Mein Grossvater väterlicherseits aus der Hinteren Gasse erzählte mir diese Begebenheit Jahrzehnte später. Er war keiner, der aus jeder Erinnerung eine grosse Sache machte. Aber manches trug er sein Leben lang mit sich. Diese Geschichte gehörte dazu.
Es war im 1. Weltkrieg. Mein Grossvater stand damals mit elf anderen Männern an einem abgelegenen Wachposten irgendwo in unserem Land. Sie waren schon seit einiger Zeit dort oben und wussten, dass sie bis nach Ostern bleiben mussten. Es war eine karge Gegend, still, ernst, und die Tage hatten ihren strengen Takt. Wache, Kälte, Essen, Schlaf, wieder Wache.
Mit der Zeit waren die Männer zu einer kleinen Gemeinschaft geworden. Wer Post bekam, sass damit nicht lange allein in einer Ecke. Irgendwann wurde die Schachtel geöffnet, und bald gingen Guetzli, Wurst, Brot oder Tabak von Hand zu Hand. Aus den Päckli stieg der Geruch von daheim: Seife, frisch gewaschene Hemden, Backwerk, Rauchfleisch. Das alles mochte äusserlich gering sein. Für die Männer dort draussen war es viel.
Mein Grossvater freute sich mit den anderen. Aber gerade an solchen Abenden spürte er, was ihm fehlte. Wenn einer einen Brief seiner Frau vorlas oder von den Kindern erzählte, wurde er stiller. Er hatte niemanden, der ihm ein Osterpäckli schickte. Niemanden, der ihm schrieb, dass daheim an ihn gedacht werde.
Das merkte einer von seinen Vorgesetzten bald. Es war ein Korporal, von Beruf Lehrer, ein feiner Mensch mit wachem Sinn für das, was in einem andern vorging. Einer, der nicht viel Aufhebens machte und doch sah, wenn einer am Rand sass.
Zwischen ihm und meinem Grossvater entstand mit der Zeit ein stilles Vertrauen. Sie gingen manchmal ein Stück zusammen, wenn es der Dienst erlaubte, und redeten über dies und das. Mein Grossvater erzählte ihm aus seinem Leben, und der Lehrer hörte zu. Auch das ist etwas, das man nicht vergisst.
So kam Ostern näher.
Der Frühling zeigte sich draussen erst zaghaft. An hellen Tagen sah man in der Ferne schon etwas von seinem Kommen. Die Luft war milder, die Vögel zogen wieder nordwärts, und in den Männern regte sich jenes eigentümliche Gemisch aus Heimweh und Hoffnung, das wohl zu jedem Osterfest gehört, erst recht in einer Zeit des Krieges.
Am Karsamstag traf die Osterpost ein. Einer nach dem andern bekam sein Päckli. Es wurde gescherzt, geschnürt, ausgewickelt und geteilt. Und dann lag plötzlich auch vor meinem Grossvater eine Schachtel.
Er staunte.
Er drehte das Paket in den Händen und sagte, es müsse sich wohl um ein Versehen handeln. Einer aus der Runde lachte und meinte, der Osterhase habe ihn also doch gefunden. Mein Grossvater selber blieb vorsichtig. Zu oft hatte er erlebt, dass etwas Schönes am Ende doch nicht für ihn bestimmt war.
Schliesslich löste er die Schnur.
In der Schachtel lagen sechs sauber gefärbte Eier, dazu ein paar Guetzli. In der Mitte aber lag ein besonders schönes Ei: tiefrot, mit einem weissen Schweizerkreuz darauf. Mein Grossvater sagte später, dieses Ei habe ihn mitten ins Herz getroffen. Es war so schlicht und zugleich so liebevoll gemacht, dass er es zuerst nur ansah, als dürfe er es gar nicht berühren.
Daneben lag ein Kärtchen.
Die Frau des Korporals hatte es geschrieben. Ihr Mann hatte daheim von ihm erzählt, von seinem stillen Dienstkameraden, der an Ostern kein Päckli von daheim erwarten durfte. Darum wolle auch sie ihm einen Gruss senden. Er solle alles herzlich annehmen. Und beim nächsten Urlaub stehe ihm auch ihre Tür offen.
Mehr brauchte es nicht.
Keine grossen Worte. Kein frommes Getue. Nur ein paar ehrliche Zeilen und diese einfache Gabe.
Im Wachtraum wurde es still. Mein Grossvater konnte das Kärtchen zuerst kaum zu Ende lesen. Dann drückte er dem Korporal die Hand und brachte nur ein leises «Danke» hervor.
Die anderen begriffen sofort, was da geschehen war. Einer hob sein Glas, ein anderer klopfte dem Lehrer auf die Schulter. Man stiess an auf die Heimat, auf die Kameradschaft, auf die Frauen und Kinder daheim und auch auf meinen Grossvater, der an diesem Osterabend erfahren durfte, dass einer an ihn gedacht hatte.
So wurde aus einem kleinen Päckli ein grosses Geschenk.
Es ging dabei nicht bloss um ein paar Eier und etwas Gebäck. Es ging um etwas, das ein Mensch gerade in harten Zeiten dringend braucht: die Gewissheit, dass er nicht vergessen ist.
Viele Jahre später erzählte mir mein Grossvater diese Geschichte in aller Ruhe. Er sass da, als läge jene Wachstube mit einem Mal wieder vor ihm. Und als er von dem roten Ei mit dem Schweizerkreuz sprach, war noch immer etwas in seiner Stimme, das ich gut verstand.
Gewiss, es war nur ein Osterei.
Und doch war es mehr.
Es war ein Zeichen von Heimat.
Ein Zeichen von Anstand.
Ein Zeichen von Menschlichkeit.
Vielleicht ist es gerade das, was von Ostern bleibt: dass einer dem andern zeigt, du bist nicht allein.







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