Man nannte ihn im Dorf nur noch den «Fiedler».
Das ging schneller, als man denkt. Ein paar Jahre genügen. Dann verliert ein Mensch seinen richtigen Namen und wird zu dem, was die andern in ihm sehen wollen.
Eigentlich hiess er Kaspar Murer.
Aber kaum jemand sagte das noch.
Wenn er mit seinem alten Geigenkasten durchs Dorf ging, schauten die Leute kurz auf und dann wieder weg. Die Kinder liefen ihm manchmal nach. Nicht aus Bosheit. Kinder spüren einfach früh, wer anders ist.
Kaspar wohnte oben am Waldrand in einer kleinen Kammer mit schiefem Boden und einem Fenster, das im Winter Eisblumen trug. Wenn nachts der Wind vom Jura herabkam, pfiff er durch die Ritzen, als wolle er mit ihm reden.
Im Sommer sass Kaspar oft draussen vor der Tür und flickte seine Geigensaiten. Dann wirkte er beinahe zufrieden. Er sprach wenig, nickte bloss den Vorübergehenden zu und blickte lange hinüber zu den Hügeln, wo abends die letzten Sonnenflecken über die Matten wanderten.
Manchmal summte er dabei Melodien vor sich hin.
Nicht laut.
Eher so, als wolle er verhindern, dass sie verloren gingen.
Früher hatte sein Leben einmal anders ausgesehen.
Sein Vater war Kaufmann gewesen. Kein reicher Mann, aber einer mit Plänen. In der Stube stand ein Klavier, und Kaspar durfte als Bub Unterricht nehmen. Schon damals sagten manche, der Junge habe etwas Besonderes in den Händen. Er hörte Melodien schneller als andere Menschen Worte verstanden.
Später hätte er Musik studieren wollen.
Vielleicht wäre er Musiker geworden. Vielleicht Komponist. Vielleicht auch nur ein Geigenlehrer in irgendeiner Stadt mit einem kleinen Konzertsaal und einem warmen Ofen.
Doch das Leben fragt selten nach Vielleicht.
Der Vater verlor Geld. Dann nochmals Geld. Irgendwann war alles fort. Mit dem Vermögen verschwand auch die Geduld für Kunst und Träume.
«Musik macht keinen Menschen satt», sagte der Vater damals.
Von da an wurde es stiller im Haus.
Kaspar legte die Bücher weg. Das Klavier wurde verkauft. Nur die Geige blieb.
Und mit ihr etwas Unruhiges in ihm zurück.
Ein paar Jahre später verschwand er plötzlich aus dem Dorf. Niemand wusste genau, wohin. Man hörte Geschichten. Italien. Frankreich. Hafenstädte. Tanzlokale. Jahrmärkte.
Als er zurückkam, hatte er das Unterwegssein im Gesicht.
Er spielte fortan an Hochzeiten, Kilbenen und Vereinsfesten. Dort, wo getanzt, getrunken und laut geredet wurde. Wenn der Abend gut lief, spielte Kaspar mit einer wilden Freude, dass selbst die Alten noch mit dem Fuss den Takt klopften.
Dann war Leben in ihm.
Dann hob er den Bogen hoch, warf den Kopf zurück und spielte, als könne Musik einen Menschen retten.
Aber manchmal geschah etwas anderes.
Mitten zwischen lüpfigen Tänzen glitt plötzlich eine fremde Melodie durch die Wirtschaft. Etwas Trauriges. Etwas Grosses. Die Gespräche verstummten dann für einen Augenblick. Selbst das Klirren der Gläser wurde leiser.
Es war, als öffne sich kurz ein Fenster in ein anderes Leben.
Doch Kaspar brach solche Stücke meist plötzlich ab.
Er griff zum Glas.
Oder begann einen lärmigen Tanzbodenwalzer.
Als schäme er sich vor sich selber.
Die Jahre gingen vorbei.
Im Dorf gewöhnte man sich an ihn wie an einen alten Baum oder einen schiefen Hag. Er gehörte einfach dazu. Man wusste, dass er manchmal zu viel trank. Dass er launisch sein konnte. Dass er gelegentlich tagelang verschwand.
Aber man wusste auch anderes.
Dass er alten Leuten Holz ins Haus trug.
Dass er Kindern kleine Melodien vorspielte.
Dass er keinem Bettler je das letzte Stück Brot verweigerte.
Nur sprach kaum jemand darüber.
Eines Januarmorgens fand ihn ein Fuhrmann draussen am Waldrand.
Kaspar sass an einen Baum gelehnt.
Die Geige unter dem Arm.
Der Schnee hatte seine Schultern weiss bedeckt.
Es sah beinahe aus, als würde er schlafen.
Das Dorf nahm seinen Tod still zur Kenntnis.
«Der Fiedler ist erfroren», sagte man.
Mehr nicht.
Zur Beerdigung kamen wenige Leute. Ein paar Bauern. Einige ältere Frauen. Neugierige. Die Kinder standen hinten bei der Friedhofsmauer und schauten schweigend zu.
Dann begann der Pfarrer zu reden.
Und langsam wurde es still in der Kirche.
Er erzählte nicht vom Trinker.
Nicht vom Sonderling.
Nicht vom Dorfkauz.
Er erzählte von einem begabten jungen Menschen, dessen Leben irgendwann falsch abgebogen war. Von einem, der mehr in sich getragen hatte, als die meisten ahnten. Von einem, der vielleicht hätte aufblühen können, wenn ihm zur rechten Zeit jemand die Hand gereicht hätte.
Die Leute sassen reglos da.
Manche blickten auf ihre Schuhe.
Andere plötzlich zum Sarg hinüber, als sähen sie ihn zum ersten Mal.
Da erinnerte sich einer daran, wie Kaspar seiner kranken Frau einmal Holz gebracht hatte.
Eine alte Frau dachte an ein Weihnachtslied, das er vor vielen Jahren vor ihrem Fenster gespielt hatte.
Und draussen auf dem Friedhof fiel lautlos Schnee vom Himmel.
Als die Glocken verstummten, blieb das Dorf noch eine Weile zwischen den Gräbern stehen.
Niemand sprach laut.
Es war, als schäme man sich ein wenig.
Später legte jemand eine weisse Rose auf Kaspars Grab.
Am nächsten Tag lag eine zweite dort.
Und Wochen danach sagte eine Mutter zu ihrem Sohn, der ständig zeichnete und von der Kunstschule sprach:
«Vielleicht solltest du es wenigstens versuchen.»
So wirkte Kaspar Murer noch lange weiter.
Leise.
Fast wie eine ferne Geige im Abendwind.







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