Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Wenn die Heinzelmännchen Änisbrötli backen
Ein älterer Mann mit Mütze und Mantel hat seinen Arm um einen kleinen Jungen mit Mütze und Schal gelegt; beide blicken nach oben in einem schneebedeckten Wald, als würden sie nach Heinzelmännchen suchen.

«Riechst du es auch?» Mein Vater war mitten auf dem Waldweg stehen geblieben. Er hob den Kopf ein wenig, schloss für einen Augenblick die Augen und atmete tief die kalte Dezemberluft ein.

Ich tat es ihm gleich, konnte aber zunächst nichts Besonderes wahrnehmen.

«Was soll ich riechen?»

Er lächelte.

«Die Heinzelmännchen backen gerade Änisbrötli.»

Nun roch ich es auch. Ganz deutlich sogar.

Woher der Duft kam, wusste ich nicht. Vielleicht aus dem dunklen Tannenwald, vielleicht von irgendwoher, wo Menschen gewöhnlich nicht hinkamen. Ich zerbrach mir darüber nicht den Kopf. Mein Vater hatte gesagt, dass die Heinzelmännchen Änisbrötli buken, und damit war die Sache für mich geklärt.

Ich muss damals etwa fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Wir waren an einem Adventssonntag in den Wäldern von Oberdorf unterwegs.

Die mächtigen Buchen hatten ihr Laub verloren, die Tannen standen dunkel und schweigend zwischen ihnen. Unter unseren Schuhen raschelte das dürre Laub, und von irgendwoher drang das vereinzelte Klopfen eines Spechtes durch den winterlichen Wald.

Ich ging gerne mit meinem Vater spazieren. Er kannte die Waldwege und wusste vieles über die Bäume und die Tiere. Vor allem aber hatte er Zeit für mich. Wir mussten nicht unaufhörlich miteinander sprechen. Es genügte, dass wir beisammen waren.

Und nun wusste ich also auch, dass die Heinzelmännchen im Wald ihre Änisbrötli buken.

Ich stellte mir vor, wie sie den Teig auswallen, die kleinen Gebäckstücke in ihre kunstvollen Formen bringen und sie sorgfältig auf grosse Bleche legen. Vielleicht trugen sie weisse Schürzen über ihren Gewändern. Vielleicht sangen sie dabei jene Weihnachtslieder, die wir in der Schule übten.

Dass ich ihre Backstube nicht sehen konnte, wunderte mich nicht. Heinzelmännchen vermochten schliesslich Dinge, die gewöhnlichen Menschen verborgen blieben.

Mein Vater ging weiter, und ich folgte ihm. Von Zeit zu Zeit hielt ich die Nase in den Wind, in der Hoffnung, den wunderbaren Duft erneut wahrzunehmen.

Manchmal gelang es mir.

Und ich zweifelte keinen Augenblick daran, dass die Heinzelmännchen tatsächlich am Backen waren.

Denn mein Vater hatte es gesagt.

Die Adventszeit meiner Kindheit war von einer Freude erfüllt, die sich mit jedem Tag steigerte.

Damals, zu Beginn der sechziger Jahre, war Oberdorf noch ein beschauliches Dorf. Die Häuser standen entlang der vertrauten Strassen, und über ihnen erhoben sich die bewaldeten Hänge unseres Tales. Wenn die Wintersonne hinter den Hügeln verschwand, wurde es früh dunkel. Hinter den Fenstern brannte Licht, aus den Kaminen stieg Rauch, und in den Stuben begann man sich auf Weihnachten vorzubereiten.

Für uns Kinder kündigte sich das Fest auf vielerlei Weise an.

Besonders in der Schule.

Dort probten wir für das Weihnachtsspiel, das wir unseren Eltern vorführen durften. Mit grossem Ernst lernten wir unsere Rollen, übten die Lieder und freuten uns auf den Tag der Aufführung.

Ich durfte den Josef spielen.

Darauf war ich mächtig stolz.

Josef war schliesslich eine wichtige Gestalt. Er stand neben Maria, kümmerte sich um sie und das Jesuskind und durfte in der Weihnachtsgeschichte nicht fehlen. Ich nahm meine Aufgabe entsprechend ernst und bemühte mich, meiner Rolle gerecht zu werden.

Ob mir das gelang, weiss ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich an die Aufregung vor den Aufführungen und an das feierliche Gefühl, wenn wir Kinder die Geschichte von Bethlehem darstellten.

Für uns waren die Hirten, die Engel und die Heilige Familie keine Gestalten aus einer längst vergangenen Zeit. Sie gehörten in diesen Wochen zu unserer Welt. Die Weihnachtsgeschichte war uns so vertraut, als hätte sie sich erst gestern ereignet.

Auch zu Hause wuchs die Vorfreude mit jedem Adventssonntag.

Da war vor allem der Adventskranz mit seinen vier Kerzen.

Am ersten Sonntag wurde die erste Kerze angezündet. Ihr kleines Licht fiel auf den Tisch und die Gesichter der Menschen, die beisammensassen. Am zweiten Sonntag durften bereits zwei Kerzen brennen, am dritten waren es drei.

Und dann kam endlich der vierte Advent.

Vier Kerzen!

Nun konnte Weihnachten nicht mehr weit sein.

Ich erinnere mich noch gut an dieses frohe Warten. Die Tage schienen manchmal kaum vergehen zu wollen. Hinter verschlossenen Türen wurden Geheimnisse gehütet, und gelegentlich glaubte man, etwas von den Vorbereitungen zu erhaschen.

Was würde das Christkind wohl bringen?

Natürlich hatten wir unsere Wünsche. Und je näher der Heilige Abend rückte, desto mehr beschäftigten sie uns.

Doch mindestens ebenso schön wie die Aussicht auf die Geschenke war die besondere Stimmung, die über diesen Wochen lag.

Die Weihnachtslieder, die wir in der Schule sangen. Der Duft aus der Küche. Die Kerzen auf dem Adventskranz. Die abendliche Geborgenheit der Stube.

Und die Gewissheit, dass irgendwo in den Wäldern von Oberdorf die Heinzelmännchen bereits fleissig Änisbrötli buken.

Wie selbstverständlich war uns damals das Wunderbare!

Wir glaubten an das Christkind und an die Engel, ohne nach Beweisen zu verlangen. Niemand musste uns erklären, weshalb eine Kerze mehr war als bloss ein brennender Docht oder warum die Weihnachtsgeschichte uns so tief ergriff.

Wir nahmen die Dinge mit einer Unbefangenheit hin, die wohl nur Kindern eigen ist.

Doch die Jahre gingen vorüber.

Ich wurde älter, und mit der Pubertät veränderte sich vieles. Was mir einst selbstverständlich erschienen war, begann ich zu hinterfragen. Die vertrauten Geheimnisse verloren nach und nach ihren Zauber.

Ich wusste nun, woher die Weihnachtsgeschenke kamen.

Und natürlich wusste ich auch, dass im Wald keine Heinzelmännchen Änisbrötli buken.

Jedenfalls war ich davon überzeugt.

Die Welt war grösser geworden, aber zugleich hatte sie etwas von ihrem Glanz verloren. Die kindliche Erwartung wich anderen Interessen, anderen Freuden und Sorgen.

Später kamen die Jahre des Erwachsenseins. Ausbildung, Beruf und all die Aufgaben, die das Leben mit sich bringt. Weihnachten wurde weiterhin gefeiert, die Adventskerzen wurden angezündet, und die vertrauten Lieder erklangen wie eh und je.

Aber jene eigentümliche Ergriffenheit, die mich als kleinen Buben durch die Adventswochen begleitet hatte, wollte sich nicht mehr einstellen.

Ich vermisste sie nicht einmal immer. Man gewöhnt sich im Laufe der Jahre an vieles, auch daran, dass die Welt weniger Geheimnisse bereithält.

Die Erinnerung an die Waldspaziergänge mit meinem Vater blieb jedoch lebendig.

Heute, da ich selbst ein älterer Mann geworden bin, kehren die Bilder meiner Kindheit mit einer Deutlichkeit zurück, die mich bisweilen erstaunt.

Viele Jahrzehnte sind vergangen. Das Oberdorf meiner Kinderjahre hat sich verändert, vertraute Häuser sehen anders aus, und manche Menschen, die damals zum Dorfbild gehörten, sind längst nicht mehr unter uns.

Auch mein Vater ist nur noch in meiner Erinnerung gegenwärtig.

Und doch gibt es Augenblicke, in denen er mir ganz nahe ist.

Manchmal gehe ich durch einen winterlichen Wald. Die Buchen stehen kahl zwischen den dunklen Tannen, und unter meinen Schuhen raschelt das dürre Laub.

Dann geschieht es, dass ich unwillkürlich stehen bleibe.

Ich sehe meinen Vater vor mir, wie er damals neben mir ging. Ich erinnere mich an seine Stimme und an sein Lächeln.

«Riechst du es auch?»

Wie oft habe ich im Laufe meines Lebens an diesen Satz gedacht!

Damals ahnte ich nicht, dass mir mein Vater mit dieser kleinen Begebenheit etwas mitgeben würde, das selbst nach so vielen Jahren seinen Wert nicht verloren hat.

Er hat mich gelehrt, mit offenen Augen und einem offenen Herzen durch die Welt zu gehen. Nicht alles sofort erklären zu wollen. Auch dem Geheimnisvollen und Wunderbaren seinen Platz zu lassen.

Als junger Mensch hatte ich diese Fähigkeit weitgehend verloren.

Jetzt, im Alter, scheint sie langsam wiederzukehren.

Wenn am ersten Adventssonntag eine Kerze brennt, betrachte ich ihre Flamme wieder mit jener stillen Freude, die ich aus meiner Kindheit kenne. Ich erinnere mich an die Schulweihnachtsspiele, an meine stolzen Auftritte als Josef und an die Erwartung, mit der ich dem Weihnachtsfest entgegenfieberte.

Und ich denke an meine Eltern.

An die vertrauten Stimmen und die gemeinsamen Stunden, die damals so selbstverständlich waren.

Wie gerne würde ich noch einmal mit meinem Vater durch die Wälder von Oberdorf gehen!

Wir müssten nicht viel miteinander sprechen. Es würde genügen, nebeneinander den Waldweg entlangzugehen, so wie einst.

Vielleicht bliebe er irgendwann stehen, würde ein wenig den Kopf heben und mich fragen:

«Riechst du es auch?»

Und ich würde die Augen schliessen, tief die kalte Dezemberluft einatmen und antworten:

«Ja, Vater. Ich rieche es.»

Denn heute, nach all den Jahren, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob die Heinzelmännchen damals wirklich nur in meiner kindlichen Vorstellung Änisbrötli gebacken haben.

Vielleicht tun sie es noch immer.

Irgendwo in den Wäldern von Oberdorf.

Und vielleicht braucht es ein ganzes Menschenleben, bis man wieder fähig ist, ihren Duft wahrzunehmen.

 

2 Kommentare

  1. Elvira

    Lieber Hanspeter

    Das ist eine wunderschöne Geschichte, sie brachte mich auch gerade in diese Zeit zurück. Herzlichen Dank.

  2. Hanspeter Gautschin

    Danke Elvira. Je älter ich werde, desto mehr stelle ich fest, dass mit den Erinnerungen oft auch die Gefühle von damals zurückkehren. Manchmal mit einer solchen Intensität, als läge das Erlebte erst wenige Tage zurück. Schön, dass meine Geschichte auch bei dir solche Erinnerungen geweckt hat.

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER