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In roter Schrift steht "BodeständiX" über dem schwarzen Text "Der Autorenblog von Hanspeter Gautschin" auf weißem Hintergrund.
Die Osternacht des armen Andrei
Ein Mann namens Andrei hält die Glut in seinem Mantel und schützt ein schlafendes Kind, das in ein Tuch gewickelt ist. Dahinter sitzen Menschen in der Abenddämmerung der Osternacht um Lagerfeuer auf einem Feld, mit einem Dorf und dem Vollmond im Hintergrund.

Es war Mitternacht, als der erste Glockenschlag erklang. So war das früher: Erst ein Schlag, dann noch einer, und dann wusste jeder, jetzt ist Ostern.

Die Alten richteten sich im Bett auf, die Kinder drehten sich im Schlaf noch einmal auf die andere Seite, und wer wach lag, der lauschte. Über den Dächern hing die Nacht, kühl und still, und aus den Kaminen stieg hie und da noch ein letzter Rauchfaden.

Andrei sass auf dem Ofenrand und hörte ebenfalls zu. Neben ihm schlief seine kleine Tochter, zusammengerollt wie ein Tierchen, das sich in die Wärme geflüchtet hat. Er legte die Hand auf ihren Rücken, ganz leicht, damit sie nicht erschrak. Seit seine Frau gestorben war, tat er vieles mit einer Vorsicht, die vorher nicht nötig gewesen war. Wer plötzlich allein ist, wird stiller. Und sorgfältiger.

«Schwalbe», sagte er leise. «Komm, wir müssen los.»

Das Mädchen blinzelte, begriff noch halb im Traum, dass etwas Besonderes war, und liess sich von ihm in ein Tuch wickeln. Dann nahm er sie auf den Arm, zog den Mantel enger um beide und trat hinaus in die Nacht.

Der Weg zur Kirche war nicht weit, und doch kam er ihm länger vor als im letzten Jahr. Damals war seine Frau noch neben ihm gegangen. Sie hatte den Korb getragen mit dem Osterbrot und den gefärbten Eiern, und sie hatte trotz aller Mühsal noch lachen können. Es gibt Menschen, die machen aus wenig etwas. Ein warmes Essen. Ein ordentliches Haus. Einen freundlichen Abend. Seit sie nicht mehr da war, stand vieles einfach nur noch herum: das Geschirr, der Tisch, die Tage.

Andrei war arm gewesen, als sie noch lebte. Jetzt war er es erst recht.

Als er mit dem Kind die Kirche erreichte, war sie schon voll. Das Kerzenlicht stand warm im Raum, als wolle es der Nacht die Stirn bieten. Überall roch es nach Wachs, Kleidern, Erde, Brot. Die Leute rückten zusammen, flüsterten, bekreuzigten sich, und dann hob der Gesang an. Hell und feierlich stieg er unter das Gewölbe.

Die Kleine auf seinem Arm staunte mit grossen Augen.

«Vater, warum sind hier so viele Lichter?»

«Weil heute eine besondere Nacht ist.»

«Und warum singen sie so?»

«Weil sie hoffen.»

Er wusste selber nicht recht, warum ihm dieses Wort herausgerutscht war. Vielleicht, weil Ostern ohne Hoffnung bloss eine weitere Nacht gewesen wäre.

Als der Gottesdienst vorbei war, drängten sich die Leute hinaus. Manche gaben dem Kind ein Ei, andere ein Stück Kuchen. Jeder wusste, dass Andrei wenig hatte. Solche Nächte bringen manchmal das Beste im Menschen hervor. Für einen Moment wenigstens.

Er dankte, verstaute die Gaben ungelenk im Mantel und machte sich auf den Heimweg.

Je näher er seinem Haus kam, desto dunkler wurde ihm zumute. In den Fenstern der anderen brannte Licht. Da wartete jemand. Da war schon das Feuer im Herd. Da stand vielleicht eine Suppe bereit, oder einer rief von innen: «Bist du endlich da?» Nur seine Hütte lag schwarz da wie ein vergessenes Stück Nacht.

Er legte die Kleine vorsichtig aufs Lager und wollte Feuer machen. Doch der Herd war kalt. Kein Funke mehr. Kein Rest von Glut.

Also ging er hinaus und klopfte bei der Nachbarin. Sie öffnete, hörte seine Bitte an und schüttelte den Kopf.

«In der Osternacht gibt man kein Feuer aus dem Haus», sagte sie. «Das bringt Unglück.»

Im nächsten Haus bekam er dieselbe Antwort. Und im dritten nicht mehr einmal die Mühe eines ganzen Satzes. Man sah ihn an, als verlange er mehr als nur ein paar Kohlen.

Andrei ging zurück, müde und beschämt. Da bemerkte er draussen auf dem Feld einen Schein. Kein flackerndes Irrlicht, kein Fensterlicht. Eher ein richtiges Feuer, ruhig und klar.

Er zögerte. Dann machte er sich auf den Weg dorthin.

Als er näher kam, sah er Männer im Dunkeln sitzen. Sie trugen dunkle Gewänder, ihre Gesichter lagen halb im Schatten. Über der Glut hing ein Kessel. Keiner sprach ein Wort.

Andrei grüsste und erklärte, was er brauchte.

Der älteste von ihnen hob langsam den Kopf. Sein Bart war weiss, seine Augen ernst, aber nicht hart. Ohne ein Wort zu verlieren, griff er mit blossen Händen in die Glut. Andrei erschrak, doch der Mann schien nichts zu spüren. Er hielt ihm die leuchtenden Kohlen hin und sagte nur:

«Halte den Saum deines Mantels hin.»

Andrei tat, was man ihm sagte. Er dachte nicht weiter nach. Er nahm die Glut entgegen, bedankte sich und lief heim.

Zu Hause schüttete er sie in den Herd. Sofort sprang das Feuer an, als hätte es nur darauf gewartet. Licht füllte den Raum. Wärme kam in die Stube. Die Kleine regte sich im Schlaf und lächelte sogar ein wenig.

Da klopfte es an der Tür. Eine Nachbarin trat ein, sie wollte sich etwas ausleihen. Noch bevor Andrei fragen konnte, was sie wollte, blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte auf den Boden vor dem Herd.

«Was liegt denn da?»

«Kohlen», sagte er.

Sie trat näher, riss die Augen auf und schlug die Hände zusammen.

«Kohlen? Bist du blind? Das ist Gold.»

Andrei sah hin. Und tatsächlich: Was eben noch wie Glut ausgesehen hatte, glänzte nun gelb und schwer im Feuerschein.

Die Frau war keine, die etwas für sich behalten konnte. Kaum war sie draussen, ging es durchs Dorf wie Wind vor einem Gewitter: Auf dem Feld draussen sässen seltsame Mönche. Sie schenkten Glut her, und daheim werde daraus Gold.

Binnen kurzer Zeit rannten die Leute mit Kesseln, Eimern, Schürzen und Säcken hinaus. Wer vorher kein Feuer hatte abgeben wollen, hatte jetzt plötzlich Beine.

Sie fanden die Männer tatsächlich noch beim Feuer. Sie baten, drängten, forderten, wollten mehr und immer mehr. Der weissbärtige Alte hörte sich alles an und sagte schliesslich:

«Für alle reicht es. Doch jeder trägt nur so viel heim, wie er selber zu tragen vermag. Im Saum des Rockes, wie Andrei.»

Also hielten sie ihre Schürzen hin, ihre Jacken, ihre Rockzipfel. Jeder bekam eine Handvoll glühender Kohlen und machte sich eilig auf den Heimweg.

Doch schon bald hörte man draussen Schreie.

Die ersten liessen vor Schreck alles fallen. Andere drehten sich im Kreis, schlugen mit den Händen nach unten, stolperten, fluchten, riefen um Hilfe. Denn was bei Andrei zu Gold geworden war, blieb bei ihnen, was es gewesen war: Glut. Heiss, beissend, brennend. Stoff fing Feuer, Säume loderten auf, und aus der grossen Jagd nach Reichtum wurde innert Minuten ein wildes Durcheinander aus Rauch, Jammern und verbrannten Fingern.

Als einige voller Zorn zurück aufs Feld liefen, war das Feuer erloschen. Von den Männern war nichts mehr zu sehen.

Andrei aber sass in seiner Stube, das Kind auf dem Schoss, und sah lange schweigend in die Flammen. Draussen beruhigte sich nach und nach das Dorf. Einer nach dem andern würde nun heimkommen, mit schwarzen Händen und leeren Taschen.

Er dachte an seine Frau. Daran, wie sie aus wenig etwas gemacht hatte. Daran, wie rasch Menschen den Kopf verlieren, wenn irgendwo Gold vermutet wird. Und daran, dass er selber in dieser Nacht gar kein Gold gesucht hatte. Er hatte bloss Wärme gewollt. Ein wenig Licht. Etwas, das seine Tochter nicht frieren liess.

Vielleicht, dachte er, liegt genau dort der Unterschied.

Manche gehen in die Osternacht und suchen ein Wunder.

Andere suchen bloss ein Feuer, das bis zum Morgen hält.

Und vielleicht werden gerade diese am Ende beschenkt.

Die vorliegende Legende ist hier in meinen Worten nacherzählt. Die Vorlage geht auf einen Text zurück, der im 19. Jahrhundert unter dem Namen Dmitri Grigorowitsch veröffentlicht wurde.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar und Brille sitzt in einem Holzstuhl, trägt einen dunklen Pullover, hält ein aufgeschlagenes Buch in der Hand und blickt von den Seiten auf. Der Hintergrund ist eine schlichte, helle Wand.

Ich bin Hanspeter Gautschin, Erzähler und Autor von BodeständiX – Geschichten, die bleiben.

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