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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Als die Kindheit plötzlich vorbei war
Zwei Mädchen in altmodischen Kleidern stehen draußen auf dem Rasen und verkörpern die Unschuld der Kindheit, während sie auf ein hölzernes Spielzeugpferd und ein aus Stöcken gefertigtes Kreuz blicken, neben denen Blumen stehen. Sonnenlicht fällt durch die Bäume, und im Hintergrund sind landwirtschaftliche Gebäude zu sehen.

Astrid Lindgren konnte sich genau an den Augenblick erinnern, in dem ihre Kindheit endete. Es war kein Geburtstag, kein erster Schultag und auch kein Abschied vom Elternhaus. Es geschah an einem Sommertag in Näs, dem Bauernhof bei Vimmerby, auf dem sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen war.

Wie jedes Jahr kam die Enkeltochter des Pfarrers während der Ferien zu Besuch. Die Kinder hatten oft miteinander gespielt. Wahrscheinlich brauchten sie dazu kaum mehr als einen Garten, ein paar Bäume, eine Scheune und genügend Zeit. Sobald das Mädchen da war, konnte das Spiel beginnen.

Doch an diesem einen Sommertag geschah etwas Seltsames.

«Ich erinnere mich noch ganz genau. Wir haben immer mit der Enkeltochter des Priesters gespielt, wenn sie in den Ferien nach Näs kam. Aber eines Sommertages, als sie kam und wir wie üblich anfangen sollten zu spielen, fiel uns plötzlich auf, dass wir nicht mehr spielen konnten. Es ging einfach nicht. Es fühlte sich albern und traurig an. Was sollten wir denn bloss machen, wenn wir nicht spielen konnten?»

Dieser Augenblick muss Astrid Lindgren tief getroffen haben. Alles war noch da: der vertraute Ort, die Gefährtin aus früheren Sommern, die Erinnerung an unzählige Spiele. Nur der Zugang zu dieser Welt war verschwunden.

Die Kinder standen an derselben Stelle wie früher. Und waren doch bereits andere geworden.

Vom letzten Mal wissen wir nichts

An viele erste Male erinnern wir uns ein Leben lang. An den ersten Schultag, das erste eigene Fahrrad, die erste Reise ohne die Eltern oder den ersten Kuss. Erste Male werden erwartet, gefeiert und fotografiert.

Die letzten Male gehen meistens unbemerkt vorüber.

Irgendwann sind wir zum letzten Mal auf einen Baum geklettert. Wir haben zum letzten Mal unter dem Küchentisch eine Höhle gebaut. Zum letzten Mal wurde ein Ast zum Schwert, ein alter Vorhang zum Königsmantel und der Randstein vor dem Haus zu einer gefährlichen Schlucht.

Als es geschah, wussten wir nichts davon.

Wir gingen nach Hause und glaubten, das Spiel werde am nächsten Nachmittag weitergehen. Doch dann kam etwas dazwischen. Ein anderes Interesse, eine neue Freundschaft, die Schule, ein Gefühl von Scham. Die «Chrückerli» (Murmeln) blieben in der Schachtel, das Holzschwert lag hinter dem Schuppen, und aus der Höhle unter dem Tisch wurde wieder ein gewöhnlicher Platz für Stühle.

Niemand erklärte die Kindheit für beendet. Sie zog sich einfach zurück.

Plötzlich war es albern

Das Wort, das Astrid Lindgren für jenen Sommertag brauchte, heisst «albern». Darin steckt der ganze Schmerz ihrer Erinnerung.

Das Spiel hatte sich kaum verändert. Verändert hatte sich der Blick der Kinder auf sich selbst. Auf einmal sahen sie sich von aussen. Sie stellten sich vor, wie es wirken könnte, wenn sie weiterhin Räuber und Prinzessinnen spielten, unsichtbare Pferde ritten oder in einer selbst erfundenen Sprache miteinander redeten.

Dieser fremde Blick sitzt eines Tages mit im Kinderzimmer. Anfangs meldet er sich nur zaghaft. Bald wird er deutlicher:

Bist du dafür nicht schon zu gross?

Was würden die anderen sagen?

Macht man so etwas in deinem Alter noch?

Von da an wird es schwierig, sich einer erfundenen Welt hinzugeben. Wer sich beim Spielen beobachtet, ist nur noch halb dabei. Die andere Hälfte steht daneben und prüft, ob das alles vernünftig aussieht.

Die Vernunft gewinnt meistens.

Eine Welt, die aus wenig bestand

Astrid Lindgrens Kindheit auf Näs war von Arbeit geprägt. Der Hof ernährte eine Familie und verlangte täglich viele Hände. Kühe mussten versorgt, Kartoffeln aus der Erde geholt und Heu eingebracht werden. Daneben gab es jene ausgedehnten Stunden, in denen die Kinder ihre Umgebung in Besitz nahmen.

Sie spielten in Scheunen und auf Heuböden, kletterten auf Bäume, liefen über Wiesen und erfanden Spiele mit Regeln, die nur sie kannten. Spielsachen waren dabei von geringer Bedeutung. Die Welt lieferte alles, was sie brauchten.

Ein Baum konnte heute ein Schiff und morgen eine Burg sein. Hinter einem Stein lebte womöglich ein Wesen, das nur hervorkam, wenn Erwachsene ausser Sichtweite waren. Im Gebüsch begann ein fremdes Land. Eine Handvoll Kinder genügte, um es zu bevölkern.

Das Spiel lebte von der Vorstellungskraft. Und diese Vorstellungskraft brauchte weder Anleitung noch Lob. Sie musste auch zu keinem Ergebnis führen.

Am Abend gab es nichts vorzuweisen. Das Schiff war wieder ein Baum, die Burg eine Scheune und das fremde Land ein Stück Gebüsch. Trotzdem war etwas geschehen. Die Kinder hatten für einige Stunden in einer Welt gelebt, die sie selbst erschaffen hatten.

Wenn alles einen Zweck bekommt

Mit dem Erwachsenwerden zieht der Nutzen in unser Leben ein. Wir lernen, unsere Zeit einzuteilen und vorzeigbare Ergebnisse zu liefern. Eine Tätigkeit soll etwas bringen. Sie soll Geld einbringen, Wissen vermitteln, die Gesundheit fördern oder wenigstens zur Erholung beitragen.

Sogar die Freizeit ist inzwischen gut organisiert. Wir zählen Schritte beim Spazieren, messen die Geschwindigkeit beim Velofahren und halten den Sonnenuntergang mit dem Handy fest. Kaum ist das Bild gemacht, wird es verschickt. Nun wissen auch die anderen, dass wir einen schönen Abend erlebt haben.

Für das zweckfreie Tun bleibt wenig Raum.

Dabei kennen viele Erwachsene das alte Gefühl noch. Es taucht auf, wenn jemand in der Werkstatt an einem Stück Holz arbeitet und die Stunden vergisst. Es zeigt sich beim Gärtnern, Malen, Singen, Tanzen oder Schreiben. Einer baut mit grosser Geduld eine Modelleisenbahn auf, obwohl sie ihn an keinen Ort bringen wird. Eine andere setzt sich ans Klavier und spielt für ein leeres Zimmer. Jemand kocht ein Gericht, für das es weder Gäste noch Anlass gibt.

Von aussen betrachtet mag manches davon unnütz wirken. Für den Menschen, der darin aufgeht, ist es kostbare Zeit.

In solchen Stunden kehrt etwas zurück, das wir längst verloren glaubten. Wir hören auf, uns selbst über die Schulter zu schauen. Das Urteil der anderen wird leiser. Die Zeit verliert ihre scharfen Ränder.

Astrid Lindgrens Weg zurück

Das Mädchen Astrid konnte an jenem Sommertag nicht mehr weiterspielen. Die Traurigkeit darüber blieb ihr im Gedächtnis.

Viele Jahre später fand sie einen neuen Zugang zu jener verlorenen Welt. Sie erfand ein rothaariges Mädchen, das ein Pferd hochheben konnte, mit einer Tasche voller Goldstücke in einer Villa lebte und sich von Erwachsenen kaum beeindrucken liess. Sie schickte Karlsson auf die Dächer von Stockholm, liess Michel aus Lönneberga Unfug treiben und führte ihre jungen Leser nach Nangijala.

Astrid Lindgren spielte nun mit Worten.

Aus den Bäumen, Scheunen und Wiesen ihrer Kindheit wurden Geschichten. In ihnen galten wieder jene grosszügigen Regeln, nach denen ein Tier sprechen, ein Kind stärker als ein Polizist und eine armselige Hütte der Eingang zu einer anderen Welt sein konnte.

So öffnete die erwachsene Frau jene Tür, die sich an einem Sommertag vor dem Mädchen geschlossen hatte. Durch ihre Bücher konnten Millionen Kinder hindurchgehen.

Ein kleiner Rest sollte bleiben

Wir werden die Spiele unserer Kindheit nicht zurückholen können. Die Höhle unter dem Tisch wäre heute zu eng, das Holzschwert läge schlecht in der Hand, und auf dem alten Baum sähen wir vor allem die Gefahr eines Sturzes.

Doch wir können uns fragen, wann wir zuletzt etwas getan haben, das keinen vernünftigen Zweck erfüllte. Etwas, das niemand sehen, bewerten oder bewundern musste. Etwas, bei dem wir die Zeit vergassen und ganz bei der Sache waren.

Möglicherweise beginnt das Spielen der Erwachsenen genau dort.

Die Kindheit geht vorbei. Meistens bemerken wir ihren Abschied erst viel später. Zurück bleiben einige Gegenstände, ein vertrauter Geruch, ein längst verschwundener Ort und die Erinnerung an eine Welt, in der fast alles möglich war.

Astrid Lindgren bewahrte diese Welt in ihren Geschichten auf. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb ihre Bücher bis heute gelesen werden. Wer sie aufschlägt, begegnet für eine Weile jenem Kind wieder, das aus einem Baum ein Schiff machen konnte.

Und manchmal reicht schon das.

Quelle des Zitats: Astrid Lindgren – Jugend

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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