Please Enable JavaScript in your Browser to visit this site

In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Badhanse Karli und seine erstaunlichen Vorfahren
Ein älterer Mann in einer langen, dunklen Robe und einer Kappe geht durch eine Werkstatt, in der Holzbretter aufgestapelt sind, während im Hintergrund Regale und Werkzeuge zu sehen sind – vielleicht führt er damit das Handwerk seiner erstaunlichen Vorfahren fort.

In Oberdorf kannte man ihn als Badhanse Karli. Sein richtiger Name, Karl Schweizer, spielte im Dorf kaum eine Rolle. Badhanse Karli genügte, und jeder wusste, wer gemeint war.

Er war ein Original, wie es sie früher in den Dörfern noch häufiger gab. Eigenwillig, manchmal unbequem und mit seinen ganz eigenen Vorstellungen davon, wie man durchs Leben kommt. Über Karli wurden schon zu seinen Lebzeiten Geschichten erzählt. Einige davon sind bis heute geblieben.

Ich kann mich selber noch gut an ihn erinnern.

Was ich lange nicht wusste: Woher kam eigentlich dieser merkwürdige Name «Badhanse»?

Vor einiger Zeit begann mich die Sache zu interessieren. Ich wusste, dass Karli mit einer Frau verwandt gewesen war, die ledigen Namens Thommen hiess. Das erzählte ich einem befreundeten Historiker. Er machte sich in den alten Kirchenregistern auf die Suche.

Und dort wurde es interessant.

Die Spur führte zurück ins 17. Jahrhundert. Damals lebte Johannes Thommen von Waldenburg, geboren um 1630. Er war Metzger, Löwenwirt und später Badwirt in Oberdorf. Im Jahr 1670 heiratete er in St. Peter Magdalena Göbelin.

Und diese Magdalena war die Tochter von Rudolf Göbelin, der von 1659 bis 1671 Landvogt zu Waldenburg war.

Damit tauchte in der Ahnenlinie von Badhanse Karli plötzlich ein Mann auf, mit dem ich nun wirklich nicht gerechnet hatte: ein Waldenburger Landvogt.

Rudolf Göbelin hatte zudem unmittelbar mit jenem Ort zu tun, dem die Familie später ihren Dorfnamen verdankte. Er kümmerte sich um die alte Badquelle in Oberdorf. Die Geschichte dieses Badeplatzes reicht weit zurück. Nördlich des späteren Bades wurden Reste einer römischen Badeanlage mit zwei Badebecken freigelegt.

Die Badquelle war schon vor dem 16. Jahrhundert bekannt, geriet später in Vergessenheit, wurde 1590 wieder genutzt und geriet danach erneut in Vergessenheit. Göbelin liess die Quelle reinigen und bei ihr einen Badkessel sowie verschiedene Laubhütten errichten. Darin badeten die Leute in hölzernen Bütten. 1664 soll er die obrigkeitliche Bewilligung erhalten haben, ein Badhaus zu bauen.

Elf Jahre später, 1675, übernahm sein Schwiegersohn Johannes Thommen das Bad und liess ein neues Badhaus errichten. Ab 1686 besass das Oberdörfer Bad sogar das Tavernenrecht.

Johannes Thommen wurde im Dorf als «Badhans» bezeichnet.

Damit war der Ursprung des Namens gefunden. Was mich aber fast noch mehr erstaunte: Der Name verschwand mit diesem ersten Badhans nicht wieder. Er wanderte durch die Generationen.

In der Familiengeschichte finden sich Bezeichnungen wie «Bad-Hans», «Bad-Hansen Sohn», später «Badhans» und schliesslich «Badhansen». Was einmal die Bezeichnung eines Mannes beim Bad gewesen war, blieb an der Familie hängen.

Mehr als zwei Jahrhunderte später begegnet uns Emma Thommen, geboren 1873. Sie war Posamenterin und hiess im Dorf «Badhansen Emmi». 1896 heiratete sie Karl Schweizer aus Oberdorf. Zwei Jahre später kam ihr Sohn Karl zur Welt.

Unser Badhanse Karli.

Wenn wir diesen Namen früher ganz selbstverständlich gebrauchten, sagten wir damit also viel mehr, als uns bewusst war. In diesem Dorfnamen steckten über zweihundert Jahre Familiengeschichte. Er führte vom Karli, den ich selber noch kannte, zurück zu einem Oberdörfer Badwirt des 17. Jahrhunderts.

Und noch weiter.

Denn über Magdalena Göbelin führte Karlis Familienlinie zu deren Vater Rudolf Göbelin, dem ehemaligen Landvogt zu Waldenburg.

Bei dieser Erkenntnis musste ich schmunzeln.

Ausgerechnet Badhanse Karli.

Ein Mann, der zeitlebens nicht gerade dafür bekannt war, vor Behörden und Obrigkeiten strammzustehen. Karli hatte seine eigenen Vorstellungen davon, was richtig war und was nicht. Und wenn ihm ein Gemeinderat etwas vorschreiben wollte, musste dieser damit rechnen, dass Karli die Sache etwas anders sah.

Man könnte fast sagen: Die Obrigkeit lag ihm im Blut – nur offenbar auf der falschen Seite.

Karli war Junggeselle und wohnte in einem ehemaligen Bauernhaus in der Hinteren Gasse. Dort pflegte er noch eine andere Leidenschaft: Er sammelte.

Wobei «sammeln» die Sache recht freundlich umschreibt.

Sein Grundsatz lautete:

«Me darf nüt güüde – villicht chames no einisch bruche!»

Karli nahm diesen Satz ernst. Wenn am Samstag der Kehricht abgeführt worden war, ging er am Sonntagmorgen los und holte manches wieder zurück, was andere Oberdörfer gerade weggeworfen hatten.

So füllte sich sein Haus mit den Jahren immer mehr. Am Ende blieben nur noch schmale Gänge, durch die er sich zwischen all seinen Sachen bewegen konnte. Ich kann mich selber noch gut daran erinnern.

Sogar sein Bett war irgendwann so vollgestellt, dass Karli darin nicht mehr schlafen konnte.

Auch dafür fand er eine Lösung.

Er schlief sitzend am Küchentisch. Dort hatte er sich zwischen seinen gesammelten Schätzen offenbar noch ein Plätzchen freigehalten.

Eine andere Geschichte spielte sich am Hintergassbrunnen ab.

Karli hatte die Gewohnheit, dort am Morgen seinen Nachthafen auszuspülen. Das gefiel den Bauern verständlicherweise wenig, denn am selben Brunnen wurde auch das Vieh getränkt.

Irgendwann schaltete sich die Gemeinde ein.

Wer nun glaubt, Badhanse Karli habe sich von ein paar Gemeinderäten beeindrucken lassen, kennt ihn schlecht. Seine Antwort ist überliefert und fiel wenig diplomatisch aus:

«Machet ass dr zum Teufel chömmet, dir Fotzelhünd, i schwänk my Potschamber wonich will!»

Damit waren die Standpunkte geklärt.

Ob sein Vorfahr Rudolf Göbelin als Landvogt zu Waldenburg gelegentlich mit ähnlich widerspenstigen Untertanen zu tun hatte, wissen wir nicht. Der Gedanke gefällt mir allerdings.

Und dann waren da noch die Reben.

Karli besass ein Rebstück am Dielenberg. In einem besonders schlechten Weinjahr sah es mit der Ernte miserabel aus. Frühling und Sommer hatten den Reben übel mitgespielt, und unter den Hobbywinzern machte sich wenig Hoffnung auf eine vernünftige Traubenernte breit.

Karli hatte eine Idee.

Er bestellte im Tessin kistenweise schöne, reife Trauben. In der Nacht von Samstag auf Sonntag schleppte er sie in seinen Rebberg und hängte sie an seine Rebstöcke.

Eine Traube nach der anderen.

Am Sonntag kamen die Spaziergänger vorbei und trauten ihren Augen kaum. Wo vorher wenig gehangen hatte, waren plötzlich die schönsten Trauben zu sehen.

Es dauerte nicht lange, bis sich die Nachricht im Dorf verbreitete:

«Em Badhanse Karli sy über Nacht Truube gwachse!»

Ich kann mir gut vorstellen, wie Karli irgendwo stand und seinen Spass daran hatte, dass halb Oberdorf über seine wundersame Traubenernte sprach.

Karl Schweizer starb 1977. Sein Haus steht heute nicht mehr. Die Geschichten aber sind geblieben.

Und seit ich weiss, woher sein Dorfname stammt, sehe ich Badhanse Karli noch einmal mit anderen Augen.

Man beginnt mit einem Namen, den man seit seiner Kindheit kennt. Man fragt sich, woher er kommt. Einer sucht in alten Kirchenregistern, findet einen Thommen, dann eine Magdalena Göbelin – und plötzlich landet man dreihundert Jahre früher bei einem Landvogt zu Waldenburg.

Und ausgerechnet einer seiner Nachfahren wurde später zu einem der widerspenstigsten Dorforiginale von Oberdorf.

Die Obrigkeit hätte daran vermutlich wenig Freude gehabt.

Badhanse Karli wohl umso mehr.

 

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

FOLGEN

NEWSLETTER