Als ich noch ein Bub war, begann der Sonntag am Samstagabend in der Badewanne.
Das Wasser lief ein, meine Mutter prüfte es mit dem Ellenbogen, und ich sass darin wie einer, der sich auf etwas vorbereiten musste, das sich nicht vermeiden liess. Auf dem Wannenrand lag ein Stück Seife. Es wurde geschrubbt. Hinter den Ohren. Am Hals. An den Knien besonders gründlich – Knie führen bei Buben ein bewegtes Leben. Sie kennen Kieswege, Mauerkanten und Fussballplätze und tragen deren Spuren zuverlässig nach Hause.
Ich sass im warmen Wasser und wusste: Morgen ist Sonntag.
Am Sonntagmorgen lag die Kleidung bereit. Hose, Hemd. Und die Fliege. Strümpfe hatten wir längst keine mehr – wir waren modern genug für Kniesocken oder lange Hosen –, aber das änderte nichts. Der Ernst des Tages begann am Kragen.
In einer kleinen Schachtel lagen meine Fliegen. Gepunktet, gestreift, eine in einer Farbe, die ich jedes Mal mit leiser Skepsis betrachtete. Meine Mutter wählte eine aus. Ich stellte mich vor sie hin, hob das Kinn, und sie band den Knoten mit geübten Händen. Wenn sie fertig war, blickte mir im Spiegel ein Junge entgegen, der aussah, als hätte er etwas Bedeutendes vor. Ich hatte nichts Bedeutendes vor. Ich hatte nur Sonntag.
Ich war nicht allein in diesem Schauspiel. Ich hatte zwei ältere Schwestern. Sie standen ebenfalls im Gang, bereit für den Tag, mit einer Selbstverständlichkeit, die ich gleichzeitig bewunderte und misstrauisch beäugte. Gebügelte Blusen, ordentliche Röcke, sauber frisiertes Haar, manchmal mit einer Spange, die so fest sass, als hielte sie nicht nur die Frisur, sondern auch die Gedanken in Form. Sie bewegten sich sicher in dieser Sonntagsordnung. Vielleicht hatten sie früher verstanden, dass man gegen gebügelte Tatsachen wenig ausrichten kann.
Mein Vater hatte seinen Sonntagskittel. Er lag auf einem Stuhl bereit, dunkel und sauber. Unter der Woche war er Schreiner, und seine Arbeitskittel wussten das. Sägemehl in den Falten, Leimspuren an den Ärmeln, kleine Zeichen eines tätigen Lebens. Der Sonntagskittel hingegen war frei davon. Er hatte nichts erlebt und sollte auch nichts erleben, ausser getragen zu werden.
Vater ging zur Predigt. So hiess das bei uns im Waldenburgertal. Er ging allein. Das war einfach so. Meine Mutter blieb zu Hause. Sie bereitete den Sonntagsbraten vor.
Während wir Kinder in der Stube warteten oder uns gegenseitig musterten, stand sie in der Küche. Die Ärmel hochgekrempelt, die Schürze umgebunden. Der Braten lag auf dem Brett, wurde gewürzt, gebunden und später in den Ofen geschoben. Bald roch es nach Zwiebeln, nach Fleisch, nach einer Wärme, die Zeit brauchte. Während mein Vater in der Kirche sass und anschliessend im Jägerli oder im Rössli beim Frühschoppen einkehrte, begoss meine Mutter den Braten mit ruhiger Hand.
Der Sonntag war bei uns verteilt.
Vater ging aus dem Haus.
Mutter blieb im Haus.
Und wir Kinder standen dazwischen.
Wenn Vater von der Predigt und vom Frühschoppen zurückkam, nahm er den Hut vom Kopf und fuhr sich mit der flachen Hand über die Glatze, wie er es immer tat. Dann ging er ins Schlafzimmer, streifte den Sonntagskittel ab und legte ihn sorgfältig über den Stuhl. Nicht feierlich, nicht achtlos – so, wie man etwas behandelt, das nur einmal in der Woche gebraucht wird. Später würde meine Mutter ihn wieder in den Kleiderkasten hängen.
Er kam im weissen Hemd und mit Krawatte zurück und setzte sich an den Tisch. Viel sagte er nicht. Er war wieder da, und das genügte.
Meine Schwestern wussten genau, wie man eine Serviette auf den Schoss legt, ohne dass es nach Unterricht aussieht. Ich hingegen faltete meine erst falsch, dann noch einmal, bis sie endlich lag, wie sie sollte. Am Sonntag wurde nicht nur gegessen, am Sonntag wurde Haltung geübt.
Der Braten kam auf den Tisch, und plötzlich wurde die Fliege mein grösster Gegner. Begeisterung und gebundener Hals vertragen sich schlecht. Meine Schwestern assen mit einer Ruhe, als sei das nichts Besonderes. Ich hingegen kämpfte mit Sauce und Selbstbeherrschung.
Nach dem Mittagessen zog sich Vater wieder um. Der Sonntagskittel wurde erneut übergestreift. Dann folgte der Sonntagsspaziergang. Wir traten hinaus wie eine kleine Abordnung. Vater im Kittel, Mutter neben ihm, meine Schwestern ordentlich nebeneinander, ich irgendwo zwischen Vorauseilen und Zurückfallen. Das Dorf war leiser als unter der Woche. Fensterläden halb geschlossen, wenig Verkehr, Stimmen gedämpft. Man begegnete anderen Familien, ebenfalls geschniegelt im Sinne des Tages, und nickte sich zu.
Meine Schwestern gingen ruhig. Sie redeten leise miteinander. Ich dagegen verspürte bei jedem Kiesel unter den Schuhen den Drang, ihn ein Stück weiterzukicken. Aber die Hose spannte, und die Fliege erinnerte mich bei jeder Bewegung daran, dass man sich heute beherrscht. Man ging auf dem Weg. Man rannte nicht. Man fiel nicht hin. Zumindest nicht absichtlich.
Manchmal blieb ich stehen, liess die anderen ein paar Schritte vorausgehen und tat so, als interessiere mich etwas am Wegesrand. In Wahrheit prüfte ich nur, ob meine Fliege noch sass.
Wieder zu Hause angekommen, streifte Vater den Kittel ein zweites Mal ab und legte ihn über den Stuhl im Schlafzimmer. Dort wartete er auf die kommende Woche, bis meine Mutter ihn ordentlich versorgte. Eine Woche lang würde er nicht gebraucht werden.
Einmal steckte ich meine Hand in seine Taschen. Sie waren leer. Keine Nägel, kein Bleistift, kein Metermass. Unter der Woche trug Vater seine Arbeit mit sich. Am Sonntag trug er nur diesen Kittel.
Meine Mutter räumte die Küche auf. Für sie endete der Sonntag erst, wenn der letzte Teller versorgt war. Meine Schwestern verschwanden irgendwann in ihrem Zimmer. Und ich durfte endlich die Fliege lösen.
Als Bub spürte ich vor allem die Enge am Hals und die Spannung in den Beinen. Heute sehe ich mehr.
Der Sonntag hatte eine klare Gestalt. Man konnte ihn sehen, riechen, tragen.
Ein Stuhl mit einem dunklen Kittel.
Eine kleine Schachtel mit Fliegen.
Zwei ältere Schwestern, die mit grösserer Würde durch den Tag gingen als ich.
Und ein Braten im Ofen, der das Haus zusammenhielt.
Einen Sonntagskittel habe ich nicht mehr im Schrank. Aber manchmal, wenn ein Dorf am Wochenende ein wenig leiser wirkt als sonst, sehe ich uns wieder: fünf Gestalten auf einem Kiesweg. Und einen Jungen, der hofft, dass der Montag bald kommt – und der noch nicht weiss, dass ihm genau diese Sonntage eines Tages fehlen werden.







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