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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Der Hund, der eigentlich wegmusste

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Hunde ausgezeichnete Türöffner sind. Nicht für Häuser, sondern für Geschichten.

So war es auch an einem Nachmittag in Utzenstorf, wo ich damals noch wohnte. Vor dem Coop stand eine Frau mit einem struppigen Hund an der Leine. Einer von jener Sorte, die vermutlich keinen Stammbaum besassen, dafür aber Charakter. Das Fell sah aus, als hätte es der Wind persönlich frisiert, und die Ohren waren sich bis heute nicht einig geworden, ob sie stehen oder hängen wollten.

Der Hund sass ruhig neben seiner Besitzerin und beobachtete die Menschen mit einer Gelassenheit, als hätte er längst begriffen, dass Eile selten klüger macht.

«Das ist aber ein gut erzogener Hund», sagte ich.

Die Frau lächelte und strich ihm über den Kopf.

«Heute schon», antwortete sie. «Aber glauben Sie mir: Es gab Zeiten, da hätten wir ihn am liebsten verschenkt.»

Das machte mich natürlich neugierig.

«Als wir Leo bekamen», begann sie zu erzählen, «war er klein, tapsig und zum Verlieben. Nachbarn blieben stehen, Kinder wollten ihn streicheln, und wir waren überzeugt, den liebenswertesten Hund weit und breit gefunden zu haben.»

Sie lachte leise.

«Dieser Eindruck hielt ungefähr drei Wochen.»

Leo entwickelte sich nämlich zu einem Hund mit erstaunlich vielen Talenten. Er grub den Garten um, noch bevor mein Mann den ersten Spatenstich machen konnte. Er hielt den Briefträger für einen persönlichen Gegner und war überzeugt, Fahrräder seien eine Erfindung des Teufels. Besuch wurde grundsätzlich bellend empfangen. Schuhe galten als Kauspielzeug, und einmal verschwand der Sonntagsbraten so lautlos vom Küchentisch, dass wir erst beim Anrichten bemerkten, wer heute besonders gut gegessen hatte.

«Mein Mann verteidigte ihn jedes Mal», erzählte sie kopfschüttelnd.

«Er ist noch jung.»

Eine Woche später hiess es:

«Das legt sich mit der Zeit.»

Und als Leo die Wäscheleine mitsamt den frisch gewaschenen Leintüchern quer durch den Garten zog, meinte mein Mann bloss:

«Immerhin hilft er im Haushalt.»

Ich musste lachen.

«Sie kennen Männer», sagte die Dame augenzwinkernd. «Für alles finden sie eine Erklärung. Ausser für ihre eigene Sturheit.»

Mit der Zeit wurden die Ausreden allerdings seltener. Leo jagte Nachbars Katze über den Gartenzaun, zerkaute einen teuren Regenschirm und sorgte dafür, dass sich die Haftpflichtversicherung vermutlich jedes Jahr auf unser Weihnachtskärtchen freute.

Schliesslich setzte ich meinem Mann ein Ultimatum.

«Entweder der Hund oder ich.»

Sie machte eine kleine Pause.

«Natürlich wusste ich genau, dass ich nicht gehen würde. Aber ein bisschen Theater gehört manchmal zur Ehe wie Salz zur Suppe.»

Nach langen Diskussionen beschlossen sie, Leo zu verkaufen.

Das Inserat war kaum erschienen, als sich bereits am nächsten Morgen ein freundlicher Herr meldete.

«Mein Mann», erzählte sie, «war plötzlich auffallend ehrlich.»

Er schilderte jede Untat des Hundes mit einer Genauigkeit, als müsse er vor Gericht aussagen. Er verschwieg keinen zerbissenen Schuh, keinen umgegrabenen Blumenstock und keinen einzigen Bellanfall.

Der Interessent hörte geduldig zu.

Dann kniete er sich vor Leo hin.

Der Hund beschnupperte ihn kurz, legte den Kopf schief und liess sich gemütlich hinter den Ohren kraulen.

«Ich nehme ihn», sagte der Mann.

«Ohne zu handeln», fügte die Dame schmunzelnd hinzu. «Das machte meinen Mann fast misstrauischer als glücklich.»

Leo stieg ins Auto.

Das Gartentor schloss sich.

Und plötzlich war es still.

«Wissen Sie», sagte sie nachdenklich, «vorher hatten wir uns ständig über ihn geärgert. Jetzt ärgerten wir uns über die Stille.»

Am ersten Abend fehlte das Klappern seiner Krallen auf den Bodenplatten.

Am zweiten Morgen lag seine Leine noch immer am Haken.

Am dritten Tag sass mein Mann schweigend auf der Gartenbank und schaute ausgerechnet in das Beet, das Leo zuverlässig umgepflügt hatte.

Am vierten Tag stand er auf.

«Ich hole ihn zurück.»

Die Dame lächelte.

«Ich sagte nichts. Ich nickte nur. Denn ich war am Tag zuvor bereits dort gewesen.»

Ich schaute sie fragend an.

Sie lachte herzlich.

«Der neue Besitzer war ein guter Mensch. Er hatte längst gemerkt, dass wir weniger den Hund verkaufen wollten als unseren Ärger. Also verkaufte er ihn mir wieder. Für genau denselben Preis.»

In diesem Moment hob Leo den Kopf und blickte seine Besitzerin an.

Sie kraulte ihn zwischen den Ohren.

«Seit jenem Tag», sagte sie, «hat er sich erstaunlich gebessert.»

Sie machte eine kurze Pause.

«Oder wir.»

Ich verabschiedete mich und ging weiter.

Als ich mich noch einmal umdrehte, sass der struppige Mischling unverändert neben seiner Besitzerin. Er sah mir nach, als wollte er sagen:

Die Menschen brauchen manchmal etwas länger, bis sie erzogen sind.

 

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Über

Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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