben und versuchte immer wieder, das schwindende Vermögen am Spieltisch zu retten. Wie das bei solchen Versuchen häufig geschieht, wurde das Vermögen dadurch nur noch kleiner. Bertha wuchs in einer Welt auf, in der man grosszügig zu leben versuchte, obwohl die Mittel dazu allmählich fehlten.
Sie erhielt dennoch eine für Mädchen ihrer Zeit aussergewöhnlich vielseitige Bildung. Sie lernte mehrere Sprachen, beschäftigte sich mit Literatur und Musik und besass eine schöne Stimme. Eine Zeit lang hoffte sie sogar auf eine Laufbahn als Sängerin.
Doch die Jahre vergingen, das Geld wurde knapper, und aus der jungen Gräfin wurde eine Frau, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen musste. Für eine Angehörige des Hochadels war das damals beinahe ein gesellschaftlicher Absturz.
1873 trat die dreissigjährige Bertha eine Stelle im Haus des Freiherrn Karl von Suttner in Wien an. Sie sollte dessen vier Töchter unterrichten und ihnen als Gesellschafterin zur Seite stehen.
Im selben Haus lebte auch der jüngste Sohn der Familie.
Er hiess Arthur Gundaccar von Suttner und war sieben Jahre jünger als Bertha.
Eine Liebe, die nicht vorgesehen war
Bertha und Arthur verliebten sich ineinander.
Für die Familie Suttner war diese Verbindung unerwünscht. Bertha besass zwar einen klangvollen Namen, brachte jedoch weder Vermögen noch eine standesgemässe Mitgift mit. Zudem war sie älter als Arthur. Die Eltern sahen für ihren Sohn eine vorteilhaftere Ehe vor.
Bertha musste das Haus verlassen.
In dieser Lage stiess sie auf eine Zeitungsanzeige. Ein wohlhabender Herr in Paris suchte eine gebildete Dame, die mehrere Sprachen beherrschte und ihm als Sekretärin und Haushälterin dienen konnte. Bertha bewarb sich und erhielt die Stelle.
Der Mann hiess Alfred Nobel.
Nobel, geboren 1833, war Chemiker, Erfinder und Unternehmer. Mit der Entwicklung des Dynamits hatte er ein gewaltiges Vermögen erworben. Sein Sprengstoff erleichterte den Bau von Tunneln, Strassen und Eisenbahnlinien. Er konnte jedoch ebenso gut im Krieg verwendet werden.
Bertha blieb nur kurze Zeit bei ihm. Zwischen den beiden entstand dennoch eine Verbindung, die Jahrzehnte überdauern sollte. Nobel schätzte ihre Klugheit, ihre Bildung und ihre Offenheit. Sie führten später einen ausgedehnten Briefwechsel, in dem es immer wieder um Krieg, Frieden und die Zukunft Europas ging.
Während Bertha in Paris war, erhielt sie ein Telegramm von Arthur.
Er könne ohne sie nicht leben.
Das genügte.
Bertha verliess Paris und kehrte nach Wien zurück. Am 12. Juni 1876 heirateten die beiden heimlich. Da sie mit dem Zorn der Familie rechnen mussten, verliessen sie Österreich und reisten in den Kaukasus.
Aus der Gräfin Kinsky war Frau von Suttner geworden. Aus der Gouvernante wurde eine Flüchtende. Und aus der unerwünschten Liebe sollte eine Ehe werden, die fast drei Jahrzehnte hielt.
Lehrjahre im Kaukasus
Im Kaukasus nahm sie die georgische Fürstin Ekaterine Dadiani von Mingrelien auf. Bertha und Arthur hofften zunächst, bei ihr eine gesicherte Stellung zu finden. Daraus wurde wenig. Die beiden mussten sich mit Sprachunterricht, Musikstunden, Übersetzungen und kleinen journalistischen Arbeiten über Wasser halten.
Das Leben war entbehrungsreich. Der Name Suttner öffnete manche Tür, bezahlte jedoch keine Rechnung.
Als 1877 der Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich ausbrach, erlebten Bertha und Arthur seine Folgen aus der Nähe. Verwundete kamen zurück, Flüchtlinge zogen durch das Land, Familien warteten auf Nachrichten von Männern und Söhnen. Arthur schrieb Berichte für europäische Zeitungen. Auch Bertha begann, Erzählungen und Artikel einzusenden.
Aus der Not wurde ein Beruf.
Sie schrieb zunächst, um Geld zu verdienen. Bald merkte sie, dass ihr das Schreiben eine Stimme gab. Die Frau, die in den vornehmen Häusern Europas gelernt hatte, höflich zu schweigen, konnte auf dem Papier aussprechen, was sie dachte.
Neun Jahre lebte das Paar im Kaukasus. 1885 versöhnte sich Arthur mit seiner Familie. Bertha und er kehrten nach Österreich zurück und bezogen Schloss Harmannsdorf im Waldviertel.
Die heimlich verheiratete Gouvernante kehrte als Schriftstellerin zurück.
Ein Buch von «Jemand»
1888 veröffentlichte Bertha von Suttner das Buch Das Maschinenzeitalter.
Als Verfasser stand auf dem Umschlag lediglich ein Wort: «Jemand».
Bertha wusste, wie leicht ein gesellschaftskritisches Werk beiseitegelegt wurde, sobald man erkannte, dass es von einer Frau stammte. Deshalb verbarg sie ihren Namen. Einige Kritiker waren von der Schärfe der Gedanken so beeindruckt, dass sie den unbekannten Verfasser selbstverständlich für einen Mann hielten.
In dem Buch blickt ein Gelehrter aus dem 24. Jahrhundert auf die Zustände des 19. Jahrhunderts zurück. Dadurch konnte Bertha ihre eigene Zeit mit den Augen einer späteren Generation betrachten. Sie schrieb über Nationalismus, Vorurteile, soziale Ungleichheit und die Stellung der Frau.
Vor allem beschäftigte sie eine Frage: Was wird aus dem Menschen, wenn sich seine Maschinen schneller entwickeln als sein Gewissen?
Ein Jahr später erschien das Buch, das ihr Leben verändern sollte.
Sein Titel bestand aus drei Worten und einem Ausrufezeichen:
Die Waffen nieder!
Martha sieht, was der Krieg anrichtet
Der Roman erzählt das Leben der österreichischen Adeligen Martha Althaus. Mehrmals raubt ihr der Krieg Menschen, die sie liebt. Sie erlebt, was hinter den Meldungen von Siegen und Niederlagen verborgen bleibt: verstümmelte Körper, überfüllte Lazarette, Seuchen, Hunger, Angst und Trauer.
Bertha von Suttner zeigte den Krieg aus der Sicht jener, die seinen Preis bezahlen.
Das Buch wurde zu einem aussergewöhnlichen Erfolg. Es erschien in zahlreichen Auflagen und wurde in viele Sprachen übersetzt. Menschen, die zuvor kaum über die Folgen des Wettrüstens nachgedacht hatten, begannen darüber zu sprechen.
Natürlich gab es auch Spott. Militärs warfen ihr vor, sie verstehe nichts vom Krieg. Nationalisten nannten sie wirklichkeitsfremd. In Karikaturen erschien sie als aufgeregte alte Dame, die mit Friedensschriften gegen Kanonen anrannte. Man gab ihr den abschätzig gemeinten Namen «Friedensbertha».
Sie trug ihn schliesslich wie einen Ehrentitel.
Denn Bertha von Suttner begnügte sich längst nicht mehr mit dem Schreiben. 1891 gründete sie die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde und übernahm deren Leitung. Sie besuchte internationale Friedenskongresse, hielt Vorträge und setzte sich für Schiedsgerichte ein, die Streitigkeiten zwischen Staaten lösen sollten, bevor daraus Kriege entstanden.
Ihre Stimme wurde in ganz Europa gehört.
Ob man auch auf sie hörte, war eine andere Frage.
Die Briefe an Alfred Nobel
Mit Alfred Nobel blieb Bertha von Suttner über viele Jahre in Verbindung. Ihre Lebenswege konnten gegensätzlicher kaum sein. Nobel hatte mit Sprengstoffen ein Vermögen verdient. Bertha kämpfte gegen die immer zerstörerischeren Waffen.
Nobel glaubte zeitweise, besonders furchtbare Waffen könnten den Krieg unmöglich machen. Sobald beide Seiten wüssten, dass ein Krieg ihre eigene Vernichtung bedeute, werde niemand mehr einen solchen beginnen.
Bertha widersprach ihm. Die Angst vor Waffen, meinte sie, schaffe keinen dauerhaften Frieden. Solange Staaten einander misstrauten und ihre Sicherheit allein in der militärischen Stärke suchten, werde jede neue Waffe eine noch stärkere hervorbringen.
Ihre Gedanken beschäftigten Nobel. Als er 1895 sein Testament verfasste, bestimmte er, dass ein Teil seines Vermögens für Preise in Wissenschaft, Literatur und Friedensarbeit verwendet werden sollte. Der Friedenspreis sollte an Menschen gehen, die sich um die Verständigung zwischen den Völkern, die Verminderung der Heere und die Förderung von Friedenskongressen verdient gemacht hatten.
Bertha von Suttner hatte Nobel in diesem Denken bestärkt. Sie allein hatte den Friedenspreis gewiss nicht geschaffen. Doch ihre Briefe, ihre Bücher und ihre Beharrlichkeit hatten dazu beigetragen, dass der Erfinder des Dynamits einen Teil seines Vermögens dem Frieden vermachte.
Alfred Nobel starb 1896.
Neun Jahre später erhielt Bertha von Suttner den von ihm gestifteten Friedensnobelpreis. Sie war die erste Frau, der diese Auszeichnung zugesprochen wurde.
Als ihr der Preis 1906 in Kristiania, dem heutigen Oslo, überreicht wurde, stand dort keine Träumerin vor dem Publikum. Dort stand eine Frau, die dreissig Jahre lang gelesen, beobachtet, geschrieben und argumentiert hatte.
Der Frieden wird zur Unterhaltung
Bertha von Suttner reiste durch Europa und die Vereinigten Staaten. 1904 wurde sie im Weissen Haus von Präsident Theodore Roosevelt (1858–1919) empfangen. Überall hielt sie Vorträge, nahm an Versammlungen teil und warb für internationale Verständigung.
Die feine Gesellschaft hörte ihr gerne zu. Der Frieden war ein angenehmes Thema, solange man anschliessend zum Abendessen übergehen konnte.
Währenddessen stiegen die Rüstungsausgaben. Die europäischen Staaten bauten ihre Armeen aus, legten Kriegsschiffe auf Kiel und schmiedeten Bündnisse. Zeitungen schürten das Misstrauen zwischen den Völkern. Generäle entwarfen Aufmarschpläne. Industrielle verdienten an Gewehren, Kanonen, Munition und Panzerplatten.
Bertha erkannte, dass der Krieg selbst zu einem Geschäft geworden war.
Sie warnte auch vor dem Luftkrieg. Als 1911 im Italienisch-Türkischen Krieg erstmals Bomben aus Flugzeugen abgeworfen wurden, begriff sie sofort, was dies bedeutete. Künftige Kriege würden nicht an der Front bleiben. Die Zerstörung werde Städte und ihre Bewohner erreichen.
Viele hielten solche Befürchtungen für übertrieben.
Drei Jahrzehnte später lagen ganze europäische Städte in Trümmern.
Ein Kongress, der nie stattfand
Nach Arthurs Tod im Jahr 1902 lebte Bertha von Suttner allein weiter. Der Verlust traf sie schwer. Trotzdem setzte sie ihre Arbeit fort. Sie schrieb, reiste und sprach, obwohl ihre Kräfte nachliessen.
Für den September 1914 war in Wien ein grosser Weltfriedenskongress vorgesehen. Bertha half bei den Vorbereitungen. Delegierte aus verschiedenen Ländern sollten zusammenkommen und darüber beraten, wie sich die wachsende Kriegsgefahr eindämmen liesse.
Sie erlebte den Kongress nicht mehr.
Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914 im Alter von 71 Jahren an Krebs. Als letzte Worte werden ihr häufig die Sätze zugeschrieben:
«Die Waffen nieder! Sagt es vielen – vielen.»
Ob sie diese Worte tatsächlich so gesprochen hat, lässt sich kaum noch mit Sicherheit feststellen. Zu ihrem Leben hätten sie gepasst.
Sieben Tage später fielen in Sarajevo die tödlichen Schüsse.
Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Russland mobilisierte, Deutschland erklärte Russland und Frankreich den Krieg, Grossbritannien trat in den Konflikt ein. Aus einem Attentat wurde innerhalb weniger Tage ein europäischer Krieg und bald darauf ein Weltkrieg.
Der für September geplante Friedenskongress fand nie statt. In jenem Monat standen die Armeen bereits an der Marne, in Ostpreussen und auf dem Balkan. Die Züge brachten keine Friedensfreunde mehr nach Wien. Sie brachten Soldaten an die Front und Verwundete zurück.
Die verspottete Realistin
Bertha von Suttner hatte die Zukunft nicht vorausgesehen wie eine Wahrsagerin. Sie hatte genauer hingeschaut als jene Männer, die sich für Realisten hielten.
Sie sah, dass sich Nationalismus, Bündnispolitik, wirtschaftliche Interessen und technische Aufrüstung zu einer tödlichen Mischung verbanden. Sie begriff, dass moderne Waffen keinen kurzen und sauberen Krieg ermöglichen würden. Und sie erkannte, dass jeder Staat, der zu seiner Sicherheit aufrüstete, damit die Angst der anderen Staaten vergrösserte.
Als der Krieg kam, geschah vieles von dem, wovor sie gewarnt hatte. Millionen Menschen starben. Ganze Landschaften wurden verwüstet. Maschinengewehre mähten Soldaten nieder, Granaten zerrissen Körper, Giftgas kroch über die Schlachtfelder, und Flugzeuge trugen den Krieg in den Himmel.
Bertha von Suttner musste das alles nicht mehr sehen.
Vielleicht lag darin eine Gnade.
Für Europa war es keine. Denn kaum war die Frau verstummt, die so lange vor dem Abgrund gewarnt hatte, marschierte der Kontinent mit Musik und Fahnen geradewegs darauf zu.







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