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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Was ich als Bub für mich behielt
Zwei Kinder spielen auf einem Teppich mit Tier- und Familienfiguren vor einem Puppenhaus. Sonnenlicht strömt herein, Zeichnungen hängen an der Wand, und Bücher und Spielzeug sind in dem gemütlichen Raum verstreut.

Jetzt sage ich es einmal öffentlich: Ich habe als Bub mit Bäbies gespielt. Mit Puppen also, auf Hochdeutsch gesagt.

Das Nachbarskind war ein Mädchen. Wir spielten ein Ehepaar. Nachmittage lang. Wir hatten Kinder, wir hatten Tiere, wir hatten ein Haus, und in diesem Haus hatte jeder seinen Platz. Es ging geordnet zu und her. Nichts war chaotisch. Es gab einen Alltag, wie man ihn sich als Kind eben vorstellt, wenn man das Leben der Erwachsenen nachspielt: jemand musste arbeiten, jemand musste daheim nach dem Rechten sehen, die Kinder mussten versorgt sein, und die Tiere ebenfalls.

Ich hatte in diesem Spiel meist einen Beruf. Mal war ich Lehrer, mal Schriftsteller, mal Bauer. Warum gerade diese drei, weiss ich nicht mehr mit letzter Sicherheit. Aber sie sagten mir offenbar etwas. Der Lehrer hatte etwas Solides. Der Schriftsteller etwas Freies. Der Bauer gehörte zu einer Welt, in der Haus, Tiere, Familie und Arbeit noch zusammenhingen.

Das alles spielte sich mit einer Ernsthaftigkeit ab, die heute fast rührend wirkt. Wir alberten nicht bloss herum. Wir meinten es ernst. Wir führten gewissermassen einen Haushalt im Kleinformat. Kein grosses Drama, kein Spektakel, keine Schlachtordnung. Einfach ein gelebtes, erfundenes Leben.

Meinen Schulkameraden habe ich das selbstverständlich verschwiegen.

Draussen galten andere Regeln. Dort war man Bub. Dort lief man, kämpfte, raufte, warf, rannte und mass sich mit den anderen. Dort wollte niemand hören, dass einer am Nachmittag mit dem Nachbarsmädchen Ehepaar gespielt hatte. Schon gar nicht mit Bäbies. Man hätte es zwar vielleicht überlebt, aber lustig wäre es kaum geworden. Also schwieg ich. Das schien mir klüger.

Später las ich dann kluge Bücher darüber, wie verschieden Buben und Mädchen spielten. Die amerikanische Psychologin Joyce F. Benenson hat solche Unterschiede über viele Jahre untersucht und in ihrem Buch Warriors and Worriers zusammengefasst. Sie vertritt die These, dass Jungen im Durchschnitt stärker zu Wettbewerb, Gruppenkampf und körperlicherem Kräftemessen neigen, während Mädchen im Durchschnitt andere soziale Muster zeigen. Benenson hat diese Richtung der Forschung über Jahre vertreten.

Man darf daraus bloss nicht mehr machen, als darin steckt.

Dass es im Spielverhalten gewisse Unterschiede gibt, mag sein. Dass viele Buben gern rangeln, sich messen, Feinde erfinden und mit Stöcken durch die Gegend ziehen, ist keine neue Erkenntnis. Man muss nur einmal einen Pausenplatz beobachten. Aber daraus gleich ein ehernes Gesetz des Mannes abzuleiten, wäre mir zu simpel. Schon darum, weil ich selber ein Gegenbeispiel bin. Oder wenigstens eine kleine Fussnote zur Theorie.

Ich war nämlich durchaus ein Bub unter Buben. Ich habe mich gemessen, ich habe mich behauptet, ich wusste, wie das draussen lief. Und trotzdem sass ich nachmittags mit dem Nachbarsmädchen im Familienleben einer erfundenen Welt, in der ich Lehrer, Schriftsteller oder Bauer war. Ich empfand daran nichts Peinliches. Peinlich wurde es erst in der Vorstellung, es den anderen sagen zu müssen.

Vielleicht liegt genau dort der Punkt.

Kinder halten sich nicht an ideologische Programme. Sie spielen, was ihnen einleuchtet. Sie spielen, was sie sehen. Sie spielen, was sie anzieht. Und manchmal spielen sie etwas, das nicht recht ins übliche Bild passt. Das ist kein Unglück. Das ist eher ein Glück. Denn es zeigt, dass ein Kind mehr ist als ein kleiner Vertreter seiner zugeschriebenen Rolle.

Wenn ich heute daran zurückdenke, freue ich mich fast über meinen damaligen Eigensinn. Oder besser gesagt: über meine damalige Unbekümmertheit. Ich tat einfach, was mir gefiel. Erst später lernt man ja, was angeblich zu einem passt und was nicht. Erst später kommt die ganze Musterung der Welt: das gehört zu den Mädchen, das zu den Buben, das ist passend, das ist verdächtig, das erzählt man lieber nicht.

Ich erzähle es jetzt trotzdem.

Nicht um irgendein Bekenntnis daraus zu machen. Schon gar nicht, um eine neue Lehre zu verkünden. Sondern weil es eine kleine Wahrheit aus meiner Kindheit ist. Eine, die mir lieber geworden ist, je älter ich wurde. Sie zeigt mir nämlich einen Buben, der noch nicht geschniegelt war von Erwartungen. Einen, der einfach mitspielte. Der Verantwortung spielte. Der Alltag spielte. Der ein Haus mit Kindern und Tieren bewohnte und darin seinen Platz hatte.

Eigentlich ist das gar keine schlechte Erinnerung.

Und womöglich auch keine schlechte Schule fürs Leben.

Denn wer einmal begriffen hat, dass zum Dasein mehr gehört als Rangkämpfe und Heldentum, der sieht die Welt vielleicht etwas weniger martialisch. Vielleicht sogar etwas menschlicher. Das ist in keiner Zeit ein Nachteil.

Literaturhinweis
Warriors and Worriers: The Survival of the Sexes
 von Joyce F. Benenson mit Henry Markovits, erschienen 2014 bei Oxford University Press

 

1 Kommentar

  1. Göni

    Bi mir isches ähnlich gsi. Mis Bäbi het Rita gheisse und mini „Frau“ Beatrice.

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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