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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Fabrikant, der seine Ruhe wollte
Ein Mann, der die Ruhe der Landschaft verkörpert, lehnt an einem schwarzen Oldtimer, während er sich mit einer Frau in einem blauen Mantel unterhält. Im Hintergrund steht eine alte Fabrik mit einem rauchenden Schornstein – vielleicht gehörte sie einst einem Fabrikanten aus der Gegend – und ein Haus, das eingebettet in die beschauliche Landschaft liegt.

In den 1950er-Jahren gab es im Baselbiet noch Fabrikanten, die ihre Fabrik vom Küchenfenster aus überblicken konnten. Morgens sahen sie, ob der Kamin rauchte, mittags, ob die Arbeiter pünktlich zurückkehrten, und abends, ob der Fabrikwächter seine Runde machte.

Einer dieser Fabrikanten hiess Eugen Buser.

Seine kleine Metallwarenfabrik stand am Rande eines Dorfes, das hier keinen Namen braucht. Wer damals im Baselbiet lebte, wird ohnehin behaupten, er wisse genau, wo sie gestanden habe. Wahrscheinlich nennt jeder eine andere Fabrik. So bleibt die Sache gerecht verteilt.

Eugen stellte Druckknöpfe, Ösen und kleine Schnallen her. Seine Erzeugnisse hielten Hosen, Mäntel und Handtaschen zusammen. Nur sein eigenes Leben hielten sie nicht zusammen. Dafür waren Druckknöpfe offenbar ungeeignet.

Er war zweiundvierzig Jahre alt, besass ein stattliches Haus und fuhr einen schwarzen Peugeot 203. Im Dorf galt dieses Auto als Beweis für Wohlstand. Einige meinten sogar, Eugen müsse reich sein. Er widersprach nie. Ein Fabrikant muss den Leuten gewisse Hoffnungen lassen.

Verheiratet war er nicht.

Er hatte auch nicht die Absicht, diesen Zustand zu ändern.

«Ein Mann braucht Ordnung», pflegte er zu sagen. «Eine Ehe bringt Veränderungen.»

Dieses Urteil hatte er gefällt, ohne je verheiratet gewesen zu sein. Doch gerade in Dingen, die man nicht kennt, urteilt es sich besonders sicher.

Seine Haushälterin hiess Frau Künzli. Sie war seit sieben Jahren bei ihm, konnte einen Braten zubereiten, ohne ihn vorher zu beleidigen, und wusste, dass Eugen seine Hemden mit zwei Fingerbreit Abstand im Schrank hängen haben wollte.

Dann heiratete Frau Künzli.

Eugen nahm ihr das persönlich übel.

«Sie haben doch immer gesagt, Sie seien mit Ihrer Stelle zufrieden.»

«Das bin ich auch.»

«Warum heiraten Sie dann?»

Frau Künzli legte ein frisch gebügeltes Taschentuch auf den Stapel.

«Weil der Walter mich gefragt hat.»

Eugen dachte nach. Er kannte Walter. Walter war Briefträger, hatte abstehende Ohren und bei Regen nasse Schuhe. Dass eine vernünftige Frau dafür eine gute Stelle aufgab, erschien Eugen als Beweis, dass die Liebe eine gefährliche Krankheit sein musste.

«Und wann geschieht es?»

«Im Oktober.»

Eugen erschrak. Es war bereits September.

Am nächsten Tag setzte er ein Inserat in die Zeitung:

«Gesucht wird eine zuverlässige Haushälterin für gepflegten Fabrikantenhaushalt. Gute Entlöhnung. Eigenes Zimmer. Dauerstelle. Persönliche Absichten zwecklos.»

Der Setzer der Zeitung las den letzten Satz zweimal. Dann zeigte er ihn seinem Kollegen. Beide lachten. Schliesslich druckten sie ihn. Zeitungen leben auch von Sätzen, die unfreiwillig wahr sind.

Es meldeten sich vierzehn Frauen.

Die erste fragte, wie gross die Fabrik sei.

Die zweite wollte wissen, ob Eugen gern tanze.

Die dritte lobte seine Hände.

Die vierte brachte ihre Mutter mit.

Bei der fünften war sogar Eugen klar, dass sie weniger an der Stelle als am Haus interessiert war.

«Die Aussicht ist wunderbar», sagte sie und blickte vom Wohnzimmer über den Garten.

«Ja», erwiderte Eugen.

«Und so ruhig.»

«Sehr ruhig.»

«Für Kinder wäre das herrlich.»

Eugen beendete das Gespräch.

Nach der vierzehnten Bewerberin nahm er das Inserat zur Hand und prüfte, ob die Zeitung möglicherweise einen Heiratsantrag daraus gemacht hatte. Der Text war richtig. Die Menschheit hatte ihn bloss falsch verstanden.

Dann kam Klara Sutter.

Sie war neununddreissig, verwitwet und trug einen dunkelblauen Mantel. Ihr Haar war streng zurückgebunden. Sie setzte sich, ohne umständlich auf eine Aufforderung zu warten, und legte ihre Handtasche auf den Boden.

«Sie suchen eine Haushälterin.»

«Das steht im Inserat.»

«In Inseraten steht vieles.»

Eugen räusperte sich.

«Bei mir stimmt jedes Wort.»

«Das werden wir sehen.»

Damit hatte sie das Vorstellungsgespräch übernommen.

Sie wollte wissen, wann er frühstückte, welche Arbeiten anfielen und ob am Sonntag Besuch zu erwarten sei. Eugen beantwortete ihre Fragen. Zum ersten Mal seit Tagen sprach niemand über sein Haus, sein Auto oder mögliche Kinder.

Schliesslich kam Klara auf den letzten Satz des Inserats zu sprechen.

«Persönliche Absichten zwecklos», las sie vor. «Was meinen Sie damit?»

«Genau das, was dort steht.»

«Das ist keine Antwort.»

Eugen wurde unruhig. Normalerweise stellte er die Fragen.

«Ich suche eine Haushälterin und keine Ehefrau.»

Klara nickte erleichtert.

«Dann sind wir uns einig.»

«Sie haben also ebenfalls keine …»

«Keine Sorge, Herr Buser. Ich war verheiratet. Ich weiss, wie das ist.»

Das traf ihn unerwartet.

«War es denn so schlimm?»

«Nein. Darum möchte ich es nicht durch einen zweiten Versuch verderben.»

Klara erhielt die Stelle.

Bereits in der ersten Woche veränderte sich das Haus. Es wurde sauberer, ohne nach Putzmittel zu riechen. Das Essen kam pünktlich auf den Tisch. Die Hemden hingen im vorgeschriebenen Abstand. Selbst die Geranien auf dem Fenstersims blühten plötzlich mit einer Zuversicht, die Eugen bisher nur aus Geschäftsberichten kannte.

Klara war tüchtig. Sie war ausserdem die erste Frau in seinem Haus, die keinerlei Interesse an seinem schwarzen Peugeot zeigte.

«Ein schönes Auto», bemerkte Eugen eines Tages beiläufig.

«Wenn Sie meinen.»

«Hundertzwanzig Stundenkilometer.»

«Wo wollen Sie hier so schnell hin?»

Darauf wusste er keine Antwort. Im Baselbiet gab es damals schon Kurven.

Auch die Fabrik beeindruckte Klara wenig.

«Wir liefern bis nach Genf», erklärte Eugen.

«Das ist weit.»

«Und nach Mailand.»

«Noch weiter.»

«Im nächsten Jahr vielleicht sogar nach Deutschland.»

Klara stellte die Suppe auf den Tisch.

«Dann wünsche ich Ihren Druckknöpfen eine gute Reise.»

Eugen begann, sich über sie zu wundern.

Frauen hatten ihn bisher entweder bewundert oder heiraten wollen. Klara tat keines von beidem. Sie behandelte ihn freundlich, zuverlässig und mit jener Gelassenheit, mit der man einen Schrank behandelt, der an der richtigen Wand steht und dort bleiben darf.

Anfangs genoss Eugen diese Ruhe.

Nach drei Monaten wurde sie ihm verdächtig.

Eines Abends kam er früher aus der Fabrik nach Hause. Klara sass in der Küche und las die Zeitung.

«Sie lesen?»

«Manchmal.»

«Was denn?»

«Die Zeitung.»

«Das sehe ich.»

«Warum fragen Sie dann?»

Eugen ging ins Wohnzimmer.

Am folgenden Sonntag fuhr Klara nach Liestal. Sie trug ihren blauen Mantel und hatte sich eine kleine Brosche angesteckt.

«Besuchen Sie jemanden?», fragte Eugen.

«Ja.»

«Verwandte?»

«Nein.»

«Bekannte?»

«Das ist meistens der Grund, wenn man jemanden besucht.»

Sie kam erst am Abend zurück.

Eine Woche später fuhr sie wieder nach Liestal.

Eugen wurde nachdenklich. Auch in Liestal gab es Männer. Manche waren sogar ledig. Er kannte zwei davon persönlich und traute beiden alles zu.

Beim Abendessen legte er die Gabel hin.

«Frau Sutter, darf ich Sie etwas fragen?»

«Sie tun es bereits.»

«Besuchen Sie in Liestal einen Herrn?»

Klara sah ihn an.

«Möchten Sie das als Arbeitgeber wissen?»

«Nein.»

«Als Fabrikant?»

«Auch nicht.»

«Dann bleibt nicht mehr viel übrig.»

Eugen nahm die Gabel wieder auf.

Am nächsten Sonntag musste er zufällig nach Liestal fahren.

Fabrikanten müssen gelegentlich sonntags nach Liestal. Das gehört zu den Dingen, die sich geschäftlich nicht erklären lassen.

Er stellte den Peugeot beim Bahnhof ab und ging durch die Rathausstrasse. Vor einem Café sah er Klara. Sie sass an einem Tisch und unterhielt sich mit einem Mann.

Der Mann war gross, trug einen hellen Hut und lachte.

Eugen mochte ihn auf Anhieb nicht.

Am Montag fand er die Suppe zu salzig.

Am Dienstag waren die Kartoffeln zu weich.

Am Mittwoch hing ein Hemd drei Fingerbreit vom nächsten entfernt.

Klara hörte sich alles an. Am Donnerstag legte sie ihm nach dem Mittagessen einen Brief neben den Teller.

«Was ist das?»

«Meine Kündigung.»

Eugen verschluckte sich.

«Warum?»

«Sie sind seit einigen Tagen unzufrieden.»

«Das ist noch lange kein Grund zu kündigen.»

«Für mich schon.»

«Und wohin wollen Sie?»

«Nach Liestal.»

Nun war es heraus.

Eugen stand auf. Dann setzte er sich wieder. Stehende Fabrikanten sehen in solchen Augenblicken auch nicht klüger aus als sitzende.

«Zu diesem Mann mit dem hellen Hut?»

Klara hob die Augenbrauen.

«Sie haben mich beobachtet?»

«Ich war geschäftlich dort.»

«Am Sonntag?»

«Die Wirtschaft kennt keinen Ruhetag.»

«Wer ist dieser Mann?»

Klara liess ihn eine Weile warten. Sie konnte das ausgezeichnet.

«Mein Bruder.»

Eugen blickte auf den Kündigungsbrief.

«Ihr Bruder?»

«Er eröffnet ein Haushaltswarengeschäft. Ich könnte bei ihm arbeiten.»

Eugen dachte an das stille Haus, an schief hängende Hemden und an Kartoffeln, die wieder von irgendeiner hoffnungsvollen Bewerberin gekocht würden. Plötzlich kam ihm sein sorgfältig geordnetes Leben ausserordentlich leer vor.

«Sie können nicht gehen.»

«Doch. Die Bahn fährt jede Stunde.»

«Ich meine … Sie dürfen nicht gehen.»

«Das entscheiden noch immer Sie?»

Jetzt geschah etwas, das in Eugens Fabrik streng verboten gewesen wäre: Er handelte ohne vorherige Kalkulation.

«Bleiben Sie.»

«Als Haushälterin?»

Eugen blickte zum Fenster hinaus. Der Fabrikkamin rauchte. Die Geranien blühten. Auf der Strasse fuhr ein Velo vorbei. Die Welt nahm keinerlei Anteil an seinem Unglück. Das war rücksichtslos, aber üblich.

«Nein», sagte er.

Klara wartete.

«Als Frau Buser.»

Sie schwieg so lange, dass Eugen in Gedanken bereits Konkurs anmeldete.

Dann nahm sie den Kündigungsbrief vom Tisch.

«Ich werde es mir überlegen.»

«Wie lange?»

«Bis Sonntag.»

«Das sind vier Tage!»

«Ihre Druckknöpfe reisen bis nach Mailand. Da werden Sie vier Tage überstehen.»

Am Sonntag sagte sie Ja.

Im Dorf behauptete man später, Klara habe von Anfang an genau gewusst, was sie tat. Andere sagten, Eugen habe sie mit seinem Peugeot beeindruckt. Beides war falsch. Klara mochte Eugen, weil unter seiner Fabrikantenweste ein brauchbares Herz schlug. Man musste nur lange genug warten, bis er es selbst bemerkte.

Ein Jahr später wurde ihr Sohn geboren.

Eugen liess das Inserat einrahmen und hängte es in seinem Büro auf. Direkt über den Schreibtisch.

Persönliche Absichten zwecklos.

Wenn ein Vertreter danach fragte, antwortete er:

«Das war eine Fehlinvestition.»

Und weil er Fabrikant war, fügte er hinzu:

«Zum Glück.»

 

3 Kommentare

  1. hans schaub

    Eine Geschichte aus dem Baselbiet. Wie es in meinen Erinnerunngen lebte. Danke .

  2. Elvira

    Schöne Geschichte, danke Hanspeter.

  3. Hanspeter Gautschin

    Liebe Elvira, lieber Hans

    Herzlichen Dank für eure Rückmeldungen. Es freut mich sehr, dass euch die Geschichte gefallen hat.

    Sie stammt übrigens (auch) aus meiner Jugendzeit. Mein Nachbar Walter F. Meyer (wm) hatte mich damals ermuntert, meine Beiträge an Zeitschriften wie das Meyers Modeblatt, das Gelbe Heft und andere Redaktionen zu schicken. Das habe ich auch getan – allerdings ohne jeden Erfolg.

    Rückblickend vermute ich, dass mich diese Enttäuschung stärker geprägt hat, als ich damals wahrhaben wollte. Vielleicht war sie sogar der Grund, weshalb ich während vieler Jahre kaum mehr etwas geschrieben habe. Umso schöner ist es für mich, dass diese alten Texte heute doch noch ihre Leserinnen und Leser finden.

    Vielen Dank euch beiden!

Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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