Als die Welt noch jung war und die Wälder stiller als heute, sollen die Vögel alle grau gewesen sein. Kein Rotkehlchen trug sein rotes Brustflecklein, kein Pfau sein schillerndes Kleid, und auch die Nachtigall sah unscheinbar aus wie ein kleiner Schatten zwischen den Zweigen.
Da rief der Schöpfer eines Tages alle Vögel zu sich.
Sie kamen aus den Wäldern, von den Seen und aus den Sümpfen. Der Adler kreiste hoch oben, die Spatzen hüpften geschäftig herbei, und die Krähen setzten sich mit schief gelegtem Kopf auf die Äste, als wollten sie zuerst beobachten, was das Ganze überhaupt solle.
Der Schöpfer aber sprach:
«Jeder von euch darf sich eine Gabe wünschen. Farbe, Gesang, Stärke oder etwas anderes. Doch bedenkt: Jeder Wunsch trägt auch sein eigenes Schicksal in sich.»
Da trat zuerst der Adler vor.
Er war gross und ernst und schaute kaum nach links oder rechts.
«Ich brauche keine schönen Farben», sagte er. «Und singen will ich auch nicht. Aber gib mir mächtige Flügel, damit ich höher fliegen kann als alle anderen.»
Der Schöpfer nickte.
«Du sollst hoch fliegen dürfen. Höher als alle anderen Vögel.»
Und so geschah es.
Dem Adler wuchsen gewaltige Schwingen. Er stieg hinauf über Wälder und Berge, über Wolken und Schluchten. Lange zog er seine Kreise im Wind.
Aber je höher er flog, desto einsamer wurde es um ihn.
Bis heute sitzt der Adler oft allein auf hohen Felsen und schaut schweigend ins Tal hinunter.
Nach ihm kam die Nachtigall.
Sie war klein, unscheinbar und beinahe schüchtern.
«Mich braucht niemand anzuschauen», sagte sie leise. «Aber ich wünsche mir eine Stimme, die die Menschen still werden lässt.»
Da schenkte ihr der Schöpfer den schönsten Gesang unter allen Vögeln.
Und wirklich: Wenn die Nachtigall in einer warmen Frühlingsnacht zu singen beginnt, bleibt selbst der Wind manchmal einen Augenblick stehen.
Doch mit dem Gesang kam auch eine Sehnsucht.
Denn die Nachtigall sucht bis heute nach dem vollkommenen Lied. Darum klingt ihr Gesang manchmal glücklich und kurz darauf wieder traurig, als würde sie etwas suchen, das sie nie ganz finden kann.
Dann trat der Pfau vor den Schöpfer.
Er breitete stolz seine grauen Federn aus und sagte:
«Ich möchte der schönste Vogel der Welt werden.»
«Und was ist mit einer schönen Stimme?», fragte der Schöpfer.
Der Pfau schüttelte nur den Kopf.
«Die Schönheit genügt mir.»
Da bekam er das Blau des Himmels, das Grün der Wälder und das Gold der Sonne in sein Federkleid gelegt. Seine Schwanzfedern glänzten wie hundert Augen im Licht.
Als er sich zum ersten Mal im Wasser spiegelte, war er entzückt von sich selbst.
Doch als er den Schnabel öffnete, kam nur dieses heisere, krächzende Schreien hervor, das bis heute durch die Gärten hallt.
Denn wer nur gesehen werden will, achtet oft zu wenig auf das Innere.
Der Papagei war weniger anspruchsvoll.
Er hörte einfach gut zu.
Als er die Wünsche der anderen Vögel vernommen hatte, wollte er am liebsten alles gleichzeitig besitzen.
Bunte Farben. Eine besondere Stimme. Aufmerksamkeit.
Der Schöpfer musste lachen.
«Gut», sagte er. «Du sollst bunt werden. Aber dafür wirst du künftig vor allem die Stimmen anderer nachreden.»
Darum plappern Papageien bis heute alles nach, was sie hören.
Dann kam der Strauss.
Er war mit sich selber höchst unzufrieden.
Zuerst wollte er grösser werden. Dann längere Beine. Dann einen schöneren Hals. Und während der Schöpfer geduldig einen Wunsch nach dem anderen erfüllte, dachte der Strauss nur noch daran, wie er wirken könnte.
Am Schluss war er tatsächlich eindrucksvoll geworden.
Gross. Stark. Schnell.
Doch erst als alles fertig war, merkte er plötzlich:
«Aber meine Flügel taugen ja kaum zum Fliegen!»
Da antwortete der Schöpfer:
«Wer nur darauf achtet, wie er aussieht, vergisst leicht das Wesentliche.»
Seitdem rennt der Strauss schneller als fast jeder andere Vogel über die Erde, kann sich aber kaum in die Luft erheben.
Zuletzt hüpfte der Spatz heran.
Der Schöpfer fragte ihn:
«Und was wünschst du dir?»
Der kleine Spatz dachte einen Augenblick nach.
Dann sagte er:
«Eigentlich nichts Besonderes. Ich möchte einfach leben können. Im Sommer wie im Winter.»
Da lächelte der Schöpfer.
«Dann schenke ich dir ein zähes Herz und die Gabe, fast überall zurechtzukommen.»
Darum findet man Spatzen heute in grossen Städten, auf Bauernhöfen, unter Hausdächern und auf Bahnhöfen. Sie machen wenig Aufhebens um sich selbst, kommen aber fast überall durch.
Und so zog jeder Vogel mit seiner Gabe hinaus in die Welt.
Der eine bekam Schönheit.
Der andere Gesang.
Der dritte Kraft oder Schnelligkeit.
Aber mit jedem Wunsch kam auch etwas anderes mit: Einsamkeit, Sehnsucht, Eitelkeit oder Zufriedenheit.
Vielleicht ist es bei uns Menschen gar nicht so anders.
Denn oft wünschen wir uns voller Inbrunst genau das, was später unser Leben prägt.
Und manchmal liegt das grösste Glück nicht im Besonderen, sondern darin, mit dem eigenen Wesen Frieden zu schliessen.







Lieber Hanspeter
was für eine schöne Geschichte. Und ja oft sind die Menschen dem Tierreich ähnlicher als sie es wahrhaben möchten.
(Sorry ich kann keine Kommas setzen :-(. )
Und ich liebe die Spatzen und eine Nachtigall seufzt unmittelbar in der Nähe.
Danke für diese schöne Fabel