Als unsere Vorfahren wissen wollten, wie weit das Jahr fortgeschritten war, blickten sie nicht auf einen Kalender. Sie beobachteten die Sonne.
Sie sahen, wo sie aufging, wo sie unterging und wie hoch sie am Himmel stand. So bemerkten sie auch jenen besonderen Tag, an dem die Sonne ihren höchsten Punkt erreichte und die Nacht kaum mehr als eine kurze Pause zwischen zwei Tagen war.
Es war die Zeit der Sommersonnenwende.
Ein Fest, das älter ist als die Kirchen
Die Sommersonnenwende gehört zu den ältesten Festzeiten Europas. Lange bevor die ersten Kirchen gebaut wurden, beobachteten Menschen den Lauf der Sonne und richteten ihr Leben danach aus.
Für Bauern war dieses Wissen lebenswichtig. Wer den richtigen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte verpasste, riskierte Hunger. Die Sonne war keine Nebensache. Sie bestimmte das Leben.
Die Nacht der Feuer
Mit der Sommersonnenwende verbinden sich bis heute die Sonnwendfeuer. Auf Hügeln, Anhöhen und Berggipfeln wurden grosse Holzstösse errichtet. Sobald die Dämmerung hereinbrach, entzündete man die Feuer.
Früher glaubte man, das Feuer besitze besondere Kräfte. Es sollte Unheil fernhalten, Felder schützen und Krankheiten vertreiben. Junge Leute sprangen über die Glut. Liebespaare hielten sich dabei an den Händen.
Ob die Feuer tatsächlich magische Kräfte besassen, darf jeder selbst beurteilen. Sicher ist: Sie brachten die Menschen zusammen.
Die Zeit der Kräuter
Die Sonnenwende war auch die grosse Zeit der Heilpflanzen. In vielen Regionen glaubte man, dass Kräuter um den Johannistag ihre stärkste Kraft entfalten würden.
Frauen sammelten Johanniskraut, Beifuss, Schafgarbe, Kamille und andere Pflanzen, die später getrocknet und aufbewahrt wurden. Manche Kräuterbüschel hängte man in die Stube oder in den Stall. Andere wurden als Heilmittel verwendet.
Vieles davon gehört in den Bereich des Volksglaubens. Doch oft steckt auch praktische Erfahrung dahinter. Viele Heilpflanzen erreichen tatsächlich im Hochsommer ihren besten Entwicklungsstand.
Wenn die Sonne stillsteht
Der Begriff «Sonnenwende» führt eigentlich etwas in die Irre. Die Sonne kehrt nämlich nicht wirklich um. Die Erde bewegt sich auf ihrer Bahn um die Sonne.
Doch für den Beobachter erscheint es so, als würde die Sonne ihren Lauf für kurze Zeit anhalten und dann wieder in die andere Richtung wandern. Das lateinische Wort «Solstitium» bedeutet denn auch «Sonnenstillstand».
Einige Tage lang verändert sich der Sonnenaufgang kaum. Erst danach werden die Tage wieder langsam kürzer. Fast unmerklich. Und doch unaufhaltsam.
Die Weisheit des Jahreskreises
Unsere Vorfahren betrachteten die Sonnenwende nicht bloss als astronomisches Ereignis. Sie sahen darin einen Teil des grossen Jahreskreises.
Auf Wachstum folgt Reife. Auf Reife folgt Ernte. Auf Ernte folgt Vergehen. Danach beginnt alles von Neuem.
Diese Erfahrung prägte das Denken vieler Generationen. Der Mensch verstand sich als Teil eines grösseren Zusammenhangs. Er konnte den Lauf der Jahreszeiten nicht bestimmen. Er musste lernen, mit ihnen zu leben.
Was davon geblieben ist
Heute ist vieles anders. Mit künstlichem Licht machen wir die Nacht zum Tag. Erdbeeren gibt es im Dezember. Die Heizung sorgt dafür, dass wir den Winter kaum mehr spüren. Wettervorhersagen reichen weit in die Zukunft.
Und doch bleiben wir abhängig von den Kräften der Natur. Eine lange Trockenheit genügt, um Ernten zu gefährden. Ein Hagelsturm vernichtet innert Minuten die Arbeit eines ganzen Jahres.
Die Natur hat ihre Bedeutung nie verloren. Wir haben lediglich vergessen, wie eng wir mit ihr verbunden sind.
Ein Blick nach oben
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Botschaft der Sommersonnenwende. Sie erinnert uns daran, dass der Mensch nicht alles erfunden hat. Die grossen Rhythmen des Lebens waren schon da, lange bevor wir unsere Kalender und Computer entwickelten.
Unsere Vorfahren schauten häufiger zum Himmel als wir. Sie kannten den Stand der Sonne. Sie wussten, wann die längsten Tage kamen. Sie bemerkten Veränderungen, die den meisten von uns heute entgehen.
Dabei braucht es nicht viel. Ein Sommerabend genügt. Ein Platz auf einer Bank. Der Blick über eine Wiese oder hinauf zu einem Bergrücken, hinter dem die Sonne langsam versinkt.
Dann wird spürbar, was unsere Vorfahren schon vor Jahrtausenden wussten: Wir leben in der Natur. Und während die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, erzählt sie noch immer dieselbe Geschichte wie damals. Im Licht. In der Wärme. Im Duft der Wiesen. Und im Wissen, dass auch wir Teil dieses grossen Jahreskreises sind.







Ganz kleine Pünktchen sind wir – im Gegensatz zur Natur. Geniessen sollten wir sie und sie uns nicht zum Feind machen.
Da geh‘ ich mit dir einig.