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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Mann im Vorraum
Im Vorraum sitzt ein Mann im Anzug auf einer Bank und liest Zeitung. Ein anderer Mann mit einer Aktentasche geht im Flur an ihm vorbei. Im Hintergrund arbeiten Menschen an Schreibtischen, und eine Frau kommt auf sie zu.

In den frühen 1960er-Jahren gab es im Baselbiet noch zahlreiche Uhrenfabriken. Einige waren gross und besassen mehrere Stockwerke. Andere waren so klein, dass der Direktor vom Büro aus hören konnte, wenn unten eine Maschine nicht richtig lief.

Eine dieser Fabriken gehörte Emil Tschudin.

Sie stand am Rand eines Dorfes, dessen Namen wir verschweigen. Die Nachkommen der Beteiligten könnten noch leben, und Nachkommen sind empfindlicher als ihre Vorfahren. Die Vorfahren können sich wenigstens nicht mehr wehren.

Über dem Eingang stand in goldenen Buchstaben:

PRÄZISIONSUHREN ETS AG

Das Wort «Präzision» war Emil wichtig. «Uhren» allein hätte seiner Ansicht nach etwas Gewöhnliches gehabt.

Die Firma stellte Armbanduhren her. Die Werke kamen zum Teil aus Grenchen, die Gehäuse aus La Chaux-de-Fonds und die Armbänder aus Italien. Man setzte alles zusammen und schrieb anschliessend «Swiss Made» auf das Zifferblatt. Die einzelnen Teile waren weit gereist. Erst am Handgelenk kamen sie zur Ruhe.

Emil Tschudin beschäftigte zweiundvierzig Personen. Er kannte alle beim Namen, bei manchen sogar den Lohn. Das war damals noch möglich. Heute braucht es dafür eine Personalabteilung und ein Passwort.

Das Geschäft lief ordentlich. Die Löhne wurden pünktlich ausbezahlt, die Maschinen waren abbezahlt, und Emil fuhr einen dunkelgrünen Opel Kapitän. Trotzdem war der Buchhalter unzufrieden.

Buchhalter sind selten glücklich, wenn die Zahlen stimmen. Dann haben sie nichts zu beanstanden und geraten leicht in den Verdacht, überflüssig zu sein.

Der Buchhalter hiess Walter Preisig. Eines Morgens trat er mit einer Mappe in Emils Büro.

«Wir müssen sparen.»

Emil sah von seinem Schreibtisch auf.

«Warum?»

«Die Personalkosten sind gestiegen.»

«Wir haben im Frühjahr die Löhne erhöht.»

«Eben.»

Walter öffnete die Mappe und zeigte auf eine Reihe Zahlen.

«Die Konkurrenz schläft nicht.»

«Das habe ich auch nicht behauptet.»

«Wir müssen rationalisieren.»

Emil lehnte sich zurück. Er kannte das Wort. Seit einigen Jahren stand es in jeder Wirtschaftszeitung. Was genau es bedeutete, wusste er nicht. Er vermutete, dass am Ende weniger Menschen dieselbe Arbeit erledigten und dafür dankbar sein sollten.

«Wie stellt Ihr Euch das vor?»

«Wir sollten einen Unternehmensberater beiziehen.»

Emil blickte ihn an.

«Was ist das?»

«Ein Fachmann, der den Betrieb untersucht.»

«Und was findet er dabei?»

«Wo wir Geld sparen können.»

«Das könnte ich ihm auch sagen. Bei seinem Honorar.»

Der Fachmann hiess Dr. Viktor Brenner und kam aus Basel.

Er selbst nannte sich Unternehmensberater. In der Fabrik sagte man der Einfachheit halber «der Berater aus Basel».

Worin er promoviert hatte, erfuhr niemand. Doch auf seiner Visitenkarte stand der Doktortitel vor dem Namen, und das genügte. Ein Doktortitel ist wie ein Regenschirm. Man weiss nie, wann man ihn braucht, aber er macht einen soliden Eindruck.

Dr. Brenner trug einen grauen Anzug, eine dunkelrote Krawatte und eine schwarze Aktentasche. Aus der Aktentasche nahm er bei jeder Gelegenheit ein neues Papier. Solche Männer haben für alles ein Papier. Nur für den gesunden Menschenverstand fehlt ihnen meist das passende Formular.

Am ersten Tag liess er sich durch die Fabrik führen.

Er blieb vor jeder Maschine stehen, legte den Kopf schief und fragte:

«Ist diese Arbeitskraft voll ausgelastet?»

Emil erklärte ihm, dass es sich um eine Fräsmaschine handle.

«Ich meine den Mann davor.»

Der Mann davor hiess Hermann und arbeitete seit achtundzwanzig Jahren in der Firma. Er fertigte kleine Räder und Triebe. Wenn Hermann mit einem Teil zufrieden war, konnte Emil es ohne Prüfung weitergeben.

Dr. Brenner schrieb etwas in sein Heft.

«Achtundzwanzig Jahre», murmelte er. «Da entstehen Gewohnheiten.»

«Vor allem Erfahrung», sagte Emil.

Der Berater blickte ihn an, als habe Emil etwas Altmodisches gesagt.

Nach zwei Tagen legte Dr. Brenner seinen ersten Bericht vor. Er enthielt zahlreiche Tabellen und kam zum Schluss, dass die Arbeitsabläufe vereinfacht, der Leerlauf vermindert und der Personalbestand überprüft werden müsse.

Walter Preisig war beeindruckt. Emil verstand nur, dass mehrere Leute entlassen werden sollten.

Der Portier war der Erste.

Er hiess Fritz Buser und sass seit zwölf Jahren in einem kleinen Raum beim Fabriktor. Er nahm Waren an, meldete Besucher an und wusste, welcher Vertreter einen Kaffee bekam und welcher besser gleich wieder ging.

Dr. Brenner hielt seine Arbeit für entbehrlich.

«Das Tor kann jeder selbst öffnen.»

«Und wer empfängt die Kunden?», fragte Emil.

«Kunden können sich im Büro melden.»

«Wie finden sie das Büro?»

«Wir bringen ein Schild an.»

Das Schild kostete neunundzwanzig Franken. Fritz Buser hatte im Monat siebenhundertachtzig Franken verdient. Dr. Brenner schrieb die Differenz als Einsparung in seinen Bericht.

Zwei Wochen später erschien Herr Meier aus Zürich.

Herr Meier war Einkäufer einer grossen Warenhauskette. Einmal im Jahr kam er ins Oberbaselbiet und bestellte mehrere tausend Uhren. Mit seinem Auftrag waren die Maschinen während Monaten ausgelastet.

Er trug einen grauen Mantel, einen weichen Hut und einen schwarzen Musterkoffer. Am Fabriktor fand er das neue Schild:

BESUCHER BITTE IM BÜRO MELDEN

Darunter zeigte ein Pfeil nach links.

Herr Meier folgte dem Pfeil und gelangte in die Werkstatt. Dort erklärte ihm eine Visiteuse, das Büro liege auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite fand er zuerst das Lager und danach die Herrentoilette. Das Büro entdeckte er zuletzt.

Die Sekretärin war gerade bei der Post. Also setzte er sich im Vorraum auf eine Bank, legte den Musterkoffer neben sich und nahm die Zeitung zur Hand.

Dort fand ihn Dr. Brenner.

Der Unternehmensberater war an diesem Morgen schlechter Laune. Am Vorabend hatte Emil mehrere seiner Vorschläge abgelehnt. Vor allem wollte der Fabrikant keinen weiteren Uhrmacher entlassen.

«Wer kontrolliert dann die fertigen Werke?», hatte Emil gefragt.

«Die Mitarbeitenden müssen lernen, sich selbst zu kontrollieren.»

«Das tun sie bereits.»

«Dann brauchen wir den Kontrolleur erst recht nicht.»

Emil hatte das Gespräch beendet.

Dr. Brenner wollte ihm nun beweisen, dass in der Fabrik noch immer zu viele Leute herumstanden oder herumsassen. Da kam ihm Herr Meier gerade recht.

Der Einkäufer sass auf der Bank, hatte ein Bein über das andere geschlagen und las den Wirtschaftsteil.

Dr. Brenner blieb vor ihm stehen.

«Was machen Sie hier?»

Herr Meier sah über den Rand der Zeitung.

«Ich warte.»

«Das sehe ich.»

«Dann hätten Sie nicht fragen müssen.»

Dr. Brenner war an Antworten dieser Art nicht gewöhnt.

«Wie lange sitzen Sie schon hier?»

Herr Meier sah auf seine Uhr.

«Siebenunddreissig Minuten.»

«Und während dieser Zeit haben Sie nichts gearbeitet?»

«Ich habe die Zeitung gelesen.»

«Das nennen Sie Arbeit?»

Herr Meier faltete das Blatt zusammen.

«Bisweilen erfährt man daraus etwas.»

Dr. Brenner zog sein Notizbuch hervor.

«Wie heissen Sie?»

«Meier.»

«Vorname?»

«Albert.»

«Abteilung?»

«Einkauf.»

Der Unternehmensberater notierte: Albert Meier, Einkauf.

Dass ein fremder Mann den eigenen Namen in ein Heft schrieb, gefiel Herrn Meier nicht. Doch er wollte wissen, wohin das führte.

«Wie hoch ist Ihr Monatslohn?», fragte Dr. Brenner.

Herr Meier nannte die Summe.

Der Berater wurde bleich.

Der Betrag lag über seinem eigenen Honorar.

«Und dafür sitzen Sie hier und lesen Zeitung?»

«Im Augenblick schon.»

«Seit siebenunddreissig Minuten!»

«Inzwischen sind es vierzig.»

Dr. Brenner klappte das Notizbuch zu.

«Herr Meier, ich sage Ihnen jetzt etwas. In einem modernen Unternehmen ist für Leute wie Sie kein Platz.»

«Das ist bedauerlich.»

«Sie können Ihre Sachen packen.»

Herr Meier nahm seinen Musterkoffer.

«Das hatte ich ohnehin vor.»

«Und lassen Sie sich hier nicht wieder blicken!»

Der Einkäufer setzte den Hut auf.

«Darauf können Sie sich verlassen.»

Er ging zur Tür.

Dr. Brenner fühlte sich gut. So musste Rationalisierung aussehen: schnell, klar und ohne unnötige Gefühle.

Auf der Treppe begegnete Herr Meier der Sekretärin.

«Sie gehen schon? Herr Tschudin erwartet Sie.»

«Herr Tschudin hat offenbar andere Pläne.»

Dann verliess er die Fabrik.

Wenige Minuten später kam Emil aus der Werkstatt.

«Ist Herr Meier schon eingetroffen?»

Die Sekretärin nickte.

«Er war im Vorraum.»

«Wo ist er jetzt?»

Sie zeigte zur Tür.

«Gegangen.»

Emil sah Dr. Brenner an.

«Weshalb?»

Der Berater lächelte bescheiden.

«Ich habe gehandelt.»

«Was habt Ihr getan?»

«Den Mann aus dem Einkauf entlassen.»

Emil stützte sich am Türrahmen ab.

«Ihr habt wen entlassen?»

«Albert Meier. Einkauf. Ein aussergewöhnlich gut bezahlter Mann, der seit vierzig Minuten Zeitung las.»

«Herr Meier arbeitet in Zürich.»

Dr. Brenner sagte nichts.

«Er ist unser grösster Kunde.»

Der Berater öffnete den Mund.

«Er wollte heute fünftausend Uhren bestellen.»

Der Mund blieb offen.

«Und Ihr habt ihn hinausgeworfen?»

Dr. Brenner fand seine Stimme wieder.

«Er hätte sich zu erkennen geben müssen.»

Die Sekretärin hob den Kopf.

«Er hat sich beim Portier immer angemeldet.»

Emil sah sie an.

«Warum heute nicht?»

«Wir haben keinen Portier mehr.»

Nun schwiegen alle drei.

Aus der Werkstatt drang das Ticken der Prüfuhren. Fünfzig Werke liefen nebeneinander. Jedes zeigte eine andere Zeit. Es war der einzige Augenblick an diesem Tag, in dem dies niemanden störte.

Emil griff zum Telefon und rief im Bahnhofbuffet an. Herr Meier war bereits abgereist.

Am nächsten Morgen traf ein Telegramm aus Zürich ein:

AUFTRAG ANDERWEITIG VERGEBEN. WEITERE BESUCHE ZWECKLOS. MEIER.

Emil legte das Telegramm auf den Schreibtisch.

Dann liess er Dr. Brenner zu sich kommen.

Der Unternehmensberater erschien mit seiner Aktentasche.

«Sie wünschen?»

«Ja.»

Emil reichte ihm das Telegramm.

Dr. Brenner las es und räusperte sich.

«Solche Rückschläge können bei tiefgreifenden Veränderungen vorkommen.»

«Gewiss.»

«Entscheidend ist, dass wir den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen.»

«Auch damit bin ich einverstanden.»

Dr. Brenner lächelte erleichtert.

Emil zeigte auf die Aktentasche.

«Packen Sie Ihre Papiere ein.»

«Warum?»

«Wir rationalisieren.»

Dr. Brenner verliess die Fabrik noch am selben Vormittag.

Der Portier Fritz Buser erhielt seine Stelle zurück. Das Schild am Tor wurde abmontiert und im Keller versorgt. Dort lag es viele Jahre neben einer Kiste alter Uhrwerke.

Wenn später jemand fragte, warum Emil Tschudin nichts mehr von Unternehmensberatern wissen wollte, antwortete er:

«Sie verstehen viel vom Sparen.»

Dann zog er seine Uhr aus der Westentasche.

«Vor allem sparen sie nicht mit dem Geld anderer Leute.»

 

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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